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meiner Gegenwart ... o, es ist schmachvoll! ... es ist
empörend!“
Der Rentner machte erst ein verdutztes und dann
wieder ein freundliches Gesicht.
„Es war ja bloß eine Rechnung,“ sagte er, indem er
sie der Frau hinhielt.
„Ach, geh' mir doch mit Deiner Rechnung!“ wies
diese ab, „was hat denn eine Rechnung damit zu tun?“
„Ich habe die beiden Wagen bezahlt ... und die
beisen Reitpferde, liebes Malchen ...“
„Und darüber freust Du Dich so?“
„Gewiß! ... fürchterlich! ... ich dachte ja, es wäre
eine Vorladung vor Gericht .. oder ein Verhaftungsbefehl ...“
Die Frau warf ihm einen bitter ironischen Blick zu.
„Du scheinst jetzt mit besonderer Vorliebe Rechnungen
zu bezahlen,“ sagte sie ... „die Diner-Rechnung wurde
Dir auch nicht schwer ... Du scheinst jetzt alles mit Geld
totmachen zu wollen; aber mich täuschest Du doch nicht ...
Du bist ein Elender, Zinnwald, eine Schlange, die ich an
meinem Busen nährte, und die mir dafür ihren giftigen
Stachel ins Herz stieß.“
„Amalie!“ rief der Unglückliche, die Hände faltend; aber
die Frau wandte ihm kalt den Rücken und setzte sich ans Fenster.
Zinnwald stand eine Weile, als wenn er unter der
Last seines Mißgeschicks zusammensinken wollte; dann hob
er wie prophetisch den düͤrren Arm gen Himmel:
„Er wird kommen!“ sprach er beinahe feierlich ...
„Habermann wird kommen und mich um Verzeihung
bitten; denn ihn halte ich für den Urheber meines grenzen—
losen Elends . .. Von dem Augenblick an, als er ins Haus
getreten, ist der Teufel hier los. ... Die Reue wird seine
schwarze Seele zerfressen, und er wird ..“
Hier unterbrach er sich und horchte.
Ein bestiefelter Schritt kam über den Flur. Dann
öffnete sich die Tür, ohne daß vorher geklopft worden war.
Perworr rief Zinnwald wie in Begeisterung ...
„Da ist er schon! ... da ist er schon! — Was habe ich
zeggt⸗ ... was habe ich gesagt? ... wie stehe ich nun
a? —““
A. v. Winterfeld, Die Reise nach Berlin.