Sie sah Rudolf fast nicht mehr. Seine ständige
Entschuldigung war: „Ich habe zu viel zu tun.“
Wenn Martha ihn in der „Union Berlin“ besuchte,
ließ er sie deutlich merken, daß sie ihm dart
nicht willkommen war. Sie verstand allmählich,
weswegen. Er fühlte sich durch sie gedemütigt. Er
wollte eine andere, eine glänzende Frau dort sehen
lassen, keine, deren Vorzüge den Leuten erst begreif—
lich gemacht werden mußten. Aber noch hoffte
Martha. Sie rechnete auf seinen Ueberdruß,
der von Blume zu Blume taumelte und schließlich
alles verwarf. Wenn er nur sein Haus rein
hielt. Das war Marthas Bitte, vor der ihr Stolz
Wache hielt.
Eines Abends glaubte Rudolf sie bei einer
Jugendfreundin in Zehlendorf. Aber die Ver—
abredung hatte sich gerschlagen, und Martha
kam unerwartet nach Hause. Im Vorgimmer
hingen Hut und Mantel einer fremden Dame.
Martha sah ruhig und prüfend hin. Es waren
weit kostbarere Sachen, als sie zu tragen
pflegte. Joseph, der Diener, drückte sich mit ver—
kniffenem Lächeln herum. Sie hatte sich schon
über seine Verblüfftheit geärgert, als er ihr
die Tür geöffnet hatte — nun merkte sie, daß er
diskret verschwinden wollte und zugleich auffällig
blieb.
„Wartet
spät noch?“
jemand auf mich?“ fragte sie fest. „So
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