er. G. Berliner Illustrirte Zeitung. Beiblatt.
XRHX
—1901.
18
—V
ROMANC)CGCOECSTCR.
(3. Fortsetzung.) Nachdruck⸗verboten.
Sechtes Kapitel. —
aieh Mune teure Isa, wie freue ich mich, Sie wieder—
Mit diesen im herzlichen Tone gesprochenen
Wortien eilte der zunge Stabsarzt Dx. Erich Ränne⸗
erg mit ausgestreckten Händen auf Isa zu, die ihn
wartend in dem Salon ihrer Schwester stand. Sie
egte auch ihre Hände in die seinigen und sprach ein
rundliches. „Willkommen, Erich ...“ 'als er sie
der an fich ziehen wollte, da wehrte sie ihn und wich
ccheu von ihm zurück. J
vBVerzeihen Sie Isa,“ sprach er, noch, immer
reundlich und arglos lächelnd, „wenn ich etwas zu
fürmisch wax. Wir sind ja,noch nicht offiziell ver⸗
vt. Aher, bald hat es ein Ende, meine liebe Isa —
zald — bald — und wenn du — wenn Sie mir er—
auben, danu spreche ich noch heute mit deinem —
Fhrem Schwagex und Ihrer Schwester. Leider sind
je ja augenblicklich nicht daheim, wie der Diener mir
agie. Um so freundlicher von dir T, von Ihnen, daß
Sie mich trotzdem empfangen. Ach, Isa, dieses
seife Sie will mir nicht mehr über die, Lippen!“
Ein warmes Gefühl stieg jetzt doch in
hrem 38 empor; sie reichte ihm mit, herz⸗
scher Geberde die Hand und sagte freundlich:
Renue mich nur du, Erich .“
Isa ausend, Dank für dieses Wort“
— und er küßte zärtlich ihre Hand dann zog
r sie mit sanfter Gewalt in die Arme und
uͤßte ihre zuckenden Lippen.
„Jetzt habe ich doch ein Recht dazu,“
flüsterte er leidenschaftlich.
Isa lag mit geschlossenen Augen in seinem
Armund 'duldele seinen Kuß. Aber wenn
mich unter der innigen, warmen Berührung
eines Mundes in ihrem Herzen ein seliges
Hlücksgefühl erwachen zu wollen schien, im
mchsten Augenblick ward es durch die herbeu—
itteren Gedanken ertötet, welche ihre Seele
urchflutelen. Hastig, wie, erschreckt entzog
ie sich feiner Vebkosung, in der ihr etwas
demutigendes, Schmachvolles zu liegen schien.
Diese Vebkofungen waren die Fesseln, welche
ie Menschen zu Sklaven ihrer Sinne, die
Frau aber zur Sklavin des Mannes machten.
Sie aber wollte nicht Sklavin sein —
weder ihrer Sinne, noch des Mannes, den sie
jebte. Ein Widerwillen fast gegen seine
Acbtosungen schlich sich in ihr Herz und
jeftig stieß sie seine Hand zurück.
Isa — was ist dir?“ fragte er erstaunt,
aber ohne Empfindlichkeit—
Eilu herber, strenger Zug machte sich auf
hrem Gesicht geltend.
Laß nur,“ entgegnete sie. „Setze dich
— blite — ich freue mich, dich wiederzusehen
— noch mehr freue ich mich, daß dein
Streben“ so bald Anerkennung gefunden
dat — . .“
Sie nahm auf einem Sessel Platz und
vies auf einen anderen, auf den er, jetzt
mmer aufmerksamer werdend, sich niederließ,
Eine kleine Pause trat ein, in der er sie forschend
iblickte.
Du siehst nicht mehr so frische und wohl aus,
iebe“ Isa,“ sagte er dann. „Hoffentlich fehlt dir
aichts?*
„Nein — ich fühle mich ganz wohl .5. .*
Ich glaube, dir fehlt es an frischer Luft und ge—
under Bewegung im Freien. Verzeih, wenn ich aͤls
Arzt spreche — du mußt jeden Tag ein bis zwei
Stunden spazierengehen . .“
Sie lächelte.
Dazu habe ich keine Zeit.“
Keine Zeit?“ — Hast du hier im Haufe so viel
u thun?“
„Richt hier — aber in meinem Atelier.“
dich richtig — du schriebest mir ja, daß du dir
ain fleines Aesser gemietet Das war ein vernünftiger
Sedanke! — Ich bin sehr gespannt, deine Arbeiten zu
sehen. Aber das kann dich doch nicht abhalten, in die
rische Luft zu gehen?“
Wenn man aber arbeiten muß?“
„Muß?!“
Ja, um Geld, zu verdienen.“
Eine Weile sah er sie fassungslos an. Dany
achte er auf: „Aber, liebste Isa, du brauchst doch
icht um Geld zu arbeiten? du lebst doch im Hause
einer Schwester ....“
Ich bitte .. wenn ich auch nicht zu verdienen
rauché, so will ich doch verdienen, um selbstständig
u werden.“
Seine Züge wurden ernst. „Ich glaube dich zu
erstehen,“ entgegnete er. „Es ist dir peinlich, von
einen Verwandten abhängig zu sein — ich verstehe
as vollkommen. Angenehm ist ja eine solche Ab—
angigkeit nicht. Aber, meine teure Isa,“ fuhr er mit
harmer Zärtlichkeit fort, indenn er ihre leicht wider—
rebende Hand ergriff, „diese Abhängigkeit ist, ja bald
odrüber — ich schrieb dir ja schon, daß ich im stande
imn, dir eine sorgenlose, behagliche Häuslichkeit zu
en — Isa, es steht unserem Glück nichts mehr im
ege — —
* 2
Sehnsuchr.
Von Detler von Liliencron.
sch ging den Weg entlaug, der einsam
den stets allein ich gehe jeden Tag.“
DieHaide schweigt, das Feld ift menschenleer.
Der Wind nur webt im Knickbusch um mich her
Weit liegt vor mir die Straße ausgedehnt.
Es hat mein Herz nur dich, nur dich ersehnt
Und kämest du, ein Wunder wärs für mich,
Ich neigte mich vor dir: ich liebe dich.
ind im Begegnen, nur ein einziger Blick,
Des ganzen Lebens wär es mein Geschick
Ind richtest du dein Auge kalt auf min,
Ich trotze, Mädchen, dir: ich liebe dich.
Doch wenn dein schönes Auge grüßt und iach
Wie eine Sonne mir in schwerer Nacht,
Ich zöge rasch dein süßes Herz an mich
nd flüstre leise dir: ich liebe dich.
(Cilienerons „Iusgewäblte Gedichte“.
»zrlag von Schuüster & Cöffler-Berlin-CLeipzio
Site wandte sich ab. Seine Stimme besaß einen
o warmen, aufrichtigen, zärtlichen Klang, der ihr tief
us Herz drang. Sie druͤckte sanft seine Hand, dann
iber sagte sie:
Ich danke dir für deine Liebe und Sorge, Erich
— aber das würde ja nur eine Abhängigkeit mit der
inderen vertauschen heißen...“
„Isa?!“
Zassungsslos, erstaunt blickte er sie an, ihre Hand
reigebend.
Wie hatte sich dieses Mädchen in dem kurzen Zeit—
aume von einigen Monaten verändert?“ Aus dem
roͤhlichen, frischen, harmlosen Kinde, mit dem ver—
rauenden Herzen war ein ernstes, grübelndes Mädchen
eworden, dessen blasses, feines Gesicht die Gedanken
diederspiegelte, die ihre Seele unaufhörlich beschäftigten.
Fr mMißte sich diese Wandlung nicht zu erklären.
Ihre Zurückhaltung, ihr Ernst konnten nicht gus dem
Rangel an Liebe zu ihm entspringen, denn sie selbst
dar es ja gewesen, welche ihm das, trauliche „du“ an—
eboten. Die jungfräuliche Scheu der Braut vor dem
utscheidenden Wendepunkte in ihrem Leben konnte auch
er Grund nicht sein, denn sie sprach ernst, fest und
hne alle Befangenheit von der bevorstehenden Ver—
indung.
Er stand vor einem Rätsel!
Babe ich nicht recht?“ fuhr, sie mit, ernstem
ächeln fort. „Begiebt sich nicht die Fran, die nicht
uf eigenen Füßen steht, die keine Selbständigkeit besitzt,
n die Abhäugigkeit des Mannes? Und nun gar ein
rmes Maͤdchen. wie ich! Sie überläßt dem Manne
lle Sorge, alle Mühe, alle Arbeit, für ihr Leben, das
beiter keinen Zweck hat, als dem Manne ,vielleicht die
ãuslichkeit augenehmer zu gestalten, als er sie als Jung⸗
ieselle gehabt hat?“
„Weiter keinen Zweck?“ wiederholte er, noch immer
assuügslos. Dann äber lachte er doch laut und be—
ustigt auf.
„Isa, mein liebes Mädchen, wer hat dir denn nur
olche grüblerische und selbstquälerische Gedauken in
das Koöpfchen gefetzt?“ fragte er scherzend. „Hast du
vielleicht an einem Kongreß der Frauen teil⸗
genommen, die für ihre sogenannten Rechte
mpfen und die Mäuner eigentlich nur für
die Sklavenhalter der Frauen ansehen?“
„Rein, ich habe einen solchen Kongreß
nicht besucht. Ich bin durch eigenes Nach—
henken zu diesem Resultat gekommen ..
Aber Isa..“ er lachte wiederum, so
daß sie vor Unmut errötete.
IIch bitte dich, ernsthaft zu bleiben“
agte sie empfindlich.
Er sprang auf.
Nein, das ist doch zu toll!“ rief er
Ein Brautpaar, das sich nach monatelanger
Trennung wiedersieht, streitet sich darüber, ob
es für die Frau nicht etwas Demütigendes
besitzt, sich in die wirtschaftliche Abhängigkeit
des Mannes zu begeben ...“*
IIch ftreite nicht darüber. Es ist nur
meine Meinung.“
„Aber, liebes Kind, siehst du denn nicht
ein, zu welchen Konsequenzen deine Theorie
führen muß? Demnach könnten ja nur wirt—
schaftlich selbständige Mädchen, d. h. reiche
Mädchen heiraten.“
5Oder solche, welche durch ihre Arbeit,
ihren Beruf eine wirtschaftlich felbständige
Stellung einnehmen!“
„Du bist ja die reine kleine Sozial—
demokratin geworden.“
„Ich weiß nicht, was du damit sagen
villst. Ich habe mich nie um die Sozial⸗—
demokratie bekümmert. Ich sagte dir schon,
daß ich durch eigenes Nachdenken zu meiner
Ausicht gelangt bin. Die Frau soll dem
Maunne gleichwertig zur Seite stehen, sonst
gerät sie in unwürdige Abhängkeit von ihm.“
„Und ist es denn so schwer, ist es
denn so etwas Ungeheuerliches, von dem
Manne, den du liebst, wirtschaftlich abhängig
zu sein? Glaubst du etwa, daß der Mann damit
in Opfer bringt? Wie niedrig mußt du dann
einen Wert, den Wert deines Besitzes, das Glück,
as deine Liebe mir bringt, einschätzen. Du wirst
nit Leib und Seele mein — du vertraust mir
e höchsten, heiligsten Güter deines Frauenlebens an,
u giebst mir das höchste Glück, daß ich mir denken
ann, und du empfindest es peinlich, wenn meine
Arbeit dein Leben sorgenlos und freudvoll zu gestalten
ich bemüht. Ach, meine teure Isa, wie klein ist das
gedacht?“
Ich finde es nicht. Denn eben das, was die
Frau dem Manne an Liebe, an Glück und häuslichem
Fehagen giebt, das giebt ja auch der Mann der Frau.“
Isfan, entgegnete er sehr erust, „du weißt nicht,
vas du sprichst. Du kennst das Leben des Mannes
ict sn weißt nicht. daß die Liebe des Mannes