70 Großstadt-Dokumente Bd. 33. Sechs Monate Arbeitshaus.
haben sie mir ein und ein halbes Jahr eingespunnt seit 1902 und
nun habe ich ein Jemmchen hier noch als „Ueberschmiß".
Bin nur froh, daß sie mein Weib nicht mit verknaxt (verurteilt)
haben. Hier wird man ganz „Vogelich" mit der Zeit. Meiner
Alten habe ich eingeschärft, daß sie sich nicht der venus
vulgivaga während meiner Abwesenheit hingibt. — Ein gutes
Weib habe ich; ich kann nicht alles erzählen, was mir meine
Alte während meiner „Kühle" geschickt hat. Eine Woche vor
dem Antritt meines Ueberschmisses hat sie mir noch eine neue
grüne, wollene Jagdweste geschickt. Das Ding kostet zehn
Emmchen (Mark). Ich habe ein gutes Weib. Im Jahre
1902 hat die Greiferei (Verhaftung) in Halberstadt und
Magdeburg kein Ende genommen. Wir sind hier an zehn
Luden und zwei kommen noch!"
W. sagte darauf: „Mich hat meine Alte reingeritten;
sonst wäre ich nicht hier. Das Aas hat mich schwer verassert.
Beim Haupttermin frug der Richter sie, ob ich von ihr
Geld genommen hätte.
,Ja? sagte sie, ich habe ihn1 von meinem Gelde unterhalten
müssen ?‘
Das Aas hätte ich umbringen können, und von meiner
Bank aus habe ich ihr auch einige wilde Blicke zugesandt.
Man verknaxte mich zu einem Jahr Gefängnis und dem
„Ueberschmiß." Als ich aus dem Gerichtssaal geführt wurde,
ging sie stolzerhobenen Hauptes die Treppe hinunter und
raffte ihr seidenes Kleid und die weißen Unterröcke in die
Höhe. Na, wenn ich herauskomme, verhau' ich sie so, daß sie
in keinen Sarg Paßt, das Aas hat schon früher mächtige
Kloppe von mir gekriegt, als sie mich aus Wut verpfiffen
hatte. Uebrigens komme ich im Juni raus, und mache wieder
Zigarren, denn so an siebzig Emmchen bekomme ich im Juni
1904 beim Verlassen von Burg Schadeleben. Ich will nicht
mein ganzes Leben wegen Kuppelei hinter den schwedischen
Gardinen verbringen!"