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Volume Nr. 20, 19. Mai 1901

Full text: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1901, X. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

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Die wenigen Sturmsegel, die man führen kann, 
ind nicht imstande, das Schiff ohne starken Abtrift 
»orwärts zu bringen, das dicke, unsichtige Wetter macht 
die Ortsbestimmung unmöglich und langsam aber sicher 
etzen Wind und See das Schiff der Küste entgegen. 
Schwer rollend und stampfend arbeitet das Fahr—⸗ 
‚zeug sich durch die See dahin. Fest in den Oelrock ge— 
vickelt stehen Kapitͤn und zweiter Steuermann auf 
hem Achterdeck, neben dem Kompas, ihre Aufmerksam— 
ceit teilend zwischen diesem, der wildbewegten Wasser— 
lJäche und der, in all ihren Teilen ächzenden Takelage 
Wie nahe die drohende Küste mit ihren Sandbänken 
ist? — Keiner der beiden Männer vermag es genau zu 
jagen, aber allzufern kann sie nach dem Ergebnis der 
ietzten Lotung nicht mehr sein 
Prüfend blickt der Schiffer über die Lee-Reeling in 
die Finsternis hinaus, — leuchtende Schaumkämme 
igantischer Wogen, soweit das Auge reicht, sonst nichts 
zu sehen. — 
„Halsen, Steuermann, — besser zu früh, wie zu spät 
Mir wird's unheimlich hier, ich glaube, 
zie Abtrift ist größer als wir denddu!“ — 
Der Andere nickt schweigend: 
„Halsen!“ — 
Unter der Back hervor, wo sie 
einigermaßen Schutz vor dem Wetter 
zefunden haben, eilen die Leute der 
Deckwache auf ihre Stationen Ein 
Berg brodelnden, kochenden Wassers 
zricht über die Reeling, als sie mitt⸗ 
schiffs sind, aber er kann sie nur 
Sekunden aufhalten, es heißt, See— 
nann sein jetzt, das weiß jeder 
Finzelne. 
„Gei cuf Besan, auf mit dem 
Ruder!“ 
Das letzte Segel, das am hinteren 
Mast noch steht, verschwindet Mit 
Aufbietung aller Kräfte legt der 
steuernde Matrose das Rad herum, 
und langsam fällt der Bug vom 
Winde ab. 
Der Kapitän springt selbst an das 
Rad, um dem Manne zu helfen, aber 
nit zwei Sätzen ist er wieder vorn. 
Das Ruder steht, wie der kleine Zeiger 
an Deck beweist, quer ab vom Schiffs— 
körper, der, von Wind und See wie 
mit eisernen Fesseln gehalten, den 
Gehorsam versagt. 
„Großmarssegel weg, — steck auf die Schooten, steck 
auf!“ — Mit Blitzesschnelle fährt die schwere, eiserne Kette, 
die die untere Ecke des Segels hält, ein paar Fuß nach 
oben, daunn stoppt sie wieder. Irgend ein loses Tau ist 
mit in die Scheibe gerissen worden und hält sie jetzt fest 
„Mann nach oben!“ 
Der Befehl kommt zu spät. Schon steht die kräftige, 
sehnige Gestalt eines jungen Matrosen in der Want 
und so rasch Oelzeug und Stiefel es gestatten, geht es 
nach oben. Weiß doch jeder Seemann, wie sehr es in 
solchen Momenten auf die Sekunde anfkommt. 
Berliner Ihustriĩrie Zeitung. 
Nr. 20 
Ibnehmen des Rettungsbootes vom Wagen. 
A Renacard, Kieèl, phot. 
Da, — „Brandung voraus!“ halt der Ruf 
ber Deck Die drohende Küste ist in unmittelbarer 
dähe, und mit fliegender Fahrt jagt das Schiff ihren 
zandbänken entgegen! — — 
Ein jäher Ruck, ein donnerndes, ohrenbetäubendes 
diachen und Knattern — das Marssegel ist fort und 
zeit draußen in Lee fliegen die Fetzen durch die Nacht. 
— Zu spät! Zu spät auch der Versuch, die Anker 
allen zu lassen, und nur wenig fehlt, so hätte der 
etztere den Braven das Leben gekostet, die ohne be— 
onderen Befehl auf die Back geeilt sind, die Anker klar 
u machen. 
Ein Ruck, der das ganze Bauwerk in all seinen 
Teilen erzittern läßt, wirft die Leute an Deck nieder 
ind dann ein Knistern und Splittern, ein Krachen — 
er Fockmast ist gebrochen! — — — — 
In kurzen Pausen hallt Schuß auf Schuß in die 
punkle, sturmdurchtobte Nacht hinaus, Raketen steigen 
uf — Hilfe heischend für die Menschen die auf dem 
zestrandeten Wrack wehrlos den Wogen preisgegeben 
uh ig, aber schnell und sicher, die Befehle des Vormannes 
iusführen. Schwer und wuchtig die Gestalten alle, 
ind in den ernsten, wettergebräunten Gesichtern die 
janze ruhige Zähigkeit, die dem Küstenbewohner eigen. 
Es ist ein gefährliches Unternehmen, eine solche 
Bootsfahrt durch Sturm und Brandung, und ein 
hweres Stück Arbeit dazu, aber kein Einziger denkt 
aran, kein Einziger hat überhaupt einen anderen Ge— 
anken als den an die sichere Erledigung seiner Aufgabe. 
In wenigen Augenblicken haben die Ruderer ihre 
blätze eingenommen, von dem niedergeklappten Wagen— 
zestell schießft das Boot wie von einer Helling in das 
Vasser und schweigend, mit zusammengebissenen Zähnen 
eginnt der Kampf. 
Bald hoch auf den Kamm einer Woge, bald fast 
rdrückt von den Wasserbergen ringsum, geht es vor— 
värts, langsam, Schritt nach Schritt in heißem, 
chweren Kampf, aber vorwärts geht es, muß es gehen 
ind Kraft und unermüdliche Ausdauer zwingen es 
zuch wirklich. — — 
Abfahrt des Rettungsbootes. 
Renard, Kiel. phob. 
'ind, die immer wilder gegen das ächzende, stöhnende 
Vrack heranstürmen, dessen kaum noch zusammen— 
altende Planken das Letzte sind, was noch zwischen der 
Zefatzung der Bark und ihrem nassen Grabe steht. 
Aber die Hilfe kommt“ — Schon bei den ersten 
zchüssen ist es lebendig geworden iun dem kleinen Fischer— 
orf drüben am Strande und bald darauf eilt ein 
liedriger, starker Wagen den Dünen zu: — Das 
stettungsboot. 
Dicke Korkgürtel liegen über den schweren Oel— 
acken der Männer. die das Fahrzeug bealeiten und 
Das Schiff freilich, das in die Sandbänke unserer 
dordseeküste gerät, ist verloren. Fest und fester legt der feine 
Zand sich um sein Opfer, über die Menschen aber auf dem 
Vrack wachen die Braven, die im Dienste der,Dentschen 
vesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“, — 
m Dienste der Menschenliebe hundertfach ihr 
ꝛigenes Leben einsetzen für die Rettung Anderer! — — 
Auch ein Zug jenes schlichten, echten Heldentums, 
von dem man an den Küsten und auf See so viele 
Beispiele erleben kann! —
	        
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