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Volume Nr. 44, 3. November 1901

Full text: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1901, X. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

Berliner Illustrirke Zeitung. 
nicht einmal Lieutenant.“ Er steht auf und greift 
nach dem Helm; „Na, lebe wohl, Mama; in 
un Zeit sollst du den Lieutenant hier wieder be— 
rüßen. 
— „Muß du schon fort, mein guter Junge? Ach, 
die Zeit war so kurz.“ 
„Ist nicht anders im Dienst,“ lacht er, „und 
Vitimeister von Salden ist ein gar gestrenger 
Herr!“ 
„Salden!“ sie wiederholt es, während sie ihn 
fast entsetzt anstarrt. 
„Du erschrickst ja ordentlich über den Namen; 
ennst du ihn denn?“ 
Ich ich weiß nicht recht, ich erinnere mich dunkel 
des Nawuiens, ich glaube —“ exwidert sie verwirrt. 
„Na höre mal, Mutterchen, das ist ja höchst ver— 
dächtig, deine Ueberraschung; Salden soll ein großer 
Freund schöner Frauen sein,“ er lacht fröhlich, „leb' 
wohl Mutting, und verzeih' den Scherz, du weißt ja 
selbst, daß ich jeden töten würde, der meiner 
Mutter unehrerbietig sich nahte, was ja bei 
3 d auch schon durch sie selber ausge— 
ossen ist.“ 
Sie gehen neben einander durch die Gartenwege, 
neben denen in allen Büschen der Frühling knospt 
und treibt; sie begleitet ihren Sohn bis zur Gitter— 
thür, wüst und wirr ist's in ihrem Kopf, sie 
findet keine Worte. Da wendet er sich plötzlich 
zu ihr; „Ach, übrigens, ich habe es nun doch 
durchgesetzt, daß Onkel Franz dich einmal besucht; 
Menschen, die sich so nahe stehen, müssen sich doch 
einmal wieder sehen, und dies fortwährende sich sträuben 
hat doch meines Wissens wahrhaftig keinen einzigen 
plausiblen Grund. Für solche eigerung aber will 
ich Gründe sehen, sonst dulde ich sie nicht, da habe 
ich denn ein Machtwort gesprochen. d war so 
lange mein Herr und Meister, dessen Willen ich 
mich gehorsam gefügt habe, jetzt aber muß er in 
diesem Falle einmal mir gehorchen, denn er kann 
mir nichts entgegnen, wärum er es nicht will. 
Diese Freude woͤllke ich dir anmelden und ihm deine 
direkte Einladung zurückbringen, und nun in der 
Freude des Wiedersehens, in deiner lieben Nähe 
vergaß ich es beinahi. Ich darf ihm doch die Auf— 
—A bringen, und du freust dich doch, nicht 
wahr?“ 
„Gewiß, mein Sohn, ich würde mich wohl 
jreuen, aber —)“ 
„Nun, auch hier ein — aber — ?“ fragt er 
überrascht. 
„Es ist hier so einsam, so still und welt— 
abgeschieden, er wird sich nicht wohl hier fühlen.“ 
„Er, sich nicht wohl fühlen, und die Ruͤhe und 
eni thut ihm so not, die Landluft wird seinen 
Nerven Lebensbalsam sein; er ist namlich fehr ab— 
gearbeitet, furchtbar ernst und still und manchmal 
recht nervös und reizbar.“ 
„Und mir wird der Besuch des Fremden 
dielleicht auch sehr unbequem werden; ich meine, ich 
kann mich ihm nicht widmen, und ich siehe auch der 
Welt und ihren Juteressen so sern, daß er an der 
einsamen Frau keine gute Gesellschaft finden wird.“ 
„Na hoͤre mal, mein Mutterchen, das weiß ich 
nun besser; ich weiß, diese Wochen werden für euch 
beide eine Wohlthat sein; laß mich nur machen, zut 
Last ist er dir nicht, das garantiere ich. Ich weiß 
ganz gut, was meinen beiden liebsten Rensthn not 
chut. Himmel, dreiviertel 12, um 12 muß ich 
mich bei Salden melden!“ 
Am Gartenthor hat er sein Pferd angebunden, 
er schwingt sich in den Sattel, reicht ihr noch ein⸗ 
mal die Hand: „Leb wohl, Mama, auf frohes 
Wiedersehen!“ 
„Leb wohl, mein Sohn!“ 
V wenigen Minuten hat er in schlankem Trab 
die Waldecke erreicht; er wendet sich im Sattel und 
winkt mit der Hand zurück zu ihr, die am Gitter 
noch steht und ihm nachschaut, einen letzten, freund⸗ 
lichen r dann ist die jugendkräftige Gestalt 
ihres Sohnes, auf dessen Helm die Sonne funkelte 
und flimmerte, ihren Blicken entschwunden. — 
Wie seltsam ist es doch, so lange Fehre liegen 
zwischen dem, was einst geschehen ist und dem 
heute, eine lange, öde Zeit heldenhaften Entbehrens, 
klagloser Pflichkerfüllung, und doch kann Marie die 
Ruhe und Sicherheit noch heut nicht wiederfinden, 
jede leiseste, noch so harmlose Andeutung erfüllt sie 
mit bangem Schrecken. Soll sie denn niemals 
wieder Frieden haben, bleibt aller Kampf, alle stille 
Buße umsonst gegen das ewige Mahnen des bösen 
Gewissens? Sie hat gemeint, jenes unselig selige 
Gefühl, sie habe es überwunden, und heut zeigt ihr 
des Sohnes Wort die nahe Möglichkeit, den Mann 
wiederzusehen, den sie selbst so lange fern gehalten 
hat, und da, da ist es wieder, sieghaft ersteht es 
aufs, neue, jeden Gedanken erfüllt es ganz, und 
daneben steht die Sehnsucht. die heiße. unendliche 
Sehnsucht. 
Aufgespeichert durch all die Jahre, die sie neben 
dem lebendig Toten hingebracht hat in öder Herzens⸗ 
einsamkeit, in stummer Qual, lodert sie nun empor 
zur verheerenden Flamme, die alles verzehrt, Vor— 
wurf, Stolz, alle Kraft, alle Furcht vor dem Kom— 
menden. die Sehnsucht ist erwacht bei dem Gedanke 
in die e eines Wiedersehens, sie kann nun 
uücht mehr sterben. Wie oft hat sie sich an den 
Schreibtisch geot um ihm zu schreiben: „Komme 
iicht, es ist besser so, laß alles wie es war,.“ Und 
mmer wieder ist sie aufgestanden und hat den un— 
eschriebnen Bogen weggelegt, sie kann nicht. An— 
‚egriffen soll er sein, überarbeitet, nervös, der Er— 
solung so bedürftig; soll sie ihn sortweisen, ihm die 
rhoffte Ruhe des Landlebens versagen? Und ist 
ie nicht stark genug, ihn wieder zu sehen, hat sich 
as heiße Wünschen ihres Herzens nicht beruhigt 
n der langen Zeit, daß sie nun in Freundschaft 
neben ihm leben kann? Sie will sich, selbst be— 
rügen damit, sich glauben, machen, es sei, so die 
vaxnenden Stimmen schweigen heißen, die da sagen 
leibe fest und thue es nicht. Von Tag zu Tag 
vartet sie auf die Worte, die sein Kommen anmel— 
zen sollen, wartet darguͤf in zitternder Furcht, in 
ubelnder Freude, in brennender Sehnsucht. Mit 
ochendem Herzen schaut sie dem Postboten entgegen 
eden Tag, heuüte, heute muß es ja kommen, und 
venn der Tag — ist und nichts getract hat 
ann sucht sie ihr Lager auf mit dem bittern 
»umpfen Gefühl der Enttäuschung, die die Lebens— 
raft bricht und das Herz so müde macht, und wenn 
ie es am Morgen verläßt, ist mit dem neuen Tag 
ruch die neue Hoffnung erwacht. Und das Sehnen 
vächst, je mehr Tage mit Enttäuschung zu Ende 
zehn, es wächst und wächst, es lähmt ihr Denken, 
hr Wollen, daß sie umhergeht wie im Traum, daß 
ie nichts andres mehr fühlt und weiß als nur das 
ine die heiße, alles verzehrende Sehnsucht. — 
In seinem Zimmer in Z8. sitzt Hans von Stern⸗ 
seim; er hat den Kopf in die Haͤnde gestützt und 
tarrt vor sich nieder auf die Erde; da liegen Pa— 
iere auf dem Boden, achtlos indaee ein 
Zonnenstrahl, der durchs Fenster hereinsieht, fällt 
arauf und läßt die roten Blumen des bunten Tep— 
ichs purpurn aufleuchten, als wenn sie Leben 
zätten. Hans beobachtet den flimmernden Streifen 
die er langsam weiterrückt, wie er auf und ab 
chwankt durch die Blätter des Baumes draußen, 
urch die der Wind weht, wie er beinah vorsichtig 
u tasten scheint an den Papieren am Boden, bis er 
u einem Bilde kommt. Er huscht darüber hin, 
lüchtig erst, dann aber bestrahlt er es voll, er hüllt 
s in d e Glanz, fast wie in Glorienschein 
Her junge Mann sieht dem Spiele zu, unbeweglich. 
edankensos, bis das Licht weitergleitet und das 
Zild wieder im Schatten liegt, das Bild seiner 
Nutter. Was thut es an der Erde, wie kommt es 
ahin? Es ist sein Heiligtum immer gewesen, von 
»em er Abschied nimmt, wenn er sein Heim verläßt, 
em sein erster Gruß gilt, wenn er es wieder betritt, 
‚em er jeden Gedanken beichtet, was soll es da, hin⸗ 
jseworfen, am Boden? — Er selbst hat es dahin 
jeschleudert in wildem Zorn, die Schmach und Ent— 
üstung in ihm entflammt haben Es ist etwas 
vie Wahnsinn über ihn gekommen, eine ohnmäch— 
ige Wut, die alles vernichten möchte, das ihm er— 
eichbar ist. Wie ist es doch gewesen? Sein Kopf 
st so wüst, daß er die Gedanken kaum fassen kann. 
heut vormittag hat Rittmeister von Salden ihn 
ufen lassen und hat ihm das Unmögliche gesagt; 
r weiß die Worte nicht mehr, nur ihren Sinn hai 
r, erfaßt, den er sich immerzu nun wiederholt: 
Lieber Sternheim, ich habe eine peinliche Pflicht 
u erfüllen, aber es ist eine Pflicht, und die darf 
»er Soldat nicht scheuen. Weil Sie mir wert sind 
ind ich Sie hochschätze, muß ich es Ihnen sagen: 
reten Sie aus dem Heer aus, bestehen Sie nicht 
arauf, zu avancieren.“ Und auf seinen starren 
Blick der, Verständnislosigkeit fährt er fort: „Es 
ziebt Verhältnisse, mit denen der, Offizier rechnen 
nuß, dunkle Punkte in der Geschichte einer Familie, 
ie ihm schaden und sein Foxtkommen unmöglich 
achen können. Wenn der Ruf einer Frau, die 
hm nahe steht, nicht unantastbar ist, und das kommt 
zu Ohren der Vorgesetzten, zu welchen Konsequenzen 
nuß das führen; es macht seine Stellung unter den 
dameraden unmöglich. Die böse Welt oune über 
alles, sei es vielleicht im Grunde nicht einmal von 
zroßer Bedeutung, aber es genügt schon, daß sie 
iberhaupt Anlaß zu Redereien findet, um eines 
MNannes Stellung zu unteraraben. Wir schätzen 
für 90 Pfg. 
nehmen e Postanstalten 
Bestellungen auf die 
Berliner Illustririe Zeitung“ 
für Kovember und Dezember 
entagegen. — 
AV 
nan von der Frau spricht, für deren Ehre Sie 
mmer eintreten müßten, zwingt uns, Ihnen das 
Iffizierspatent zu versagen Ich sage es Ihnen im 
Hertrauen, unter vier Augen, damit Sie selber zu— 
ücktreten können ·“·· 
„Ich verstehe Sie nicht, Herr Rittmeister, 
—— Sie sich nicht deutlicher erkären?“ erwidert 
er frostig. 
„Das ist eine äußerst delikate Sache, aber ich 
nuß meine Worte, begründen. Die Geschichte, die 
nan sich über die Ursache des Unglücks, das Ihren 
derrn Vater getroffen hat, erzählt, ist der Sre 
es Geredes; eine Ueberraschung eines vertraulichen 
vespräches zwischen der Dame des Hauses und 
hrem Freunde, na, und so weiter, und daß Pro— 
essor Gutau, wie Sie mir sagen, jetzt wieder nach 
Zternheim geht, wird an der Sache nichts bessern, 
—A den alten Skandal wieder auf. Also seien 
Zie verständig, nehmen Sie die Angelegenheit nicht 
ragisch, sondern folgen Sie meinem guten Rat und 
ewinnen Sie ihr die beste Seite ab.“ 
Allmählich dämmert es auf aus dem wüsten 
haos in seinem Kopf: seine Mutter ist's, die man 
erdächtigt, sein Heiligstes, das man herabzieht in 
»en Staub, seine Mutter, der man die Ehre raubt. 
Es braust vor seinen Ohren, flimmernde Punkte 
anzen vor seinen Augen; er kann sich nicht mehr 
rinnern, was er gethan und gesagt hat, er weiß 
iur, daß seine Hand, die dem Elenden ins Gesicht 
chlagen wollte, mit eisernem Griff festgehalten 
vurde, daß eine Stimme die Worte sprach: „Stern— 
eim, Sie sind von Sinnen.“ Ja, er war von 
Zinnen, ihm scheint, er ist es noch. Er muß noch 
esprochen haben, denn Salden hat ihm noch er— 
vidert, daß er als Vorgesetzter die Forderung eines 
Untergebenen, noch dazu eines, der um einen nicht 
eckenlosen Namen nicht Offizier werden könne, 
ticht annehme. Nun sitzt er hier in seinem Zimmer, 
n sinnlosem Grimm hat er Briefe und Bild der 
seliebten Mutter zu Boden geschleudert, und nun 
emüht er sich schon seit Stunden, sich klar zu 
verden, was eigentlich geschehen ist, einen Entschluß 
ür die Zukunft zu fassen. Salden, dem Schänd— 
ichen, ist seine niedrige Sache geglückt, des Jüng— 
ings Leben hat er vernichtet und damit das Leben 
jon der getroffen, die ihn einst gedemütigt hat; sollte 
r hören, daß r Freund bei ihr ist, daß sie viel— 
eicht ein heimliches Glück genießt mit dem, in 
essen Augen sie ihn erniedrigt hat? Nein, mochte 
zann die Welt wenigstens wissen und — richten. 
Im Heer des Königs bleiben, Offizier werden, 
zas ist nun vorbei; Hans Sternheim ist sich darüber 
janz klar, sein Leben ist verpfuscht, das Ziel, das 
hn ganz erfüllt, wofür er gelebt hat, soll er nicht 
vrreichen. Aber das alles ist doch nur, wenn das 
ẽntsetzliche, das Unglaubliche wahr ist; das ist es 
iber nicht, das kann es nicht sein, und dann kann 
er den Verleumder brandmarken und über ihn hin— 
veg doch zu seinem Ziel schreiten. Er beugt sich 
lieder und hebt das Bild auf voll Scham, voll 
eißer Reue, daß er einen Augenblick nur an der 
deinheit der Mutter hatte zweifeln können, daß er 
iur einmal flüchtig den Gedanken hatte fassen können, 
er Elende könne nur ein Tausendstel von Wahrheit 
esprochen haben. Er drückt das Bild an die Lippen 
ind küßt es mit leidenschaftlicher Innigkeit, zu ihr 
vill er, auf den Knieen ihr abbitten jeden frevelnden 
ßedanken, mit dem er ihr hat nahen können, und 
ann, im heiligen Gefühl seines Rechts will er der 
dächer werden für, sie, das wehrlose Weib, das ein 
—„chändlicher mit seinem Wort besudelt hat. Er 
haut das Bild an, lange, lange blickt ex in diese 
lugen, und da stehen sie ihm vor der Seele, wie 
ie ihn neulich ansahen, als er eine Stunde bei ihr 
jar; er sieht den Schrecken in ihrem Blick, als er 
Zaldens Namen nannte, er sieht ihre Verwirrung, 
18 er sie fragte, ob des Vaters Pflege wirklich ihr 
eben ganz ausfülle, er hört ihre halbe Weigerung, 
Franz bei sich zu empfangen, ihr seltsam scheues 
Wesen statt der Freude fällt ihm auf. Er hat darauf 
nicht geachtet, es gar nicht empfunden, nun aber, da 
r nicht mehr harmlos ist, da das verleumderische 
Wort seinen Argwohn geweckt hat, nun wird er das 
illes nicht mehr los. Und der Professor — warum 
hat er sich immer gesträubt, nach Sternheim zu 
fahren? Er hat es nie begriffen, immer waren andre 
Gründe da, waren es Ausflüchte? Gerechter Gott, 
hat das alles einen Grund, der ihm verborgen ge— 
blieben ist bis heut? Es paßt zu dem, was Salden 
ihm gesagt, hat. Und wenn er wahr gesprochen hat, 
zann ist alles, woran er geglaubt hat, die wie eine 
Heilige verehrte Frau, der treuherzige, offene, väter— 
uͤche Freund, dessen Leitung er sich bedingungslos 
vertraut hat, beschimpft und geschändet, alles, was 
ihm heilig gewesen und wert, was sein Leben aus— 
refüllt hat, ist ein lächerliches Phantom, ein falscher 
Schein gewesen. 
Alles, was jene beiden an Hohem und Edlem in 
sein Herz gepflanzt haben, was er an ihnen verehrt, 
worin er ihnen nachgestrebt hat, ist dann nichts ge— 
wesen, als Worte, leere, hohle Worte, die sie durch 
ihr eignes Handeln Lügen strafen. Und was wird 
dann mit ihm selbst? Er kann die Ehre der Mutter
	        
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