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Volume No. 4, 26. Januar 1899

Full text: Stenographische Berichte über die öffentlichen Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung der Haupt- und Residenzstadt Berlin (Public Domain) Ausgabe 26.1899 (Public Domain)

Ungleich schwieriger liegen bei der Handwcrkerschule die Verhältnisse 
insofern, als sie viel mehr Schüler hat als die Gemeindeschulen, als 
die höheren Anstalten. Die Lehrerschaft, meine Herren, wechselt häufig; 
sie hat keinen festen Lehrerstamm wie die zuerst genannten Schulen; 
die Disziplin ist daher viel schwieriger aufrecht zu erhalten in der 
Handwerkerschule. Wenn sic annehmen, welche Fülle kostbaren Lehr 
materials in der Handwcrkerschule aufgespeichert wird, so wird Ihnen 
auch einleuchten, daß hier eine Ausnahme nicht gemacht werden soll, 
daß mich hier der Leiter der Anstalt in dem Hanse selbst, auf dem 
Grundstücke selbst wohnen möge. 
Welches sind die Gründe des Magistrats, sich von unserer Ansicht 
abzuwenden? Der Herr Banrath sagt mit Recht: das Gebäude wird 
im großen Stile erbaut, nach großen Verhältnissen. Das ist richtig, 
meine Herren. Er sagt: die Wohnung, die da hineingelegt wird, 
könnte nur unwohnlich sein, müßte in jedem Falle aber auch sehr 
theuer zu stehen kommen. Das Letztere hat für mich keine Wichtigkeit; 
wenn das Interesse der Schule die Hi nehm erleg im g der Wohnung 
erfordert, so spielt der .Kostenpunkt nur eine untergeordnete Rolle. 
Mag die Wohnung auch nach mancher Richtung hi» nnwohnlicher 
sein als manche andere, so spielt auch das keine Rolle; das Interesse 
der Schule erfordert es eben. 
Nun möchte ich betonen: die Frequenz der Schule wird hoffentlich 
in nächster Zeit steigen. Es betrug im Jahre 1897/98 an den Sonn 
tagen, den Maximaltagen, wo die Frequenz also am größten ist, die 
Zahl der Schüler 1150. Die Räume aber, die uns zur Verfügung 
bleiben, wenn wir die Wohnung einrichten, sind im Stande, nach 
Kursen geordnet, 1600 Schüler aufzunehmen. Wenn wir, meine 
Herren, mit dem Herrn Referenten und mit dem Herrn Baurath 
hoffen und wünschen, daß die Frequenz recht schnell steigen möge, so 
brauchen wir, wenn sie die Zahl 1 600 erreicht hat, die Wohnung 
noch lange nicht zu kassiren; denn dann wird es der Lehrerschaft der 
Handwerkerschule ein Leichtes sein, die Kurse, von denen ich sprach, 
zu kombiniren; dann werden in vielen Fällen die zum Theil über 
großen Lehrräume leicht im Stande sein. Doppelklassen aufzunehmen; 
Die Wohnräume also können dann noch lauge bestehen bleiben. 
Meine Herren, es liegt nach diesen Darlegungen für uns eigent 
lich gar kein Grund vor, von einer Ansicht abzugehen, die mir als 
richtig erkannt haben, einer Ansicht, die aus unserer Mitte heraus 
begründet ist durch eine Fülle der ausschlaggebendsten Argumente. 
Ich möchte Sie daher dringend bitten, den Ausschußantrag, wie er 
hier vorliegt, abzulehnen, dagegen den Magistrat zu ersuchen, daß er 
die Handwerkerschule nach den hier vorliegenden Plänen erbaut, in 
jedem Falle aber die Wohnung, die in de» Plänen selbst vorgesehen 
ist, mit hineinnimmt zum Besten unserer Handwcrkerschule, für die 
wir eine so große, eine so stolze Summe zur Verfügung zu stellen 
bereit sind. 
Stadtbaurath Hoffman»: Meine Herren, wenn bei einem 
öffentlichen Gebäude die Grundstücksverhültnisse es gestatten, eine 
Direktorwohnnng in einem besonderen Gebäude oder Gebändeflügel 
unterzubringen, dann ist technischerseits nichts dagegen einzuwenden. 
Wen» aber wie hier ein Theil des eigentlichen Schulgebäudes dazu 
benutzt werden muß, dann tritt doch die Frage an uns heran, wie 
die dadurch entstehenden Kosten im Verhältniß stehen zu den dadurch 
etwa entstehenden Vortheilen. Ich habe genau berechnet, wie viel 
Quadratmeter Wohnungsfläche und Grundfläche durch die Wohnung 
benutzt werden; es werden im Ganzen 716 qm beansprucht. 
(Hört, hört!) 
Wenn ich nun den Werth des Grundstücks und die Baukosten 
berücksichtige, so entfallen auf 1 qm zusammen 170,so M. Es würde 
sonach die Wohnung im Ganzen kosten 122 000 Jt, und das giebt 
bei Zugrundelegung eines Prozentsatzes von 4 pCt. eine Jahres 
miethe von 4 880 Jt und von 5 pCt. eine Jahresmiethe von 6 100 Jt. 
Die Miethe würde also entsprechen dem Gehalt, das der Direktor 
bezieht. Wenn Sic bedenken, daß der Direktor einer Handwerker 
schule 900 Jt Miethseutschädigung erhält, so würde das 4 bis 6mal 
so viel sein, als von Ihnen in anderen Fällen als für diesen Zweck 
geeignet erachtet wird. Ich glaube, daß es unter diesen Umständen 
wohl berechtigt sein würde, sich zu überlegen, ob die Vortheile, die 
diese Wohnung bringt, so groß sind, daß man eine solche Summe 
dafür aussetzt. Der Magistrat ist der Ansicht gewesen, daß, nachdem 
sich gezeigt hat, daß bei der anderen Handwerkerschnle ein sehr guter 
Betrieb ist, ohne daß die Wohnung im Gebäude ist, das auch hier 
möglich ist; deshalb hat er beschlossen, davon abzusehen. 
Stadtverordneter Kleefeld: Meine Herren, ich halte mich 
für verpflichtet, noch einige Worte hierzu zu sagen, weil ich hoffe, 
daß Sie unserem Antrag auf Ablehnung der Magistratsvorlage zu 
stimmen werden. Ich habe geglaubt, der Herr Baurath werde noch 
neues Material für seine Anschauung vorbringen. Er hat sich im 
Wesentlichen darauf beschränkt, ein rechnerisches Ergebniß festzustellen. 
Darin stimme ich mit Herrn Ulrich vollständig überein, daß wir hier 
nicht markweise den Preis abwägen können, wenn es sich darum 
handelt, ein bestimmt vorausgesehenes Erforderniß zu erfüllen. 
Meine Herren, es hat mich überrascht, in den Ausführungen nicht 
mit einem Worte erwähnt gefunden zu haben, daß das Kuratorium 
der Handwerkerschule einstimmig beschlossen hat, die Direktorwohnung 
hineinzulegen. Wohl war der Herr Baurath schon damals dagegen, 
und es beschlich diejenigen, die ihn kennen, ein leises Ahnen, daß er 
seine Meinung durchsetzen wird. Aber wir haben in das Kuratorium 
Personen gesandt, von denen Sie nach Ihrer Wahl annehmen konnten, 
daß sie dem Handwerkerstand durch ihre Kenntniß förderlich sein 
wollten, und daß sie auch die Bestrebungen der Schule nach Kräften 
fördern wollen. Darunter befinden sich nicht nur Schulmänner, 
sondern neben Schulmännern Bauverständige, Großindustrielle, die 
ganz gewiß auch wußten, daß diese Wohnung theurer werden würde 
als in einem anderen Gebäude, und dennoch waren sie einstimmig 
der Ansicht, daß es im Interesse der Sache erforderlich war, die 
Wohnung hineinzulegen. 
Meine Herren, in der Begründung ist nicht gesagt, daß es ab 
fohlt unmöglich sei; es ist nur darauf hingewiesen, daß die Wohnung 
gewisse Mängel haben würde, die sie nicht wohnlich erscheinen lassen. 
Der Herr Direktor, der da hineinziehen wird, wird sich gewiß auch 
bald in die Verhältnisse hineingefunden haben. 
Andererseits ist aber eigenthümlicher Weise noch angeführt: die 
Anwesenheit einer Dienstwohnung in diesem Gebäude erhöht die 
Fencrsgefahr. Wenn das hineingesetzt wurde, hätte auch hinzugefügt 
werden müssen: der Schuldiener wohnt auch da, aber die Schul- 
diener sind vorsichtiger mit Feuer und Licht als der Direktor. Denn 
es ist doch Thatsache, daß der Schuldiener auch eine Dienstwohnung 
in dem Gebäude hat. Das sind Merkmale einer nicht stichhaltigen 
Begründung, und ich hätte gewünscht, der Herr Banrath wäre uns 
in dieser Hiniicht entgegen gekommen und hätte nicht die von Ihnen 
eingesetzte Instanz für die Förderung der Handwerkerschnle so des- 
avouirt, daß nun der Magistrat sagt: er will es nicht. 
Aus allen diesen Gründen bitte ich Sie: nehmen Sie unsern 
Antrag auf Ablehnung an! 
Stadtverordneter l>i\ Schwalbe: Meine Herren, die Sache 
ist nicht so einfach, wie sic aussieht. Wir haben damals in der Ver 
sammlung nach reiflicher Ueberlegnng ziemlich einstimmig beschlossen, 
eine solche Direktorwohnung da hineinzulegen, und zwar aus rein 
sachlichen Gründen. Eine Schule wie die Handwerkerschnle kann 
nur gut und richtig geleitet werden, wenn ein Direktor darin wohnt. 
Gerade dieses Argument, das der Magistrat anführt, daß bei der 
ersten Handwerkerschule keine Wohnung wäre, ist meiner Ansicht nach 
zu Ungnnsten des Magistrats ausgefallen. Denn da hat sich gezeigt, 
welche Schwierigkeiten vorhanden sind bei Herrn Direktor Jessen, um 
die Leitung der Handwerkerschule so durchzuführen, wie es geschehen 
ist; es ist nur mit der größten Aufopferung möglich gewesen. In 
der That, es ist die Dienstwohnung nicht eine Gefälligkeit gegen den 
betreffenden Herrn, sondern es ist meiner Ansicht nach die ganze 
Dienstwohnnngsangelegenheit aus der Nothwendigkeit hervorgegangen. 
Nun möchte ich noch — ich habe bereits allen Verhandlungen 
beigewohnt mit Ausnahme der Ausschnßberathung — Einiges an 
führen, was damals auch zur Sprache gekommen ist. Herr Ban 
rath Hoffmann war an und für sich nicht abgeneigt, dieser Forderung 
nachzugeben. Er wies darauf hin, daß das natürlich Schwierigkeiten 
haben würde bei der Höhe der Räume; aber die Maße, die jetzt ge 
nannt wurden, stimmen, glaube ich, nicht ganz mit den ursprünglichen; 
es sind, wenn ich nicht irre, die Korridore mit eingerechnet und Alles, 
was zu der Dienstwohnung führt. In anderen Dienstwohnungen 
sind ja die Räume größer als hier, wo, wir mir mitgetheilt worden 
'ist, für die eigentliche Dienstwohnung nur 205 qm erforderlich wären, 
und die übrigen sich auf die Zugänge u. s. w. erstrecken. 
Nun muß ich weiter sagen: wenn der Magistrat solche Argumente 
angeführt hat wie die Fencrsgefahr, so ist das höchst eigenthümlich. 
Nicht allein der Grund, den Herr Kollege Kleefeld genannt'hat, spricht 
dagegen; nein, ich möchte den Beweis irgendwie beigebracht haben, 
ob in irgend einer Wohnung, wo Direktoren wohnen, die Feuers 
gefahr größer geworden ist; der Beweis ist überhaupt noch nie er 
bracht worden. Ich muß mich ausdrücklich gegen eine solche Sache 
erklären, die, rein aus der Luft gegriffen, nachher benutzt wird, um 
eine Sache zu stützen, die damit nicht gestützt werden kann. 
Ganz ebenso ist es mit den anderen Gründen, die der Magistrat 
vorbringt; ich meine aber, alle diese Gründe können nicht so schwer 
wiegen wie der Beschluß der Versammlung. Was kann uns bewegen, 
von diesem Beschluß abzugehen. Es ist dieselbe Sache, die wir in 
früheren Jahren und Jahrzehnten erlebt haben, daß, wenn die Ver 
sammlung an einer Skizze zuerst etwas geändert und einen Wunsch 
ausgesprochen hat, im Magistrat die Sache wieder ganz dem entgegen 
geändert wird. Ich meine, wir können ruhig die Dienstwohnung 
bewilligen. Der Magistrat wird damit zurechtkommen, und Sie 
werden der Handwerkerschule und ihrem Gedeihen große Vortheile 
darbieten. Die Besorgniß, daß die Frequenz so groß würde, daß die 
Wohnung geräumt werden müßte, ist vollständig unbegründet. Wir 
haben neben der Handwerkerschule die Fachschulen, den Gewerbesaal, 
und es ist nicht zu erwarten, daß in der Gegend die Frequenz so 
hoch steigen würde, daß wir in Verlegenheit kämen. Im Interesse 
der Handwerkerschnle und der Entwickelung dieses Unterrichts möchte
	        
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