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Volume Nr. 37, 15. September 1901

Full text: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1901, X. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

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Wissen und Können tausend anderen überlegen ist! Ich 
verde sein Weib, und wenn sich auch die ganze Welt 
agegen auflehnt!“ 
„Troft wollte ich dir spenden,“ sagte Wera voll 
iefen Peitgefühls, indem sie zärtlich mit der Hand über 
as Haar der Schwester fuhr, „aber jetzt bleiot mir 
iur uͤbrig, dich vor dem, Sturz. in das Unglück zu 
varnen, denn Dmitry Kalussoff ist ein Mann, der 
ʒiner Liebe nicht würdig ist.“ 
VI. 
In den schönen, festlich geschmückten Räumen des 
Hogol⸗Theaters zu⸗ Kiew wogte ein elegantes Publikum 
laudernd, scherzend, lachend und bewundernd hin und 
er. Der Bazaͤr, den ein auserwählter Kreis von 
Damen der Siadt veranstaltet hatte, bot eine will⸗ 
ommene Gelegenheit, Triumphe zu feiern und das 
Amüsement mit dem Wohlthun zu vereinen. Man 
ppferte eigentlich nicht der Armut, deren unglückliche 
inder aus den Erträgnissen des Bazars nach Be— 
Adigung der Fasten eine Osterfreude bereitet werden 
dune, sondern der Anmut, die hinter den Verkaufs- 
ischen durch jugendfrische Mädchengestalten in be⸗ 
trickendster Weise verkörpert war. 
Eifrig waren die Mitglieder der Jeunesse doreo 
beschaftigt, die günstigen Chancen des Bazars wahrzu⸗ 
ehmen, sich von der besten und edelherzigsten Seite zu 
eigen, das wärmste Interesse für das traurige Geschick 
der Enterbten zu bekunden, den graziösen Verkäuferinnen 
ingenehme Verbindlichkeiten zu sagen und durch reiche 
Spenden leuchtende Dankesblicke aus schönen Augen zu 
zewinnen. 
Ebenso eifrig und exrfolgreich waren die jungen, 
oornehmen, Damen bemüht, jeden, der im Besitze einiger 
Rubel zu sein schien, wie mit einem unwiderstehlichen 
Zauberbanne zu fesseln und mit bestrickenden Worten, 
achelnden Mienen und sanft einladenden Gesten zur 
Zergabe seiner Schätze zu bewegen. Das Knistern und 
een der Seide, das Flimmern der Brillanten und 
das Schimmern der Perlen, der weiche Duft des Odeurs 
ind der Blumen waren in diesem Wettbewerb um die 
Freigebigkeit der Rubelbesitzer schmeichelnde, lockende, 
erfuüͤhrerische Hülfsmittel. Es war eigentlich eine Aus— 
tellung weibuͤcher Schönheiten, denn mit kritischem 
Talent hatte der hochstehende Vorsitzende des Bazars 
berstanden, nur solche Damen für die Uebernahme von 
Verkaufsständen zu begeistern, denen die Natur sich im 
höchsten Maße gnädig erwiesen hatte. 
Draußen, am Eingange des, Theaters, glühte in 
oen Abend ein Transparent, auf dem eine liebreiche 
Tharitas inmitten einer Gruppe verwaister Kinder dar⸗ 
Jestellt war und die in gepaltigen Kapitalbuchstaben 
iusgeführte Inschrift prangte: „Bazar zum Besten der 
Armen Kiews.“ Hungernde und frierende Leute aus 
dem Volke standen bewundernd vor dem Transparent, 
während andere stumpfsinnig auf die den Equipagen 
und Schlitten epiie ee Herrschaften blickten oder 
ediht waren, die Aufmerksamkeit auf ihr Elend zu 
enken. 
Die beiden Herren, die soeben vor dem Portal des 
Theaters eingetroffen waren, schienen von dem Trans⸗ 
barent keineswwegs erbaut zu sein. Nicht der Bazar 
hatte — sondern die übliche Vorstellung, die 
nun in Wegfall gekommen war. 
„Ich verzichte auf das Vergnügen“, grollte Kapitän 
Grekow.“ „Bazare sind nicht meine Vohen Die 
Armen lungern und frieren draußen vor der Thür, 
während sich drinnen die Wohlthätigen nach Herzenslust 
müsieren.“ 
„Kommen Sie nur, Kapitän“, drängte Boris 
Mitrofanowitsch. „Da keine Komödie auf der Bühne 
ist, wollen wir uns wenigstens die im Saal ansehen.“ 
Es herrschte ein fürchterliches Gedränge im Saal. 
Zeitweise stockte die Zirkulation vollkommen, bis endlich 
wieder ein ruckweises Vorwärtskommen miöglich war. 
Schon in wenigen Minuten war der Kapitän von 
—D 
indem er ein halbes Dutzend Schleppen abtrat, Püffe 
austeilte, entrüstete Blicke erntete und Entschuldigungen 
nurmelte, nach einer freieren Stelle durch, wo er hoch 
aufatmend stehen blieb, um das Terrain zu rekognos⸗ 
tieren. Aber er war zweifellos in eine frei ö 
Falle geraten, denn sofort wurde er von einer Schaar 
ambulanter Verkäuferinnen umringt, die ihn in be— 
trickendster Weise * Ankaufen eines Warenlagers 
der sonderbarsten Gegenstände anfeuerte. Eigentlich 
hatte, er sich vorgenommen, nicht für eine Kopeke 
zu kaufen, aber die jungen Damen baten so hin⸗ 
reißend, daß sein Gesicht sich allmälich in freundlichster 
Weise glättete und seine Hand einen Rubelschein nach 
dem andern für bunte Kuhglocken, leere Bonbon⸗ 
chachteln, rote Fichehen und federleichte Blatt⸗ 
ächer hingab. Als gar die feurigen Weisen einer 
depherre in all den Trubel hineinrasten, die 
eigen klagten, zitterten, und Baß und Cello dumpf 
dazwischen stöhnten, hätte er am liebsten eine der 
listigen Teufelinnen um die Taille gefaßt und mit ihr 
die Masurka gewagt. Aber der Gedanke an seine 
grauen Haare und an die Fasten ließen ihn einen 
jadellosen Rückzug nach dem Büffett antreten, wo sich 
eine bereits gesunkene Erbitterung gegen die 
nfolge der geforderten Preise aufs neue zu wilder Glut 
entflammte. 
(Fortsegung folgt.) 
Zerliner Illustrirte Zeitung. 
⸗ —X 2* 3 
Was eine „Diva“ für Unheil 
anrichten kann. 
Von Alfred af Bedenstierna. 
Nach dem Manuskript übersetzt von E. Brausewetter. 
Nachdruck verboten. 
Daß sehr verliebte oder sehr skandalsüchtige Frauen⸗ 
immer, wenn sie in ihres Lebens Spätherbst ge⸗ 
ommen sind, leicht Unfrieden stiften und Unglück an— 
chten, ist, leider Gottes, wohlbekannt. 
Aber das Ihre Gnaäden, Gräfin Cederström, ge— 
zrene Patti, eine sehr nette Dame, die — außer durch 
r wunderbares Talent — niemals eine andere „Ver⸗ 
nlafsung zum Gerede gegeben“ hat, als daß ihr erster 
Rann, Marquis de Caur, ein ungewöhnlich großer 
legel war, nun auf ihre alten Tage, denin neu⸗ 
ermähll und in jeder Beziehung achtungswürdig, 
Ztreit zwischen Ehepaaren hervorruft und Brautpaare 
rennt, das erscheint mir abscheulich. 
Einen meiner Bekannten hat sie direkt ermordet. 
zr befand sich in einer Stellung, daß er und leine 
frau unbedingt auf dem Patti-Konzert sein, mußten, 
ber nicht in der ökonomischen Stellung, daß er die 
Nittel hatte, vierzehn Kronenbillets von den Billet⸗ 
indlern fuͤr 37,30 das Stück zu kaufen. Folglich 
ahm er einen Dienstmann an, sechs Stunden in 
Weu vor dem Opernhause zu stehen, dann mußte sein 
rwachsener Sohn vier Stunden stehen, ein anderer 
dienstmann drei, das Dienstmädchen zwei und die 
döchin eine Stunde, wonach sie sich schon widersetzte. 
er selbst stellte sich in Queu gerade, als dessen oberste 
Zpitze an den Schalter vorgelaässen wurde. 
Er kam niemals dorthin. Als er zwei Stunden 
ewartet und sich jede Minute einen halben Fuß vor⸗ 
eschoben, hatte und bereits so nahe war, daß er die 
zesichtszüge des Billet-Verkäufers unterscheiden konnte, 
hloß sich die Klappe mit der Erklärung, daß sowohl 
as Parkett, als die Logenränge ausverkauft seien. 
Am Konzerttage wurde er begraben. Er starb 
icht am Schlaganfall, wurde auch nicht von einem 
Netzgerwagen auf dem Heimweg zu Tode gefahren, 
ondern an einer durch den Zug beim Stehen im Flur 
es Opernhauses zugezogenen Lungenentzündung. — — 
Einen Kritiker hier in der Stadt er sie um seine 
dond seine Braut und Zukunftshoffnung 
bracht. 
Er war Musikrezensent einer Zeitschrift. Es ist 
icht gerade so schwer, über Musik in einer Zeitschrift 
u schreihben. Man hat gute Zeit, man hat die tech— 
ischen Ausdrücke im Kopf oder im Notfall auf dem 
Zücherregal, man hat sein Selbstgefühl und die guten 
jdeen wie aͤrgerlichen Mißgriffe seiner eiligen Kollegen 
n der Tagespresse, die man benutzen kann. 
Ich weiß nicht, ob mein Freund, der Musikkritiker, 
icher einen Walzer von einer Polka unterscheiden 
onnte. Die Tanzlehrer seiner Jugend sagten, er könne 
8 nicht. Aber ich weiß, daß er lange als hervor—⸗ 
agender Musikkenner betrachtet wurde. 
Die Py kannte er an seinen fünf Fingern, nicht 
ur als Künstlerin, sondern auch als Mensch. Er 
ratte sie im Auslande viele Male gehört, er hielt 
inge Vorlesungen darüber, wie sie eben niemals die 
zäugerin der großen, hinreißenden Leidenschaften ge— 
esen war, sondern mehr von himmelklingender, über— 
aschender Virtuosität, und er erkannte sie von weit 
er, weil in der Tagespresse gestanden hatte, sie trage 
in graues Promenadenkleid und einen so und so be⸗ 
chaffenen Hut. 
Seine Braut war aus Medelpat“*) um des Patti⸗ 
ynzertes willen hergekommen. Sie ging mit ihm 
ztraß' auf, Straß' ab, um einen Schimmer von der 
jatti zu sehen zu bekommen. Sein Zeitschriften-Ver— 
»ger lud sie beide zum Frühstück im Opernkeller ein. 
Das Essen schmeckte ihnen, der Wein belebte sie, 
as Leben lag im Sonnenlicht vor ihnen. 
„Da haben wir sie!“, rief der Musikkritiker, so 
ald sie in die Arsenalgasse hinausgekommen wären, 
nd, stürmte mit fünfundzwanzig Knoten 8 
hwindigkeit auf einen feinen Hut und grauen Pro— 
enadenanzug los. 
Je das wäre interefsant!“ sagte der 3— 
„O mein Gott, ist das sie!“ seufzte die Braut 
ind warf ihrem Geliebten einen dankbaren Blick zu. 
Sie verfolgten die Dame über anderthalb Stunden, 
veit hinaus vor „Sofiaheim“, kreuz und quer in 
zumlegard und den Karlsweg entlang. 
„Die Alte hat noch keine Gicht in den Beinen“, 
igte der Zeitschriften-Verleger keuchend. 
„O diesen Tag vergesse ich niemals“, flüsterte 
ie Braut und drückte den Arm des Geliebten. 
„Wie schön jede Bewegung, ihre Art zu gehen, die 
»oble Haltung des Kopfes, alles zeigt, daß man ein 
ngewoͤhnliches Weib vor sich hat!“ sagte der 
Zraͤutigam. 
Die Göttliche ging in eine Konditorei hinein. 
Die drei Bezauberten folgten. 
Und sobald die Dame hinter dem Ladentisch die 
vottliche erblickte, verneigte sie sich tief und sagte im 
herze ihuna bittenden Ton: 
Liebe Frau Anderson! Es war uns furchtbar 
*) Eine schwedische Landschaft. 
Nr. 37. 
mangenehm, das Versehen mit der Torte! Ich bitte 
ielmals um Entschuldigung!“ — — — — —— 
*— und Dunkel verbreitete sich um den Musik⸗ 
ritiker. 
Die Braut konnte in ihrer tiefen Gekränkheit 
ittere Worte nicht unterdrücken. Sie hat die Ver— 
obung aufgehoben. 
Und der Verleger murmelte etwas, was nach 
Humbug'“ klang, als er ging. 
— 
Hier giebt es, eine Frau, die ihren Mann seit 
wanzig Jaͤhren liebt, die ihm verziehen, daß er ihren 
hater ruiniert und daß er auf drei Monate mit einer 
dunstreiterin nach Wien durchgegangen. 
Aber nun ist der Friede ihres dpre zerstört und 
innt sie auf Scheidung, weil er sich weigerte, nach 
iner Zeitungsannonce 9 einem Billetverkäufer zu 
sehen und „zwei billige Billets im zweiten Rang fuͤr 
iur 23 Kronen das Stück“ zu kaufen. — — — — 
Die Familie Johannesson in Stockholm und die 
Familie Gustafsson in Hundikswall waren immer die 
esten Freunde. Die Herren haben in ihrer Jugend 
us derselben Tonne Heringe herausgesucht d d am 
elben Ladentisch verkauft und später etablierten sie sich, 
vurden Großhändler und Ritter des Wasaordens, alles 
ast gleichzeiig. Die Frauen waren Pensions⸗ 
ameradinnen, als sie kleine Mädchen waren und sind 
rziemals in Zwist geraten, als sie groß wurden. 
So schrieb denn Gustafsson — Weicheiltis und 
rorsichtig, wie man schreibt fern vom Brennpunkt der 
igmife — als posiscriptam nach einem langen 
rief: 
„Da wir doch in nächster Woche in Stockholm 
ind, könntest du vielleicht so gut sein, uns ein paar 
Billets zum Pattikonzert zu beschaffen, wenn es dir 
ict zuviel Mühe macht und sie nicht zu teuer 
verden“. 
Johannesson meinte, achtzehnstündiges Queu stehen 
önne zum mindesten für eine gginge Mühe ange⸗ 
ehen werden und daß 30 his 60 Kronen für das 
Hillet, wie die Händler anfangs verlangten, nicht 
illig wäre. 
Er kaufte keine. 
Die lebenslange Freundschaft ist gebrochen, 
Bustafssons werden niemals mehr gut auf Johannessons, 
ind eine geplante Partie zwischen Johannessons Sohn, 
»em Notar, und Gustafssons Emilia ist ebenfalls in 
ie Brüche gegangen. — — — — 
Aber ich will, nicht leugnen, daß es hier auch solche 
ziebt, die Paͤtti sehr glücklich gemacht hat. 
Durch ihren Gesang? 
Ach, mit dem ist jetzt nicht mehr viel los, und 
ist mehr als fünfzig Zuhörer haben wohl kaum etwas 
zehört. 
Aber die Oberaufwärterin in der kleinen Wohnung 
er Herrschaft Cederström im Grand Hotel beabsichtigt 
m nächsten Jahr in einem kleinen, aber feinen Badeort 
in Sommerrestaurant 3 übernehmen mit Hilfe der 
zeldmittel, die sie für Einschmuggeln von Interviewern 
owie für verkaufte Papierstücke, aus dem Papierkorb, 
zaare vom Toilettentisch und ein paar zurückgelassene 
leine Flaschen exhalten hat. Für ein verlorenes 
Taschentuch bot ihr ein Antiquitäten-Händler fünfzig 
dronen bar. — — — 
Und im Gegensatz zu den Mitmenschen, die durch 
—— 
iuf dem Billetmarkt Freundschaft, Liebe, Sympathie, 
lchtung, Diner⸗Einladungen und Erb-Aussichten ver⸗ 
oren hatten, weiß ich einen klugen jungen Mann, der 
urch die Patti sein Glück mag 
Er hatte eine reiche alte, aber musikalische und neu⸗ 
ierige, zugleich sparsame und unverheiratete, sehr miß⸗ 
rauische Tante, die ihn sehr gern hatte, aber seiner 
weschäftsbegabung mißtraute, und die gern die Patti 
ör 5.. hm sehen wollte, aber meinte, die Billets 
vären zu teuer. 
Er, kaufte zwei Parkettbillets für 70 Kronen bei 
inem Barbier und gab sie der alten Tante. Sie 
achte mit dem einen Mundwinkel über seine Liebe und 
oeinte mit dem andern über seine Verschwendung. Da 
agte die Kangille: „Mach kein Haug mit der Ge⸗ 
chichte, liebe Tante! Ich habe sie für fünf Kronen 
as Stück von einem Dienstmann gekauft, der den 
herstand verlor, als die Billets gestern zu fallen be⸗ 
annen!“ 
Die Alte schloß ihn an ihr Herz, überzeugt von 
einer Geschäftstüchtigkeit. Das Testaiment fuͤr ihn ist 
ereits fertig. Es vermacht ihm 100 000 Kronen, also 
0 000 Kronen für jedes Parkettbillet. ⸗· — — — — 
Glücklich sind guch die, welche in den Zauberkreis 
»er persönlichen Liebenswürdigkeit der Diva ge⸗— 
ommen sind. 
Dies ist der schönste Tag meines Lebens“, sagte 
ine junge Dame zu der großen freundlichen Künstlerin, 
die erwiderte: 
„Ach, das sagen Sie so! Und die herrliche Rhein⸗ 
de von der Sie erzahlten mit all den Burgruinen 
ind ....“ 
„O ja, o ja, aber sie waren nicht so bezaubernd 
zut erhalten!“ autwortete die Dame. — — — — —
	        
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