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eigenes Ober-Direktorium, eigene Kassen, ein eigenes Kon
sistorium, Schulkollegium, Ober- und Uiilergericht; ihre Kauf
leute bilden eine besondere Gilde; ja sogar zum Feuerlöscheu
treten die Bürger der Kolonie in eigenen Kompagnien an.
Duldete selbst Friedrich H. noch solche, zuni Teil zur Karri-
katur gewordene Absonderung, wie hätte der kurfürstliche Groß
vater seinen Piemontesen einen ähnlichen Vorzug versagen und
anders handeln sollen, als der Große Kurfürst, der wenige
Jahre zuvor aus den französischen Refugies seine Grand-
mousquetaires, die Grenadiers ä cheval und drei voll
ständige Feldregimenter — Briquemault. Varennes und Lottum
— gebildet hatte.
So war denn alles glücklich untergebracht. Die „Jäger"
lagen bald vor Bonn, unter der persönlichen Oberleitung ihres
Kriegsherrn, der hier nicht nur den todesverachtenden Mut
bewies, der dem Hohenzollerngeschlecht angeboren ist, sondern
auch schöne Proben des Feldherrntalents ablegte, von dem er
als Zeltgenosse seines Vaters in den Schwedenkriegen sich
seinen Teil angeeignet hatte; die übrige „junge Mann
schaft" spann und webte rn Spandau; die Familien in
Stendal und Burg, vorläufig einquartiert bei den deutschen
Bürgern, bauten Häuser und richteten Gärten und Weinberge
ein. Groß waren natürlich auch jetzt noch die Opfer, die der
Kurfürst uitd das Land den Fremdlingen bringen mußten;
allein für die in Burg augesiedelten lieferten auf Ersuchen der'
Regierung die magdeburgischen Stände für zweitausend Thaler
Bailfuhren. Staats- und Magistratswälder gaben das Bau
holz her. Werkzeuge, Haus- und Küchengerät wurden beschafft.
Ueberdies besoldete der Landesherr an jedem der beiden Orte
einen „Direktor" als Polizei-Obrigkeit, einen Richter, je zwei
Prediger und einen Lehrer. Zur Uebung ihres Gottesdienstes
richtete man ihnen in Burg die unbenutzt stehende Pererskirche
ein; in Spandau gestattete mau die Mitbenutzung der deutschen
reformierten Kirche. In Stendal wurde ihnen anfangs ein
Saal im Rathause angewiesen, später die Katharinenkirche ge
öffnet, da sie Beschwerde geführt hatten: „sie würden im Rat
hause wegen vielfältigen Zulaufs des Volks und daher ent
standenen großen Getümmels in ihrer Andacht gestört und
von Anhörung des göttlichen Wortes abgehalten." —
Der Feldzug von 1689 war zu Ende. Die Sache Frank
reichs halte militärisch keine Fortschritte gemacht. Politisch
war sie zurückgegangen, da inzwischen die große europäische
Koalition zusammengetreten war, um in gemeinsamer Anstren
gung den französischen Uebergrisfen und Räubereien ein Ziel
zu setzen. Diese Weltlage enthielt für den savoyschen Hof die
Aufforderung, seine Bnndesgenossenschast zu wechseln. Es war
die traditionelle Politik dieses Kabinetts, jedesmal in den
großen europäischen Fragen sich der Seile anzuschließen, die
augenblicklich die Wahrscheinlichkeit des endlichen Sieges für
sich hatte, und mit großer Klugheit verstand man jederzeit in
Turin, diese Chancen fehlerfrei zu berechnen. Groß und
tüchtig genug, um als Verbündeter willkommen zu sein, und
viel zu klein, als daß die beim Friedensschluß worlführenden
Mächte ihm eine Vergrößerung zum Lohn für die geleisteten
Dienste mißgönnen sollten, ist Sardinien durch seine Politik
zu dem geworden, was es heute ist, nämlich zum Königreich
Italien. Auch damals, als es mit fliegenden Fahnen zu den
Feinden Fraickreichs überging und dem herzlichen Einvernehmen
mit Llldwig XIV. durch eine Kriegserklärung ein Ende machte,
leiteten es dieselben Gesichtspunkte. Die nächste Folge des Ueber-
rritts aber war die, daß nun die Peinigung und Austreibung
der piolestanlischen Unterthanen überflüssig wurde. Und so
wurdeit beim die in der Festung Turin gefangen gehaltenen
Waldenser sofort in Gnaden freigelassen — der Herzog ließ
sie in seinem Schloßgarten versammeln und teilte ihnen
mit, daß er sie nur „aus Rücksichten" verfolgt habe — und
allen Ausgetriebenen die Erlaubnis zur Rückehr erteilt, eine
Bewilligung, die insofern nicht für alle mehr nötig war, als
schon mehrere Monate früher etwa eintausend Mann, wohl
bewaffnet und militärisch organisiert, aus der Schweiz in ihre
heimischen Thäler eingefallen waren und sich gewaltsam in
denselben wieder festgesetzt hatten.
Auch an den Kurfürsten von Brandenburg kam im Juli
1690 ein herzogliches Schreiben, mit der Erklärung, daß den
piemontesischen Bürgern von Stendal, Burg und Spandau
Savoyen wieder offen stehe.
Und der Kurfürst?
Man übersehe nicht, daß jetzt, wo die ersten Einrichtungen
getroffen, die schwersten Ausgaben aufgewendet, das Schlimmste
überstanden war, der Kurfürst wünschen mußte und natürlich
fordern konnnte, die neuen Unterthanen zu behalten, um gleich
sam die Zinsen der angelegten Kapitalen zu ziehen. Diese
Zinsen mußten in wenigen Jahren zu fließen beginnen; war es
augenblicklich noch nicht Fall, so verursachten die Kolonien
doch keine Unkosten mehr. Nichtsdestoweniger ließ Friedrich III.
das herzogliche Schreiben in allen drei Städten bekannt machen
und den Beteiligten anheimstellen, ob sie gehen oder bleiben
wollten. Die Piemontesen erklärten bei dieser Nachricht ein
stimmig bis auf den letzten Mann, es sei ihr Wunsch, in
ihre Bergheimat zurückzuwandern. Es ist etwas Großes um
eine solche Vaterlandsliebe, die es vorzieht, daheim zu betteln
— denn dieses Los erwartete die meisten —, als in der
Fremde die Schoßkinder eines Fürsten zu sein, der nur Liebe
und Gnade für sie hat. Es ist etwas Großes um eine Be-
kenntnislreue, die trotz solcher Vaterlandsliebe die Auswande
rung erwählt, um an ihrem Gewissen keinen Schaden zu leiden.
Etwas Großes aber auch ist es um die Hochherzigkeit eines
Fürsten, der so handelt, wie Friedrich es that.
Er belobte die Piemontesen wegen ihres Entschlusses. Aus
den Niederlanden, wohin die brandenburgischen Truppen nach der
Einnahme von Bonn abgerückt waren, wurden sodann erst, da
man mit ihnen nicht, ivie niir den Angesiedelten. Geschäfte ab
zuwickeln hatte, die Leute der Jäger-Kompagnie nach Hause
entlassen. Dies ist also der rätselhafte Verbleib dieser Truppe.
Jeder Jäger behielt sein Gewehr und seine Montur und bekam
zum Abschied statt des Reisegeldes einen sechsmonatlichen Sold
ausgezahlt. Für die Familien schenkte der Kurfürst Wagen
und Gespanne an Pferden und Rindvieh, sowie alle sonst not
wendigen Reisebedürsnisse, gab ihnen das fiir den Winter und
zur Aussaat schon verteilte Getreide mit, ließ sie sämtlich neu
einkleiden, ja die Männer mit Waffen versehen. Nachdem sie
dann noch mit dem nötigen Unterhalt für die Reise ausgestattet
worden waren, setzten sie sich im Herbst 1690, wiederum ge
leitet von einem kurfürstlichen Beamten, in Bewegung. Bald
war der rührende Abschiedsbrief, mit dem sie scheidend dem
Kurfürsten für alle seine Gnade gedankt hatten, das einzige
sichtbare Erinnerungszeichen an den Aufenthalt der Piemon-
kesen in der Mark.