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Volume Nr. 23, 10. Juni 1900

Full text: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1900, IX. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

hr. 23. 
Renate zuckte die Achseln. „Heimisch kann sich 
ine alleinstehen de Frau wohl nirgends fühlen, wenn 
ie nicht über bedeutende Mittel verfügt und ein großes 
aus machen kann. Gott — und die Gesfellschaft in 
Viesbaden? Entfsetzlich viele Frauenzimmer. Geradezu 
in Heer von Witwen und Geschiedenen. Und unter 
en Herren viel altes Gerümpel, gichtbrüchige Ercellenzen, 
inzufriedene Pensionärs. Na, von dem allen später. 
Jetzt werde ich dich auf eine Stunde dir selber über— 
assen. Und hier wollen wir uns nun recht gut amüsieren, 
nicht wahr? Dein Freund aus Promontoagano besucht 
dich doch gewiß hier bald mal?“ 
„Selbstverständlich.“ 
„Das ist nett. Künstler sind doch immer ein 
ißchen bors ligne. — Auf Wiedersehen, Herzchen.“ 
Und sie rauschte zur Thür hinaus. 
Tief sog Gisala die leichte, reine Höhenluft ein, 
ziese wunderbare Engadiner Luft, von der man meint, 
ie fönne Tote zum Leben erwecken, und in gesunder 
Daseinslust reckte sie die jungen kräftigen Glieder. — 
„Nein, nein, diese herrliche freie Welt!“ 
Dann kniete sie auf dem Stuhl am Fenster nieder, 
ehnte bequem den Oberkörper hinaus und ließ 
hre Gedanken über die Erlebnisse der letzten 14 Tage 
urückgleiten. 
Sie und Sonja gehörten zu den glücklichen 
Reisenden, die immer etwas erleben. Sonja vor 
illem. Ueber München waren sie direkt nach Mailand 
zereist. Bei der Abreise von da war Sonja sehr elend 
sewesen, denn sie hatte sich in einen glutäugigen 
imonadenverkäufer verliebt und diesem Jüngling züum 
hefallen in den letzten Tagen solche Mengen eiskalten 
Fitronenwassers verschlungen, daß sie einen tüchtigen 
HYagenkartarrh davontrug. Dann war es an die Seeen 
segangen. Am schönsten war es in Bellagio gewesen. 
Sonja entbrannte da in heißer Leidenschaft für einen 
chönen Bootführer, der noch schwärzere Augen wie der 
imonadenverkäufer und außerdem einen weichen „lyri— 
schen“ Tenor besaß. Alltäglich und allabendlich fuhr 
Zonja mit ihm auf dem See spazieren und eines 
Abends kehrte sie in fürchterlicher Aufregung heim: 
seicolo — man denke sich, der freche Nicolo! — hatte, 
jon den großen Trinkgeldern und schmachtenden Blicken 
erührt, seine Beschützerin beim Heraushelfen aus dem 
Frut zu küssen gewagt! Natürlich war Sonia 
Zerlĩner Illustrirte Zeitung. 
mpört — — und überlegte am nächsten Morgen 
—ä —— 
zerlin nehmen und glücklich machen sollte, seinen Tenor 
wusbilden und ihn dann vielleicht auch heirgten. 
eider überraschte sie ihn aber noch an demselben Nach— 
nittag, in einer Haustür des krummwinkligen Städt— 
bens, wie er irgend eine vollbusige Marietta oder 
keresina an sein flatterhaftes Herz drückte. Und, un— 
estüm, wie sie war, verlangte sie nun sofortige Abreise 
son Bellagio. „Le climat me tue. Diese schwüle 
'uft, und die falschen Menschen!“ Und Giselg war es 
ifrieden gewesen. Sie hatte auch genug von Bellagio. 
m Grand⸗-Hotel waren dieser Tage so entsetzlich viele 
ärtliche, junge Ehepaare eingetroffen. Und zaͤrtliche 
khepaare haben etwas Nervenaufreizendes, wenn man 
— — — genug, sie kehrten dem Comersee den Rücken 
ind stiegen in die freie Alpenwelt hinauf. Hier wohnte 
stuhe, Kraft und Klarheit. Hier regten sich keine 
hörichten Wünsche. 
„O alte liebe Mutter Erde, wie bist du so wunder— 
chön!“ rief Gisela, die Arme weit ausbreitend. Da 
lötzlich sie zusammen. Was war das — dort 
muf dem Balkon im oberen Stockwerk — dieses kühne 
ßrofil, das sich so scharf und deutlich gegen den hell— 
lauen Himmel abzeichnete, diese Gestall — — — 
Jetzt wandte der Mensch sich um; — — deutlich 
rkannte sie die wohlvertrauten Züge. — — Da, — 
uun hatte auch er sie bemerkt — ein schwacher Laut 
„er Ueberraschung; dann war er verschwunden — — 
ind wenige Sekunden später klopfte es unhöflich heftig 
in Giselas Zimmerthür. Sie öffnete. 
Und nun standen sie sich gegenüber, freudig ver— 
virrt, Auge in Auge. Einen Moment zöoögerle der 
Mann, bevor er eintrat. 
„Darf ich?“ 
„Aber natürlich!“ Gisela dachte nicht einen Mo— 
nent daran, daß dieses Zimmerchen mehr Schlaf- als 
Wohngemach war und daß eine junge Dame einzelne 
zerren eigentlich nicht in ihrem Schlafzimmer zu 
mpfangen pflegt. Sie dachte auch nicht an die Ent— 
remdung dieser letzten Monate. Ein einziges Gefühl 
zurchflutete ihre Seele: grenzenlose Freude. 
„Ja, so ist es nun“, sagte Otto Weinbauer, ihre 
jeiden Hände fest in die seinen fassend, „so fuͤhrt der 
Zufall zwei, die sich in der Heimat aus dem Wege ge— 
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zangen sind, in der Fremde wieder zusammen. Ich 
abs keine Ahnung gehabt, daß Sie in Maloja waren. 
Wirklich nicht.“ 
Gisela lachte. „Aber das brauchen Sie mich gar 
gicht so angelegentlich zu versichern.“ Ein Schatten 
flog über ihre Züge. „Sie haben in letzter Zeit“ — — 
Na, das heißt“, unterbrach er sie und ein fast 
kindlicher Ausdruck trat auf sein ernstes Männergesicht, 
Io ganz unschuldig bin ich vielleicht doch nicht. Daß 
Sie nach der Schweiz reisen wollten, hörte ich, als 
mein eigener Koffer bereits gepackt stand mit Loden— 
oppe, Nägelschuhen und Gletscherbrille — — na sollt' 
cch etwa nun unverzüglich stattdessen eine Strandmütze 
hineinlegen und an die Nordsee dampfen? Das konnlte 
doch wahrhaftig niemand von mir verlangen. Die 
Schweiz ist ja groß.“ 
258So höoͤren Sie doch endlich auf, sich zu ent⸗ 
chuldigen. Ich freue mich ja doch so sehr. Wenn 
Sie's auch nicht verdient haben — aber ich freue mich!“ 
Und nun saßen sie wieder nebeneinander, glück— 
lich vertraut wie einst und begriffen gar nicht mehr, 
wie es jemals anders haͤtte sein koönnen. 
Die Stunden verrannen. 
Im Nebenzimmer begann Sonja, sich zu regen. 
„Herrgott, halb 7 Uhr,“ rief Weinbauer, nach der 
Uhr sehend; „und Sie haben noch nicht ausgepackt und 
můssen doch gleich Toilette zum Diner machen. Oder 
ommen Sie so, im“ — 
„In diesem verstaubten Reisekleid? O behüte. Ich 
verde sehr chic sein. Sie sollen Ihr Wunder sehen. 
Aber nun, ehe Sie gehen, müssen Sie mir noch ein 
Lersprechen geben, ja? Daß Sie mir demnächst eine 
zroße Generalbeichte ablegen wollen. Ich muß wissen, 
was es war, das mir meinen guten Kameraden damals 
'o plötzlich entriß. Denn ohne Grund“ — — 
„Nein, nein, gewiß hatte ich meinen Grund;“ er 
zog die Stirn in Falten und sein Gesicht färbte sich 
dunkler, „aber seien Sie großmütig und ersparen Sie 
nir die Beichte.“ 
Sie schüttelte den Kopf. „Großmütig bin ich 
zar nicht, sondern neugierig wie ein Spätz. Und 
vas ich wissen will, werde ich erfahren. A rivedera, 
zignor.“ 
(Fortsetzung folgt 
— — — ——— — — 
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nventarien-Conto (abgeschrieben). ividenden-Fonds für die Vnfall-Ver- 
ganisations-⸗Rosten-Oonto (abgeschr.). sicherungs-Abtheiluuggsg.. 2.036 444 — 
fe tebersehuss.. —z12105,. 200 13 
—JV0— — — — 
Es werden für das Rechnungsjahr 1899 on Dividenden für die mit Gowinn-Antheil Versicherten vorrechnet 
n Sa. MKk. 11, 404, 59 6. 18 uDd zwar: 
2) 838 POt. der Jahresprämie in der UnfalIi-Versieheruns-Bæanenhe,- 
5) 83 PõIt. serx vVom Versicherungs- Beginn an gezahlten Ges amnien Gicht nur der einzelnen 
Jasres Pramie) der Le bens- Ver — νAnæ, d. h. hoginnond mit 10 pOt. der Jahres- 
3 *8* jüngston Jahrgang ssteigend bis 20 66 POt. der Jabres- Prümio fũûũvß don ältesten 
abrgang 1878. 
J 10 — der Jahres- Prümie in der Abtheilungs der Voersse herunmgen auf den ErIobons TalIi 
mit Gewinn-Betheiligung (Taritf LI. 
2ZEB ROt. der Jahres- Prúmie in dor VOIKsS-Veree R—— —ung. 
e⸗ e⸗ — 
Dĩe Dipecdtion, 
0O. Gerstenberæ. 
2 ⸗ —W 
oanutecium doliloss Miodorlõssnite 
Statiom Kötzsehenbroda b. Dresden- 
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der physikalüsch-diatetisch. Heiluittel. Aufnahmoe v. Krank. jed. Art, — 
SFeistekranken. Teit. Apat Dr. med. Höisemever, Prosp. fr. d. Dir E. Rärhe.
	        
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