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Band Nr. 26, 30. Juni 1912

Volltext: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1912, XXI. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

Rr. 26 
Berliner Illustrirte Zeitung. 
605 
chwere Last. 
Zeichnung von Heinrich Kley⸗Munchen 
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ROMAN VOV RVDOPEII STõRC. — 
6. Fortsetzung. 
jdith weinte immer mehr. Sie warf sich auf den Diwan, den Blondkopf in 
den Armen. Merker trat zu ihr und legte ihr die Hand auf die Schulter: 
4 ß „Hast Du mir nicht gestern gesagt: das Geld kommt von mirl ... 
Dein Vater hat mir gleich darauf das selbe gesagt! Am Abend hat mir 
..Mas-xæ-æ mein Bruder gesagt — ein Veensch, den man nicht mit der Feuerzange 
mrührt: Du lebst ja vom Geld Deiner Fraul Nun ist's genugl ... Nun 
eißt's für mich: Darüber weg oder zu Grundel ... Ich geh' jetzt und hol' mir 
nn deutschland meine Selbstachtung wieder! ... Und Du gehst mit hinüber! Du 
bist meine Fraul 
Sie sprang auf die Füße. Sie schrie auf: J 
„Du hast doch selbst gesagt: dort ist die Armut, Helliel“ 
Er zuckte zusammen. Sie fuhr fort: 
„Großer Gott — bin ich denn dazu geboren, zu hungern! Dann hätte ich 
inders erzogen werden müssen! Aber so ist's eine schimpfliche Grausamkeit, 
delliel. .. Dem bin ich nicht gewachsen!“ Sie lief auf ihn zu. Sie faßte seine 
dände. Ihre Brust bebte. Aber es war schon wieder mehr Festigkeit in ihrer 
Stimme. 
„Und Du auch nicht, Hellie! Du noch weniger! ... Du brauchst den Reich— 
tum noch viel mehr als ich, weil Du ihn früher nicht gehabt hast. Du taugst 
nicht zu einem Pauperl Und Du taugst auch nicht mehr zu einem Soldaten!“ 
„Edith!“ 
„Schon einmal sind wir von dort wegl ... Jetzt, in einer so harten Lage, 
zältst Du es erst recht nicht mehr aus! ... Du wirfst doch bald wieder Deinen 
Zäbel fort. In einem halben Jahr sind wir doch wieder in England!... Wozu 
erst diese bittere Zeit durchmachen? Wozu sich hier auslachen lassen? ... 
dellie ... ich bin Deine Frau ... ich steh' vor Dir ... ich hebe meine Hände 
zu Dir auf und bitte Dich: Nimm Vernunft an! ... Bleib' hier ...“ 
„Ich kann nicht!“ 
Dann liebst Du mich eben nicht mehrl“ 
Sie schrie es auf. Sie schluchzte fassungslos und laut. Er schloß die 
Fenster, damit man draußen nichts höre, und sagte dann bestimmt: 
Gerade, weil ich Dich liebe, Edith, muß ich fort — ob mit Dir oder vor⸗ 
ãufig oͤhne Dich. Denn ich weiß: Du liebst mich ja dochl Du kommst mir bald 
nach, wenn Du fiehst, daß es mir ernst ist ...“ 
„Nein ... Neinl!“ 
„Es hat' nichts mit unserer Liebe zu tun, Edith! Die bleibt bestehen. Es 
tnur eine Kraftprobe zwischen uns, wer der Stärkere ist — ob Deutschland oder 
zngland in unserer Ehel ... Diese Probe muß einmal entschieden werden! Der 
Nann muß der Stärkere sein. Wenn ich gehe, verlier' ich Dich nicht, Edith, nur 
venn ich bleibel ... Denn dann bist Du hier mein eigentlicher Kerkermeister. 
dein Mensch kann den lieben, der ihn zeitlebens eingesperrt hält. Ich muß frei 
ein — wegen Dir noch mehr als wegen mirl“ 
Sie verstand nicht, was er meinte. Sie hörte nur einen neuen Vorwurf 
zegen sie aus seinen Worten. Sie fühlte sich schuldlos. Ungerecht behandelt. Sie 
zlickte ihm verstört und doch in all ihrem Trotz ins Gesicht und trocknete dabei 
hre Tränen. Die englische Zähigkeit kam zum Durchbruch. 
„Wir wollen jetzt nicht weiter streiten, Helliel Du bist so aufgeregt, wie 
s ein Gentleman nie sein sollte. Du wirst auch wieder ruhiger werden. Wir 
aben ja Zeit. Es sind noch vierzehn Tage bis zum ersten Oktober!“ 
„Das schon! ... Aber ich gehe jetzt gleichl“ 
„Hellie!“ 
„Heute noch! Ich halt' es nicht mehr aus!“ 
Edith schrie wild auf und wich vor ihm zurück. Sie lief in das Neben— 
immer. Jetzt stand sie mit ihrem Töchterchen auf dem Arm auf der Schwelle. 
„Hellie ... da ist Klein-Maryl ... Willst Du's übers Herz bringen, uns 
eide zu verlassen . .. Deine Frau und Dein Kind?“ 
Er legte die Hand über die Augen, um das Bild da drüben nicht zu sehen. 
ẽr fühlte, wenn er das lange anschaute, dann hatte er verspielt für immer. Er 
aßte mit einem harten Griff nach der Türklinke. Seine Kehle war heiser. 
„Ich verlaß' Euch nicht! ... Ich geh' nur voraus!... Ich mache Quar⸗ 
ier für Euch. Du kommst nach?“ 
Sie schüttelte den Kopf. Sie sah seine Blässe. Wieder war die Sieges⸗ 
uversicht in ihr wach, das Vertrauen auf die Selbstverständlichkeit, daß enalischer 
Bille die Oberhand behielt ... 
„Nein, Hellie ... ich werde hier mit Klein-Mary warten, bist Du zurück— 
ommsi ... da selbst .... in ganz kurzer Zeit ... das weiß ich ... Aber, 
hottlob — es wird ja nicht nötig sein! ... Du gehst nicht von mir, Helliel .. 
du kannst es ja gar nicht ...“ 
Er stand dicht vor ihr, küßte plötzlich sie und das Kind — murmelte 
twas — es klang wie: „Auf Wiedersehen drüben! — und dann ... ihre Augen
	        
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