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Volume Nr. 26

Full text: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1903, XII. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

Nr. 26 
Berliner Illustrirte Zeĩtung. 
10 
J 
9 
9 
— 
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2 
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DIEBEIDEHh SOIAu 
X 
— 
10. Fortsetzung. — Nachdruck verboten. 
Koman von Hans Olclen. 
Und nun mußte da gerade heute der gefährliche 
Name genannt werden ... 
Unwiderstehlich drängte es sie auf den Vorplatz, 
Schrittchen für Schrittchen auf den Fußspitzen schlich 
ie fich näher ... Jetzt konnte sie verstehen . .. Und 
ꝛine Last fiel von ihrer geängstigten Seele. 
Allerdings — von Soltau mußte da die Rede 
gewesen sein, aber in einem anderen, einem weit 
rFünstigeren Sinne, als sie gefürchtet hatte. 
„... Nee, mein Lieber, ich sage Ihnen, das gehr 
ticht mehr weiter so! Ich habe doch keine Lust, 
mmerzu Dummheiten zu machen, weil ich da 'nen 
Ssel zu sitzen habe, der sich um nichts bekümmert! Wo— 
zu sind Sie denn auf der Welt, wenn ich keine Infor— 
nationen von Ihnen bekomme? — Reden Sie nicht — 
ind ja doch nur faule Ausreden! — Keine zwei 
Wochen, daß Sie mir hier was vorgeschmust haben 
»on den Transvaaleffekten. Ich sagte Ihnen: ver— 
olgen Sie die Sache und halten Sie mich auf dem 
raufenden . .. Was? Getan —? Was haben Sie ge— 
an? Die Kurse haben Sie nachgelesen. Das kann 
rehmanns Kutscher auch, dazu brauche ich keinen 
Menschen mit fünftausend Mark Gehalt ...oder 
iertausend, das ist egal, quatschen Sie mir nicht 
mmer dagzwischen ... Sie waren's ja selber, der da— 
nals zuerst was davon wußte . .. „Soll 'n Herr 
tus London 'rüberkommen und hier unterhandeln .. .“ 
zch sehe Ihre aufgeblasene Miene noch — küchtig— 
vichtigl Doktor Walther — Doktor Walther ... 
ind das war Ihnen genug . .. dann haben Sie sich 
ingesetzt und an den Nägeln gekaut! Daß da seit 
Vochen ein Mensch 'rumläuft, die gange Blase in 
Iufruhr bringt, Millionenabschlüsse macht — was 
iegt Ihnen dran? — Ih, is ja zum Beinausreißen! 
Ind den Menschen hat man ahnungslos in der Woh—⸗ 
iung — am ersten Abend, wo noch nichts gemacht 
st — und was tut man? Man schmeißt 'n 'raus. 
Warum — warum, fraa' ich? Weil man mit Kretins 
irbeitet .. .!“ 
Anna war mit leisen langen Schritten wieder 
rach ihrem Zimmer geschlichen. Sie hatte die Hand 
sor den Mund gedrückt, um nicht einen verschmitzt⸗ 
dergnügten Lachton, der sich in ihrer Kebhle krampfte. 
trei zu geben. 
Aber wie schade — bei alledem! Wenn man ihm 
das zur rechten Zeit unter den Fuß geschoben hätte 
die ganze Situation wäre anders gewesen. 
Sie ging nach der Küche, gab in heiterer Laune 
hre Befehle und rauschte dann hell räuspernd nach 
oorn. 
Bald darauf kam auch Lindenberg. Es war die 
Zeit, wo er zur Börse mußte. 
Anna saß mit der Lorgnette lesend auf ihrem 
Klatz am Fenster — sie hörte offenbar gar nicht, daß 
emand durchs Zimmer ging. 
Er zögerte einen Augenblick, als ob er etwas 
agen wollte. Dann ging er weiter — aber an der 
Tür drehte er sich um. 
Schon wollte er zum Sprechen ansetzen ... 
Da sah sie, wie er plötzlich den Kopf schüttelte 
Zeichnung von Fidus. 
l1s Anna Lindenberg am folgenden Vormittag 
den Korridor ihrer Wohnung passierte, hörte 
sie hinter der Tür des kleinen Raumes, der 
derrn Heimann als Bureau eingerichtet war, die auf⸗ 
geregt zankende Stimme ihres Mannes. An sich war 
das nichts Ungewöhnliches, aber da sie trotzdem ihren 
Schritt verlangsamte, war es ihr, als wenn sie den 
Namen Soltau drinnen hörte. Sie blieb horchend stehen. 
Im gleichen Moment verstummte das Gespräch, und 
Lindenbergs Schritt schien sich der Tür zu nähern. 
Geschwind ging sie weiter — in ihr Zimmer — 
und ließ die Tür ein wenig offen stehen. Vorsichts⸗ 
halber hatte sie das Zuklinken markiert, aber gleich— 
zeitig auch wieder geöffnet. Sie blieb lauschend in 
dem Spalt, konnte aber nur erneutes Zanken, keine 
einzelnen Worte verstehen. 
Obgleich es ihr noch zweifelhaft war, ob wirklich 
dort von Soltau die Rede gewesen, fühlte sie sich 
doch beunruhigt. 
Sie war in dieser Zeit so völlig aus allem Konnex 
mit ihrem Mann geraten. .. Kaum, daß er ihr am 
Tage nach jenem unglücklichen Abend die kalt-höfliche 
Milteilung von seinem Briefe an Hermann Soltau 
gemacht hatte. 
„... Ich kann übrigens versichern, daß ich das 
peinliche Schriftstück in äußerster Höflichkeit und 
Schonung gehalten habe.“ 
Und auf diesen Parketton war das Lindenbergsche 
Milieu von da an abgestimmt geblieben. Sogar das 
längst vorbereitete Diner hatte stattgefunden, auf 
dem Lindenberg seinen fürstlichen Gönner entbehren 
mußte, wie Anna ihrerseits den verehrenden Freund 
und man hatte sich die gegenseitige Erbitterung, 
mit Worten wenigstens, nicht fühlen lassen. 
Sie beobachteten sich gegenseitig. 
Anna ihren Gatten nur in Bezug auf seine Stim— 
mung, in der sie immer einen günstigen Wechsel er— 
wartete. Diese lang andauernde Kälte war eigentlich 
gong gegen seine Natur. Er brauchte seine ehelichen 
Schwatzstunden ebenso wie seine ehelichen Zankszenen 
der schwache Moment mußte also endlich doch 
wieder eintreten⸗ 
Die Beobachtung, die Anna dagegen von seiner 
Seite argwohnte, war weit substangiellerer Natur. 
Sie wußte, daß er die Spionage der Diensthoten be— 
soldete. 
Sie mußte sich also „furchtbar“ in acht nehmen. 
Mit Absicht war ihr ganzes Leben jetzt so eingerichtet, 
daß es für ihre Umgebung offen zu Tage lag. Unter 
diesen Umständen hatte sie sogar davor gegittert, daß 
Hermann ihr etwa schreiben würde — so sehr ihr 
ein gänaliches Schweigen auch schmerszlich agewesen 
war. 
Nun hatte sie gestern abend den sorgfältig an— 
gelegten Plan ausgeführt. Lindenberg war zu einem 
derrendiner im Klub gewesen, und eine gefällige 
Freundin war gekommen, sie zu einem Abendspagier⸗ 
gang abznholen. Kaum fünf Viertelstunden war sie 
aus dem Haus gewesen., 
„Also adieul“ 
Die Tür schloß sich hinter ihm. Gleich darauf 
knarrten seine Schritte auf der Treppe. 
Anna klappte das Buch zu und erhob sich. Also 
nochmals ein Aufschub — bis zu einer unauffälligen 
Gelegenheit! Das konnte man ja abwarten. Kom⸗ 
men mußte er ihnen nun auf alle Fälle — ihr und 
Hermann. So oder so. Sie hatten jetzt alle Trümpfe 
in der Hand. 
3* 
Im brüderlichen Heim der Bellevuestraße war 
der Montag ohne irgend welche Erregung verlausen. 
Hermanns seelisches Befinden war auch in der 
Tat weit beruhigter. So sollte es jetzt bleiben. Nur 
nicht daran rütteln, keinerlei Bewegung, damit die 
wunden Stellen möglichst ausheilten und kein Rück— 
fall kam . .. Ein wahrer Schauder überlief ihn, wenn 
er in einem unvorsichtigen Moment an die gestrigen 
Nervenshocks dachte. Wenn man sich so dem Wirbel⸗ 
wind überließ, was konnte da alles geschehen —! 
Dieser Walther mit seinem fürchterlichen Tempe— 
rament! Für ihn mochte dieses besinnungslose Vor— 
värtsstürmen, ohne je wieder zum Ueberschauen und 
Bedenken den Fuß niedersusetzen, ja vielleicht die ge— 
eignete Bewegung sein — für ihn, Hermann, und das 
Berliner Leben war das entschieden falsch. 
Ein Glück, daß er sich heute ebenfalls wieder 
ruhig benahm. Er hatte am Morgen das Haus zur 
zleichen frühen Stunde verlassen wie stets und war 
pünktlich zum Mittagessen wiedergekommen. 
Aber einen etwas veränderten Eindruck machte 
ex dennoch. Nachwehen — sehr begreiflich. Es gärte 
noch in ihm, hatte sich noch nicht wieder gesetzt .. 
Die frische Röte lag nicht wie sonst auf seinen 
Wangen. Und zwei tiefe Falten gruben sich von den 
Nasenflügeln zum Mund, den er oft finster zusammen⸗ 
breßte. Der Junge war eben auch nervös.. 
Kein Gespräch wollte mit ihm in Gang kommen, 
so oft Hermann auch den Versuch dazu machte. Es 
blieb immer bei abgerissenen Fragen und Antworten 
— von Walthers Seite mit einem erzwungenen 
kranken Lächeln. — 
Am Nachmittag war denn auch der gewohnte 
Ausgang unternommen worden. Diesmal nach der 
Stadt. 
Sie hatten beide mancherlei Einkäufe zu besorgen 
Walther blieb immer wie unter einem schweren ODruck. 
dermann war jetzt der Sichere, sogar der Heitere 
hon ihnen, und dieses Bewußtsein gab ihm ermeute 
raft. Er fühlte sich gang stola neben seinem be— 
drückten Bruder. P 
Er nahm jede Gelegenheit wahr, ihn gütig und 
zärtlich zu behandeln — machte ihn auf alles mög— 
liche aufmerksam und fügte mit sachlicher Miene Er— 
klärungen daran. 
Walther nahm diese Bemühungen wie ein Kranker 
hin, dankte mit freundlichem Nicken und durch ein 
Streicheln über Hermanns Arm — zu wirklicher 
Anteilnahme war er nicht zu gewinnen. 
Als sie bei anbrechender Dunkelheit auf dem
	        
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