Nr. 38.
Berliner Illustrirte Zeitung.
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Stettiner Raisertage: Besuch der Raiserin in der AFugusta-Schule in Friedenshof bei Stettin.
kine hofdame veranstaltet eine GCeneralprobe.
gekämpft. Den Fachleuten im Generalstabe und im
Kriegsministerium wird es obliegen, in emsiger Winter⸗
arbeit die gewonnenen Resultate dieser Manöver fest⸗—
zulegen; die Erkenutnis aber darf das deutsche Volk
chon heut sich zu eigen machen, daß die Waffe, die die
»eutsche Armee darstellt, in der langen Friedensarbeit
aicht schartig geworden ist, daß sie heut noch so schneidig
ist, wie in den Tagen des großen Krieges. Diese Er—
enntnis wird sich auch den ausländischen Militärs
uufgedrängt haben.
Während der Kaiser auf dem Manöverfelde seinen
Pflichten als oberster Kriegsherr nachging, widmete
ich die Kaiserin in den Tagen ihres Aufenthaltes
'n Stettin den Besuchen gemeinnütziger Anstalten und
Schulen. Nacheinander besuchte sie die Augusta
Viktoria-Schule, die Anstalt „Salem“, das Diakonissen⸗
uind Krankenhaus Bethanien, die Mägdeherberge und
Mädchen-Bildungsanstalt „Ernestinenhof“ und die
Quistrop'sche höhere Töchterschule „Friedens—
hof“. Hier erwartete die Kaiserin ein überaus lieb—
iches Bild. Die zum Festsaal umgewandelte Turn—
alle war besonders schön dekoriert. Rechts und links
om Eingange waren Gruppen von Lorbeer und Palmen
nit blühenden Topfgewächsen im Vordergrunde ge—
HYmackvoll arrangiert. Vorzugsweise fiel ein dem Ein—
ang und dem für die Kaiserin hergerichteten Sitzplatz
zegenüber aufgestelltes Blattpflanzen- und Blumen—
Urraugement in die Augen, dessen Plafond, ein großes
3lumenkissen, auf tiefblauem Grunde in weiß ein
Grüß Gott“ zeigte, aus Kornblumen und weißen
stern vom Obergärtner Zaumseil, der sich auch sonst
im die Dekoration verdient gemacht hatte, kunstvoll her—
estellt. Bei der Anfahrt der Kaiserin bildete eine Au—
ahl der fämtlich in pommersche Farben, weiß mit
»lauen Schärpen, gekleideten Schülerinnen Spalier,
dornblumengewinde halbkreisförmig über den Köpfen
jaltend. Von Herrn Quistrop und seinen Familien—
ingehörigen, sowie von der Vorsteherin Fräulein
Zohagen empfangen, ertönte, als die Kaiserin die
Turnhalle betrat, von der Empore in mehrstimmigem
auben-Reigen der Schülerinnen vor der Raiserin.
Thor hell das „Gott grüße dich, kein anderer Gruß
zleicht dem an Innigkeit“. Danach trat eine Schülerin
vor und überreichte mit einem begrüßenden Gedicht
inen Strauß von Marschall Niel-Rosen, den die
Zaiserin huldvoll entgegennahm. Nun traten zehn der
leinsten Schülerinnen, jede mit einem weißen Täubchen
iuf dem Kopfe, zu einem Reigen an und führten
ingend und tanzend den Täubchenreigen so gelungen
zurch, daß die Kaiserin verschiedentlich ihrer Freude
ebhaften Ausdruck gab. — Nun sind die Stettiner
Kaisertage verrauscht, aber man wird ihrer noch lange
n der Hauptstadt Pommerns gedenken.
HHugo Rudolphby, Berln, phot.