„Aey, Deputation von dem Verein für —, für
ceine Jünglinge oder dergleichen, die den Beitrag
ieulich bekommen haben. Au, Friedrich, Sie drücken
mir den Knopf in den Fuß.“
Friedrich kniete vor seinem Herrn und knöpfte
in den vblanken spitzen Lackstiefeln.
„Sind denn das bequeme?“
Gewiß, Herr Konsul.“ Er wies auf einen offen⸗
stehenden Schrank, in dem in langen Reihen Stiefel
und Schuhe aller Art, braune, gelbe und schwargze
zum Schnüren und Knöpfen, sämtlich mit blank—
polierten Leisten ausgefüllt, standen.
„Es sind von den Londoner Stiefeln. Herr Konsul
sie schon öfters getragen, müssen doch locker
itzen.“
„Also von den Dortmundern wird heute weiter
abgegeben, Heimann. Aber wie in ?cn letzten Tagen,
nur immer peu à peu, da hundert Stück und da
hundert — keinen Schreckschuß. Wie's anfängt auf den
Kurs zu drücken, gleich stoppen. Verstehen Sie?“
Friedrich hatte indessen andere Türen der wuch—
tigen Mahagouischränke, die ringsherum die Wände
betleideten, geöffnet und breite Schiebefächer hervor
Jegogen, in denen Hosen, Westen und Röcke in tadel—
loser Fältelung aufgestapelt lagen.
Lindenberg war an den Schrankreihen entlang
zegangen und hatte nach ernsthaftem Erwägen die
zrei Teile seines Anzuges,. Hose, Weste und Rock,
ausgewählt.
„Und wie soll's denn mit den Harpener werden,
derr Konsul?“ meldete sich Heimann wieder.
„Auch weiter verkaufen,“ warf Lindenberg über
die Achseln, während er die großgestreifte, graue Hose,
de Friedrich hielt, heraufzog. „Aber alles unauf—
ällig.“
Er stand jetzt vor dem bis zur Erde reichenden
Kristallspiegel des Mittelschrankes und schlang sich die
breiten Enden der Krawatte. Friedrich präsentierte
ein Samtetui mit Busennadeln, aus denen Linden—
berg eine große graue Perle auswählte und vorsteckte
„Nur keine Dummheiten jetzt, Heimann, daß die
Montanfritzen nicht vor Ultimo flau werden! Wir
haben erst den Siebzehnten. Ich bin übrigens um
in Uhr selbst auf der Börse.“
Die Toilette war beendet. Lindenberg steckte zwei
Batisttücher, auf die der Diener Parfüm getröpfelt
hatte, zu sich, griff dann nach Portemonngie, der
zoldenen Zigarettendose, der Brieftasche und Taschen
uüͤhr und befestigte schließlich eine Kette. an der
Streichholzbüchschen, Bleistift, Notigtafel, Kassen
schlüssel und anderes Gerät klirrte, an der Hosen—
tasche. Er überbürstete noch einmal Bart und Haar,
trat an den massiven englischen Waschtisch, wo Fried⸗
cich den Warmwasserhahn geöffnet hatte, tauchte die
Fiugerspitzen ein und trocknete ste an dem dargereichten
dandtuch ...
„Nun führen Sie die Herren ins Arbeitszimmer,
Friedrich. Apropos, Heimann ....“
Lindenberg schwieg einen Moment und horchte
dem Diener nach.
„Also, Heimann — wenn Sie zur Börse fahren,
dann halten Sie doch bei Schmidt Unter den Linden.
Er soll mir so 'n Blumendings machen, wie neulich,
o ne große Stellage mit Korb, aber gute Sachen,
ißchen apart. Kann hundert Mark kosten, kann auch
undertzwanzig kosten — heute abend in den Winter—
jarten für die Valentine Lefort. Da ist der Brief
zagzu ... So, nun kommen Sie mit 'rüber zu dem
Feierakt, als Adjutant.“
Er schritt elastisch den Korridor hinab, wo ihm
Friedrich entgegentrat.
„Die Herren sind in der Bibliothek.“
Sie durchschritten den mit einem schweren
Smyyrnateppich belegten Salon, an dessen Wänden le—
ensgroße Familienbilder in breiten Goldrahmen
jingen. Der Diener hob eine Portiere zur Seite und
ieß die Herren in den von Lindenberg als Arbeits—
zimmer bezeichneten Raum eintreten.
Fünf Männer, sämtlich in Frack und weißer
Krawatte, den Zylinder in der Hand, wandten sich
den Eintretenden zu. Sie hatten bis dahin in ehr⸗
ürchtiger Bewunderung die gewaltigen Flächen le—
derner Bücherrücken, die in hohen eichenen Regalen alle
Wände bedeckten, die Kupferstiche und Bronzebüsten in
Ecken und Nischen betrachtet.
Mit einem verbindlichen Lächeln und einem flott⸗
ovialen „Guten Morgen, meine Herren!“, begrüßte
Uindenberg die Deputation und trat an den die Mitte
des Zimmers einnehmenden Diplomatenschreibtisch.
„Guten Morgen, Herr Konsul! Habe die Ehre,
juten Morgen zu wünschen ...!“
Der Vereinspräses, ein großer, beleibter Mann,
cat vor und machte die Vorsiellung.
⸗Herx Brauereibesitzer Wilhelm. Herr Fabrikant
ziegler, Herr Rentier Sondermann . . Mein Name
it Ihnen wohl bekannt?“
„Gewiß, gewiß —“
„Stadtrat Halms.“
„Stadtrat Halms. Gewiß, Herr Stadtrat!“
„Halms.“
„Halms — natürlich Halms!“
Die Männer standen geniert in einer Reihe. Einer
»on ihnen hielt eine Ledermappe mit gepreßten Em—
hlemen, aus der eine pergamentene Urkunde herbor—
jugte, in den großen, weißbehandschuhten Händen.
Lindenberg half gewandt, aus der Verlegenheit.
„Ich muß z3unächst um Entschuldigung bitfen, daß
Zerliner Mustririe Zeitung
Linladung zum Ahonnemoént.
Man abonniert auf die „Berlint
Ilustrirte Zeitung*“ für April, Mai
Juni zum Preise von 1,30 Mk. beim Post
amt, oder für 10 Pf. wöchentlieh (sfr⸗
ins Haus) bei einer Buchhandlung oder
einem Spediteur.
Expedition Berlin SW., Kochstr. 283/24.
ich die Herren habe warten lassen, aber Geschäfte von
so dringendem Charaktter — nicht wahr, Heimann?
— Herr Jaques Heimann, mein Prokurist.“
„Sehr angenehm .... Sehr erfreut ...“
„Ja, man findet ja wirklich kaum noch die Zeit
zum Schlafen und Essen —. also nochmals Pardon.“
„O bitte, bitte . .. Bitte, bitte sehr!“
„In so interessanten Räumen, da läßt man sich
zang gern ein bißchen aufhalten,“ meinte der Präses.
Lindenberg zuckte bescheiden die Achseln.
„Mein Arbeitszimmer, mein Allerheiligstes — wo
man sich in einer stillen Stunde mal in was Höheres
hertieft, leider nur zu selten ... Nun, womit darf
ich den Herren dienen?“
(Fortsetzung folgt.)
kinder der Finsternis.
Roman von Anton von Perfall.
19. Forts. u. Schluß. — — Nachdruck verboten.
ie beiden Freunde schritten der Kramergasse zu.
Johannes mußte Soran den Vorfall mit
Ferrol erzählen. Er konnte sich selbst nicht
mehr Rechenschaft geben über seine Haud
ungsweise, so ausgelöscht erschien alles ir
hm. Er erinnerte sich wohl, von einer plötz—
ichen Furcht befallen worden zu sein, an einen
ätlichen Angriff Ferrols geglaubt zu haben, anderer—
eits aber war er mißtrauisch gegen sich selbst, — ob
hn nicht der Haß, der Widerwille, — Schlimmeres
elleicht, — den Sinn verwirrt und Dinge vorge—
piegelt, die nicht waren. „Nun, Rat Möller, wird
jewiß nicht versaäumen, Licht in die Sache zu bringen.
— Ich bin auf alles gefaßt!“
Soran teilte seine Befürchtung nicht. „Du hast
aicht Zeit gehabt ihn zu beobachten. Du irrst dich
n ihm. Er wird sich ganz anders zeigen, als du
rwartest.“
Johannes lächelte nur über die Beruhigungs—
ersuche Sorans nach allen Seiten.
Sie betraten die Kramergasse. Johannes fiel so—
ort eine gewisse Erregung auf, die das Erscheinen
weier unbekannter Herren sichtlich noch vermehrte.
Mißtrauische Blicke ktrafen sie, — man steckte die
töpfe zusammen.
Als sie sich aber der Nummer 14 näherten, fanden
sie den engen Durchgang von einer Menschenmenge
örmlich verstopft.
Es herrschte eine auffallende, fast feierliche Stille,
die bei solchen Volksansammlnugen und solchen An—
ässen nicht üblich ist.
Die Leute murrten über das rücksichtslose Vor—
rängen der beiden gegen den Eingang des Hauses.
vin Foligijt trat hinzu und drängte Johannes rauh
urück.
ESchämen's Sie sich! Wenn a Tote im Haus!“
jörte er neben sich eine Frauenstimme.
Da stieß Johannes den Polizisten gewaltsam zu—
ück. Ein förmlicher Auflauf entstand. Er war nahe
aran, verhaftet zu werden. Vergebens legte sich
zoran in das Mittel.
dn diesem Augenblicke trat ein Mann aus dem
ause.
„Lassen Sie den Herrn durch!“ befahl er dem er—
taunten Polizisten.
Johaunnes erblickte den Polizeirat Möller vor sich.
„Folgen Sie mir, meine Herren!“
Die drei betralen das Haus, von Schimpfworten
aus der Menge verfolgt.
Johannes sah sich in dem Gewölbe, in dem er
eine Mutter gefunden, — nur der gelbe Stern fehlte
m Hintergrunde, — schwarze Finsternis — — Der
Rat entzündete ein Licht. „Folgen Sie mir!“
Johannes wußte, was ihn erwartete. — Er folgte
nit Soran, zwischen den krausen Dingen, die rings
imher lagen und hingen, von dem Lichtschein phan—
astisch beleuchtet.
Dor Lehnstuhl stand auf demselben Platz, — leer
Nr. 16
Johannes hielt einen Augenblick. — Aus der tiefe
Grube in dem Kissen, die das Haupt gedrückt, kauert
die Qual einer ringenden Seele und glotzte ihn ap
mit tieftraurigem Blick.
„Hier war's!“ flüsterte er zu Soran, „du komm'
zu spät!“
Der Mann mit dem Lichte bog nach rechts un
blieb vor einer Holgztür stehen. Sein Gesicht hatt
den brutalen Ausdruck völlig verloren, nur ein tiefe
Ernst lag darauf.
„Herr Ohnesorg, da drinnen liegt Frau Ferro
Sie war schon gestorben, als der Elende zu Ihne
tam. Ich lasse Sie allein.“ Er zog sich zurück.
Johannes legte die Hand auf den Drücker de
kdüre, zögerte einen Augenblick, dann öffnete er.
Es war ein enger Raum, angefüllt mit demselbe
Berümpel, das wohl alle Winkel des Hauses füllte
Auf einem Stuhl stand ein Unschlittlicht mit herab
gebranntem Dochte und streute sein spärliches Lich
iber Frau Sanne. Auf dem ungepflegten Lager mi
den zerrissenen Kissen, aus denen die Federn quollen
nit einem schäbigen Pelzmantel bedeckt, der in seine
erblichenen Vornehmheit seine Herkunft aus den
Bewölbe verriet, das graue Haar verwirrt, glich si
elbst einem zerschellten Stück Leben, angeschwemm
m Gewölbe der Kramergasse!
Und doch ging ein Glanz von ihm aus, der nich
von der Unschlittkerze stammte auf dem Stuhle, das
var das Antlitz, das hervorleuchtete aus dem düster—
dram.
Lange blickte Johannes schweigend auf die Tote, —
dann sank er plötzlich auf die Kniee, barg fein Haup—
in dem schäbigen Pelz und küßte die kalte, faltige
Hand. „Mutter!“
„Kannst du dich der Worte deiner Frau erinnern
ieulich, vor dem Denkmal?“ sagte plötzlich Soran
„Wissen wir doch nicht, wie viel am Kleide haftet, wie
viel an dem, was es bekleidet. Hier haftet viel am
Kleidel“
Johannes packten die Worte. „Nicht wahr, di
siehst es durchleuchten, Soran? Sieh' nur! — Sieb
nur!“ Er strich mit seiner Hand über die kalte Stirn
der Toten und betrachtete sie mit einem Blick zärt
licher Liebe. „Oh, wenn sie jetzt da wäre! Wen
sie mit ihren klaren Augen sähel Soran, — ich
ich hoffte noch!“
„Hoffe auch so! Und jetzt komm'! Lasse da
ßleid!“
Johannes ergriff ein bitteres Weh beim Scheiden
mmer sah er die Lippen sich bewegen „Mein kleine
Bini!“ Noch einmal drückte er die Hand, auf die ge
chlossenen Augen, — — dann folgte er dem Freund
Der Rat stand draußen und wartete.
„Ich danke Ihnen!“ sagte Johannes. „Sie ware
mir das nicht schuldig.“
„Doch, ich würde es sonst nicht getan haben. De
Redlichste vergreift sich!“ Es zuckte verdächtig in dem
Besichte des Rates. „Ferrol ist morgen auf freiem
Fuß, er wird Sie nicht mehr belästigen, — ich sorg
dafür.“
Soran drückte ihm schweigend die Hand.
„Bitte, meine Herren, machen Sie den Weg durch
den Gang links, Sie kommen dann durch den Hof in's
Freie,“ mahnte der Rat. „Es wird besser sein.“
—DD0
Fohannes erst wieder zur vollen Erkenntnis seine
age.
„Und da sprichst du noch von Hoffnung?“ endet⸗
er eine Fülle von Setgnegrm
—„Tue ich auch! Es handelt sich in solchen schwie
rigen Lagen nur um das rechte Zauberwort oder der
echten Wunderplatz. — Dann ist alles möglich.“
„Zauberwort!“ Johannes lächelte trübe. „Wenn
ich es nicht selbst entzaubert durch meine falschen
-„chwüre und Lügen, — ich wüßte schon eines!“
„Nun, dann versuch's mit dem Orte,“ erwiderte
Soran. „Auch schon entweiht? — Dann allerdings!
Doch das könnte nur gestern gewesen sein —“
„Wie meinst du das — gestern?“
„Weil ihr vorgestern abend den Ort erst richtig
eingeweiht habt, noch dazu gerade zu dem Zweck —
Johannes faßte in seiner Erregung den Arm
des Freundes. „Das Denkmal Cassans! Und du
glaubst? — Du wagst es zu glauben?“
„Ich wage zu glauben, daß man mit solchen
ernsten Dingen keinen Scherz treibt, von deiner Frau
venigstens wage ich es zu glauben.“
Ja, das ist wahr. Aber das war doch anders
zemeint, — „wenn ich dir böse bin“, — und sie lachte
vie sie das sagte. „Böse“, wie unschuldig das klingt!
Ind dann, wenn es wirklich — Ich nehme nur an,
— — Wie sollten wir uns dort treffen? — Siehst du
wie hinfällig dein Rat.“
„Nun, das käme doch nur auf deine Ausdauer
anl Sie kann ja auf denselben Gedanken kommen!
Liegt das so ferne?“
Johannes schämte sich der raschen Hoffnung, die
in ihm sich regte. Es war nur die erste Empfindung—
ebenso rasch befiel ihn die alte Mutlosigkeit.
In der Nähe der Mandelgasse angekommen, bat
er Soran die Nacht bei ihm im Cassanhause zuzu
bringen.
Dieser schlug die Einladung rund ab, ohne einen
stichhaltigen Grund dafür anzügeben.
Johannes drang nicht laͤnger in ihn. Soran
hatte am Ende recht, es kam ihm nicht mehr zu, dort
GBastfreundschaft zu üben.