402 Centralblatt der Bauverwaltung. 27, September J8H.
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Redacteore: Otto Sarrerin und. Oskar Hoßrfeld.
Der Einsturz der Prager Karlstorücke
Die »ltehrwiirdige Kaxisbrücke, der. Stola Böhmens, das geschieht
lieh wichtigste Ingenieurwerk der österreichischen Monarchie, ist am
4. September den- tosenden Finthen der Moldau xum Opfer gefallen#
Am 3. September, morgens 3 Uhr, war der Flufs bereits so arg ge
stiegen, dafs die Bewohner Prags durch Alarmschüsse geweckt werden
mufsten. Der Strom schwemmte ungeheure Mengen von Holz
werk herbei, und schon um 8 Uhr früh waren fünf Oeffnungen der
Karlsbrücke vollständig verlegt. Um 9 Uhr ertönten wiederum
Alarmschnsse und kündeten, als der Pegel bereits 3 m über Null
zeigte, das Hetftnhahen einer noch gröfseren Gefahr? um 2 Uhr
mittags stand der Pegel schon auf 5 m, Zahlreiche Flosse
Iangstämmigen Bauholzes , eine losgerissene Schwimmschule und
sonstiges Holzwerk hatten die meisten Brückenöffnungen geradezu
verrammelt; alles .Holz war wirr durcheinander geschoben und
längs der schiefen Ebenen der Eisböcke bjs zur Höhe der Brücken
bahn aufgestaut worden.. Die .Nacht über stieg das Wasser immer
mehr, und am 4* September im Morgengrauen, 5 1 /« Uhr früh, stürzten
zwei nebeneinander liegende Bögen, um 9’/a Uhr vormittags dann der
dritte Nachbarbogen ein. Bel dem' ersten, unerwarteten Sturze
wurden nach bisherigen Erhebungen vier Menschen mit in die Tiefe
gerissen. Um 9 Uhr zeigte der Pegel hei der Kettenbrücke bereits
5,64 m über Null, Um 7 Uhr abends begann das Wasser endlich zu
fallen. Die furchtbare Gewalt der Fluthen läfst sich am besten er
messen, wenn bedacht wird, dafs der normale Durcbflufs in Prag
etwa 60 cbm in der Seeunde beträgt und dafs er nach den auf die
Studien Hariachers gegründeten Erhebungen des Prager hydrotech
nischen Amtes, während der Hochwassertage rund 4600 cbm in der
Seeunde bei 8,5 m Geschwindigkeit, und damit etwa so viel betragen
hat wie die normale Prager Regenmenge während eines halben Jahres,
Am 5. September reiste ich zur Besichtigung des Brückenschadens
nach Prag und fand an diesem Tage die folgende, in der Abbildung
dargesteüte Sachlage. Die drei zerstörten Oeffnungen liegen ziemlich
in der Mitte der eigentlichen Strombrücke zwischen der Altstadt und
der Insel Kampa; Die-''-sämtlichen- Oeffnungen der Kleinseiter
Brückenhälfte waten vollständig mit'Holz verrammelt, die zerstörten
Oeffnungen und jene der Brückenhälfte gegen die Altstadt hin
waren um diese Zeit ganz frei von Holz, und durch sie wälzte sich
vornehmlich der tosende Strom. Die Eisböcke waren gänzlich unter
Wasser, die Wasserlinie stand über den Kämpfern der Segment
bogen. Zwischen den drei'zerstörten Oeffnungen I, II, III (gezählt
von der Altstadt her) ragten die Pfeiler 1 und 2 in die Luft. Der
Pfeiler 1 erschien als ein gegen die Kleinseite geneigter formloser
Maüerkluinpen. Der Pfeiler 2, welcher noch das Standbild St. Jo
hannes* von Nepomük trüg, erschien Verschoben, und die noch
stehen gebliebenen Bogenschenkel griffen conBolartig nach beiden
Seiten hin weit in die Luft; ebenso krUgten in den zerstörten Oeff
nungen I und III die stehengebliebeDen, entsprechenden Gewölbe-
schenkel weit aus. Die Brückenbahn war kurz abgebrochen, und
die Trambahnschienen hingen in der Luft..
Der Anblick der zerstörten Brücke, ist ein geradezu ergreifender
und'erweckt in jedem Landeskihde tiefe Wehmuth, Allein von einer
vollständigen Zerstörung des herrlichen,' statuengeschmückten Bau
werkes kann keine Rede sein, und die Wiederherstellung ist nur
eine Zeit- und Geldfrage. Wenä mäh nämlich die Brücke aus der
Feme beträchtet,, so - erscheinen die Limen und „Flüchten* der
stehengebliebenen beiden Brückenhälften ungestört, und mit einem
scharfen Feldstecher —der Zutritt zur Brücke war verboten —*
konnte ich aus thunlichster Nähe (bei den Mühlen am Kai) bemerken;
dafs die stehengebliebenen Gewölbe keinerlei Risse zeigten. Es
haben also gerade die — allerdings das Strombett verengenden —
alterthümlich starken Pfeiler die Standsicherheit der übrigen Brücken-
theile gerettet.
Wenn man das hier wiedefgegebene Bild betrachtet, so erklären
sich auch die Ursache und der Gang der stattgefundenen Zerstörung,
Pfeiler 1 zeigt durch »eine Zerberstuag und vornehmlich durch seine
Neigung gegen die Kleinseite hin an, dafs hier die Ausgangsstelle
des Unglückes zu. soeben ist? er wurde von dem Holzwerke theils
zerrammt, offenbar aber vornehmlich von den Fluthen in der Oeff-
nuug II unterwaschen. Seine Neigung löste die Spannung des
Bogens I und drückte den Bogen II in die Höhe, was auch durch
die unmittelbar vor dem Einstürze Über die Brücke geflohenen Per'
sonen insofern bestätigt wird, als diese ein wellenförmiges Aufsteigen
des Pflasters bemerkt haben wollen. Durch diesen um 5 l /a Uhr früh
stattgefundenen Einsturz der Bogen I und II verlor der Pfeiler 2
(mit dem Nepomuhstaudbüde) seine Verspannung, er verschob sieh,
ist wahrscheinlich ebenfalls unterspült, und die Bewegung wurde
schliefslich so arg, dafs um 9Va Uhr der Bogen Hl zu Falle kam#
Aus dem Ganzen ergiebt sieb, dafs der eigentliche wunde Punkt
der Frager Brücke in den Pfeilern und vornehmlich in deren Funda
menten liegt, und daft die künftige Erhaltung des Bauwerkes eine
eingehende Untersuchung und Sicherung dieser Best&ndtheile der
Brücke erheischt, wie solches bereits seitens des Prager Stadtbau
amtes vor mehreren Jahren bei einigen Pfeilern mit Erfolg durch
geführt worden ist. Diese Schwäche der Fundamente darf indes bei
einem so alten Bauwerke nicht wundern; denn es stammt aus einer
Zeit, in welcher der Mauerverband leicht genommen, die Wahl des
Materials oft flüchtig, die Kunst tief und sicher au.gründen sehr
wenig ausgebildet war, Und in welcher man diese letztere technische
Unvollkommenheit durch die gröfsere Standfestigkeit sehr dicker
Pfeiler auszugleichen suchte. Freilich engte man hierdurch den
Durchfiufsraum gerade wieder ein und rief also starke Geschwindig
keiten u»d damit Aufrührungen des Untergründe» hervor. That-
sächüch lehrt auch die Geschichte der einzelnen mittelalterlichen
Brücken, dafs bei diesen Bauwerken die gänzlichen und die bogen-
weisen Einstürze keine Seltenheit und die Wiederherstellungen fast
dauernd gewesen sind. So stürzte die Prager Judithbrücke*) 1272
theilweise und 1342 fast gänzlich ein; so wurde die Dresdener Brücke
in den Jahren 1336, 1342, 1431, 1432, 1446, 1447, l60l, 1571 arg be
schädigt. 1342 ging aus ähnlichen Gründen die Würzburger Brücke
fast gänzlich verloren, die Raudnitzer Brücke verschwand bis auf
einige Pfeilerreste gänzlich. So wurde auch die Regensburger
Brücke**) 1565, 1587, 1595, 1608, 1709 (an 6 Pfeilern), 1784, 1789
(an 3 Pfeilern) arg beschädigt, und so lehrt die hier folgende kürze
Geschichte der Karlsbrücke, dafs auch sie schon in früheren Zeiten
sehr arg gelitten hat.
Nach , den Chroniken bestanden in Prag in den ältesten Zeiten
Fähteü übet die Moldau. 795 würde eine hölzerne Brücke gebaut, die
jedoch 1159 gänzlich weggerissen wurde. Dann baute, fast an der
nämlichen Stelle, wo jetzt die Karlsbrücke steht,' die Gemahlin König
Vladislavs-L in den drei Jahren 1169 bis 1171 die nach ihr benannte ge
wölbte Judithbrücke, welche24 Oeffnungen besafs. Nach der Zerstörung
dieses Bauwerks durch das Hochwässer, des Jahres 1842, welche der
Chronist jFranciseus von Prag“ mit den Worten beklagt, „dafs gleich
sam die Krone des Königreiches gefallen sei*, plante Kaiser Karl IV
sofort die jetzige Brücke, und es scheint der 1344 vom Kaiser berufene
Dombaumeister Mathias vonAr ras, welcher den Prager Dom (1344)
und den'Karlstem (1348) gegründet hat, derjenige Meister zu sein,
der auch-die ersten Pläne zur Karlsbrücke entwarf. Indes konnte,
muthraafslich wegen der Wegräumung der Trümmer der Judithbrücke,
die nach den Chronisten das ganze Flußbett gesperrt hatten, der
neue Bäu nicht sofort begonnen werden; auch starb Meister Mathias
schon .1352# Sein Nachfolger war bekanntlich Peter Von Schwäbisch
Gmünd, genannt Peter Arier, und dieser gilt Ms.der erste Werk-
Meister der Prager Brücke, welche nach Tomek (it S, 41) am 9. Juli 1357
gegründet wurde. Unruhen, Kriege und sonstige Verhältnisse waren
jedoch Ursache, dafs der Bau erst im Jahre 1502, also nach 146 Jahren,
zur Zeit Königs Vladisl&vs II. fertiggestellt werden könnte. Nach
den Chroniken traten schon während der Ausführung .arge Beschädi
gungen durch Hochwasser und EisStöfse ein, sd namentlich in den
Jahren 1432 und 1496. Namhafte Zerstörungen dev Brücke fanden
indes erst in den Jahren 1503 und 1764 statt. Die letztere verursachte
eine Ausbesserung von fünfjähriger Dauer, Und eine auf de* Brücke
angebrachte lateinische Inschrift lehrt, „dafs Kaiser: Josef II.. die
bereits vom Altertbume verletzte und 1784 vom Eisstofse tant
ganz zerstörte Brücke mit neuen Unterbauten versehen liefs“, -Die
bedeutenden Hochwässer der Jahre 1845 und 1872 brachten der
Brücke keinen merklichen Schaden. Die beiden architektonisch be
rühmten Brückenthürme scheinen 1380 begonnen Worden zu sein,
die jüngst wiederhergestellte Rolandssäule deutet auf das Ende des
14. Jahrhunderts. Zur Geschichte der Karlsbrücke gehört noch die
Erwähnung, dafs die ihre besondere künstlerische Berühmtheit
*) Rziha, Geschichte der Judithbriicke in den Mittheilungen -des
Vereins für die Geschichte der Deutschen ln Böhmen, Prag i878.
**) Kleinstäuber, Geschichte der Regensburger Brücke, 1878.