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Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1900, IX. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

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Bibliographic data

Metadata: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1900, IX. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

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Periodical

Creator:
Berlin (West). Abgeordnetenhaus
Title:
Plenarprotokoll / Abgeordnetenhaus von Berlin
Other titles:
Plenarprotokolle des Abgeordnetenhauses von Berlin
Publication:
Berlin: Abgeordnetenhaus 1990
Digitization:
Berlin: Zentral- und Landesbibliothek Berlin, 2007
Dates of Publication:
6. Wahlperiode, 1 (19. April 1971)-11. Wahlperiode, 42 (27. September 1990)
ZDB-ID:
2848210-4 ZDB
Previous Title:
Stenographischer Bericht
Berlin:
B 758 Staat. Politik. Verwaltung: Stadtparlamente
Urban Studies:
Kws 740 Kommunalverwaltung. Kommunalpolitik: Kommunalpolitik
DDC Group:
320 Politik
Collection:
Public administration,politics
State,Politics,Administration,Law
Copyright:
Public Domain
Accessibility:
Free Access

Volume

Publication:
1982
Language:
German
Digitization:
Berlin: Zentral- und Landesbibliothek Berlin, 2007
Berlin:
B 758 Staat. Politik. Verwaltung: Stadtparlamente
Urban Studies:
Kws 740 Kommunalverwaltung. Kommunalpolitik: Kommunalpolitik
DDC Group:
320 Politik
URN:
urn:nbn:de:kobv:109-1-9663708
Location:
Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Copyright:
Public Domain
Accessibility:
Free Access
Collection:
Public administration,politics
State,Politics,Administration,Law

Issue

Title:
Nr. 23, 27. Mai 1982

Contents

Table of contents

  • Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain)
  • Ausgabe 1900, IX. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)
  • Nr. 1, 7. Januar 1900
  • Nr. 2, 14. Januar 1900
  • Nr. 3, 21. Januar 1900
  • Nr. 4, 28. Januar 1900
  • Nr. 5, 4. Februar 1900
  • Nr. 6, 11. Februar 1900
  • Nr. 7, 18. Februar 1900
  • Nr. 8, 25. Februar 1900
  • Nr. 9, 4. März 1900
  • Nr. 10, 11. März 1900
  • Nr. 11, 18. März 1900
  • Nr. 12, 24. März 1900
  • Nr. 13, 31. März 1900
  • Nr. 14, 8. April 1900
  • Nr. 15, 15. April 1900
  • Nr. 16, 22. April 1900
  • Nr. 17, 29. April 1900
  • Nr. 18, 6. Mai 1900
  • Nr. 19, 13. Mai 1900
  • Nr. 20, 20. Mai 1900
  • Nr. 21, 27. Mai 1900
  • Nr. 22, 3. Juni 1900
  • Nr. 23, 10. Juni 1900
  • Nr. 24, 17. Juni 1900
  • Nr. 25, 23. Juni 1900
  • Nr. 26, 30. Juni 1900
  • Nr. 27, 8. Juli 1900
  • Nr. 28, 15. Juli 1900
  • Nr. 29, 22. Juli 1900
  • Nr. 30, 29. Juli 1900
  • Nr. 31, 5. August 1900
  • Nr. 32, 12. August 1900
  • Nr. 33, 19. August 1900
  • Nr. 34, 26. August 1900
  • Nr. 35, 2. September 1900
  • Nr. 36, 9. September 1900
  • Nr. 37, 16. September 1900
  • Nr. 38, 23. September 1900
  • Nr. 39, 30. September 1900
  • Nr. 40, 7. Oktober 1900
  • Nr. 41, 14. Oktober 1900
  • Nr. 42, 21. Oktober 1900
  • Nr. 43, 28. Oktober 1900
  • Nr. 44, 4. November 1900
  • Nr. 45, 11. November
  • Nr. 46, 18. November
  • Nr. 47, 25. November 1900
  • Nr. 48, 2. Dezember 1900
  • Nr. 49, 9. Dezember 1900
  • Nr. 50, 16. Dezember 1900
  • Nr. 51, 28. Dezember 1900
  • Nr. 52, 30. Dezember 1900

Full text

130 
Der Landgerichtsrat lächelte Er, dachte an eine 
Geschichte, die man sich von Giselas Urgroßmutter er⸗ 
ählle Als junge Begamtenfrau hatte sie in Weimar 
zelebt — und noch in ihren alten Tagen triumphierend 
don dem Wohlwollen erzählt, mit dem „Seine Excellenz 
der große Goethe“ sie überhäuft hatte. 
Gleich darauf aber schüttelte der Landgerichtsrat 
iber sich selber den Kopf. Wie kann man nur auf so 
Ainen frivolen Gedanken kommen? —.7 du Gold⸗ 
schimmer getaucht sieht sie die Welt,“ fuhr der 
enthufiastische Onkel Weinbauer fort, — — nicht 
wahr, du mein Liebling? Und so soll's bleiben!“ —. — 
Ein schmerzlicher Zug flog, über des Vaters Ge⸗ 
sicht Du lieber Gott, wie bald wird das graufame 
eben diesen Goldschimmer wegwischen, das Leben, das 
so hart verfährt mit armen Beamten⸗Witwen und 
Töochtern. Und lange wird er ihr nicht zur Seite 
stehen können — —, die Diabetes ist ja unheilbar — 
und in letzter Zeit ist sie bei ihm sehr vorwärts ge— 
schritten — — 
FAhber nun wollten Sie uns ja erzählen, was Sie 
eigenllch hergeführt hat, in unser Städtchen,“ mahnte 
jebt die Hausfrau den Gast. 
Ja fo.Zweierlei. Erstens handelt sich's um 
meinen Neffen, den Windhund, Paul Bredorek. Sie 
wifsen doch, daß seine Mutfer, die Admiralin, Schwester 
meiner seligen Frau, seit kurzem hier lebtꝰ Ihr Ein⸗ 
ziger, Pauf, steht im Kaiser Franz-Regiment und macht 
Schulden über Schulden. Periodisch erinnert er sich 
mal wieder daran, daß er einen alten gutmütigen 
lavier⸗Onkel in der Potsdamerstraße sitzen hat. Dann 
ommt er an, beichtet und ich zahle. Aber nun hab, ich 
doch die Sache satt. Der Junge muß fort von Berlin. 
Man muß dafur sorgen, daß er versetzt wird nach irgend 
riner billigen kleinen Garnison im östlichen Ostpreußen 
fonft geht er kaput. Darüber wollt' ich nun mal 
mit meiner Schwaägerin reden. Aber der Bengel hat 
Lunte gerochen, ist mir nachgereist und plötzlich auch 
bei Maͤmaauf der Bildfläche erschienen. Ein toller 
Bengel! — —DJa und dann noch eine andere Fa⸗ 
milien⸗Angelegenheit, Ich muß aufs Land, hier in der 
Naähe, nach Hersdorf, zum Amtmann, Weber“ — — — 
Was wollen Sie denn bei dem?“ 
Snkel Weinbauer kniff die Aeuglein zu „Braut⸗ 
werben,“ 
„Was? Sie — du?“ klang es von drei Seiten 
Mein, nein,“ wehrte er beruhigend; „nein, für 
Otto, „meinen Kleinen“ Onkel WeinbauersKleiner“ 
war sein fünfzehn Jahre jüngerer Stiefbruder, den er 
abgötlisch lebte, für den er in früheren Jahren gedarbt, 
Jeuͤtten, geforgt hatte wie der zärtlichste Vater — — — 
Hartmanns kannten diesen „Kleinen“ nicht, trugen aber 
zuch kein Verlangen danach, denn er schien, ein un— 
ruhiger Kopf und Sonderling zu sein Ursprünglich 
Theologe, hatte er, nach glänzend bestandenem Examen, 
arplöhüch der Theologie Valet gesagt und war Schau— 
spieler geworden. — — In Tegernsee haben sich die 
sungen Teute, Otto und des Amtmanns Töchterlein, 
diesen Sommer kennen und lieben gelernt. „Aber der 
Älte druckst noch mit dem Jawort. Na, Gott, ver— 
denken kann man es ihm ja so sehr nicht. Seine 
Tochter einem Schauspieser geben, das ist, für so 
dnehlien braven Oekonomikus ein harter Bissen, nicht 
wahr?“ 
Der Landgerichtsrat nickte lebhafter, als es für 
Weinbauers brüderliche Gefühle schmeichelhaft war, 
Herrgott, wenn das einmal jemand von ihm verlangte! 
Ja und da soll ich nun durch meine vertrauen; 
erweckende Persönlichkeit und Ueberredungskunst dem 
Alten die Ueberzeugung beibringen, daß ein Schau⸗ 
Weser auch ein anfländiger Mensch sein kann, daß sein 
üken in eine solide Familie kommt und so weiter. — 
Aber ich muß eilen, um fünf erwartet mich ja meine 
Schwagerin zum Thee.“ 
„Und spielst du heute nicht ein einziges Bischen, 
Onkel?“ fragte Gisela enttäuscht, „ich habe dich eine 
Fwigkeit nicht spielen hören; ach, nur ein einziges 
Nokturno, ja?“ 
Da konnte er nicht widerstehen. Er öffnete das 
Pianino und ein rauschendes Präludium leitete die 
füßen, schwermütigen Chopin'schen Melodien ein, die 
Gisela so ganz besonders gern von ihm hörte; ihnen 
folgte ein — Allegro von Beethoben — und dann 
wandte sich der Spieler von den Meistern ab und griff 
in den Born eigener Schöpferkraft; — — seltsame, 
bizarre Phantafien, krause Einfälle wechselten mit tief 
ergreifenden Klängen — alles war eigenartig, unge— 
woͤhnlich — — — 
Tiefversunken stand Gisela, an das Pianino ge— 
lehnt und schaute verzückt auf den Künstler herab 
Jetzt war er nicht mehr der häßliche, possierliche, 
gutmũtige Onkel Weinbauer mit den schlotterigen 
Hampelmann⸗Gliedern; jetzt ragte sein spitziger Kopf 
empor, in eine höhere Welt — — hier war er Herrscher, 
Schöpfer, Gott! — 
78 
Es war abends gegen 7 Uhr. Professor Wein— 
oauer und sein Neffe Vlerehi schritten durch die 
Hauptstraße der kleinen Residenzstadt, die stille, lange, 
hornehme Cavalierstraße, dem Hostheater zu— 
„Merkwürdig, wie ruhig es schon ist“, meinte der 
Prosessor, seine Schritte beschleunigend, „die Theater⸗ 
tzerliner Jlsustrirte Zeitung. 
infangsstunde ist sonst die einzige, wo die Cavalier⸗ 
raße mit so etwas wie Menschengewimmel renom· 
meten kann. Wir kommen sicherlich schon zu spät. 
RPaul Bredorek antwortete nur durch ein nichts⸗ 
gendes „nein!“ Er war heute in sehr gedrückten 
Simmung. Seine Aktien standen schlecht, hundeschlecht 
ẽ7r sah wohl ein, daß seines Bleibens in dem großen, 
Hhönen, lebendigen Berlin nicht länger war. Die 
Garnison im vftlichsten Ostpreußen“ ruͤckte als grausige 
vahrscheinlichkeit naͤher und näher. Ach Gott, und er 
nußle ja noch froh sein, wenn er nicht ganz um die Ecke 
ing. Wenn der Onkel, ihm nur noch ein einziges 
Nal die Schulden bezahlte! Und die schlimmsten hatt 
r ihm noch gar nicht einmal gebeichtet. Die 1700 Mark 
ije r dem ꝰtleinen Barnitz schuldete, und die eklige 
Kechnung von Borchardt für das Souper, welches 
daul neulich in seinem eigenen Logis für das iuteressante 
Hedium, Fraulein Jokonda, gegeben hatte. Die Kame— 
aden hatten sich zwar alle prachtvoll amüsiert bei dem 
Sen und der nachfolgenden spiritistischen Sitzung 
Geisterbeschͤren war, jetzt, so Mode in Tout⸗ 
gerlin! —aber die Delikassen-Rechnung lag wit 
in Alp auf des flotten Gastgebers Seele! —, — 
Sieh' doch mal, was ist denn das dort auf der 
ẽrdeꝰ fragte jetzt der Professor. Sie wollten eben in 
ie Vorhalle des Theaters treten, als sie in dem, an 
er Seilenfront des Gebäudes entlang führenden, halb⸗ 
unkten Gang eine, auf dem schneebedeckten Erdboden 
uernde weidliche Geftalt bemerkten, welche den Kopi 
jegen die Wand gepreßt hielt. 
Die scheint ohnmächtig zu sein!“ 
Und der Professor trat näher. „Fräulein, ist 
Ihnen nicht wohl?“ 
Da schnellie die Gestalt empor; — ein helles 
rachen! Das klang doch so bekannt! „Gisela, Herzens 
ind, duꝰ Ja was machst du denn hier auf der Straße?“ 
Mit verlegenem Gesicht sprang sie auf und schüttelte 
den Schnee von ihren Kleidern. 
Ich höre die Tannhäuser⸗Ouvertüre an, Onkelchen. 
Ich finde fie so wunderschön, aber ich habe sie bis jetzt 
dur, auf dem Klavier kennen gelernt. Und nun — 
jehst du — das da ist nämlich das Schallloch, da 
sann man ganz gut, das Orchester hören!“ 
Der Professor jubelte förmlich auf vor Entzücken. 
Nein, das ist aber einzig, mein Elfchen, mein Pracht⸗ 
nadel Auf diese Weise schindet sie Kunstgenüsse! 
Wundervoll! Ganz allerliebst! Dafür sollst du auch 
cht sosort mit nir in den ‚Tannhäuser“, mein 
Sonntagskindchen!“ 
Gilela klatschte vor Freude in die Hände. 
Der Leutnant aber sah mit einem mißbilligend 
pöttischen Blick auf das kleine, sonderbare Persönchen 
„Genierten Sie sich denn gar nicht vor den Leuten, 
ie vorbeikommen könnten?* 
Vor den Leuten? Nein. Die Leute sind mir 
chnuppe“, war die Antwort. Als die drei in ihre 
bae iraten, war bereits der Vorhang gufgegangen 
ind die leichtgeschürzten Hoffräulein der Fran, Venus 
imgaukelten den armen Ritter mit ihren schmeichlerischen 
dünsten. 
Gifela war zuerst ein ganz klein wenig enttäuscht 
Die Venusberg⸗Scene sagte ihrem Empfinden zu wenig 
Ind nachher die vielbewünderte Scene mit dem Hirten 
ungend Die hatte sie sich auch poetischer gedacht 
Her Hirtenknabe war eine Sängerin pon gar zu üppiger 
doͤrperformen. Die dicken Waden störten Gisela 
je kokelten Blicke, die der weibliche Knabe nach der 
Zofloge hinaufwarf. Das brachte einen ganz aus der 
indächtigen Genuß⸗Stimmung! 
Als der Vorhang sich gesenkt hatte, sah sich die 
Tleine neugierig in dem hellen frenndlichen Zuschauer— 
aume um, und streichelte dabei wohlgefällig den roten 
Zammet der Logenbrüstung. Wie das alles prächtig 
var! All die vielen hübschen buntseidenen Theater— 
usen in den Logen — und die süße, schwüle Parfüm— 
luft und das leise Summen, welches aus dem Parket! 
eraufdrang — — 7 Jetzt fiel ihr auch ein, sich den 
Ainter ihr sitzenden Leutnant einmal näher anzusehen 
Fr lag nachlässig zurückgelehnt in seinem Fauteuil und 
zielt das Opernglas auf die gnüberiegende Loge ge 
ichtet. Wer saß denn da? Ach, — das waren Ja die 
eiden neueften Pflügerschen Pensionärinnen, alberne, 
rufgeblasene Dinger!, — Und wie sie miiteinanden 
uschelten und in die Loge herüberlachten. Ob das dem 
eutnant galt? Gisela detrachtete ihn prüfend. Alje 
o eiwas gefiel den großen Mädchen? Diese schlanke 
ucht über mittelgroße Gestalt — das schwarze Schnurr! 
artchen — das junge Dutzendgesicht — nichts, ga 
uüchts Besonderes, weder melancholisch angehaucht, noch 
seldenhaft — nein, dür so einen würde Gisela sich nie 
egeistern können.Aber daß er sich auch gar nicht ein 
aischen um sie bekümmerte, ärgerte sie doch. Der Onkel 
atte in der Nebenloge einen äalten Bekannten entdeckt 
Neu hinzutretende Abonnenien 
ꝛrhalten den Ansang des in dieser Nummer beginnenden 
domans im Sonderdruck auf Verlangen unentgeltlich 
rachgeliesert. 
Die Expe dition 
BERLIN SW., Charlottenstr. 9. 
Nr. 11. 
und Gisela saß nun ganz isoliert. Ein paarmal 
hüftete fie und drehte sich halb nach dem Leutnant um, 
her es wirlte nicht — —gJetzt endlich, beugte er sich 
uů ihr vor „Kleines Fräulein, wissen Sie vielleicht, 
ver die beiden Damen dort in der Loge sind?“ 
Ganz dumme NMädchen, die noch in die Schule 
ehen,“ war die wegwerfende Antwort. „Die dicke 
Zlonde kann sogar ini Französischen noch vicht einmal 
n der Selekta mit fort Na freilich, sie ist auch nur 
om Lande.“ 
Der Leutnant lachte. „Und Sie, kleines Fräulein, 
ind wohl Fehr stolz auf Ihre Residenz? Na ja, 's, ist 
ruch wirklich ein ganz feudales kleines Nest. Und 
chöne WaldUmgehung. Gewiß, famose Jagd. „Das 
and der Hasen und Excellenzen,“ wurde irgendwo in 
inem schnodderigen Zeitungsartikel Ihre Heimat ge— 
iannt.“ 
Giselas Augen blitzten von beleidigtem Lokalpatrio⸗ 
ismus auf. Ra — und wo sind Sie denn ge— 
boren 
„In Calkutta,“ antwortete er stolz. Mein Vater 
var damals fur lange Zeit auf See und, da brachte 
neine Muller den Winter bei einer in Indien ver— 
heirateten Freundin zu.“ — — 
Aha, alfo im Lande der Affen,“ warf sie unge— 
zogen hin. 
Danke schön, Fräulein Brennnessel!“ Paul Bre— 
dorek brach in ein herzhastes Lachen aus. „Uebrigens“ 
fragte er dann wird man sich zu Hause nicht 
um Sie ängfligen, Kleine? Wenn Sie so sans facon 
ausbleiben 2* 
Erschrocken sah Gisela ihn an. Richtig, daran 
hatte fie mit keinem Gedanken gedacht, ebensowenig 
wie der impulsive Onkel. Weinbauer. 
„Na, ich werd's besorgen,“ tröstete Paul die Be— 
türzte Irgend ein sprungbereites Individuum wird 
ich schon dur d0 Pfennige auftreiben lassen!“ 
Er verfchwand auf fünf, Minuten und als er 
viederkam, ůͤberreichte er der kleinen Dame galant eine 
důle Bonbons, die er in der Eile am Buͤffet geholt 
hatte. Das ruͤhrte Giselas Herzchen. Nein, er war 
doch wirklich ganz nett. 
Weißt du, Onkel,“ hörte sie ihn ein paar Minuten 
päter dem Professor zuflüstern, der in den Hintergrund 
yer VLoge getreten war, wenn die Kleine da sich erst 
mal rausgewachsen hat, kann's noch ein ganz netter 
Käfer werden, Sie hät Raçe.“ 
Es war zwar ein Bischen geringschätzig ausgedrückt. 
Aber Gisela hörte es doch ganz gern. —3 katte sie 
dem Liebesbrief Renatens ein Paroli zu bieten. Was 
würde Renate sagen! Mit einem wirklichen Garde⸗ 
eulinant war sie im Theater gewesen. Der hatte ihr 
Bonbons gekauft und gemeint, 3 hätte ‚Raçe“. Das 
var⸗ doch ee ein Anfang, — wenn sie sich auch nicht 
janz klar war, was Rage bedeutete. Sie hatte bis 
etzt nur von der kaukasischen, semitischen, mongolischen, 
naͤlayischen und Negerraçe 8 
FJetzi begann der zweite Akt — und bald waren alle 
stage und sonftigen kleinen Eitelkeitsgedanken in Gisela's 
Seese weit wen zurückgedrängt; da war für nichts 
nehr Raum, als für die wunderbare, heißblütige Geist 
ind Sinne ergreisende Schöpfung des gewaltigen 
Neisters; da jauchzte und zitterte, da brauste und 
fürmte es, von leidenschaftlichem Entzücken und über⸗ 
troömendem Mitgefühl. Ais Wolframs edles Preislied 
der reinen Liebe erklang, preßte sie, weinend vor Wonne, 
des Onkels Hand und bei Elisabeths rührender Fürbitte: 
„Der Mut des Glaubens sei ihm neu gegeben.“ 
Daß auch für ihn einst der Erlöser litt,“ — 
chluchzte das in tiefster Seele erregte Kind so heftig, 
aß Paul Bredorek es für angezeigt fand, ihr, mit 
inem freundfschaftlichen Klapps auf das schmale 
Schulterchen, zuzuflüstern: „'n bischen zusammen 
iehmen, kleines Fräulein“ 
Die Vorfiellung dauerte lange, Erst gegen halb 
lf Uhr kam Giselä mit ihren beiden Begleitern vor 
em vaterlichen Hause an. Da — was hatte das, zu be— 
euten? Roch alles so hell — Licht in der Küche — 
m Schlafzimmer, im Wohnzimmer — — 
Haͤstig sagte sie den Herren Gutenacht und eilte die 
Treppe hinauf, Minna, die Köchin, ein altes Faktotum 
es Hartmann'schen Hauses, kam ihr entgegen. Was 
nachte die Minng für ein sonderbares 3445 
„Erschrecken Sie nur nicht, Fräulein Gisellchen.“ — 
Bekanntlich das unfehlbarste Mittel, ahnungslosen 
euten einen Todesschreck einzujagen!) 
„Was ist geschehen? Der Papa? Krank?“ 
Gisela war es, als ob ihr Blei in die Glieder 
zegossen würde — so schwer, zum Umsinken! — Doch 
aein, da trat der Vater aus dem Schlafzimmer. Herr— 
zott, wie sah er verstört aus. 
„Die Mama ist sehr krank, Gisela, sehr“ — — 
Seine Stimme zitterte. „Tot?“ preßte das entsetzte 
dind hervor. 
„Noch nicht — aber es ist — es ist ein Herzschlag. 
Zomm zu ihr — aber ruhig sein, hörst du? Ruhig“ — 
ünd er führte das zitternde Mädchen hinein. 
Da lag sie, die noch vor wenigen Stunden so 
hlühende Frau — eine Sterbende. 5 Gesicht war 
unkel geroöͤthet, kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn, 
euchend hob und senkte sich die Brust, gehoben von 
onderbar lauten, röchelnden Atemzügen, und die 
ugen irrten mit einem furchtbar angstvollen Ausdruck 
m Zimmer umher. (Fortsetzung folgt.)
	        

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