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Volume Nr. 12, 24. März 1901

Full text : Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1901, X. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

Nr. 12.
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zerliner Jllustrirte Zeitung.

187

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Zwei Frauenherzen.
Roman von Otto Elster.

9. Forts. u. Schluß)

Bernt lag wachend am Lagerfeuer und blickte sinnend
sinauf zu den ewigen Sternen. Nicht die Begeisterung
ir das Volk der Buren hatte ihn eigentlich in dieses
and heführt, die Begeisterung hat ihn erst erfüllt, als
begtiss daß es ein heilger Krieg, für Freiheit und
Recht war, den die Buren gegen die britische Weltmacht
mpften, die Begeisterung hatte auch alle die deutschen
Zruder zu den Waffen greifen lassen, die jetzt seine
riegskameraden waren. Die Begeisterung wuͤrde ihnen
en Sieg verleihen.
Dennoch vermochte sich Bernt einer gewissen Un⸗
ruhe und trüben Stimmung nicht zu erwehren. Die
ðegeiflerung allein macht den Soldaten nicht und wenn
feine deutschen Kameraden ansah, dauu erblickte er
zar manchen, der eben erst vom Kontorstuhl weg oder
Ris dem Büreau zur Truppe gekommen war. Andere
en wieder fernige, kräftige Gestalten, Jäger, Land⸗
virte, Minengrbeiter; aber waffengeübte Krieger, wie
ije ünter Waffen großgewordenen Buren, waren sie
ncht. Er sah es deshalb als einen Fehler an, daß
mou gerade dieses noch wenig geübte Freikorps in die
ufte Linie, an den gefährdetsten Posten gestellt hatte.
Wenn sie hier don der Uebermacht der Engländer
hen wurden, waren sie verloren und wurden ver—
nichtet. —
Run gut, dann war für ihn vielleicht auch schon
die toͤtliche Kugel gegossen und alles war vorüber. —
Er wickelle sich in seine Decke und versuchte zu
schlasen. Aber die Bilder seines früheren Lebens ver—
vigten ihn und, raubten ihm den Schlummer. Erst
degen Morgen fiel er in einen leichten, unruhigen
Schlaf, dem ihn Hornsignale und laute Kommando⸗
rufe entrissen.
Eine ziemlich bedeutende englische Truppe, In⸗
janterie⸗Reiterei und Artillerie, nahte auf der Straße
hon Ladyfmith her und hatte die Vorposten der Buren
hereits zurückgeworfen.
Sberfi Schiel. zu dem auch eine kleine Abteilung
Buren unter General Kock gestoßen war, besetzte eine
fefle Stellung auf felsigen Hügeln, vor denen sich ein
grünes Thal qusbreitete, das an der anderen Seite
wiederum von einem Bergrücken begrenzt wurde. Hier⸗
sin wurden als Avantgarde eine kleine Abteilung
duuchen Freicorvs und einige Hundert Buren
gefandt.
In dieser Stellung verharrte man fast den ganzen
Morden. Nur einzelne Schüsse fielen im Vorgelände.
Gegen Mittag wurde das Gefecht lebhafter. Der vor⸗
egende Höhenrücken wurde durch englische Artillerie
eschoffen dann erscholl das Hurrah der stürmenden
Fnglander, die detachierten Buren zogen sich in eiliger
Flucht auf die Haupistellung zurück, von den Deutschen
sam feiner wieder, sie waren gefallen oder gefangen ge—
nommen.
Jetzt donnerten aber auch die Geschütze der Buren.
Auf dem gegenüberliegenden Bergrücken protzte die eng⸗
ische Artillerie ah, die der Artillerie der Buren, weit
uͤbetlegen war. Eine Stunde währte der Geschütz⸗
kampf· Die Buren sahen das Nutzlose ihres Artillerie⸗
feuers ein, Oberst Schiel befahl das Einstellen des
Feuerns.
Nun quollen die englischen Infanteriekolonnen
iber den Bergrücken hervor, lösten sich in lange
Schützenlinien guf und „vexschwanden hinter dem
Slrauchwert und in den Gehölzen, welche den Thal—
zrund bedeckten. Rur hier und da tauchten sie wieder
uf man sah, wie sie sich stetia der Stellung der Buren
näherten.
An den Flanken der Stellung erschien englische
Reiterei — von drüben her donnerten die Geschütze —
3war eine sehr gefahrvolle Lage für das kleine Corps
des Oberften Schiel. Aber an din Zurückweichen dachte
emand und als die englische Infanterie zum Sturm—
angriff schritt, da prasselte ihnen ein so heftiges und
wohlgezieltes Gewehrfeuer entgegen, daß die englischen
inlen rasch wieder in dem Thale Deckung suchten.
Aber die englische Uebermacht war zu groß. Ver—
ftärkungen trafen ein, noch zweimal schritten die Eng—
sander zum Bajonettangriff, beim zweiten Mal draugen
e in die Linien der Buren ein, ein furchtbarer Nah⸗
kanipf entwickelte sich, die Engländer wären wohl wieder
zuruückgeworfen, wenn nicht plötzlich in der Flanke der
Zuren ein englisches Lanzeureiter-Regiment mit lautem
Zurrah attakiert hätte.
Die Buren des Geueral Kock stürmten in wilder
Flucht davotn, vertolgt von den Lanzenreitern — die
Denschen des Obersten Schiel hielten stand Tvon der
Ucbermacht überwältigt, starben sie den Heldentod bis
uf wenige, die entkamen oder den Engläundern als
Gefangene in die Hände fielen.

General Kock fiel unter den Stichen der englischen
anzen, Oberft Schiel mußte sich verwundet den Eng⸗
aͤndern ergeben und Doktor Coster, Führer der
Deutschen, siarb mit Hunderten von deutschen Brüdern
sen Heldentod.
Auch Bernt sank von einer englischen Lanze durch—
johrt zur Erde nieder — die Sinne schwanden ihm,
er glaubte zu sterben.

Sechzehntes Kapitel.

Der Vorstoß der Engländer auf Elandslaagte war
iur ünlernommen, um ihre Truppen in Dundee zu
utlaften und ihnen Gelegenheit zu geben, ihren Rück—
ug auf Ladysmith zu bewerkstelligen. Als dieser Zweck
rreicht war, zog 6 auch Geuͤeral French, der bei
Flandslaagte befehligte, wieder zurück und zwar mit
vicher Schnelligkeit, daß weder die Gefallenen beerdigt,
soch für die Verwundeten gesorgt werden konnte.
So mußten denn die nachrückenden Burentruppen
ür die Verwundeten sorgen und die Ambulanzen der
Zuren hatten Tag und Nacht zu arbeiten, um den Ver⸗
yundeten Hilfe zu bringen.
In dem Stationsgebäude von Elandslaagte hatte
rrich Rönneberg sein Hospital aufgeschlagen. Das
zaus war nur klein und durch Geschosse beschädigt,
aum vermochte es die Menge der Verwundeten zu be—
xerbergen, deren Zahl von Stunde zu Stunde noch
zurch die fortdauernden Kämpfe bei Glencoe und Lady⸗
mith vermehrt wurde.
Unermüdlich thätig war Isa. Wohl mußte sie oft
nit innerem Grauen kämpfen, wenn sie die furcht⸗
aren Verwundungen sah, welche die britischen Granaten
ind Gefchoffe geschlagen, wenn sie den Aerzten bei
mputationen und anderen Operationen hilfreiche
Zand leisien sollte oder wenn der letzte Schrei eines zu
ode getroffenen Kriegers ihr durch Mark und Bein
ellte — aber sie überwand dieses Grauen und erfüllte
hre Pflicht an der Seite ihres Gatten mit helden⸗
nütiger Aufopferung.
Neue Verwundete wurden gebracht. Neben der
Bahre eines derselben schritt Erich Rönneberg, die

—

Trzumerei.

Goldblondes Haar um das blasse Gesichk,
Die Lippen so brennend, so rot,
Und in den Augen ein flackerndes Licht,
Wie von seliger Liebe durchloht.

zo kommt sie am Tage, so kommt sie im Traum
Beschmückt mit blitzender Kron',
Und ich schaue und schaue, und fasse es kaum,
Ist's Wahrbeit, ist es Vision?
Dann winkt sie und flüstert, so traut und so leis
Mir ist, als ob weinen ich müßt',
Und dann, — dann spüre ich Rüsse so heiß,
So heiß, wie die Liebe nur küßt

50 kommt sie im Dunkel, so kommt sie im Licht,
Das Auge von Sehnsucht durchloht,
Goldblondes Haar um das blasse Gesicht,
Die Lippen so brennend, so rot.
Eugen Stangen.

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zand des Verwundeten in der, seinigen haltend. Isa
Jollte ihm entgegen gehen, doch Erich winkte ihr, zurück—
ubleiben, dann ließ er die Hand des Verwundeten
inken und kam rasch auf sie zu.
Seim blaffes Gesicht zeigle eine tiefe Bewegung.
Zia“, sprach er mit leicht bebender Stimme, „du
jast schon so viel Schreckliches in diesem Kanmpfe ge⸗
ehen, bist du stark, alles zu ertragen — auch das, was
ir persönlich nahe gehen wird?“
„Was ist geschehen, Erich?“
Du weißt, daß das deutsche Freikorps fast auf⸗
erieben wurde — dein Bruder .. .7
„Ist er gefallen?“
Schwer verwundet — dort auf der Bahre ruht
r. Die englische Lanze hat seine Lunge durchbohrt, ich
uͤrchte, er uͤberlebt diese Nacht nicht ...“
Isa erbleichte, sie preßte die blassen Lippen fest
rufeinander — ein Krampf erschütterte ihr Herz —
iber sie wollte nicht schwach werden, sie zwang den
—Schmerz nieder und eilte an die Seite ihres Bruders.
Bernt lag mit geschlossenen Augen daz ein sleises,
asselndes Stöhnen raug sich aus der, durchbohrten
Zrust, die sich in langsamen, schweren Atemzügen hob
ind senkte. Isa kniekte neben der Bahre nieder und
üßte die herabhängende Hand Bernts. Langsam schlug
rdie Augen auf; als er die Schwester neben seinem
ager knieen fah, huschte ein schwaches Lächeln über
ein totenblasses Gesicht und er versuchte. ihre Hand
eicht zu drücken.
„Wir wollen ihn in das Haus bringen,“ sagte
Frich leise. „Er bebdarf der größten Ruhe, nur dann
st die denei vorhanden, daß er geheilt wird
deinerlei rregeng — nicht sprechen“‘ Hörst du, Isa
— du mußt dich bezwingen ...“
Ich werde mich beherrschen, Erich,“ entgegnete sie
„Sei ohne Sorge.“
Man brachte Bernt, der wieder in die Apathie
urückgesunken war, in ein kleines Haus, welches un—
veit des, Stationsgebäudes sich in einem hübschen,
leinen Garten erhob. Ein Gaͤrtner bewohnte es, der
dier Gemüse und Obst zog und auf die Märkte der
imliegenden Städte brachte. Es war ein Deutscher,
der schon seit zwanzig Jahren in Südafrika lebte und
ich mit der Tochter eines Buren verheiratet hatte. Be—
reitwillig räumten die guten Leute das einzige Bett,
zas sie besaßen, dem schwerverwundeten deutschen Lands⸗
mann ein.
BBleibe nur bei ihm,“ sagte Erich zu Isa. „Ich
jabe dich im Stationsgebäude nicht mehr nötig — die
Verwundeten sind bis auf wenige verbunden und unter—⸗
zebracht — hier bist du nötiger. Wenn irgend etwas
jorfällt, laß mich sofort rufen. Vorläufig ist nichts zu
machen, als äußerste Ruhe ...“
Er eilte fort und Isa nahm neben dem Lager
Bernts Platz, der noch immer apathisch dalag, leise
röchelnd.
Sollte es wirklich zu Ende gehen? Sollte er hier
im Kampfe für die Freiheit eines fremden Volkes durch
seinen Tod fühnen, was er daheim im Vaterlande
leichtfertig gefehlt? Sollte er nicht Gelegenheit haben,
durch sein Leben zu beweisen, daß er ein Anderer, ein
Besserer geworden?
Isgsa traten die Thränen,in die Augen, ihre Hände
falteten sich im stummen Gebet um das Leben ihres
Bruders.
Sie dachte auch an Ellen Winter. Hochherzig
wollte Ellen Bernt in das fremde Land begleiten, wollte
ihm alles opfern, was sie besaß; aber er hatte es ab—
zelehnt, nicht weil er Ellen nicht mehr liebte — o nein,
er hatte in der letzten Zeit erkannt, wie tief diese Liebe
in ihren Herzen saß, daß sie nicht mehr von einander
assen konnten — sondern aus echtem Mannesstolz.
krst wollte er sich ein neues Leben aufbauen, erst wollte
xr frei und selbständig dastehen, ehe er Ellen als seine
Battin heimführte. Und nun — sollte der Tod allen
diefen Plänen ein jähes Ende bereiten? Sollte die
Schuld, welche beide, Bernt und Ellen, in übexwallen—
Fer Leidenschaft der Liebe auf sich geladen, sollte diefe
Schuld allein ungesühnt bleiben?
Aber war es denn wirklich eine Schuld, die sie
auf sich geladen? Waren es nicht nur äußere Verhält—
nisse, welche ihre Liebe zu einer Schuld gemacht hatten?
Im ernsten, trüben Sinnen saß Isa da, auf die
rasselden Atemzüge des Verwundeten lauschend und
eine trockenen, aüfgesprungenen Lippen von Zeit zu
Zeit mit einem kühlen Tranke benetzend.
Die Nacht sank nieder — eine herrliche, von
ilbernem Mondenschein zauberhaft durchleuchtete Tropen⸗
nacht. Eine frische Brise strich aus den Schluchten
der Drakensberge über das Land. Im Garten draußen
dufteten die Bluͤmen und leise rauschte und flüsterte es
in den Mimosen- und Akazienbäumen, welche mit ihren
schirmartigen Kronen das Häuschen umschatteten.
Die Frau des Gärtners hatte eine kleine Lanipe
33 welche das Zimmer mit sfanftem Dämmerschein
erfüllte.
            
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