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sprechen,“ wimmerte Zinnwald ... „hast Du noch nichts
von Justizmorden gehört? — So nennt man ungerechte
Urteile, die einen armen, unschuldigen Menschen zum Tode
verurteilen ... Wenn zufälligerweise einer von unseren
ehemaligen Gästen irgendwo verunglückt sein sollte, dann
wäscht es mir kein Regen ab ... dann werde ich zum
Strang verurteilt, und der Kaiser begnadigt mich zu lebens—
länglicher Zuchthausstrafe ...“
„Du tust mir leid ... weißt Du das!“ unterbrach
ihn die Frau verächtlich.
„Das glaube ich Dir sehr gern,“ entgegnete Zinn—
wald ... „ich glaube, ich tue mir aber selber noch mehr
leid ... ich tue mir so leid, daß ich die bittersten Tränen
über mich weinen könnte .., ich bin ein zu furchtbar un—
glücklicher Mensch! ... Dieser Habermann hat mich zu—
grunde gerichtet; aber ich sage Dir, Amalie, es ist noch
nicht aller Tage Abend .. meine Unschuld wird noch
einmal glänzend zutage treten ... vielleicht erst, wenn ich
tot bin; aber das schadet nichts, dann hast Du doch
wenigstens noch Deine Freude dran ... und kannst mir eine
Träne des Mitleids nachweinen auf mein einsames Grab. ..“
Die gutmütige Amalie wurde beinahe gerührt durch
diese Worte.
„Paul!“ sagte sie mit etwas weicherem Tone ... „ge⸗
stehe es doch ... hast Du Frau Habermann zu dem gestrigen
Diner geladen? ..“
„J, Gott bewahre! ... ich denke ja gar nicht daran ...
ich lade doch überhaupt nicht gern Leute zum Diner ein ...“
„Aber wer hat sie denn sonst eingeladen?“
„Ich kann's nicht sagen, Malchen ... ich kann's gewiß
und wahrhaftig nicht sagen ...“
„Paul! .. ich bitte ... ich beschwöre Dich!“
Zinnwald machte eine Bewegung, seiner Frau zu Füßen
zu fallen, als das Dienstmädchen eintrat.
„Das ist eben abgegeben worden!“ sagte Auguste, dem
Herrn ein zusammengefaltetes Stück Papier hinhaltend.
Dieser sah es mißtrauisch an und ließ dann seinen
Blick ganz heimlich und verstohlen an der Gestalt des
Mädchens emporgleiten bis zu ihren Augen.