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Nachdem der Kaiser erst noch einen Abschiedsbesuch gemacht
hatte, fuhr er uͤber Suresnes nach dem Longchamp, wo sich die
zum Einmarsch bestimmten preußischen und bayerischen Truppen
schon aufgestellt hatten, und wohin ich uͤber Soͤvres vorausgeeilt
war. Als ich mir die Aufstellung notiert hatte, also auch wußte,
in welcher Ordnung der Vorbeimarsch erfolgen wuͤrde, dessen
Details ich spaͤter leicht in Versailles erfahren konnte, fuhr ich
allein durch das durchaus menschenleere Bois de Boulogne nach
Paris hinein.
Am 2. Maͤrz war ein unruhiger Tag voll unangenehmer Über⸗
raschungen. Aus Bordeaux kam die Nachricht, daß die National⸗
versammlung in nur einer Nacht den Friedenspraͤliminartraktat
angenommen und M. Thiers zur Unterzeichnung bevollmaͤchtigt
habe. Damit hoͤrte auch unser Recht zu einem weiteren Aufenthalt
unserer Truppen in Paris auf, und die Ankuͤndigung, daß wir die
Stadt zu verlassen und uns in die Forts zuruͤckzuziehen haͤtten,
kam bereits mit dem Telegraphen aus Bordeaux an. Große Ent⸗
taͤuschung in allen Schichten. Nach dem Generalsvortrage wurden
die Geheimraͤte von Keudell und Abeken mehrmals vom Kaiser
empfangen, und im Reichskanzleramte herrschte große Bewegung.
So waren also alle Hoffnungen und Aussichten auf eine Truppen⸗—
schau in Paris selbst gescheitert! Am Morgen beim Zeitungsbericht
hatte der Kaiser noch nichts von der telegraphischen Ankuͤndigung
aus Bordeaux gewußt und von der Zusammenziehung des Garde⸗
Korps, sowie dessen Marsch bis zur Porte Maillot gesprochen,
ebenso mir seinen Entschluß mitgeteilt, im Laufe des Tages gleich—
falls nach Paris hineinzufahren. In der Tat ließ der Kaiser bei
dem Bastion Pont du Jour in die Stadt hineinfahren, wohl in der
Absicht, von dort aus nach dem Arc de Triomphe und den Champs
Elysées zu gelangen. Er fand aber dort alles so unwegsam, ver⸗
barrikadiert und zertruͤmmert, daß mit dem Wagen nicht durchzu⸗
kommen war und bei der naͤchsten Courtine der Enceinte wieder
in das Bois oder vielmehr jetzt Plaine de Boulogne hinausgefahren
werden mußte. So gab der Kaiser denn die Einfahrt in Paris auf
und kehrte nach Versailles zuruͤck. Mir fiel ein Stein vom Herzen,
als ich seine Equipage unversehrt wieder in den Hofe der Praͤ⸗—
fektur einfahren sah.
Fuͤr den 3. hatte ich aus dem „Moniteur“ von 1814 eine aus⸗
fuͤhrliche Beschreibung der großen Parade russischer und preußi⸗
scher Truppen vorbereitet als beste Erinnerung an die damalige
glorreiche Zeit, huͤtete mich aber wohl, sie unter diesen Umstaͤnden
herauszuholen. Der Kaiser schien sehr bewegt daruͤber, daß die
Dinge sich so ganz anders gestaltet hatten, als er mit Vorliebe