183 —
vor dem Tore der Ruinenstadt, in der Künstler—
herberge Albergo del Sole eine Nacht. Der Wirt,
von dem man erzählte, er wäre früher ein Brigant
gewesen, war einer der bravsten Kerle, die ich
in Italien kennen gelernt habe, aufmerksam, zuvor⸗
kommend, ja direkt uneigennützig! Er gab mir
davon bei einem späteren längeren Aufenthalt in
seinem Hause mehr als einen Beweis. — üÜber
drei Stunden lang durchwanderte ich mit einem
Führer Pompeji, das auf mich, den leidenschaft⸗—
lichen Archäologie-Amateur, den denkbar stärk—
sten Eindruck machte. Ich fühlte mich wie in eine
Zauberwelt versetzt. Hier konnte ich träumen, mei—
ner erregten Phantasie die Zügel überlassen! Was
erzählte mir nicht schon alles das (außerhalb der
Stadt liegende) Amphitheater, auf dessen Stufen
ich abends stundenlang saß, den Blick abwechselnd
quf das Meer und den qualmenden Vesuv, den
alten Verderber, gerichtet! —
Sehr unterhaltend war es für mich, in Neapel
im Hafenquartier umherzuschweifen und das dor—
tige ärmliche aber fidele und turbulente Volk zu
beobachten. Hier ging alles öffentlich zu: groß
und klein macht ungeniert Toilette, die Mütter
suchen den lieben Kleinen das Ungeziefer ab, der
Barbier bedient seine Kunden, der Garkoch siedet
und brät, der öffentliche Schreiber verfaßt die
glühendsten Liebesbriefe. Ob es noch heut so ist,
weiß ich nicht, aber damals sah ich noch einen
solchen unter der offenen Vorhalle des San Carlo—⸗