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Volume Nr. 4, 27. Januar 1901

Full text: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1901, X. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

—R 
„Du bhist heute in einer merkwürdigen Laune,“ in Vater habe ihn ja nur einige tausend Mark hinter— 
agte er mißgestinumt. issen 
Sie erhob sich und trat dicht vor ihn hin. Da richtete sie sich empor. „Oh, damit läßt sich schon 
Es muß einmal heraus, Bernt,“ sprach sie tief twas begiunen — wenn man, nur will “ sagte sie 
zufaimend. „So kann es nicht weiter gehen ich „Aber so bedenke doch, daß ich auch noch manches 
sann unser Verhältnis meinen Eltern nicht lange mehr u bezahlen habe! Ich kann doch kein Geschäft eröffnen 
erheimlichen, meine Mutter weiß es schon, mein Vater oder Versicherungsagent werden — oder soll ich etwa 
ihnt etwas und ist finster und wortkarg mir gegenüuber. Iferdebahnschaffner werden?“ 
xs — ein Ende gemacht werden.“ Jetzt lachten sie schon wieder. 
Ein Ende? — Willst du mit mir brechen?“ Ach, du bist komisch,“ sagte sie. 
Bernt?!“ rup, Na also! Du würdest damit auch, nicht ein— 
RNun, gut — ich bin's zufrieden. Anch ich ertrage erstanden sein— Laß uns doch verständig sein — ‚laß 
iese Quäletei nicht laänger. Es soll kar und vein ns noch warten — vielleicht bietet sich eine günstige 
wischen uns werden. — ich gehe zu Grunde, wenn kein Belegenheit.“ 
kinde gemacht wird, du hast recht, vollkommen recht Da koͤnnen wir, lange warten. — Doch. du hast 
machen wir, ein Ende!“ echt,“ fuhr sie fort, sich aufrichtend. „Es ist nichts zu 
Er, stieß die Worte heftig hervor und ging auf—⸗ nachen und wir müssen warten.“ 
eregt im Zimmer umher. In seinem Herzen aber „Gott sei dank, daß du's endlich einsiehst.“ 
ume die Hoffnung auf, daß es wirklich zum Ende Aber, Bernt,“ sagte sie bittend und ergriff seine 
ommen werde. So konnte es ja nicht weiter gehen, dand, du darfst mich nie verlassen — hörst du, nie!“ 
ruchtete sich moralisch und materiell zu Grunde — IZJa doch — ich weiß, was ich dir schuldig bin.“ 
ind doch besaß er nicht Die. Kraft, sich selbst zu befreien. Auch wenn nmich meine Eltern verstoßend“ 
Eine geisterhafte Blässe überzog ihr schönes Gesicht, Dann erst recht nicht. Das wäre doch von mir 
nm ihren — Inen funkelte es drohend auf, wie emein 
on grünlichen Blitzen. „Ich glaube dir — ich will dir glauben, lieber 
Du verstehst mich falsch,“ sagte sie dann mit, be- Hernt. Ich habe ja nur dich auf der Weit.“ 
ender Stimme. „Nicht ich will ein Ende machen, Sie umschlang seinen Nacken und küßte ihn leiden⸗ 
ondern du sollst es thun ..“ haftfich. Und auch seine Liebe erwachte wieder unter 
„Gut, gut, du bist frei hren stürmischen Liebkosungen. 
Sie lachte bitter und höhnisch auf. Endlich entzog sie sich seinen Armen, atmete tief 
„Du machst es dir allerdings leicht,“ sagte sie uf und reckte die schlanke Gestalt empor, während ein 
Du willst mich fortschicken, wie irgend eine beliebige iegesgewisses Lächeln auf ihren Lippen schweote. 
dirne. Nein, mein Lieber, so haben wir denn doch „Du hast mich doch noch lieb, Bernt. .“ 
nicht gewettet.“ Mehl denn je,“ versicherte er und wollte sie 
„Iber was willst du denn? — Wos soll ich thun?“ vieder an sich ziehen. 
Dein Versprechen erfüllen,“ entgegnete sie mit Doch fie wehrte ihn. „Nein — jetzt ist's genug 
erber Stimme. Iber weißt du, Lust zum Ausgehen habe ich in der 
„Weches Versprechen?“ fragte er scheu. That nicht. Ich bleibe lieber gemütlich mit dir allein 
ast du schon vergessen, was du mir geschworen dier. Wir trerken dann ein Glas Wein und essen zu— 
astꝰ? ·· ammen. Willst du?“ 
„Ah, Unsinn!“ Du weißt, daß das unmöglich ist.“ „Gern.. ich werde meiner Wirthin Bescheid 
Weshalb unmöglich? Du bift jetzt frei, hast keine agen, daß sie uns Abendessen besorgt. In einer Stunde 
Rückticht auf deinen Vater mehr zu nehmen. Es ist nuß mein Bursche auch wieder, hier sein .. . 
deine Pilicht, meine Ehre wieder herzustellen.“ Sie blieben den Abend zusammen und Ellen war 
„Deine Ehre?“ fragte er spöttisch. „Hast du mir on einer Liebenswürdigkeit und weichen Hingebung, 
micht etwa gestanden, daß du vor mir schon ein Ver- nß er ihre srühere Heftigkeit ganz vergaß. Und auch 
alinis gehabt hastꝰ?“ einer Sorgen dachte er nicht mehr. Die Sklavenketten 
„Du weißt, daß ich mir nichts habe zu schulden vurden ihm in solchen traulichen Stunden zu Rosen— 
ommen lafsen, Eine flüchtige Bekanntschaft ist kein etten, die aber ihr Leben fester miteinander verknüpften, 
Verhältnis .,“ ils eiserne Ringe und Bänder, 
Ja, wenn mans genau wüßte!“ Als sie Abschied nahm, ward sie wieder ernst und 
ZDa sprang sie, auf, ihn zu und erßob die Hand agte: „Mir. ist ein Gedanke gekommen, Bernt, wie wir 
um Schlaͤge. Er fing ihren Arm auf und nun rangen eide aus diesem unhaltbaren Zustande herauskommen 
eide mit nander in schweigender Wut, bis er sie von önnen, ohne uns doch zu verlieren.“ 
ich schleuderte und sie veben einen Sessel zusammen— „Nun? Da bin ich neugierig?“ 
brach, in krampfhaftem Schluchzen liegen hleibend. — werde mich selbständig machen “ 
Bernt wußlte nicht, was er that Er schritt in Du? Selbstandig?“ 
ieberhafter Aufregung guf und ab. Sollte er sich ent— Ja. Mir ist Gelegenheit geboten, ein kleines 
reus Sie allin lassen? Aber würde er fie nicht butzgeschäft zu übernehmen, ich gebrauche nur wenige 
diederfinden, wenn er zuruͤckkehrte? Aehnliche Scenen undert Mark ..“ 
varen schon öfter vorgekommen, er wußte, daß sie nicht „Die ich dir gern zur Verfügung stelle!“ 
d leicht abzuschütteln war. Und dann — war er nicht So war es nicht gemeint, Bernt Ich habe mir 
im Unrechtꝰ Hatte er sie nicht durch das Versprechen, ereits etwas erspart. Von dir nehme ich kein Geld — 
iie nie zu verlassen, gewonnen? drst du? Ich will dir völlig frei und selbständig 
Nen nein er mußte sich mit ihr aus- egenüberstehen, dann erst finde ich meinen Stolz und 
einanderfetzen, aber nicht in dieser brutalen Weise — icine Selbstuchtung wieder.“ 
er wußte, mit Gewalt war nichts bei ihr durchzusetzen. Bernt atmete auf. Er sah in diesem Plane eine 
nd dann sie hatten sich doch lieb! Welche ortreffliche Lösung aller Schwierigkeiten. 
errlichen Stunden hatten sie mit, einauder FErcebtꝰ „Du bist doch ein' kluges, verständiges Mädchen,“ 
Sie ar dein hewöhnliches Mädchen — sie wollte agte ex. Stolz und energisch wie ein Mann.“ 
mnders behandelt sein, wie, hundert, andere „O Ihr Männer von heute!“ spottete sie. „Ihr 
Dag Maseid fchlich fich in sein Herz, als er sie so ühnit euch, eurer Kraft und könnt doch nicht die Ver⸗ 
gebrochen daliegen sah. sältnisse beherrschen. So will ich denn für uns beide 
Wie schön sie in ihrem fassungslosen Schmerze jandeln, Bernt.“ 
var! Die Gestalt — von welch edlex Schlankheit und „Du mußt mir erlauben, dir zu helfen “ 
Hiegsamkeit Die runden Schultern! Das goldige Haar, Faß das. Wir sprechen noch darüber. Für heute 
velddes ihr jetzt halbgelöst über den Nacken hing! ute Racht — und denke an dein Wort, mich nie zu 
Er trat zu ihr zerlassen.“ 
So steh doch auf!“ sagte er mit weicherer Stimme „Ich denke daran, Ellen . 
„Du siehst nun, ‚wohin deine Heftigeit führt .... Heit einem flüchtigen Kuß schied sie. Bernt aber 
domm, fleh auf Es thut mir leid, dich so hart an— itmete erleichtert, auf. Wenn Ellen erst ein selbst— 
Jefaßt zu haben.“ ndiges kleines Geschäft besaß, dann löste sich ihr Ver⸗ 
Er wollle ihre Hand ergreifen, sie stieß ihn zuriichk. ältnis nach und nach von selbst. Dann hatte sie eine 
„Laß mich! Du buͤt ein Elender — du mißhandelift eregelte Thätigkeit, selbständige Verantwortung und sie 
mich ...“ hunte ihm nicht mehr solche Scenen. wie beute Ahend 
Ellen, so nimm doch Vernunft an. Was sollte ereiten. 
ch denn thund Wiclst du mich denn ganz erniedrigen?“ Vergnügt pfiff er vor sich hin, und da es erst zebn 
Sie sah ihn mit thränenschweren. vorwurfsvollen ühr abends war, —I noch fort, um in irgend einem 
Augen an. Fafé noch ein Glas Bier zu trinken. 
„Und du — hast du mich nicht schon ganz er— 
riedrigt? Willst du mich nicht vollständig in den 
Schmutz treten? Soll ich, wie so viele andere, auf der 
Slaße verkommen? Habe ich das um dich verdient?“ 
Er konnte ihren Blick nicht ertragen, ergriff ihre 
eiden Hände und zog sie zu sich empor. 
Ellen — sprich doch nicht so . Du weißt, daß 
ch dich viel zu üeb habe, als daß das meine Absicht 
ein kann“ 
„Du mich lieb?!“ 
Ja S trotz allem — ich habe dich lieb “ 
E küßte sie und sie weinte in seinen Armen. Er 
vrach begütigend auf sie ein Sie solle doch nicht 
sauben, daß er sie verlassen, in das Elend hingaus⸗ 
roßen wolle, aber er köune doch mit Gewalt die Ver⸗ 
Anige nicht ändern. Ja, weunn er reich wäre! Aber 
— —— 
Viertes Kapitel. 
Isa dachte oft darüber nach, was wohl des Bruders 
Vesen so ganz nund gar verändert haben könnte. Nur 
elten kamer noch zu den Verwandten, daun aber war 
xzerftreut und einsilbig. Die Geselligkeit der 
Zameraden schien er mehr und mehr zu meiden; 
bemgftens urteilte er sehr abfällig über diese „Kommiß- 
Feieligkeit“, in der über nichts anderes, als über 
Pienft, Avaäncement oder Pferde, Weiber und Hunde 
sesprochen wurde. 
An einem Sonntag Mittag kam er aus diesem 
Hrunde scharf mit seinem Schwager aneinander. 
„Ich habe von deinem Kompagniechef gehört, 
gerni,“ sagte Hauptmann Steinrück, „daß du dich allzu 
ehr aus dem Kreise der Kameraden zurückziehst. Ich 
nöchte dir doch raten, mehr mit den Kameraden zu 
erkehren.“ 
Wenn ich diesen Umgang aber langweilig finde?“ 
mntgeguete Bernt empfindlich, 
Der Umgang urit Kameraden ist niemals lang— 
oeilig, er ist für den Offizier eine außerdienstliche 
hflicht,“ sagte der Hauptmann in seiner strengen, trockenen 
Art und Weile, die keine Entschuldigung gelten laßt. 
„Mein Gott, ich bin doch kein Kind!“ rief Bernt 
ingeduldig. 
„Eben deshalb,“ entgegnete Steinrück trocken, 
„solliest du einsehen, was deine Pflicht ist.“ 
„Pflicht hin, flicht her — kann man denn nicht 
Mensch sein?“ 
„Vor allem bist du Soldat — Offizier!“ 
Ich lasse mein außerdienstliches Leben nicht kon— 
—A 
„Das wirst du dir schon aefallen lassen müssen. 
bist eben stets und unter allen Umständen Offizier.“ 
„Eine Zahl unter vielen Zahlen,“ spottete Bernt, 
Jede Zahl hat ihre Berechtigung und ihren Wert.“ 
„Auch die Null?“ 
Auch die, wenn sie in Reih und Glied mit anderen 
Zahlen steht. Nur nicht, weun sie allein steht — dann 
jt sie eben eine Null.“ 
„Ich habe es für meine Pflicht gehalten, dich u 
varnen, bebor der Kommandeur sich der Sache annimmt. 
Thu, was du willst, aber bedenke, daß ich dich gewarnt habe, 
„Ich werde deine Hilfe nicht in Anspruch nehnen.“ 
Nan schied in Unfrieden und seitdem kam Bern 
nicht mehr in das Haus seines Schwagers 
(Fortsetzung folgt. 
Auf Rrankenbesuch. 
hon Zedwig Indebetou. (Aus dem Schwedischen). 
Nachdruck verboten 
„Laß mich sehen. Ist heute nicht der vierund— 
wvanzigste?“ sagte Frau Kranz, während sie sich vor— 
eugte, um nach dem, Kalender zu greifen, der mit an— 
eren Büchern neben ihrem — auf dem Tische lag. 
„Ja, heute . der vierundzwanzigste,“ sagte Helmi 
röhlich, um die Wehmut der Mutter zu zerstreuen 
„Ach ja, es ist richtig. Heute vor einem Jahre 
rkraufte ich. Also ein gänzes volles Jahr hat die 
drankheit gedauert Das ist hart — namentlich für dich.“ 
„Liebstse Mutter, sag das nicht — wenn ich auch 
Arbeit gehabt habe, so häbe ich doch keine Not gelitten, 
ind du hast dich hier auf dem Lande doch so prächtig 
rTbolt. Laß uns erst den ganzen Sommer hier zubringen, 
o wirst du zum Herbst deine alten Kräfte wieder haben 
der Doktor sagt es doch auch.“ 
„Du siehst alles so rosenvoll, liebes Hind — die 
hoffnung gehört ja der Jugend, und das ist ein gutes 
Ding. Was mich aber beunruhigt, das ist deine in der 
en Zeit zunehmende Blässe. Du arbeitest au viel— 
helmi!“ 
„Gewiß nicht,“ entgegnete die Tochter, und eine 
leichte Röte schien das Beaß ihrer Wangen wegnehmen 
ind damit die Mutter beruhigen zu wollen. 
„Es giebt hier im Leben so viel wunderbaxes und 
infaßliches,“ meinte, Frau Kranz mit tiefem Seufzer. 
Wenige Prüfungen scheinen mir aber dunkler, als diese 
drankheit, die gerade zu der Zeit eintrat, als du in die 
Felt hinaus und für deine Zukunft arbeiten wolltest. 
Wie sich das jetzt machen läßt, ist mir unklar. Das 
etzte Jahr hat unfer kleines Kapital zu sehr angegriffen.“ 
Ach, Mama, denk' doch nicht immer daran, daß 
ich dich jetzt verlassen soll. Sobald wir in der Stadt 
siud, finde ich schon ausreichende Beschäftigung. Mach 
dir deshalb nur keine Sorgen. Es ordnet sich alles 
von selbst.“ 
SHoffen wir es,“ entgegnete die Mutter. Jetzt 
ollteft du aber in's Freie hinaus und bevor der Abend 
hereinbricht einen tüchtigen Spaziergang machen.“ 
„Ich kann dich aber nicht so ganz allein lassen. 
liebe — 
„Warum nicht? Mir ist ja heute bedeutend besser. 
debrigens,“ fuhr sie fort, während, sie zum Fenster hin⸗ 
russchaute, „sieh dort Ist es nicht Tante Ulla? Sie 
eint uns besnchen zu wollen. Da habe ich ja während 
deiner Abwesenheit Gesellschaft.“ 
Tante Ulla“ — ein Zeichtes Frösteln ging durch 
Zelmis ganzen Körper. „Nun, dann kann ich ja gehen,“ 
Igte sie Lilig und trat in ihr kleines Zimmer, um Hut 
ud Mantel vu holen und durch die Küchenthür zu ver—
	        
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