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Berliner Leben (Public Domain) Ausgabe 27.1924 (Public Domain)

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fullscreen: Berliner Leben (Public Domain) Ausgabe 27.1924 (Public Domain)

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Monograph

Author:
Reinhard, Wilhelm
Title:
1918-19 : die Wehen der Republik / von [Wilhelm] Reinhard
Edition:
1.-5. Tausend
Publication:
Berlin: Brunnen-Verl., 1933
Language:
German
Digitization:
Berlin: Zentral- und Landesbibliothek Berlin, 2018
Scope:
135 Seiten
DDC Group:
943 Geschichte Deutschlands
URN:
urn:nbn:de:kobv:109-1-12519273
Collection:
Revolution 1918/1919
Location:
Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Shelfmark:
KucNg 1536
Copyright:
Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG)
Accessibility:
Free Access

Chapter

Title:
Novembersturm

Contents

Table of contents

  • Berliner Leben (Public Domain)
  • Ausgabe 27.1924 (Public Domain)
  • Band 1
  • Band 2
  • Cover
  • H. 20
  • H. 21
  • H. 22
  • H. 23
  • H. 24
  • H. 25
  • H. 26
  • H. 27
  • H. 28
  • H. 29
  • H. 30
  • H. 31
  • H. 32
  • H. 33
  • H. 34
  • H. 35
  • H. 36
  • H. 37
  • Cover back

Full text

Jahrg. 27 
Nr. 27 
12 
war eben eine angenehme Gewohnheit für mich ge 
worden, sie gehörte zu meinem Hause, zu meinen 
Lebensgewohnheiten die ich als Sinnenmensch liebte. 
Eines Morgens trat Mohammed in mein Zimmer mit 
einem merkwürdigen Gesichtsausdruck, mit diesem 
flatternden Blick, der dem Araber eigen und dem einer 
Katze ähnlich ist, die einem Hund ausweicht. 
Als ich diesen Ausdruck bemerkte, fragte ich: „Nun, 
was gibt es?“ 
„Allouma — er ist fort.“ 
Ich fing an zu lachen. 
„Fort? Wohin?“ 
„Ganz fort, Monsieur!“ 
„Wieso ganz fort?“ 
„Ja, Monsieur.“ 
„Du bist verrückt, mein Lieber.“ 
„Nein, Monsieur.“ 
„Warum fort? Wieso? Nun, erzähle!“ 
Er blieb unbeweglich, wollte nicht reden. Dann 
packte ihn plötzlich einer dieser Wutausbrüche, die 
uns Europäer in Staunen setzen, wenn wir auf der 
Straße zwei ruhige, ernste Orientalen plötzlich mit 
wütenden Gebärden und schrillem Gebrüll aufeinander 
losgehen sehen. Endlich verstand ich aus seinen Ver 
wünschungen heraus, daß Allouma mit meinem Hirten 
auf und davon gegangen war. 
Ich mußte erst Mohammed beruhigen, bevor ich von 
ihm die Einzelheiten erfahren konnte. 
Es dauerte lange, bis es mir gelang. Dann erfuhr ich, 
daß er meine Geliebte seit acht Tagen belauert. Hinter 
den Kaktuswäldern oder in dem Lorbeerrosental war 
sie mit einem Vagabunden zusammengekommen, den 
mein Inspektor am Ende des verflossenen Monats als 
Hirten angestellt hatte. 
Die Nacht vorher hatte Mohammed sie hinausgehen 
sehen, und sie war nicht zurückgekehrt. Er wiederholte 
mit einem wütenden Ausdruck: „Fort, Monsieur — er 
ist fort!“ 
Ich weiß nicht wie es kam, aber seine Überzeugung, 
daß sie mit dem Vagabunden geflohen war, teilte ich 
nun gleichfalls. Es war um verrückt zu werden, so 
unwahrscheinlich wie nur möglich, und doch war 
unsere Vermutung richtig, gerade weil das Unlogische 
die einzige Logik der Frauen ist. 
Mir bebte das Herz vor Zorn und Wut, vergeblich 
suchte ich mich des Gesichtes dieses Mannes zu er 
innern, aber dann fiel mir plötzlich ein, daß ich ihm eine 
Woche vorher begegnet war, wie er auf einer Anhöhe 
stand, inmitten seiner Herde und mich groß ansah. Es 
war ein großer, langer Beduine, die Farbe seiner nackten 
Glieder glich der seiner Lumpen. Eine richtige rohe 
Bestie, mit hervorstehenden Backenknochen, krummer 
Nase, dürren Beinen, wie ein langes, zerlumptes Gerippe 
mit falschen Schakalaugen. 
Ich bezweifelte keinen Augenblick, daß sie mit diesem 
Lumpenkerl ausgerückt war. Warum? Weil sie Allouma 
war, eine Tochter der Sandwüste, genau so wie in Paris 
eine Straßendirne mit einem Kutscher oder einem 
Strolch davongelaufen wäre. 
„Gut“, sagte ich zu Mohammed, „sie ist fortgelaufen, 
dann mag sie sich auch über die Folgen klar sein. Ich 
habe jetzt Briefe zu schreiben, laß mich allein.“ 
Er ging, erstaunt über meine Ruhe. Ich stand auf, 
öffnete mein Fenster und atmete ein paar mal ganz tief 
die schwüle Luft, die aus dem Süden herüberwehte. Wir 
hatten Sirocco. 
Dann dachte ich; „Gott, das ist eine — wie viele 
andere auch. Wird man je dahinter kommen, was sie 
dazu treibt, den einen Mann zu lieben und den anderen 
zu verlassen?“ 
So schwankt man ständig im Zweifel hin und her. 
Warum ist sie mit dieser widerlichen Bestie entflohen? 
Warum? Vielleicht weil seit einem Monat der Wind 
fast regelmäßig aus dem Süden kommt. 
Und das genügt, Heimatluft! Wissen denn die Frauen 
überhaupt was sie zum Handeln treibt? Weiß denn die 
Windfahne, warum sie sich in der Luft dreht? Eine un 
sichtbare Macht läßt den Pfeil aus Eisen, Kupfer, Blech 
oder Holz sich drehen, und uns unbekannte Einflüsse 
bringen das wandelbare Herz der Frau zu seinen Ent 
schlüssen, gleichgültig, ob es sich um eine Vorstadt 
dirne, eine Bauernmagd oder um eine Wüstenschöne 
handelt. Später mögen sie fühlen, wenn sie vernünftig 
geworden sind und darüber nachdenken, warum sie dies 
oder jenes getan haben, im Moment aber wissen sie es 
nicht, denn sie sind der Spielball ihrer Nerven und 
Launen, die gedankenlosen Sklavinnen der Ereignisse, 
der Umwelt, die ihren Leib und ihre Seele zum 
Vibrieren bringen.“ 
Auballe war aufgestanden Er ging ein paar Schritte 
auf und ab, sah mich an, lächelte und sagte: „Das war 
eine Liebe in der Wüste! 
Ich fragte: „Und wenn sie zurückkäme?“ 
Er murmelte: „Das Dreckweib! — Immerhin! Ich 
wurde mich treuen. 
„Und Sie würden dem Mädel verzeihen?“ 
„Gott, ja. Den Weibern muß man immer etwas ver 
zeihen — oder sie ignorieren.“ 
CAus dem französischen übersetzt von Paul Dubray.)
	        

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