Berliner Illustrirke Zeitung.
nicht einmal Lieutenant.“ Er steht auf und greift
nach dem Helm; „Na, lebe wohl, Mama; in
un Zeit sollst du den Lieutenant hier wieder be—
rüßen.
— „Muß du schon fort, mein guter Junge? Ach,
die Zeit war so kurz.“
„Ist nicht anders im Dienst,“ lacht er, „und
Vitimeister von Salden ist ein gar gestrenger
Herr!“
„Salden!“ sie wiederholt es, während sie ihn
fast entsetzt anstarrt.
„Du erschrickst ja ordentlich über den Namen;
ennst du ihn denn?“
Ich ich weiß nicht recht, ich erinnere mich dunkel
des Nawuiens, ich glaube —“ exwidert sie verwirrt.
„Na höre mal, Mutterchen, das ist ja höchst ver—
dächtig, deine Ueberraschung; Salden soll ein großer
Freund schöner Frauen sein,“ er lacht fröhlich, „leb'
wohl Mutting, und verzeih' den Scherz, du weißt ja
selbst, daß ich jeden töten würde, der meiner
Mutter unehrerbietig sich nahte, was ja bei
3 d auch schon durch sie selber ausge—
ossen ist.“
Sie gehen neben einander durch die Gartenwege,
neben denen in allen Büschen der Frühling knospt
und treibt; sie begleitet ihren Sohn bis zur Gitter—
thür, wüst und wirr ist's in ihrem Kopf, sie
findet keine Worte. Da wendet er sich plötzlich
zu ihr; „Ach, übrigens, ich habe es nun doch
durchgesetzt, daß Onkel Franz dich einmal besucht;
Menschen, die sich so nahe stehen, müssen sich doch
einmal wieder sehen, und dies fortwährende sich sträuben
hat doch meines Wissens wahrhaftig keinen einzigen
plausiblen Grund. Für solche eigerung aber will
ich Gründe sehen, sonst dulde ich sie nicht, da habe
ich denn ein Machtwort gesprochen. d war so
lange mein Herr und Meister, dessen Willen ich
mich gehorsam gefügt habe, jetzt aber muß er in
diesem Falle einmal mir gehorchen, denn er kann
mir nichts entgegnen, wärum er es nicht will.
Diese Freude woͤllke ich dir anmelden und ihm deine
direkte Einladung zurückbringen, und nun in der
Freude des Wiedersehens, in deiner lieben Nähe
vergaß ich es beinahi. Ich darf ihm doch die Auf—
—A bringen, und du freust dich doch, nicht
wahr?“
„Gewiß, mein Sohn, ich würde mich wohl
jreuen, aber —)“
„Nun, auch hier ein — aber — ?“ fragt er
überrascht.
„Es ist hier so einsam, so still und welt—
abgeschieden, er wird sich nicht wohl hier fühlen.“
„Er, sich nicht wohl fühlen, und die Ruͤhe und
eni thut ihm so not, die Landluft wird seinen
Nerven Lebensbalsam sein; er ist namlich fehr ab—
gearbeitet, furchtbar ernst und still und manchmal
recht nervös und reizbar.“
„Und mir wird der Besuch des Fremden
dielleicht auch sehr unbequem werden; ich meine, ich
kann mich ihm nicht widmen, und ich siehe auch der
Welt und ihren Juteressen so sern, daß er an der
einsamen Frau keine gute Gesellschaft finden wird.“
„Na hoͤre mal, mein Mutterchen, das weiß ich
nun besser; ich weiß, diese Wochen werden für euch
beide eine Wohlthat sein; laß mich nur machen, zut
Last ist er dir nicht, das garantiere ich. Ich weiß
ganz gut, was meinen beiden liebsten Rensthn not
chut. Himmel, dreiviertel 12, um 12 muß ich
mich bei Salden melden!“
Am Gartenthor hat er sein Pferd angebunden,
er schwingt sich in den Sattel, reicht ihr noch ein⸗
mal die Hand: „Leb wohl, Mama, auf frohes
Wiedersehen!“
„Leb wohl, mein Sohn!“
V wenigen Minuten hat er in schlankem Trab
die Waldecke erreicht; er wendet sich im Sattel und
winkt mit der Hand zurück zu ihr, die am Gitter
noch steht und ihm nachschaut, einen letzten, freund⸗
lichen r dann ist die jugendkräftige Gestalt
ihres Sohnes, auf dessen Helm die Sonne funkelte
und flimmerte, ihren Blicken entschwunden. —
Wie seltsam ist es doch, so lange Fehre liegen
zwischen dem, was einst geschehen ist und dem
heute, eine lange, öde Zeit heldenhaften Entbehrens,
klagloser Pflichkerfüllung, und doch kann Marie die
Ruhe und Sicherheit noch heut nicht wiederfinden,
jede leiseste, noch so harmlose Andeutung erfüllt sie
mit bangem Schrecken. Soll sie denn niemals
wieder Frieden haben, bleibt aller Kampf, alle stille
Buße umsonst gegen das ewige Mahnen des bösen
Gewissens? Sie hat gemeint, jenes unselig selige
Gefühl, sie habe es überwunden, und heut zeigt ihr
des Sohnes Wort die nahe Möglichkeit, den Mann
wiederzusehen, den sie selbst so lange fern gehalten
hat, und da, da ist es wieder, sieghaft ersteht es
aufs, neue, jeden Gedanken erfüllt es ganz, und
daneben steht die Sehnsucht. die heiße. unendliche
Sehnsucht.
Aufgespeichert durch all die Jahre, die sie neben
dem lebendig Toten hingebracht hat in öder Herzens⸗
einsamkeit, in stummer Qual, lodert sie nun empor
zur verheerenden Flamme, die alles verzehrt, Vor—
wurf, Stolz, alle Kraft, alle Furcht vor dem Kom—
menden. die Sehnsucht ist erwacht bei dem Gedanke
in die e eines Wiedersehens, sie kann nun
uücht mehr sterben. Wie oft hat sie sich an den
Schreibtisch geot um ihm zu schreiben: „Komme
iicht, es ist besser so, laß alles wie es war,.“ Und
mmer wieder ist sie aufgestanden und hat den un—
eschriebnen Bogen weggelegt, sie kann nicht. An—
‚egriffen soll er sein, überarbeitet, nervös, der Er—
solung so bedürftig; soll sie ihn sortweisen, ihm die
rhoffte Ruhe des Landlebens versagen? Und ist
ie nicht stark genug, ihn wieder zu sehen, hat sich
as heiße Wünschen ihres Herzens nicht beruhigt
n der langen Zeit, daß sie nun in Freundschaft
neben ihm leben kann? Sie will sich, selbst be—
rügen damit, sich glauben, machen, es sei, so die
vaxnenden Stimmen schweigen heißen, die da sagen
leibe fest und thue es nicht. Von Tag zu Tag
vartet sie auf die Worte, die sein Kommen anmel—
zen sollen, wartet darguͤf in zitternder Furcht, in
ubelnder Freude, in brennender Sehnsucht. Mit
ochendem Herzen schaut sie dem Postboten entgegen
eden Tag, heuüte, heute muß es ja kommen, und
venn der Tag — ist und nichts getract hat
ann sucht sie ihr Lager auf mit dem bittern
»umpfen Gefühl der Enttäuschung, die die Lebens—
raft bricht und das Herz so müde macht, und wenn
ie es am Morgen verläßt, ist mit dem neuen Tag
ruch die neue Hoffnung erwacht. Und das Sehnen
vächst, je mehr Tage mit Enttäuschung zu Ende
zehn, es wächst und wächst, es lähmt ihr Denken,
hr Wollen, daß sie umhergeht wie im Traum, daß
ie nichts andres mehr fühlt und weiß als nur das
ine die heiße, alles verzehrende Sehnsucht. —
In seinem Zimmer in Z8. sitzt Hans von Stern⸗
seim; er hat den Kopf in die Haͤnde gestützt und
tarrt vor sich nieder auf die Erde; da liegen Pa—
iere auf dem Boden, achtlos indaee ein
Zonnenstrahl, der durchs Fenster hereinsieht, fällt
arauf und läßt die roten Blumen des bunten Tep—
ichs purpurn aufleuchten, als wenn sie Leben
zätten. Hans beobachtet den flimmernden Streifen
die er langsam weiterrückt, wie er auf und ab
chwankt durch die Blätter des Baumes draußen,
urch die der Wind weht, wie er beinah vorsichtig
u tasten scheint an den Papieren am Boden, bis er
u einem Bilde kommt. Er huscht darüber hin,
lüchtig erst, dann aber bestrahlt er es voll, er hüllt
s in d e Glanz, fast wie in Glorienschein
Her junge Mann sieht dem Spiele zu, unbeweglich.
edankensos, bis das Licht weitergleitet und das
Zild wieder im Schatten liegt, das Bild seiner
Nutter. Was thut es an der Erde, wie kommt es
ahin? Es ist sein Heiligtum immer gewesen, von
»em er Abschied nimmt, wenn er sein Heim verläßt,
em sein erster Gruß gilt, wenn er es wieder betritt,
‚em er jeden Gedanken beichtet, was soll es da, hin⸗
jseworfen, am Boden? — Er selbst hat es dahin
jeschleudert in wildem Zorn, die Schmach und Ent—
üstung in ihm entflammt haben Es ist etwas
vie Wahnsinn über ihn gekommen, eine ohnmäch—
ige Wut, die alles vernichten möchte, das ihm er—
eichbar ist. Wie ist es doch gewesen? Sein Kopf
st so wüst, daß er die Gedanken kaum fassen kann.
heut vormittag hat Rittmeister von Salden ihn
ufen lassen und hat ihm das Unmögliche gesagt;
r weiß die Worte nicht mehr, nur ihren Sinn hai
r, erfaßt, den er sich immerzu nun wiederholt:
Lieber Sternheim, ich habe eine peinliche Pflicht
u erfüllen, aber es ist eine Pflicht, und die darf
»er Soldat nicht scheuen. Weil Sie mir wert sind
ind ich Sie hochschätze, muß ich es Ihnen sagen:
reten Sie aus dem Heer aus, bestehen Sie nicht
arauf, zu avancieren.“ Und auf seinen starren
Blick der, Verständnislosigkeit fährt er fort: „Es
ziebt Verhältnisse, mit denen der, Offizier rechnen
nuß, dunkle Punkte in der Geschichte einer Familie,
ie ihm schaden und sein Foxtkommen unmöglich
achen können. Wenn der Ruf einer Frau, die
hm nahe steht, nicht unantastbar ist, und das kommt
zu Ohren der Vorgesetzten, zu welchen Konsequenzen
nuß das führen; es macht seine Stellung unter den
dameraden unmöglich. Die böse Welt oune über
alles, sei es vielleicht im Grunde nicht einmal von
zroßer Bedeutung, aber es genügt schon, daß sie
iberhaupt Anlaß zu Redereien findet, um eines
MNannes Stellung zu unteraraben. Wir schätzen
für 90 Pfg.
nehmen e Postanstalten
Bestellungen auf die
Berliner Illustririe Zeitung“
für Kovember und Dezember
entagegen. —
AV
nan von der Frau spricht, für deren Ehre Sie
mmer eintreten müßten, zwingt uns, Ihnen das
Iffizierspatent zu versagen Ich sage es Ihnen im
Hertrauen, unter vier Augen, damit Sie selber zu—
ücktreten können ·“··
„Ich verstehe Sie nicht, Herr Rittmeister,
—— Sie sich nicht deutlicher erkären?“ erwidert
er frostig.
„Das ist eine äußerst delikate Sache, aber ich
nuß meine Worte, begründen. Die Geschichte, die
nan sich über die Ursache des Unglücks, das Ihren
derrn Vater getroffen hat, erzählt, ist der Sre
es Geredes; eine Ueberraschung eines vertraulichen
vespräches zwischen der Dame des Hauses und
hrem Freunde, na, und so weiter, und daß Pro—
essor Gutau, wie Sie mir sagen, jetzt wieder nach
Zternheim geht, wird an der Sache nichts bessern,
—A den alten Skandal wieder auf. Also seien
Zie verständig, nehmen Sie die Angelegenheit nicht
ragisch, sondern folgen Sie meinem guten Rat und
ewinnen Sie ihr die beste Seite ab.“
Allmählich dämmert es auf aus dem wüsten
haos in seinem Kopf: seine Mutter ist's, die man
erdächtigt, sein Heiligstes, das man herabzieht in
»en Staub, seine Mutter, der man die Ehre raubt.
Es braust vor seinen Ohren, flimmernde Punkte
anzen vor seinen Augen; er kann sich nicht mehr
rinnern, was er gethan und gesagt hat, er weiß
iur, daß seine Hand, die dem Elenden ins Gesicht
chlagen wollte, mit eisernem Griff festgehalten
vurde, daß eine Stimme die Worte sprach: „Stern—
eim, Sie sind von Sinnen.“ Ja, er war von
Zinnen, ihm scheint, er ist es noch. Er muß noch
esprochen haben, denn Salden hat ihm noch er—
vidert, daß er als Vorgesetzter die Forderung eines
Untergebenen, noch dazu eines, der um einen nicht
eckenlosen Namen nicht Offizier werden könne,
ticht annehme. Nun sitzt er hier in seinem Zimmer,
n sinnlosem Grimm hat er Briefe und Bild der
seliebten Mutter zu Boden geschleudert, und nun
emüht er sich schon seit Stunden, sich klar zu
verden, was eigentlich geschehen ist, einen Entschluß
ür die Zukunft zu fassen. Salden, dem Schänd—
ichen, ist seine niedrige Sache geglückt, des Jüng—
ings Leben hat er vernichtet und damit das Leben
jon der getroffen, die ihn einst gedemütigt hat; sollte
r hören, daß r Freund bei ihr ist, daß sie viel—
eicht ein heimliches Glück genießt mit dem, in
essen Augen sie ihn erniedrigt hat? Nein, mochte
zann die Welt wenigstens wissen und — richten.
Im Heer des Königs bleiben, Offizier werden,
zas ist nun vorbei; Hans Sternheim ist sich darüber
janz klar, sein Leben ist verpfuscht, das Ziel, das
hn ganz erfüllt, wofür er gelebt hat, soll er nicht
vrreichen. Aber das alles ist doch nur, wenn das
ẽntsetzliche, das Unglaubliche wahr ist; das ist es
iber nicht, das kann es nicht sein, und dann kann
er den Verleumder brandmarken und über ihn hin—
veg doch zu seinem Ziel schreiten. Er beugt sich
lieder und hebt das Bild auf voll Scham, voll
eißer Reue, daß er einen Augenblick nur an der
deinheit der Mutter hatte zweifeln können, daß er
iur einmal flüchtig den Gedanken hatte fassen können,
er Elende könne nur ein Tausendstel von Wahrheit
esprochen haben. Er drückt das Bild an die Lippen
ind küßt es mit leidenschaftlicher Innigkeit, zu ihr
vill er, auf den Knieen ihr abbitten jeden frevelnden
ßedanken, mit dem er ihr hat nahen können, und
ann, im heiligen Gefühl seines Rechts will er der
dächer werden für, sie, das wehrlose Weib, das ein
—„chändlicher mit seinem Wort besudelt hat. Er
haut das Bild an, lange, lange blickt ex in diese
lugen, und da stehen sie ihm vor der Seele, wie
ie ihn neulich ansahen, als er eine Stunde bei ihr
jar; er sieht den Schrecken in ihrem Blick, als er
Zaldens Namen nannte, er sieht ihre Verwirrung,
18 er sie fragte, ob des Vaters Pflege wirklich ihr
eben ganz ausfülle, er hört ihre halbe Weigerung,
Franz bei sich zu empfangen, ihr seltsam scheues
Wesen statt der Freude fällt ihm auf. Er hat darauf
nicht geachtet, es gar nicht empfunden, nun aber, da
r nicht mehr harmlos ist, da das verleumderische
Wort seinen Argwohn geweckt hat, nun wird er das
illes nicht mehr los. Und der Professor — warum
hat er sich immer gesträubt, nach Sternheim zu
fahren? Er hat es nie begriffen, immer waren andre
Gründe da, waren es Ausflüchte? Gerechter Gott,
hat das alles einen Grund, der ihm verborgen ge—
blieben ist bis heut? Es paßt zu dem, was Salden
ihm gesagt, hat. Und wenn er wahr gesprochen hat,
zann ist alles, woran er geglaubt hat, die wie eine
Heilige verehrte Frau, der treuherzige, offene, väter—
uͤche Freund, dessen Leitung er sich bedingungslos
vertraut hat, beschimpft und geschändet, alles, was
ihm heilig gewesen und wert, was sein Leben aus—
refüllt hat, ist ein lächerliches Phantom, ein falscher
Schein gewesen.
Alles, was jene beiden an Hohem und Edlem in
sein Herz gepflanzt haben, was er an ihnen verehrt,
worin er ihnen nachgestrebt hat, ist dann nichts ge—
wesen, als Worte, leere, hohle Worte, die sie durch
ihr eignes Handeln Lügen strafen. Und was wird
dann mit ihm selbst? Er kann die Ehre der Mutter