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Volume Nr. 16

Full text: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1903, XII. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

„Aey, Deputation von dem Verein für —, für 
ceine Jünglinge oder dergleichen, die den Beitrag 
ieulich bekommen haben. Au, Friedrich, Sie drücken 
mir den Knopf in den Fuß.“ 
Friedrich kniete vor seinem Herrn und knöpfte 
in den vblanken spitzen Lackstiefeln. 
„Sind denn das bequeme?“ 
Gewiß, Herr Konsul.“ Er wies auf einen offen⸗ 
stehenden Schrank, in dem in langen Reihen Stiefel 
und Schuhe aller Art, braune, gelbe und schwargze 
zum Schnüren und Knöpfen, sämtlich mit blank— 
polierten Leisten ausgefüllt, standen. 
„Es sind von den Londoner Stiefeln. Herr Konsul 
sie schon öfters getragen, müssen doch locker 
itzen.“ 
„Also von den Dortmundern wird heute weiter 
abgegeben, Heimann. Aber wie in ?cn letzten Tagen, 
nur immer peu à peu, da hundert Stück und da 
hundert — keinen Schreckschuß. Wie's anfängt auf den 
Kurs zu drücken, gleich stoppen. Verstehen Sie?“ 
Friedrich hatte indessen andere Türen der wuch— 
tigen Mahagouischränke, die ringsherum die Wände 
betleideten, geöffnet und breite Schiebefächer hervor 
Jegogen, in denen Hosen, Westen und Röcke in tadel— 
loser Fältelung aufgestapelt lagen. 
Lindenberg war an den Schrankreihen entlang 
zegangen und hatte nach ernsthaftem Erwägen die 
zrei Teile seines Anzuges,. Hose, Weste und Rock, 
ausgewählt. 
„Und wie soll's denn mit den Harpener werden, 
derr Konsul?“ meldete sich Heimann wieder. 
„Auch weiter verkaufen,“ warf Lindenberg über 
die Achseln, während er die großgestreifte, graue Hose, 
de Friedrich hielt, heraufzog. „Aber alles unauf— 
ällig.“ 
Er stand jetzt vor dem bis zur Erde reichenden 
Kristallspiegel des Mittelschrankes und schlang sich die 
breiten Enden der Krawatte. Friedrich präsentierte 
ein Samtetui mit Busennadeln, aus denen Linden— 
berg eine große graue Perle auswählte und vorsteckte 
„Nur keine Dummheiten jetzt, Heimann, daß die 
Montanfritzen nicht vor Ultimo flau werden! Wir 
haben erst den Siebzehnten. Ich bin übrigens um 
in Uhr selbst auf der Börse.“ 
Die Toilette war beendet. Lindenberg steckte zwei 
Batisttücher, auf die der Diener Parfüm getröpfelt 
hatte, zu sich, griff dann nach Portemonngie, der 
zoldenen Zigarettendose, der Brieftasche und Taschen 
uüͤhr und befestigte schließlich eine Kette. an der 
Streichholzbüchschen, Bleistift, Notigtafel, Kassen 
schlüssel und anderes Gerät klirrte, an der Hosen— 
tasche. Er überbürstete noch einmal Bart und Haar, 
trat an den massiven englischen Waschtisch, wo Fried⸗ 
cich den Warmwasserhahn geöffnet hatte, tauchte die 
Fiugerspitzen ein und trocknete ste an dem dargereichten 
dandtuch ... 
„Nun führen Sie die Herren ins Arbeitszimmer, 
Friedrich. Apropos, Heimann ....“ 
Lindenberg schwieg einen Moment und horchte 
dem Diener nach. 
„Also, Heimann — wenn Sie zur Börse fahren, 
dann halten Sie doch bei Schmidt Unter den Linden. 
Er soll mir so 'n Blumendings machen, wie neulich, 
o ne große Stellage mit Korb, aber gute Sachen, 
ißchen apart. Kann hundert Mark kosten, kann auch 
undertzwanzig kosten — heute abend in den Winter— 
jarten für die Valentine Lefort. Da ist der Brief 
zagzu ... So, nun kommen Sie mit 'rüber zu dem 
Feierakt, als Adjutant.“ 
Er schritt elastisch den Korridor hinab, wo ihm 
Friedrich entgegentrat. 
„Die Herren sind in der Bibliothek.“ 
Sie durchschritten den mit einem schweren 
Smyyrnateppich belegten Salon, an dessen Wänden le— 
ensgroße Familienbilder in breiten Goldrahmen 
jingen. Der Diener hob eine Portiere zur Seite und 
ieß die Herren in den von Lindenberg als Arbeits— 
zimmer bezeichneten Raum eintreten. 
Fünf Männer, sämtlich in Frack und weißer 
Krawatte, den Zylinder in der Hand, wandten sich 
den Eintretenden zu. Sie hatten bis dahin in ehr⸗ 
ürchtiger Bewunderung die gewaltigen Flächen le— 
derner Bücherrücken, die in hohen eichenen Regalen alle 
Wände bedeckten, die Kupferstiche und Bronzebüsten in 
Ecken und Nischen betrachtet. 
Mit einem verbindlichen Lächeln und einem flott⸗ 
ovialen „Guten Morgen, meine Herren!“, begrüßte 
Uindenberg die Deputation und trat an den die Mitte 
des Zimmers einnehmenden Diplomatenschreibtisch. 
„Guten Morgen, Herr Konsul! Habe die Ehre, 
juten Morgen zu wünschen ...!“ 
Der Vereinspräses, ein großer, beleibter Mann, 
cat vor und machte die Vorsiellung. 
⸗Herx Brauereibesitzer Wilhelm. Herr Fabrikant 
ziegler, Herr Rentier Sondermann . . Mein Name 
it Ihnen wohl bekannt?“ 
„Gewiß, gewiß —“ 
„Stadtrat Halms.“ 
„Stadtrat Halms. Gewiß, Herr Stadtrat!“ 
„Halms.“ 
„Halms — natürlich Halms!“ 
Die Männer standen geniert in einer Reihe. Einer 
»on ihnen hielt eine Ledermappe mit gepreßten Em— 
hlemen, aus der eine pergamentene Urkunde herbor— 
jugte, in den großen, weißbehandschuhten Händen. 
Lindenberg half gewandt, aus der Verlegenheit. 
„Ich muß z3unächst um Entschuldigung bitfen, daß 
Zerliner Mustririe Zeitung 
Linladung zum Ahonnemoént. 
Man abonniert auf die „Berlint 
Ilustrirte Zeitung*“ für April, Mai 
Juni zum Preise von 1,30 Mk. beim Post 
amt, oder für 10 Pf. wöchentlieh (sfr⸗ 
ins Haus) bei einer Buchhandlung oder 
einem Spediteur. 
Expedition Berlin SW., Kochstr. 283/24. 
ich die Herren habe warten lassen, aber Geschäfte von 
so dringendem Charaktter — nicht wahr, Heimann? 
— Herr Jaques Heimann, mein Prokurist.“ 
„Sehr angenehm .... Sehr erfreut ...“ 
„Ja, man findet ja wirklich kaum noch die Zeit 
zum Schlafen und Essen —. also nochmals Pardon.“ 
„O bitte, bitte . .. Bitte, bitte sehr!“ 
„In so interessanten Räumen, da läßt man sich 
zang gern ein bißchen aufhalten,“ meinte der Präses. 
Lindenberg zuckte bescheiden die Achseln. 
„Mein Arbeitszimmer, mein Allerheiligstes — wo 
man sich in einer stillen Stunde mal in was Höheres 
hertieft, leider nur zu selten ... Nun, womit darf 
ich den Herren dienen?“ 
(Fortsetzung folgt.) 
kinder der Finsternis. 
Roman von Anton von Perfall. 
19. Forts. u. Schluß. — — Nachdruck verboten. 
ie beiden Freunde schritten der Kramergasse zu. 
Johannes mußte Soran den Vorfall mit 
Ferrol erzählen. Er konnte sich selbst nicht 
mehr Rechenschaft geben über seine Haud 
ungsweise, so ausgelöscht erschien alles ir 
hm. Er erinnerte sich wohl, von einer plötz— 
ichen Furcht befallen worden zu sein, an einen 
ätlichen Angriff Ferrols geglaubt zu haben, anderer— 
eits aber war er mißtrauisch gegen sich selbst, — ob 
hn nicht der Haß, der Widerwille, — Schlimmeres 
elleicht, — den Sinn verwirrt und Dinge vorge— 
piegelt, die nicht waren. „Nun, Rat Möller, wird 
jewiß nicht versaäumen, Licht in die Sache zu bringen. 
— Ich bin auf alles gefaßt!“ 
Soran teilte seine Befürchtung nicht. „Du hast 
aicht Zeit gehabt ihn zu beobachten. Du irrst dich 
n ihm. Er wird sich ganz anders zeigen, als du 
rwartest.“ 
Johannes lächelte nur über die Beruhigungs— 
ersuche Sorans nach allen Seiten. 
Sie betraten die Kramergasse. Johannes fiel so— 
ort eine gewisse Erregung auf, die das Erscheinen 
weier unbekannter Herren sichtlich noch vermehrte. 
Mißtrauische Blicke ktrafen sie, — man steckte die 
töpfe zusammen. 
Als sie sich aber der Nummer 14 näherten, fanden 
sie den engen Durchgang von einer Menschenmenge 
örmlich verstopft. 
Es herrschte eine auffallende, fast feierliche Stille, 
die bei solchen Volksansammlnugen und solchen An— 
ässen nicht üblich ist. 
Die Leute murrten über das rücksichtslose Vor— 
rängen der beiden gegen den Eingang des Hauses. 
vin Foligijt trat hinzu und drängte Johannes rauh 
urück. 
ESchämen's Sie sich! Wenn a Tote im Haus!“ 
jörte er neben sich eine Frauenstimme. 
Da stieß Johannes den Polizisten gewaltsam zu— 
ück. Ein förmlicher Auflauf entstand. Er war nahe 
aran, verhaftet zu werden. Vergebens legte sich 
zoran in das Mittel. 
dn diesem Augenblicke trat ein Mann aus dem 
ause. 
„Lassen Sie den Herrn durch!“ befahl er dem er— 
taunten Polizisten. 
Johaunnes erblickte den Polizeirat Möller vor sich. 
„Folgen Sie mir, meine Herren!“ 
Die drei betralen das Haus, von Schimpfworten 
aus der Menge verfolgt. 
Johannes sah sich in dem Gewölbe, in dem er 
eine Mutter gefunden, — nur der gelbe Stern fehlte 
m Hintergrunde, — schwarze Finsternis — — Der 
Rat entzündete ein Licht. „Folgen Sie mir!“ 
Johannes wußte, was ihn erwartete. — Er folgte 
nit Soran, zwischen den krausen Dingen, die rings 
imher lagen und hingen, von dem Lichtschein phan— 
astisch beleuchtet. 
Dor Lehnstuhl stand auf demselben Platz, — leer 
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Johannes hielt einen Augenblick. — Aus der tiefe 
Grube in dem Kissen, die das Haupt gedrückt, kauert 
die Qual einer ringenden Seele und glotzte ihn ap 
mit tieftraurigem Blick. 
„Hier war's!“ flüsterte er zu Soran, „du komm' 
zu spät!“ 
Der Mann mit dem Lichte bog nach rechts un 
blieb vor einer Holgztür stehen. Sein Gesicht hatt 
den brutalen Ausdruck völlig verloren, nur ein tiefe 
Ernst lag darauf. 
„Herr Ohnesorg, da drinnen liegt Frau Ferro 
Sie war schon gestorben, als der Elende zu Ihne 
tam. Ich lasse Sie allein.“ Er zog sich zurück. 
Johannes legte die Hand auf den Drücker de 
kdüre, zögerte einen Augenblick, dann öffnete er. 
Es war ein enger Raum, angefüllt mit demselbe 
Berümpel, das wohl alle Winkel des Hauses füllte 
Auf einem Stuhl stand ein Unschlittlicht mit herab 
gebranntem Dochte und streute sein spärliches Lich 
iber Frau Sanne. Auf dem ungepflegten Lager mi 
den zerrissenen Kissen, aus denen die Federn quollen 
nit einem schäbigen Pelzmantel bedeckt, der in seine 
erblichenen Vornehmheit seine Herkunft aus den 
Bewölbe verriet, das graue Haar verwirrt, glich si 
elbst einem zerschellten Stück Leben, angeschwemm 
m Gewölbe der Kramergasse! 
Und doch ging ein Glanz von ihm aus, der nich 
von der Unschlittkerze stammte auf dem Stuhle, das 
var das Antlitz, das hervorleuchtete aus dem düster— 
dram. 
Lange blickte Johannes schweigend auf die Tote, — 
dann sank er plötzlich auf die Kniee, barg fein Haup— 
in dem schäbigen Pelz und küßte die kalte, faltige 
Hand. „Mutter!“ 
„Kannst du dich der Worte deiner Frau erinnern 
ieulich, vor dem Denkmal?“ sagte plötzlich Soran 
„Wissen wir doch nicht, wie viel am Kleide haftet, wie 
viel an dem, was es bekleidet. Hier haftet viel am 
Kleidel“ 
Johannes packten die Worte. „Nicht wahr, di 
siehst es durchleuchten, Soran? Sieh' nur! — Sieb 
nur!“ Er strich mit seiner Hand über die kalte Stirn 
der Toten und betrachtete sie mit einem Blick zärt 
licher Liebe. „Oh, wenn sie jetzt da wäre! Wen 
sie mit ihren klaren Augen sähel Soran, — ich 
ich hoffte noch!“ 
„Hoffe auch so! Und jetzt komm'! Lasse da 
ßleid!“ 
Johannes ergriff ein bitteres Weh beim Scheiden 
mmer sah er die Lippen sich bewegen „Mein kleine 
Bini!“ Noch einmal drückte er die Hand, auf die ge 
chlossenen Augen, — — dann folgte er dem Freund 
Der Rat stand draußen und wartete. 
„Ich danke Ihnen!“ sagte Johannes. „Sie ware 
mir das nicht schuldig.“ 
„Doch, ich würde es sonst nicht getan haben. De 
Redlichste vergreift sich!“ Es zuckte verdächtig in dem 
Besichte des Rates. „Ferrol ist morgen auf freiem 
Fuß, er wird Sie nicht mehr belästigen, — ich sorg 
dafür.“ 
Soran drückte ihm schweigend die Hand. 
„Bitte, meine Herren, machen Sie den Weg durch 
den Gang links, Sie kommen dann durch den Hof in's 
Freie,“ mahnte der Rat. „Es wird besser sein.“ 
—DD0 
Fohannes erst wieder zur vollen Erkenntnis seine 
age. 
„Und da sprichst du noch von Hoffnung?“ endet⸗ 
er eine Fülle von Setgnegrm 
—„Tue ich auch! Es handelt sich in solchen schwie 
rigen Lagen nur um das rechte Zauberwort oder der 
echten Wunderplatz. — Dann ist alles möglich.“ 
„Zauberwort!“ Johannes lächelte trübe. „Wenn 
ich es nicht selbst entzaubert durch meine falschen 
-„chwüre und Lügen, — ich wüßte schon eines!“ 
„Nun, dann versuch's mit dem Orte,“ erwiderte 
Soran. „Auch schon entweiht? — Dann allerdings! 
Doch das könnte nur gestern gewesen sein —“ 
„Wie meinst du das — gestern?“ 
„Weil ihr vorgestern abend den Ort erst richtig 
eingeweiht habt, noch dazu gerade zu dem Zweck — 
Johannes faßte in seiner Erregung den Arm 
des Freundes. „Das Denkmal Cassans! Und du 
glaubst? — Du wagst es zu glauben?“ 
„Ich wage zu glauben, daß man mit solchen 
ernsten Dingen keinen Scherz treibt, von deiner Frau 
venigstens wage ich es zu glauben.“ 
Ja, das ist wahr. Aber das war doch anders 
zemeint, — „wenn ich dir böse bin“, — und sie lachte 
vie sie das sagte. „Böse“, wie unschuldig das klingt! 
Ind dann, wenn es wirklich — Ich nehme nur an, 
— — Wie sollten wir uns dort treffen? — Siehst du 
wie hinfällig dein Rat.“ 
„Nun, das käme doch nur auf deine Ausdauer 
anl Sie kann ja auf denselben Gedanken kommen! 
Liegt das so ferne?“ 
Johannes schämte sich der raschen Hoffnung, die 
in ihm sich regte. Es war nur die erste Empfindung— 
ebenso rasch befiel ihn die alte Mutlosigkeit. 
In der Nähe der Mandelgasse angekommen, bat 
er Soran die Nacht bei ihm im Cassanhause zuzu 
bringen. 
Dieser schlug die Einladung rund ab, ohne einen 
stichhaltigen Grund dafür anzügeben. 
Johannes drang nicht laͤnger in ihn. Soran 
hatte am Ende recht, es kam ihm nicht mehr zu, dort 
GBastfreundschaft zu üben.
	        
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