4. Sitzung vom 1. Februar 1951
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Suhr
• der Verfassung herbeizuführen und vor Abstim
mung des Abgeordnetenhauses über diese Vor
schläge mir Gelegenheit zu einer Erklärung zu
geben.
Im Sinne dieses Antrages darf ich nunmehr Herrn
Abgeordneten Reuter das Wort zu einer Erklärung
geben.
Dr. Reuter (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Das Hohe Haus hat mir am 18. Januar nach
Vorgängen, die in allen Einzelheiten in unser aller Er
innerung sind, den ehrenvollen Auftrag erteilt, dem
Hohen Hause Vorschläge für die Bildung eines Senats
zu machen.
Auf Grund der Bestimmung des Artikels 41 der Ver
fassung habe ich zur Wahl einen Bürgermeister und die
Mitglieder des Senats vorzuschlagen. Sie haben meinen
Vorschlag, den ich dem Herrn Präsidenten des Abge
ordnetenhauses vorhin überreicht habe, gehört. Ich darf
auf diesen Vorschlag verweisen.
Ehe ich mich zur Begründung dieses Vorschlages im
einzelnen äußere, möchte ich ganz kurz, da ich nicht
weiß, ob ich an anderer Stelle und zu anderer Zeit in
diesem Hause dazu noch die Gelegenheit finden werde,
folgendes sagen.
Wenn das Hohe Haus diesem Vorschläge zustimmen
sollte, dann würden eine Reihe bisheriger Mitglieder
des Magistratskollegiums aus dem Dienste der Stadt
ausscheiden. Ich habe das Bedürfnis, aus diesem An
laß diesen Kollegen, mit denen ich und mit denen war
alle jahrelang zusammengearbeitet haben, meinen be
sonderen Dank dafür zum Ausdruck zu bringen, daß
sie mir die Verhandlungen, die nicht leicht waren, durch
ihr eigenes Verhalten erleichtert haben, aber auch den
Dank auszudrücken für die Arbeit, die sie für Berlin
geleistet haben.
(Lebhafter Beifall.)
Es scheiden, wenn das Hohe Haus meinem Vorschlag
zustimmen sollte, Frau Bürgermeister Louise Schröder
und Herr Bürgermeister Dr. Friedensburg aus. Die
Namen dieser beiden Persönlichkeiten sind mit den
geschichtlichen Auseinandersetzungen der letzten Jahre
aufs engste verbunden.
Frau Bürgermeister Louise Schroeder hat von dem
Tage an, an dem es entgegen dem ausgesprochenen
Willen der damaligen Stadtverordnetenversammlung
infolge des Vetos einer Besatzungsmacht dem von der
Stadtverordnetenversammlung gewählten Oberbürger
meister nicht möglich war, seine Geschäfte zu über
nehmen, die Leitung der Geschäfte des Magistrats von
Groß-Berlin ln die Hand genommen. Ich glaube, der
Name dieser Frau wird in der Geschichte Berlins von
niemandem vergessen werden,
(Starker Beifall.)
Sie war Symbol der tapferen Haltung der ganzen Ber
liner Bevölkerung, und sie war Insbesondere ein Sym
bol der tapferen Haltung auch der Frauen dieser Be
völkerung, ohne die wir alle durch die Schwierigkeiten
nicht hindurchgekommen wären.
(Sehr gut!)
Herr Bürgermeister Dr. Friedensburg hat während
der langen Erkrankung von Frau Bürgermeister
Schroeder an ihrer Stelle die Geschäfte des Oberbürger
meisters geführt. Ich darf besonders darauf hinweisen,
daß es ein Verdienst von Herrn Bürgermeister Dr. Prie-
densburg gewesen ist, das niemand unter uns allen
vergessen wird, daß er rechtzeitig dafür gesorgt hat,
daß die Sicherheit der Stadt durch die Schaffung einer
eigenen und unabhängigen Polizei im Westsektor für
uns hergestellt wurde.
(Beifall.)
Bürgermeister Dr. Friedensburg hat nicht nur durch
diese Tat, sondern auch durch die Führung seiner Ge
schäfte bis zu dem Zeitpunkt, wo der von der Stadt
verordnetenversammlung gewählte Mann das Amt
übernehmen konnte, alles getan, um unsere Freiheit und
Unabhängigkeit zu behaupten.
(Erneuter Beifall.)
Es scheiden aus dem Magistrat auch eine Reihe an
derer Mitglieder aus. Ich nehme an, daß wir keinen
von ihnen sozusagen überhaupt verlieren, sondern daß
jeder von den Damen und Herren, die hier heute zum
letzten Mal in offizieller Punktion als Mitglieder des
Magistrats unter uns anwesend sind, in irgendeiner
Form mit uns verbunden bleiben wird. Zum Teil sind
sie Mitglieder des Abgeordnetenhauses, und ihre Mit
wirkung schon als Mitglieder des Abgeordnetenhauses
wird dank der Erfahrungen, die sie in den vergangenen
Jahren gewonnen haben, für uns besonders wert
voll sein.
Wir verabschieden uns bei dieser Gelegenheit von
Frau Stadtrat Dr. Lüders, wir verabschieden uns von
dem Kollegen Fuellsack, vom Kollegen Theuner, vom
Kollegen May und vom Kollegen Nicklitz. Ihr Aus
scheiden ist eine Folge der veränderten politischen Ver
hältnisse, und jeder versteht, daß, wenn nun einmal
die politischen Verhältnisse sich verändern, auch
(Heiterkeit und Zurufe von der SPD.)
— Ich habe meinen Freund Klingelhöfer vergessen, weil
er unten als Abgeordneter sitzt und nicht, wie es
eigentlich seine Pflicht wäre, in diesem Augenblick
noch auf der Tribüne des Magistrats Platz genommen
hat. Aber ich hoffe, der Kollege Klingelhöfer wird
diesen Lapsus von mir richtig verstanden haben. Er
hat sich einfach aus der Optik der Situation ergeben.
Er wird verstehen, daß es im Augenblick so viele Dinge
gibt, die der von Ihnen zum Regierenden Bürgermeister
designierte Mann zu überdenken hat, daß er einmal
ein Versehen begehen kann. Insbesondere wird ja
Kollege Klingelhöfer auch als Abgeordneter weiter
unter uns tätig sein.
Es ist mir ein ausgesprochenes Bedürfnis, all diesen
Kollegen, mit denen ich in freundschaftlicher, kamerad
schaftlicher Weise im Magistratskollegium zusamman-
gearbeitet habe — ich glaube, das werden alle Kollegen
des Magistrats bestätigen können, daß unsere Arbeit
im Kollegium immer in freundschaftlicher und
kameradschaftlicher Weise geführt worden ist —, den
Dank der Stadt für ihre Arbeit auszusprechen und der
Hoffnung Ausdruck zu geben, daß, wie immer unsere
veränderte Situation auch sein möge, wir alle gemein
sam an der Erreichung des uns gemeinsamen Zieles
mltarbedtan werden: Freiheit, Unabhängigkeit und, wie
wir hoffen, auch die Einheit unserer Stadt wiederher
zustellen.
(Lebhafter Beifall.)
Ich darf annehmen, daß das Hohe Haus diese meine
Erklärung nicht nur als eine persönliche Erklärung,
sondern auch als die Widerspiegelung der Gefühle an-
sehen wird, die das Abgeordnetenhaus selbst beseelen.
Meine Damen und Herren! Nach der Verfassung
stehen dem zum Regierenden Bürgermeister gewählten
Mann 21 Tage zur Verfügung, um dem Abgeordneten
haus Vorschläge für die Wahl des Bürgermeisters und
der Mitglieder des Senats zu machen. Ich habe vor
14 Tagen den Herrn Präsidenten gebeten, nicht 21 Tage
mit der Elinberufung einer Sitzung zu warten, sondern
bereits nach 14 Tagen eine neue Sitzung auf den heu
tigen Tag einzuberufen, weil ich, wie ich glaube, in
Übereinstimmung mit der Überzeugung der ganzen Be
völkerung der Meinung bin, daß Berlin nun nicht
länger warten kann.
(Sehr richtig! bei der CDU.)
Wir bedürfen einer aktionsfähigen, leistungsfähigen
Regierung, und wir haben durch die Kompliziertheit
unserer Situation, nicht durch das Verschulden ein
zelner, Zelt genug verloren.
(Sehr richtig! bei der CDU.)
Es sind zwei Monate vergangen, seitdem die Bevöl
kerung gewählt hat, und die Bevölkerung hat einen
Anspruch darauf, zu wissen und davon überzeugt zu
sein, daß das Abgeordnetenhaus, das wir am 3. De-