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Wissen und Können tausend anderen überlegen ist! Ich
verde sein Weib, und wenn sich auch die ganze Welt
agegen auflehnt!“
„Troft wollte ich dir spenden,“ sagte Wera voll
iefen Peitgefühls, indem sie zärtlich mit der Hand über
as Haar der Schwester fuhr, „aber jetzt bleiot mir
iur uͤbrig, dich vor dem, Sturz. in das Unglück zu
varnen, denn Dmitry Kalussoff ist ein Mann, der
ʒiner Liebe nicht würdig ist.“
VI.
In den schönen, festlich geschmückten Räumen des
Hogol⸗Theaters zu⸗ Kiew wogte ein elegantes Publikum
laudernd, scherzend, lachend und bewundernd hin und
er. Der Bazaͤr, den ein auserwählter Kreis von
Damen der Siadt veranstaltet hatte, bot eine will⸗
ommene Gelegenheit, Triumphe zu feiern und das
Amüsement mit dem Wohlthun zu vereinen. Man
ppferte eigentlich nicht der Armut, deren unglückliche
inder aus den Erträgnissen des Bazars nach Be—
Adigung der Fasten eine Osterfreude bereitet werden
dune, sondern der Anmut, die hinter den Verkaufs-
ischen durch jugendfrische Mädchengestalten in be⸗
trickendster Weise verkörpert war.
Eifrig waren die Mitglieder der Jeunesse doreo
beschaftigt, die günstigen Chancen des Bazars wahrzu⸗
ehmen, sich von der besten und edelherzigsten Seite zu
eigen, das wärmste Interesse für das traurige Geschick
der Enterbten zu bekunden, den graziösen Verkäuferinnen
ingenehme Verbindlichkeiten zu sagen und durch reiche
Spenden leuchtende Dankesblicke aus schönen Augen zu
zewinnen.
Ebenso eifrig und exrfolgreich waren die jungen,
oornehmen, Damen bemüht, jeden, der im Besitze einiger
Rubel zu sein schien, wie mit einem unwiderstehlichen
Zauberbanne zu fesseln und mit bestrickenden Worten,
achelnden Mienen und sanft einladenden Gesten zur
Zergabe seiner Schätze zu bewegen. Das Knistern und
een der Seide, das Flimmern der Brillanten und
das Schimmern der Perlen, der weiche Duft des Odeurs
ind der Blumen waren in diesem Wettbewerb um die
Freigebigkeit der Rubelbesitzer schmeichelnde, lockende,
erfuüͤhrerische Hülfsmittel. Es war eigentlich eine Aus—
tellung weibuͤcher Schönheiten, denn mit kritischem
Talent hatte der hochstehende Vorsitzende des Bazars
berstanden, nur solche Damen für die Uebernahme von
Verkaufsständen zu begeistern, denen die Natur sich im
höchsten Maße gnädig erwiesen hatte.
Draußen, am Eingange des, Theaters, glühte in
oen Abend ein Transparent, auf dem eine liebreiche
Tharitas inmitten einer Gruppe verwaister Kinder dar⸗
Jestellt war und die in gepaltigen Kapitalbuchstaben
iusgeführte Inschrift prangte: „Bazar zum Besten der
Armen Kiews.“ Hungernde und frierende Leute aus
dem Volke standen bewundernd vor dem Transparent,
während andere stumpfsinnig auf die den Equipagen
und Schlitten epiie ee Herrschaften blickten oder
ediht waren, die Aufmerksamkeit auf ihr Elend zu
enken.
Die beiden Herren, die soeben vor dem Portal des
Theaters eingetroffen waren, schienen von dem Trans⸗
barent keineswwegs erbaut zu sein. Nicht der Bazar
hatte — sondern die übliche Vorstellung, die
nun in Wegfall gekommen war.
„Ich verzichte auf das Vergnügen“, grollte Kapitän
Grekow.“ „Bazare sind nicht meine Vohen Die
Armen lungern und frieren draußen vor der Thür,
während sich drinnen die Wohlthätigen nach Herzenslust
müsieren.“
„Kommen Sie nur, Kapitän“, drängte Boris
Mitrofanowitsch. „Da keine Komödie auf der Bühne
ist, wollen wir uns wenigstens die im Saal ansehen.“
Es herrschte ein fürchterliches Gedränge im Saal.
Zeitweise stockte die Zirkulation vollkommen, bis endlich
wieder ein ruckweises Vorwärtskommen miöglich war.
Schon in wenigen Minuten war der Kapitän von
—D
indem er ein halbes Dutzend Schleppen abtrat, Püffe
austeilte, entrüstete Blicke erntete und Entschuldigungen
nurmelte, nach einer freieren Stelle durch, wo er hoch
aufatmend stehen blieb, um das Terrain zu rekognos⸗
tieren. Aber er war zweifellos in eine frei ö
Falle geraten, denn sofort wurde er von einer Schaar
ambulanter Verkäuferinnen umringt, die ihn in be—
trickendster Weise * Ankaufen eines Warenlagers
der sonderbarsten Gegenstände anfeuerte. Eigentlich
hatte, er sich vorgenommen, nicht für eine Kopeke
zu kaufen, aber die jungen Damen baten so hin⸗
reißend, daß sein Gesicht sich allmälich in freundlichster
Weise glättete und seine Hand einen Rubelschein nach
dem andern für bunte Kuhglocken, leere Bonbon⸗
chachteln, rote Fichehen und federleichte Blatt⸗
ächer hingab. Als gar die feurigen Weisen einer
depherre in all den Trubel hineinrasten, die
eigen klagten, zitterten, und Baß und Cello dumpf
dazwischen stöhnten, hätte er am liebsten eine der
listigen Teufelinnen um die Taille gefaßt und mit ihr
die Masurka gewagt. Aber der Gedanke an seine
grauen Haare und an die Fasten ließen ihn einen
jadellosen Rückzug nach dem Büffett antreten, wo sich
eine bereits gesunkene Erbitterung gegen die
nfolge der geforderten Preise aufs neue zu wilder Glut
entflammte.
(Fortsegung folgt.)
Zerliner Illustrirte Zeitung.
⸗ —X 2* 3
Was eine „Diva“ für Unheil
anrichten kann.
Von Alfred af Bedenstierna.
Nach dem Manuskript übersetzt von E. Brausewetter.
Nachdruck verboten.
Daß sehr verliebte oder sehr skandalsüchtige Frauen⸗
immer, wenn sie in ihres Lebens Spätherbst ge⸗
ommen sind, leicht Unfrieden stiften und Unglück an—
chten, ist, leider Gottes, wohlbekannt.
Aber das Ihre Gnaäden, Gräfin Cederström, ge—
zrene Patti, eine sehr nette Dame, die — außer durch
r wunderbares Talent — niemals eine andere „Ver⸗
nlafsung zum Gerede gegeben“ hat, als daß ihr erster
Rann, Marquis de Caur, ein ungewöhnlich großer
legel war, nun auf ihre alten Tage, denin neu⸗
ermähll und in jeder Beziehung achtungswürdig,
Ztreit zwischen Ehepaaren hervorruft und Brautpaare
rennt, das erscheint mir abscheulich.
Einen meiner Bekannten hat sie direkt ermordet.
zr befand sich in einer Stellung, daß er und leine
frau unbedingt auf dem Patti-Konzert sein, mußten,
ber nicht in der ökonomischen Stellung, daß er die
Nittel hatte, vierzehn Kronenbillets von den Billet⸗
indlern fuͤr 37,30 das Stück zu kaufen. Folglich
ahm er einen Dienstmann an, sechs Stunden in
Weu vor dem Opernhause zu stehen, dann mußte sein
rwachsener Sohn vier Stunden stehen, ein anderer
dienstmann drei, das Dienstmädchen zwei und die
döchin eine Stunde, wonach sie sich schon widersetzte.
er selbst stellte sich in Queu gerade, als dessen oberste
Zpitze an den Schalter vorgelaässen wurde.
Er kam niemals dorthin. Als er zwei Stunden
ewartet und sich jede Minute einen halben Fuß vor⸗
eschoben, hatte und bereits so nahe war, daß er die
zesichtszüge des Billet-Verkäufers unterscheiden konnte,
hloß sich die Klappe mit der Erklärung, daß sowohl
as Parkett, als die Logenränge ausverkauft seien.
Am Konzerttage wurde er begraben. Er starb
icht am Schlaganfall, wurde auch nicht von einem
Netzgerwagen auf dem Heimweg zu Tode gefahren,
ondern an einer durch den Zug beim Stehen im Flur
es Opernhauses zugezogenen Lungenentzündung. — —
Einen Kritiker hier in der Stadt er sie um seine
dond seine Braut und Zukunftshoffnung
bracht.
Er war Musikrezensent einer Zeitschrift. Es ist
icht gerade so schwer, über Musik in einer Zeitschrift
u schreihben. Man hat gute Zeit, man hat die tech—
ischen Ausdrücke im Kopf oder im Notfall auf dem
Zücherregal, man hat sein Selbstgefühl und die guten
jdeen wie aͤrgerlichen Mißgriffe seiner eiligen Kollegen
n der Tagespresse, die man benutzen kann.
Ich weiß nicht, ob mein Freund, der Musikkritiker,
icher einen Walzer von einer Polka unterscheiden
onnte. Die Tanzlehrer seiner Jugend sagten, er könne
8 nicht. Aber ich weiß, daß er lange als hervor—⸗
agender Musikkenner betrachtet wurde.
Die Py kannte er an seinen fünf Fingern, nicht
ur als Künstlerin, sondern auch als Mensch. Er
ratte sie im Auslande viele Male gehört, er hielt
inge Vorlesungen darüber, wie sie eben niemals die
zäugerin der großen, hinreißenden Leidenschaften ge—
esen war, sondern mehr von himmelklingender, über—
aschender Virtuosität, und er erkannte sie von weit
er, weil in der Tagespresse gestanden hatte, sie trage
in graues Promenadenkleid und einen so und so be⸗
chaffenen Hut.
Seine Braut war aus Medelpat“*) um des Patti⸗
ynzertes willen hergekommen. Sie ging mit ihm
ztraß' auf, Straß' ab, um einen Schimmer von der
jatti zu sehen zu bekommen. Sein Zeitschriften-Ver—
»ger lud sie beide zum Frühstück im Opernkeller ein.
Das Essen schmeckte ihnen, der Wein belebte sie,
as Leben lag im Sonnenlicht vor ihnen.
„Da haben wir sie!“, rief der Musikkritiker, so
ald sie in die Arsenalgasse hinausgekommen wären,
nd, stürmte mit fünfundzwanzig Knoten 8
hwindigkeit auf einen feinen Hut und grauen Pro—
enadenanzug los.
Je das wäre interefsant!“ sagte der 3—
„O mein Gott, ist das sie!“ seufzte die Braut
ind warf ihrem Geliebten einen dankbaren Blick zu.
Sie verfolgten die Dame über anderthalb Stunden,
veit hinaus vor „Sofiaheim“, kreuz und quer in
zumlegard und den Karlsweg entlang.
„Die Alte hat noch keine Gicht in den Beinen“,
igte der Zeitschriften-Verleger keuchend.
„O diesen Tag vergesse ich niemals“, flüsterte
ie Braut und drückte den Arm des Geliebten.
„Wie schön jede Bewegung, ihre Art zu gehen, die
»oble Haltung des Kopfes, alles zeigt, daß man ein
ngewoͤhnliches Weib vor sich hat!“ sagte der
Zraͤutigam.
Die Göttliche ging in eine Konditorei hinein.
Die drei Bezauberten folgten.
Und sobald die Dame hinter dem Ladentisch die
vottliche erblickte, verneigte sie sich tief und sagte im
herze ihuna bittenden Ton:
Liebe Frau Anderson! Es war uns furchtbar
*) Eine schwedische Landschaft.
Nr. 37.
mangenehm, das Versehen mit der Torte! Ich bitte
ielmals um Entschuldigung!“ — — — — ——
*— und Dunkel verbreitete sich um den Musik⸗
ritiker.
Die Braut konnte in ihrer tiefen Gekränkheit
ittere Worte nicht unterdrücken. Sie hat die Ver—
obung aufgehoben.
Und der Verleger murmelte etwas, was nach
Humbug'“ klang, als er ging.
—
Hier giebt es, eine Frau, die ihren Mann seit
wanzig Jaͤhren liebt, die ihm verziehen, daß er ihren
hater ruiniert und daß er auf drei Monate mit einer
dunstreiterin nach Wien durchgegangen.
Aber nun ist der Friede ihres dpre zerstört und
innt sie auf Scheidung, weil er sich weigerte, nach
iner Zeitungsannonce 9 einem Billetverkäufer zu
sehen und „zwei billige Billets im zweiten Rang fuͤr
iur 23 Kronen das Stück“ zu kaufen. — — — —
Die Familie Johannesson in Stockholm und die
Familie Gustafsson in Hundikswall waren immer die
esten Freunde. Die Herren haben in ihrer Jugend
us derselben Tonne Heringe herausgesucht d d am
elben Ladentisch verkauft und später etablierten sie sich,
vurden Großhändler und Ritter des Wasaordens, alles
ast gleichzeiig. Die Frauen waren Pensions⸗
ameradinnen, als sie kleine Mädchen waren und sind
rziemals in Zwist geraten, als sie groß wurden.
So schrieb denn Gustafsson — Weicheiltis und
rorsichtig, wie man schreibt fern vom Brennpunkt der
igmife — als posiscriptam nach einem langen
rief:
„Da wir doch in nächster Woche in Stockholm
ind, könntest du vielleicht so gut sein, uns ein paar
Billets zum Pattikonzert zu beschaffen, wenn es dir
ict zuviel Mühe macht und sie nicht zu teuer
verden“.
Johannesson meinte, achtzehnstündiges Queu stehen
önne zum mindesten für eine gginge Mühe ange⸗
ehen werden und daß 30 his 60 Kronen für das
Hillet, wie die Händler anfangs verlangten, nicht
illig wäre.
Er kaufte keine.
Die lebenslange Freundschaft ist gebrochen,
Bustafssons werden niemals mehr gut auf Johannessons,
ind eine geplante Partie zwischen Johannessons Sohn,
»em Notar, und Gustafssons Emilia ist ebenfalls in
ie Brüche gegangen. — — — —
Aber ich will, nicht leugnen, daß es hier auch solche
ziebt, die Paͤtti sehr glücklich gemacht hat.
Durch ihren Gesang?
Ach, mit dem ist jetzt nicht mehr viel los, und
ist mehr als fünfzig Zuhörer haben wohl kaum etwas
zehört.
Aber die Oberaufwärterin in der kleinen Wohnung
er Herrschaft Cederström im Grand Hotel beabsichtigt
m nächsten Jahr in einem kleinen, aber feinen Badeort
in Sommerrestaurant 3 übernehmen mit Hilfe der
zeldmittel, die sie für Einschmuggeln von Interviewern
owie für verkaufte Papierstücke, aus dem Papierkorb,
zaare vom Toilettentisch und ein paar zurückgelassene
leine Flaschen exhalten hat. Für ein verlorenes
Taschentuch bot ihr ein Antiquitäten-Händler fünfzig
dronen bar. — — —
Und im Gegensatz zu den Mitmenschen, die durch
——
iuf dem Billetmarkt Freundschaft, Liebe, Sympathie,
lchtung, Diner⸗Einladungen und Erb-Aussichten ver⸗
oren hatten, weiß ich einen klugen jungen Mann, der
urch die Patti sein Glück mag
Er hatte eine reiche alte, aber musikalische und neu⸗
ierige, zugleich sparsame und unverheiratete, sehr miß⸗
rauische Tante, die ihn sehr gern hatte, aber seiner
weschäftsbegabung mißtraute, und die gern die Patti
ör 5.. hm sehen wollte, aber meinte, die Billets
vären zu teuer.
Er, kaufte zwei Parkettbillets für 70 Kronen bei
inem Barbier und gab sie der alten Tante. Sie
achte mit dem einen Mundwinkel über seine Liebe und
oeinte mit dem andern über seine Verschwendung. Da
agte die Kangille: „Mach kein Haug mit der Ge⸗
chichte, liebe Tante! Ich habe sie für fünf Kronen
as Stück von einem Dienstmann gekauft, der den
herstand verlor, als die Billets gestern zu fallen be⸗
annen!“
Die Alte schloß ihn an ihr Herz, überzeugt von
einer Geschäftstüchtigkeit. Das Testaiment fuͤr ihn ist
ereits fertig. Es vermacht ihm 100 000 Kronen, also
0 000 Kronen für jedes Parkettbillet. ⸗· — — — —
Glücklich sind guch die, welche in den Zauberkreis
»er persönlichen Liebenswürdigkeit der Diva ge⸗—
ommen sind.
Dies ist der schönste Tag meines Lebens“, sagte
ine junge Dame zu der großen freundlichen Künstlerin,
die erwiderte:
„Ach, das sagen Sie so! Und die herrliche Rhein⸗
de von der Sie erzahlten mit all den Burgruinen
ind ....“
„O ja, o ja, aber sie waren nicht so bezaubernd
zut erhalten!“ autwortete die Dame. — — — — —