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Volume No. 10 Hundert Jahre Fürsorge preußischer Könige für die Armen

Full text: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins (Rights reserved) Ausgabe 30.1913 (Rights reserved)

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etlicher Husaren den Erfolg und Eindruck der Streife C. Röhling in einem Kolossalgemälde den Übertritt 
noch erhöhen könnte. Der Ehrenrettung des guten des Kurfürsten Joachim Il. zum Protestantismus am 
alten Namens Tiergarten durch solche Säuberung der 1. November 1539 verewigen wird. Das wäre an 
Umgebung dürften sich die heutigen Bewohner des sich weiter nichts Problematisches -- aber das Bild 
Tiergartenviertels mit Dank gegen den großen König wird von der Spandauer Kirchengemeinde St, Nicolai 
und Zufriedenheit erinnern. gestiftet, soll das neue Spandauer Rathaus schmücken 
Auch in der Gegend im Südosten Berlins, wie und deshalb wird der geschichtlichen Wahrheit wenig 
in dessen sandigem armen Norden, im sog. Voigtland, löbliche Gewalt angetan. Man macht den Versuch, 
Wedding und Gesundbrunnen, vollzog sich ein Wandel eine längst widerlegte historische Fälschung zu rehabili- 
unter Friedrich dem Großen. Sein Minister Graf tieren und den weltgeschichtlichen Akt nach Spandau 
v. Herzberg besaß das Allodial-Rittergut Brit, das zu verlegen, während er sich in Wirklichkeit in der 
durch seine ökonomische Klugheit und Sorgfalt muster- Berliner Stifts- oder Domkirche auf dem Schloßplat 
haft verbessert wurde, und im Magistratsdorf Alt- abspielte. 
Rixdorf das Schulzengericht, mit einer von dem Yor- Joachim Il. starb 1571. Acht Jahre nach seinem 
besiger herrührenden Berlinischen Braugerechtigkeit, Tode notierte Abraham Buchholzer =- der Sohn des 
Bier an die Schankkrüge Rixdorf und Britz verkaufen, Propstes Buchholzer, der bei der Abendmahlfeier zu- 
auch zu seiner Konsumtion nach Berlin bringen zu GLJeN War in seiner »I8agoge Chronologica, « der 
dürfen. Er versah das Dorf Meu-Rixdorf und einige Übertritt sei erfolgt »Berlini in templo Cathedrali«, 
nach der Zeit auf dem platten Lande errichtete Eta- also in der schon erwähnten Berliner Domkirche auf 
blissements, den RVollkrug, den Buschkrug jenseits dem Scloßplat. Und der Dompropst Matthäus Leut- 
Rixdorfs und die in der Hasenheide angelegte Kolonie, old sagt in der am 8. September 1595 gehaltenen 
die Ziegelscheune oder der Jäger, aus seinem Rix- Grabrede auf die Herzogin Elisabeth Magdalene von 
dorfschen Schulzengericht mit Bier und Branntwein. Braunschweig, die Tochter Joachims Il., ausdrücklich: 
Er war einflußreich und begütert, denn der von dem „darauf auch Ihre R.(urfürstliche) G.(naden) am tage 
[795 verstorbenen Minister Grafen v. Herzberg hinter- Omnium Sanctorum, selbest persönlichem, erstlichen sub 
lassene Grundbesit umfaßte außer dem Allodial-Ritter- utraque Specie communiciret, und die erste Reformirte 
gut Britz die Lehngüter Cottin, wo er am 2. September messe in ihr R.'G. Stifftkirche vom Bischoff M. v. Ja- 
1725 geboren, Barenbusch, Barkenbrügge, Barken, wg0wn hat halten und celebriren lassen.“ Mit diesen 
Joduth, Steinburg, Babylon, Strummelkam, Raddaz- MSewährsmännern, die es wahrhaftig wissen konnten, 
zenkinz, Neu-Herzberg und ein Wohnhaus zu Berlin in verzeichnen alle Schriftsteller des 16. Jahrhunderts, so- 
der Niederwallstraße. Es mag nicht unerwähnt bleiben, weit sie nicht die Stätte als etwas ganz Selbstverständ- 
daß die Dienerschaft v. Herzbergs mit verschiedenen liches und Allbekanntes überhaupt mit Stillschweigen 
Cegaten von 100 bis 1000 Talern bedacht wurde. übergehen, daß die erste Abendmahlsfeier in Berlin 
Herzberg, der eine Abhandlung „Über die Übervölke- stattgefunden habe (die auf Spandau weisende Znter- 
rung der Mark Brandenburg" schrieb und daraufhin polation in der Chronik des Berliner Magisters Peter 
in die Berliner Akademie aufgenommen wurde, als Passtiz ist längst als Jrrtum erkannt). 
deren Kurator dann die Literatur und die weitere Aus- Wie nun seit 1628, in welchem Jahre ein kur- 
bildung der Deutschen Sprache,«wie auch das Schul- fürstlicher Sekretär namens Cernitius *) ein angeblich 
wesen sehr beförderte, hatte sich um die Hebung nach Archivakten gearbeitetes Buch publizierte und 
Preußens Yerdienste erworben. Sie wurden gewürdigt darin Spandau als den Ort des Übertritts bezeichnete, 
ebenso wie von Friedrich dem Großen von seinem die Spandauer Legende immer mehr Boden gewann, 
Nachfolger, Rönig Friedrich Wilhelm Il., der auch wie mag in Paul Steinmüllers Fritischer Untersuchung der 
sein Vorgänger für Volkskultur wirkte. „Einführung der Reformation in die Kurmark Branden- 
Zorlin Ner Dr. Martin Wagner. burg durch Joachim IL.“ nachgelesen werden.*?) Die 
GE Hauptstüße für die neueren Vorkämpfer Spandaus 
; " : | 1) Johann Zernitz, ein Berliner Gelehrter zur Zeit. des 
joltT- Ce Das unrichtige Bild. MI IEE . Dr. Melle Klinkenborg, 4 „Groß 
| <ZZM EE diefen Titel findet fichifolgendes ImGSenerak Berliner Kalender 1914" (Verlag K. Siegigmn = 2. 
Unzeiger (Beiblatt des Berliner Tageblatt) vom 17. Sep- 2) Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte Nr. 86, 
tember bei der Erwähnung, daß der Geschichtsmaler Halle 1903. Unm. d. Red.
	        
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