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Volume Nummer 57, 8. August 1958

Full text: Steuer- und Zollblatt für Berlin (Public Domain) Ausgabe 8.1958,1 (Public Domain)

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eigenes Ober-Direktorium, eigene Kassen, ein eigenes Kon 
sistorium, Schulkollegium, Ober- und Uiilergericht; ihre Kauf 
leute bilden eine besondere Gilde; ja sogar zum Feuerlöscheu 
treten die Bürger der Kolonie in eigenen Kompagnien an. 
Duldete selbst Friedrich H. noch solche, zuni Teil zur Karri- 
katur gewordene Absonderung, wie hätte der kurfürstliche Groß 
vater seinen Piemontesen einen ähnlichen Vorzug versagen und 
anders handeln sollen, als der Große Kurfürst, der wenige 
Jahre zuvor aus den französischen Refugies seine Grand- 
mousquetaires, die Grenadiers ä cheval und drei voll 
ständige Feldregimenter — Briquemault. Varennes und Lottum 
— gebildet hatte. 
So war denn alles glücklich untergebracht. Die „Jäger" 
lagen bald vor Bonn, unter der persönlichen Oberleitung ihres 
Kriegsherrn, der hier nicht nur den todesverachtenden Mut 
bewies, der dem Hohenzollerngeschlecht angeboren ist, sondern 
auch schöne Proben des Feldherrntalents ablegte, von dem er 
als Zeltgenosse seines Vaters in den Schwedenkriegen sich 
seinen Teil angeeignet hatte; die übrige „junge Mann 
schaft" spann und webte rn Spandau; die Familien in 
Stendal und Burg, vorläufig einquartiert bei den deutschen 
Bürgern, bauten Häuser und richteten Gärten und Weinberge 
ein. Groß waren natürlich auch jetzt noch die Opfer, die der 
Kurfürst uitd das Land den Fremdlingen bringen mußten; 
allein für die in Burg augesiedelten lieferten auf Ersuchen der' 
Regierung die magdeburgischen Stände für zweitausend Thaler 
Bailfuhren. Staats- und Magistratswälder gaben das Bau 
holz her. Werkzeuge, Haus- und Küchengerät wurden beschafft. 
Ueberdies besoldete der Landesherr an jedem der beiden Orte 
einen „Direktor" als Polizei-Obrigkeit, einen Richter, je zwei 
Prediger und einen Lehrer. Zur Uebung ihres Gottesdienstes 
richtete man ihnen in Burg die unbenutzt stehende Pererskirche 
ein; in Spandau gestattete mau die Mitbenutzung der deutschen 
reformierten Kirche. In Stendal wurde ihnen anfangs ein 
Saal im Rathause angewiesen, später die Katharinenkirche ge 
öffnet, da sie Beschwerde geführt hatten: „sie würden im Rat 
hause wegen vielfältigen Zulaufs des Volks und daher ent 
standenen großen Getümmels in ihrer Andacht gestört und 
von Anhörung des göttlichen Wortes abgehalten." — 
Der Feldzug von 1689 war zu Ende. Die Sache Frank 
reichs halte militärisch keine Fortschritte gemacht. Politisch 
war sie zurückgegangen, da inzwischen die große europäische 
Koalition zusammengetreten war, um in gemeinsamer Anstren 
gung den französischen Uebergrisfen und Räubereien ein Ziel 
zu setzen. Diese Weltlage enthielt für den savoyschen Hof die 
Aufforderung, seine Bnndesgenossenschast zu wechseln. Es war 
die traditionelle Politik dieses Kabinetts, jedesmal in den 
großen europäischen Fragen sich der Seile anzuschließen, die 
augenblicklich die Wahrscheinlichkeit des endlichen Sieges für 
sich hatte, und mit großer Klugheit verstand man jederzeit in 
Turin, diese Chancen fehlerfrei zu berechnen. Groß und 
tüchtig genug, um als Verbündeter willkommen zu sein, und 
viel zu klein, als daß die beim Friedensschluß worlführenden 
Mächte ihm eine Vergrößerung zum Lohn für die geleisteten 
Dienste mißgönnen sollten, ist Sardinien durch seine Politik 
zu dem geworden, was es heute ist, nämlich zum Königreich 
Italien. Auch damals, als es mit fliegenden Fahnen zu den 
Feinden Fraickreichs überging und dem herzlichen Einvernehmen 
mit Llldwig XIV. durch eine Kriegserklärung ein Ende machte, 
leiteten es dieselben Gesichtspunkte. Die nächste Folge des Ueber- 
rritts aber war die, daß nun die Peinigung und Austreibung 
der piolestanlischen Unterthanen überflüssig wurde. Und so 
wurdeit beim die in der Festung Turin gefangen gehaltenen 
Waldenser sofort in Gnaden freigelassen — der Herzog ließ 
sie in seinem Schloßgarten versammeln und teilte ihnen 
mit, daß er sie nur „aus Rücksichten" verfolgt habe — und 
allen Ausgetriebenen die Erlaubnis zur Rückehr erteilt, eine 
Bewilligung, die insofern nicht für alle mehr nötig war, als 
schon mehrere Monate früher etwa eintausend Mann, wohl 
bewaffnet und militärisch organisiert, aus der Schweiz in ihre 
heimischen Thäler eingefallen waren und sich gewaltsam in 
denselben wieder festgesetzt hatten. 
Auch an den Kurfürsten von Brandenburg kam im Juli 
1690 ein herzogliches Schreiben, mit der Erklärung, daß den 
piemontesischen Bürgern von Stendal, Burg und Spandau 
Savoyen wieder offen stehe. 
Und der Kurfürst? 
Man übersehe nicht, daß jetzt, wo die ersten Einrichtungen 
getroffen, die schwersten Ausgaben aufgewendet, das Schlimmste 
überstanden war, der Kurfürst wünschen mußte und natürlich 
fordern konnnte, die neuen Unterthanen zu behalten, um gleich 
sam die Zinsen der angelegten Kapitalen zu ziehen. Diese 
Zinsen mußten in wenigen Jahren zu fließen beginnen; war es 
augenblicklich noch nicht Fall, so verursachten die Kolonien 
doch keine Unkosten mehr. Nichtsdestoweniger ließ Friedrich III. 
das herzogliche Schreiben in allen drei Städten bekannt machen 
und den Beteiligten anheimstellen, ob sie gehen oder bleiben 
wollten. Die Piemontesen erklärten bei dieser Nachricht ein 
stimmig bis auf den letzten Mann, es sei ihr Wunsch, in 
ihre Bergheimat zurückzuwandern. Es ist etwas Großes um 
eine solche Vaterlandsliebe, die es vorzieht, daheim zu betteln 
— denn dieses Los erwartete die meisten —, als in der 
Fremde die Schoßkinder eines Fürsten zu sein, der nur Liebe 
und Gnade für sie hat. Es ist etwas Großes um eine Be- 
kenntnislreue, die trotz solcher Vaterlandsliebe die Auswande 
rung erwählt, um an ihrem Gewissen keinen Schaden zu leiden. 
Etwas Großes aber auch ist es um die Hochherzigkeit eines 
Fürsten, der so handelt, wie Friedrich es that. 
Er belobte die Piemontesen wegen ihres Entschlusses. Aus 
den Niederlanden, wohin die brandenburgischen Truppen nach der 
Einnahme von Bonn abgerückt waren, wurden sodann erst, da 
man mit ihnen nicht, ivie niir den Angesiedelten. Geschäfte ab 
zuwickeln hatte, die Leute der Jäger-Kompagnie nach Hause 
entlassen. Dies ist also der rätselhafte Verbleib dieser Truppe. 
Jeder Jäger behielt sein Gewehr und seine Montur und bekam 
zum Abschied statt des Reisegeldes einen sechsmonatlichen Sold 
ausgezahlt. Für die Familien schenkte der Kurfürst Wagen 
und Gespanne an Pferden und Rindvieh, sowie alle sonst not 
wendigen Reisebedürsnisse, gab ihnen das fiir den Winter und 
zur Aussaat schon verteilte Getreide mit, ließ sie sämtlich neu 
einkleiden, ja die Männer mit Waffen versehen. Nachdem sie 
dann noch mit dem nötigen Unterhalt für die Reise ausgestattet 
worden waren, setzten sie sich im Herbst 1690, wiederum ge 
leitet von einem kurfürstlichen Beamten, in Bewegung. Bald 
war der rührende Abschiedsbrief, mit dem sie scheidend dem 
Kurfürsten für alle seine Gnade gedankt hatten, das einzige 
sichtbare Erinnerungszeichen an den Aufenthalt der Piemon- 
kesen in der Mark.
	        
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