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F. Adler, Aus Andreas Schlüler’s Leben.
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lein zum Ziele, d. h. zur Ermittelung der Ursachen des ver
unglückten Baues und zur Entscheidung einer theilweisen
Wiederbenutzung fahren könne, scheint bei dem that-
sächlichen Hin- und Wiederreden jener Tage die all
gemeine Ansicht gewesen zu sein, der selbst Schlüter
nach sicheren Spuren nicht widersprochen hat. Wie rich
tig aber die Ansicht ist, dafs jeder Einzelne nur nach sei
nem Kopfe aus Liebedienerei und nicht nach dem vor-
geschriebencn Plane einer Intriguc gehandelt hat, lehrt ein
Schreiben des Hofrath Mieg an den Freih. v. Printzen
vom 3. Juli, worin er nach Erledigung anderer Angele
genheiten etwas besorgt und kleinlaut mit den Worten
schliefst: „Im übrigen hoffe nicht, dafs Ew. Excell. meine
neulich (d. i. 2G. Juni) überschriebene Nachricht wegen
dos Müntz Thurmcs unguedig sollten aufgenom
men haben, maßen loh dabey eine redliche und auf
richtige intention gehabt, dafs aber meine nachricht ge
gründet gewesen, zeiget nicht allein der augenschein, in
dem annoch würklich mit abbrechung des thurmes tag
und nacht continulret wird, sondern auch abschriftlich
beigefügtes Protocollurn bey dem Hrn. Hanfs Voigt, auf
welches mich beziehe und mit respect“ etc. . . .
Auch der Bau-Kommissar J{»nicke, dem das lange
Ausbleiben einer Antwort auf gut gemeinte Rathschläge
schon etwas unheimlich vorgekommen sein mufs, meldet
am 10. Juli dein Freiherrn v. Printzen, dafs man
mit dem Abbruche glücklich fortfahre, und hebt hervor,
dafs „sonst innerhalb 8 Tagen und bis heute hin, der
Thurm nur ungefehr ) Zoll gesetzet, wünsche, dafs
selbiges völlig nach bleiben und das übrige
conservirot werden möge. Verharre“ otc.
Vor allen andern sehnte sich Schlüter, der schwere
Stunden vielleicht einsam durchzukämpfen hatte und tief
bekümmert in die Zukunft sah, nach einer entscheiden
den Antwort, die ihm Trost oder Verdammung bringen
mußte. In qualvoller Ungeduld richtete er am 10. Juli
folgende Worte eigenhändig an den Freih. v. Printzen;
„Ew. Excellentz werden hoffentlich meine vorige
wol sind geliefert worden, anitzo berichte nur gehorsamst,
dafs ich mit denen Gemächern im Schlosse beschäfftiget
bin, und so viel möglich selbige Arbeit zu beschleunigen
mir angelegen seyn lassen. Den Thurm belangend, so
stillet sich selbiges Werk von Tage zu Tage mehr, ma-
fsen die obere Etage schon weit abgenoromou, auch da
mit fleißig fortgefahren wird. Inzwischen habe ich
zeithero mit Schmertzen von Ew. Excellentz einige
Zeilen erwartet, stehe auch in der Hoffnung, mit dieser
abend X’ost etwas zu erhalten, welches mich sehr
consoliren köndte, habe also vor itzo nichts mehr,
als mich zu Ew. Excellentz hohem faveur und Protec
tion uuterthenig zu empfehlen, verharrend Ew. hochfrei-
herrl. Excell. Meines hochgebiethenden Patrons
untertänigster Knecht
A. Schlüter.“
Aber noch ehe der letztgenannte Bericht des Mark
grafen, sowie die Rath- und Vorschläge, Entschuldigun
gen wie Beteuerungen von Mieg und Janickc in
Cleve einliefen, war dort nach gründlicher Erwägung
der Sachlage die folgenschwere königliche Entscheidung
getroffen worden, welche vorn fl. Juli datirt, nach Ber
lin am 10. oder 11. gelangte. Diese in Form eines
Schreibens an den Markgr. XMiil. Wilhelm gefafsto
königliche Verordnung lautete*):
„Von Gottes Gnaden etc. Uns ist vorgetragen,
was Ew. Liebden wegen des Neuen Müntz Thurmes
abermahl unterm 26. Juny an Uns berichtet; weil nun
der Ober-Bau Direktor Schlüter ged. Thurm wieder
abzubrechcn resolvirct, auch damit wirklich den Anfang
gemacht hat, so nehmen Wir solches vor eine sichere
probe, daß er selbst dafür halte, es könne dieser Bau
nicht bestehen. Damit aber wegen dessen künftiger Ein
richtung nicht abermahl ein fchlschlag gethan werde, so
finden Wir gut, dafs Ew. L, gedachten Schlüter befeh
len, Er solle sich mit Ungern übrigen dortigen Archi-
tectis und in speeie mit dem von Eosander und Grü
nobergen wie auch mit dem Matheinatieo Sturmen
zu Frankfurth an der Oder, welcher deshalb expresse
verschrieben werden muß, zusammen thun, die Ührsacheu,
warumb der Thurm sich so stark gesetzet, auch Risse
bekommen und den Einfall drohet, weil überlegen, auch
was er nunmehr vor ein Gebäude daraus zu machen ge
denket, Ihnen eröffnen, da sie dann deshalb, und ob sol
ches sicher und mit Bestände geschehen könnte, eines
gewissen sich mit einander zu vereinigen, auch Uns die
Zeichnung einzusenden, widrigenfalls aber, und wann Sie
sich deshalb nicht vergleichen könten, ein Jeder von
Ihnen Seine Meinung absonderlich iu Schrillten abznfäs-
sen und selbige Eurer L. zuzustellen, umb sic Uns ein-
zuschickon. Ew. L. haben auch gedachten Unseni Ar-
ohitectcn insgesambt, und den Schlüter absouderl. zu
bedeuten, dafs dieser Thurm auf eine beständige und du-
rable Art gobauct werden müsse, und daß Wir densel
ben «Jetzo so fort bis auf den Grund abbrochen lassen,
alJ's die Gefahr lauffen weiten, daß derselbe kftnfftig,
wann er nach des Schlüter’s Jetzo etwan formireuden
Dcssein (sic!) gobanet, naehgehends gleichwohl noch sin
ken oder gar über’n Haufen fällen möchte.
Wir erwarten hierauf Eurer Lbdcn. Halbstündlichen
Bericht mit dem ehesten und verbleiben übrigens De-
rosolben etc. etc.“ ■
Zu dieser Verordnung findet sich noch als Nach
schrift der Befehl, daß wenn Schlüter jetzt nicht Zeit
hätte, die verlangte Zeichnung der Thurmspitze von St.
Peters Kirche anznfertigen, selbige dem v. Eosander
aufgetragen werden solle.
Inhalt wie Form dieses Allerhöchsten Dekrets lus-
*) Dieses Aktenstück Lat auch v, Kl öden a. a. 0. S. 20') schon
initfrcthoilt; zum besseren Verständnisse aller folgenden sich daran
anschließenden Begebenheiten mußte dasselbe hier wiederholt werden.