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Lillis Ehe [Text]

Full text: Lilli : ein Sittenbild aus Berlin W / Marès, Jolanthe (Public Domain) Ausgabe [2] Lillis Ehe (Public Domain)

ich bin so müde — so müde. Nein, laß mich, nur 
noch einen einzigen Schluck — du siehst doch, daß 
es mir gut tut!“ 
Plötzlich zuckt sie zusammen. „Mein ganzes Leben 
ist mir verhaßt!“ Und ein krampfartiges Schluchzen 
durchschüttelt ihren Körper. 
Er läßt sie ruhig ausweinen, fährt mit der Hand 
wiederholt über ihren Scheitel, preßt ihren Kopf 
an sich und spricht liebevoll auf sie ein. Sie klammert 
sich fest an ihn, blickt ihm angstvoll in die Augen und 
flüstert: „Verlaß mich nicht — verlaß mich nicht!“ — 
„Liebling, sei still, ich bleibe dir zur Seite.“ 
Ermüdet und ermattet schließt sie die Augen, sich 
eng an ihn schmiegend: „Erzähle mir von deinen 
Eltern, Ully.“ 
„Da gibt es nicht viel zu erzählen, Lieb. Wir lebten 
still und ruhig dahin, die Eltern und ich. 
Die lieben Alten — nun sind sie beide tot und ruhen 
in Frieden. 
Mein Bater war ein ruhiger, stiller Mann, er liebte 
meine Mutter über alles, ich habe nie in meinem 
Leben ein herzlicheres und innigeres Eheverhältnis 
gesehen, als zwischen meinen Eltern. 
Wir waren nicht reich, im Gegenteil, es ging oft 
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