fullscreen: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1900, IX. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

Nr. 26. 
zerliner Jhustritte Zeitung. 
Dieselben Mißstände, die ich bei meinem 
Eintritt in die Ausstellung an der Porte 
Monumentale bemerkte, wiederholen sich 
an fast allen Gebäuden im Innern. Es 
fehlt die große breite Linie, es ist ein 
Zurückgreifen auf den alten vornehmen Stil 
der Franzosen, von dem sie nicht loskommen 
fkönnen und den sie immer wieder zu 
variiren versuchen, ohne seine Größe zu 
erreichen. Das Qhamp de Mars mit seinem 
Chateau d'Eau erinnert an einen Tafel⸗ 
Aufsatz aus Marzipan, wie überhaupt die 
ganze weiße Architektur der Ausstellung mit 
den vielen weißen Türmchen den Eindruck 
von Konditorwaren macht. 
Es ist ein Gemengsel aus Gothik, Re— 
naissance und Rokoko, diesen drei Glanz⸗ 
perioden des alten Frankreich und des alten 
Paris, als es noch die „ville de lumidreè 
im vollsten Sinne des Worts für die ganze 
Welt war. 
Ich will hier nur kurz erwähnen, daß, 
architektonisch am interessantesten die Rue 
des Nations mit ihren Landespalästen ist. 
PViele derselben sind äußerst gelungen und 
machen ihren Nationen Ehre, wie das ent⸗ 
zückende schwedische Haus oder das finn⸗ 
ländische; auch der deutsche, der italienische 
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und der belgische Palast sind Meisterwerke in ihrer Art. 
Nur Uncle Sam hat sich mit der Unverfrorenheit, die 
hn ziert, um die Kultur des alten Europas wenig 
zekümmert und eine Mietskaserne mit dem Sternen⸗ 
anner und im Innern einem großen bequemen Rocking 
air hingestellt. 
Groß und breit angelegt wirkt die Avenue 
Nikolas II. mit den beiden Kunstpalästen, dem Grand 
Palais und dem Petit Palais, die mit dem neuen 
pont Alexandre LDI sich fortführt in die Esplanade 
Jes Invalides. 
Das Petit Palais ist meines Erachtens das 
cchönste und vollendetste Gebäude der Ausstellung und 
„leibt, wie sein vis-a-vis, das Grand Palais, nach 
Abbruch der andern Baulichkeiten bestehen. Das Petit 
Palais, welches eine Ausstellung des historischen Kunst⸗ 
ewerbes Frankreichs birgt, — eine Sammlung der 
jerrlichsten Schätze in Möbeln, Elfenbeinarbeiten, Gold⸗ 
chmiedekunst u. dergl. seit dem elften Jahrhundert bis 
zu Ende des achtzehnten — ist vorzüglich im Aufbau 
Namentlich das Eingangsthor ist vollendet gelöst mit 
en mächtigen Bogen, die von Säulen getragen werden. 
Auch der Innenhof ist groß und vornehm. Ein 
unkler Säulenperistyl wirkt fabelbaft einfach inmitten 
der weißen übrigen Architektur und des grünbepflanzten 
dofes. 
Das Grand Palais, die an Stelle des alten In— 
dustriepalastes der Champs Elysés neu erbaute Kunst⸗ 
Pariser Weltausstellung: 
Der Palast des historischen Kunstgewerbes. 
Kritisches von der Weltausstellung. 
Man kann gerade nicht sagen, daß es ein er⸗ 
schütternder Eindruck ist, den die Porte Monumentalo 
der Haupteingang der Ausstellung) macht, wenn sie 
hinter dem breit und mächtig angelegten Concordia⸗ 
Platz am Beginn der hamps Elysés auftaucht. 
Es ist so viel über die „Frau im Schlafrock“ ge⸗ 
schrieben worden und so wenig Günstiges, daß ich 
eigentlich ohne Vorurteil diese Abnormität in Augen— 
schein nehmen wollte. Aber beim besten Willen, ich 
mußte mich den „geehrten Vorrednern“ anschließen. 
Etwas mehr Theatralisches, etwas mehr Coulissenhaftes 
ist undenkbar. 
Die ganze Porte Monumentale hat auf mich den 
Eindruck gemacht wie eine gemalte Dekoration eines 
Varietétheaters, die man in der Nähe sieht. 
Allerdings ziehen sich alle die nichtigen Kleinheiten 
des Ausschmuckes, alle die gräulichen Farbenklexe zu 
einer wundervollen Wirkung zusammen, wenn die Nacht 
hren blauen Gesamtton darüber gießt nund tausende 
von kleinen Glühlampen eine Märchenpracht hervor⸗ 
zaubern. 
Der Palast der schönen künste. 
Hie eseklrische Hochbahn in Paris 
N. Gnillard, Paris, mhot 
ausstellung, scheint mir in der Façade weniger geglückt. 
Hier handelte es sich, die moderne Eisenkonstruktion 
künstlerisch zu verwenden, und den an ihren alten 
Formen starr festhaltenden Franzosen war es nicht 
möglich, hier die richtige Vermittelung zu finden. So 
macht der Haupteingang der Kunstausstellung den 
Eindruck einer modernen Bahnhofshalle, der man durch 
antike Balkonlogen und Säulen zu einem ganz un— 
—D— 
Wie Paris in der Technik, im Transportwesen, 
in tausend andern Dingen Jahrzehnte zurück ist, so ist 
es in der Architektur, auch in der Innenarchitektur, 
stehen gebieben. Es ist ja richtig, daß vieles in unserm 
modernen Kunstgewerbe s. Z. von Paris ausgegangen 
ist, aber ich vermisse die Volksseele in dieser Be— 
wegung, wie wir sie in England, Belgien und Deutsch⸗ 
land sehen. 
Das französische, d. h. das Pariser Volk (und 
nicht bloß der Bürgersmann) liebt seine schlechtheizende 
cheminée, an der es an kalten Wintertagen zu Tode 
friert. Es liebt seine Restaurants, die der spekulative 
Wirt im Geschmack der Trianon hergestellt und hat 
gar nicht das Bedürfnis, neue Formen und Neues 
berhaupt um sich zu sehen.
	        
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