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Berliner Leben (Public Domain) Ausgabe 29.1926 (Public Domain)

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Monograph

Author:
Stinde, Julius
Title:
Frau Buchholz im Orient / von Julius Stinde
Publication:
Berlin: Verlag von Freund & Jeckel, 1888
Language:
German
Digitization:
Berlin: Zentral- und Landesbibliothek Berlin, 2020
Scope:
238 Seiten
Berlin:
B 328 Literatur: Romane, Erzählungen über Berlin
DDC Group:
830 Deutsche Literatur
URN:
urn:nbn:de:kobv:109-1-15423206
Collection:
Berlin Dialect,Literature,Literary Life
Location:
Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Shelfmark:
B 328 Stin 8 d
Copyright:
Public Domain
Accessibility:
Free Access

Chapter

Title:
Durch das Delta

Contents

Table of contents

  • Berliner Leben (Public Domain)
  • Ausgabe 29.1926 (Public Domain)
  • Cover
  • H. 1
  • H. 2
  • H. 3
  • H. 4
  • H. 5
  • H. 6
  • H. 7
  • H. 8
  • H. 9
  • H. 10
  • H. 11
  • H. 12
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  • H. 17
  • H. 18
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Full text

22 
Das Vergehen 
ADA NEGRI 
D er erste Ton der sonntäg 
lichen Frühmesse war noch 
nicht verklungen, als 
Christine schon die Holz 
stiege herunterging, die von ihrer 
Kammer zur Küche führte. Trotz 
dem Tassen und Teller in schönster 
Ordnung auf dem Brett gereiht 
standen, und die Zuckerbüchse am 
gewohnten Ort, bemerkte sie doch 
an dem zarten Duft, daß die alte 
Schwiegermutter Kaffee getrunken 
hatte. Die Naschhaftigkeiten be 
gingen sie alle heimlich, um der 
jungen Frau kein schlechtes Beispiel 
zu geben. Manchmal war es auch 
vorgekommen, daß sie, gerade dabei 
ein frisches Ei zu schlürfen, beim 
nahenden Schritt Christines ganz 
schnell versucht hatte, die Schale 
zwischen der Stuhllehne und ihrem 
Rücken zu verstecken. Ein paar ; 
Minuten später war sie dann auf 
gestanden und hatte die kleine 
Heimlichkeit vergessen, so daß die 
zerbrochene und von Eidotter 
klebende Eierschale vor den spötti 
schen Augen Christines dalag. 
Die schöne Frau fühlte an jenem 
Morgen, wie ihr wieder die Übel 
keit hochkam, sie hatte ihr einen 
guten Teil der Nacht und Schlaf 
geraubt Der Kaffeeduft ließ sie bei 
nahe ohnmächtig werden, aber wie 
gewöhnlich wagte sie nicht aus Stolz 
einen Schluck davon zu fordern. 
Sie ging daher zum Büfett, nahm 
einen Teller Suppe vom Abend 
zuvor und versuchte einige Tee 
löffel davon hinunterzuwürgen, aber 
es ging nicht. Der Magen drehte 
sich bei der eisigen, gesalzenen 
Suppe um. Sie hüllte den Kopf in 
einen schwarzen Schal und sagte zu 
der Alten mit harter Stimme, und 
kaum blickte sie zu ihr hin: „ich 
gehe zur Messe, Grüß Gott“ — 
„Grüß Gott“ erwiderte die 
Schwiegermutter, die auf der Holz 
galerie saß um Gemüse zu putzen. 
Von ihrem luftigen Ausblick ließ 
sie den Blick über ein unendliches 
Auf und Nieder von Hügeln und 
Ebenen schweifen, die in unge 
wissem Schatten ganz grau unter 
einem grau und rosa Himmel lagen. 
Sie war noch frisch und majestätisch 
trotz ihrer 75 Jahre, mit hoher, ge 
wölbter Stirn, straffer Haut und 
hageren, hartgeformten j Armen. 
Ihr eingekniffener Mund redete 
allein von einem Leben in unent 
rinnbarer Tugendhaftigkeit. Mühe 
und Tugend forderte sie auch von 
ihren Söhnen und von dne Frauen 
ihrer Söhne, ohne Nachsicht für 
sich und ohne Nachsicht für die 
anderen. Mit ihren kleinen kalten 
Augen verpflegte sie die Schwieger 
tochter, kniff die Lippen zusammen 
und wiegte den Kopf aus Argwohn, 
aus Unruhe oder vielleicht nur aus 
Altersschwäche — dann fing sie 
wieder an Gemüse zu putzen und 
dabei Gebete zu brabbeln. — 
Christine wanderte ohne den 
Schritt zu beschleunigen erhobenen 
Hauptes mit der ihr angeborenen 
Würde und Haltung, die ihr im 
Dorf den Beinamen, die Kaiserin, 
eingetragen hatte. Sie hatte einen 
Körper wie gemeißelt und war 
schön, wenn der Schönheit die hoch 
mütige Härte des Ausdrucks nichts 
schadet. Ihr ernstes Profil zeich 
nete sich leicht von dem Schatten 
des schwarzen Schals ab. Wie vor 
auszusehen war, begegnete sie auf 
der Straße niemandem. Die Kirche 
lag ziemlich weit ab von dem 
Flecken, den sie bewohnte. Alle 
Dorfbewohner gingen natürlich 
lieber später zur Chormesse, um sich 
bequem ausschlafen zu können. Auf 
dem Wege nach Sabiarossia, der 
sich links an dem weinbewachsenen 
Flügel hinzog und rechts von blühen 
den Akazien umsäumt war, lehnte 
sie sich plötzlich an einen Baum 
stamm beklommen, mit blauen 
Lippen. Der aufreizende Duft der 
Akazien benahm ihr den Atem. 
Trotzdem versuchte sie sich zu über 
winden und setzte ihren Weg 
schneller fort. Bei einem Marmor 
bruch, geädert und klaffend wie eine 
Wunde, richtete sich plötzlich vor 
ihr der Mann auf, der sie erwartete 
und der soeben aus der Hütte des 
Steinklopfers herausgeschlüpft war. 
Beide schlichen hinter die Hütte und 
blieben an der Holzwand angelehnt 
stehen. Direkt der steilen Flanke 
des Hügels gegenüber, wo ihn die 
Picke zerspalten hatte. Etwas von 
der stummen Qual jenes Steines 
spiegelte sich auf dem Antlitz 
Christines. Aber der Mann, ein 
magerer, unbedeutender Mensch 
mit kleinem Schnurrbärtchen und 
weibischem Profil stand wie gelang 
weilt steil und unbeweglich da. 
„Was willst du denn, mach schnell, 
jemand kann Vorbeigehen und uns 
beobachten“, murmelte er, sie 
zögerte einen Augenblick und 
kämpfte mit dem Wort, das sie aufs 
Blut verwundete, dann stammelte 
sie: „ was ich fürchtete, ist wahr, 
ich kann nicht länger zweifeln“. Es 
folgte ein Stillschweigen. Ein 
Schweigen, währenddem die beiden 
Gesichter ineinander starrend die 
gleiche Aschenfarbe und die gleiche 
Unbeweglichkeit trugen. „Was soll 
ich tun? Meine Schwiegermutter 
wird es sehr bald merken und 
Jakomo kommt in vier Monaten aus 
Buenos Aires zurück. Wenn du mir 
nicht hilfst, werde ich fliehen. Wie 
lange noch, bis sie mich an den Pran 
ger stellt, bevor er mich ermordet. 
Was soll ich tun, sage du es mir“? 
„Bist du wirklich ganz sicher“ 
stotterte der junge Mann und er 
schien zusammenzuschrumpfen mit 
dem ungewissen und ausweichenden 
Blick desjenigen, der eine Verant 
wortung von sich weist, die ihn er 
schreckt. Christine trat ganz dicht 
vor ihn hin und schüttelte ihn. 
„Würde ich dir das vielleicht er 
zählen, wenn ich nicht sicher wäre? 
— höre mich an, gib mir Antwort. 
Du hast mir doch tausendmal ge 
sagt, daß du mich lieb hättest. Siehst 
du, also jetzt ist der Moment ge 
kommen, wo du es mir beweisen 
sollst. Du bist ein guter Mechaniker 
und ich bin eine tüchtige Weberin. 
In Frankreich, in der Schweiz, in 
Amerika, wo du willst. Tut es dir 
so weh, die Deinen zu verlassen? 
Für mich allein mußt du jetzt leben. 
Sag doch ja! Sie preßte sich an ihn 
und packte ihn mit den derben 
Arbeitshänden um die Schultern. 
Nun war sie der Mann, ganz Mus 
keln und Willenskraft. Er entwand 
sich der Umarmung und verzog das 
Gesicht. Der Atem der Frau krank 
haft sauer und schwer, hatte ihn 
zurückweichen lassen. „Beruhige 
dich, wart ab, vielleicht täuschst du 
dich. Die Furcht spielt einem öfter 
solche Streiche Wie kannst du nur 
wollen, daß ich jetzt vom Dorf fort- 
gehen soll, wo meine Mutter krank 
ist. In einigen Tagen mit größerer 
Ruhe werden wir uns wieder 
sprechen — da kommen Leute vom 
Oberhof, siehst du nicht, die Sonne 
steht schon hoch.“ „Aber was soll 
ich tun, was soll ich tun“ — wieder 
holte sie mit der Monotonie der 
Geisteskranken. „Ach du lieber 
Gott, weißt du, was ich dir sagen 
möchte? Ihr Frauen habt doch 
schließlich immer noch so viel 
Mittel —“ Christine ließ die Arme 
sinken und sah ihn an, wie man 
einen Verrückten ansieht, dann 
brach sie in leises, stoßweises Ge 
lächter aus. „Ich verstehe“, sagte 
sie. „Lebewohl, du Held“ ihn immer 
noch ins Gesicht schauend, während 
er unbeweglich stehen blieb, wich 
sie einige Schritte zurück, kam dann 
um die Ecke der Hütte und nahm 
plötzlich die Richtung auf das Dorf, 
ohne sich weiter um ihn zu küm 
mern. In der plötzlichen Ver 
dunkelung ihrer geistigen Fähig 
keiten, in der Finsternis, in der ihre
	        

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