die Gegenwart unter dem Begriff „heimische Bauweise‘‘ wieder zu beleben sucht,
erscheint zwar traurig, ist aber nur folgerichtig. Stroh-, Bretter- und Schindeldächer
sind bei ihm ebenso verpönt wie der Schiefer, „dessen schwärzliche Farbe keinen er-
freulichen Eindruck macht, besonders bei hohen, nordischen Dächern. Besser läßt
er sich auf niederen Dachflächen an, welche dem Auge nur wenig erscheinen‘; und
daß antike Ziegelformen die praktischsten sind, versteht sich von selbst. Tempora
mutantur! Heute würde man jeden, der derartiges zu äußern wagte, für farbenblind
halten; dort aber ist die Stimmung, die die ländliche und kleinbürgerliche Baukunst
des 19. Jahrhunderts mithalf zu zerstören, die einzig und allein auch das Pappdach
aufbringen konnte, ausgehend von der wohlmeinenden Absicht, „die Baukunst nach
den Grundsätzen der Alten‘ im Deutschland des 19. Jahrhunderts einzuführen.
In einem ganzen ausgedehnten Kapitel behandelt Hirt die Konstruktion der
römisch-italienischen Estriche in einer ähnlichen Weise wie Schinkel 1803 die nea-
politanischen der damaligen Zeit. Dieses Kapitel zeigt, wie intensiv und erfolgreich
sich der Verfasser mit all diesen Dingen in Rom beschäftigt hatte, und seine Angaben
hätten unbestrittenen Wert, wenn sie nicht am Ende wieder dazu dienen müßten,
die Annahme all dieser Systeme an Stelle der deutschen Holzfußböden zu empfehlen.
— In dem Kapitel über Bogen und Wölbungen befindet sich eine eigenartige An-
spielung auf eine Stelle im Spartian, aus der dann später das Vorhandensein eines
Kupferrostes über den Caracallathermen gefolgert wurde. Hirt bezeichnet diese Kon-
struktion mit dem Ausdruck Metallgewölbe und vergleicht sie, weit über das Ziel
hinausschießend, mit den neuen englischen Eisenbrücken.
Den Vitruv selbst beläßt der Verfasser in Amt und Würden; wie er überhaupt
in gar nicht folgerichtiger Weise für die Römer schwärmt, obwohl jene doch ganz
ungriechisch empfanden. So anerkennt er auch die Holztempeltheorie des Vitruv.
Der Ursprung der Baukunst stammt nach Hirt nicht von den Felsentempeln her, denn
aus ihnen hätte man nicht die Technik ableiten können. Jene Meinung war demnach zur
Zeit verbreitet und wurde später noch unter anderem von Stieglitz vertreten, dessen
ganzer Eigenart sie näherlag. Der Holzbau ging nach Hirt dem Steinbau natur-
gemäß voran; der ganze Steintempel ist aus ihm entstanden, wie jeder Vergleich
einzelner Glieder und Konstruktionsteile beweist. Er führt diese Analogie nun voll-
ständig durch, sich auf Vitruv stützend, und macht allerdings reichlich Gebrauch
von dem Recht seiner Zeit, die ihren Vitruv zitiert und übersetzt nach jeweiligem
Bedarf, Eine nordische Holzbaukunst existiert für den Verfasser überhaupt nicht.
Einige praktische Anweisungen und Folgerungen klingen andererseits so modern,
daß man sie Hirt kaum zutrauen möchte. So hält er die Frage, ob die Tatsache der
Entwicklung der Steinformen aus dem Holzbau für ihre heutige Anwendung Be-
denken zulasse, für gänzlich belanglos gegenüber ihrer tatsächlich gewonnenen
Bedeutung, der die den Griechen ureigen höchste „Idee von Form und Maß‘ zugrunde
läge. Doch müsse man auch bei der Anwendung den rechten ästhetischen Sinn ob-
walten lassen. Falsch wäre es z. B., Karyatiden in Leidensmiene darzustellen. Der
Schein der Festigkeit würde dadurch einem Bauwerk genommen. Das klingt schon
fast nach Semper und seiner Lehre vom Wahrscheinlichen. Wie Schinkel verwirft
er auch die gekuppelten Säulen als Produkt der Neuzeit. Ein einzelnes Beispiel aus
Konstantins Zeit wäre zwar bekannt, „allein damals irrte die Kunst schon ohne Prin-
zipien‘, die Säule selbst bedürfe einer Verjüngung und Schwellung, weshalb auch die
mittelalterlichen zylindrischen Säulen unbedingt zu verwerfen seien. Für die Basen
und Glieder werden ungekünstelte Erklärungen über deren naturgemäße Entwicklung