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Epstes Beiblatt.
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1900.
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III
Koman von Rlaus Rittland.
9. Fortsetzung.) Nachdruck verboten.
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Gisela fuhr zurück, als ob sie etwas Unsauberes
erührt hätte. 4
Das also war es, womit sich Renatens Gedanken
beschäftigten? Das?
VJ aber — woher nahm dann diese Fran nur
hre Thränen? 9 s
Was konute hier Wahrheit sein, — was Komödie?
Wohl“ eine Viertelftunde wartete Gisela anuf
Renatens Rückkehr. Aber vergebens. Da entschloß sie
iich zu gehen.
Auf dem Corridor huschte die graue Schwester
an ihr vorüber, eine Schüssel mit Eis in der Hand
lragend. 5
Gisela hielt sie einen Moment zurück. „Sagen
Sie mir — es ist wohl sehr schlimm?“
Die graue Schwester nickte. „Sehr. Die Auf⸗
lösung steht nahe bevor. Er wird wohl den Morgen
nicht mehr erleben.“ .* *
Keine Muskel ihres weißen Gesichts zuckte, als
sie das sagte. Weshalb auch? Das Sterbensehen
war ja ihr Beruf.
Tieferschüttert verließ Gisela die stattliche, von der
Abendsonne rosig bestrahlte Villa, in der heute ein
armes Menschenherz seiner dunkelsten Stunde ent⸗
zegenschlug.
Uud 'am folgenden Tage wurden die schwarz—
geränderten Briefe durch die Stadt getragen, die der
dofgesellschaft meldeten, daß „gestern Abend 9 Uhr der
serzogliche Kammerherr von Koberitz⸗ Auersdorf nach
urzem schwerem Leiden sauft entschlafen“ sei.
Er überlegte. „Ja, aber Kindchen“, meinte er
zann tröstend, „muß es denn absolut die ausübende
ünstlerfchaft sein?, Da giebts doch noch anderes
Sieh' mal, bei deiner hervorragenden musikalischen Be—
sabung, deiner guten Schule — wie wärs mit dem
ünterrichtgeben?“ Ich wollte dir schon Schülerinnen
erfschaffen. Weißt du, daß ich mir bereits im Stillen
o meinen Plan gemacht hatte. Hier bleiben willst
zu doch auf keinen Fall? Nicht wahr? — Und zu
Verwandten ziehen?
Gisela schüttelte energisch den Kopf. Onkel Fried⸗
ich, der Superintendent uͤnd seine stille, glattgescheitelte
Fraͤu mit den immer niedergeschlagenen Augen hatten
hr allerdings, als sie zum Begräbnis gekommen
varen, ihr geistliches Heim als Zufluchtsstätte ange
soten und aͤllerlei lockende Perspektiven über Sonn—
agsschulen und Kleinkinderbewahranstalten eröffnet,
ie einem jungen Mädchen so schöne Gelegenheit böten,
n ihrer stillen Weise dem Herrn zu dienen. Auch
Snkel Ewald, der pensionierte, mit Kindern gesegnete
Hdajor, hatte sich freundlich bereit erklärt, die Ver—
vaifte bei sich aufzunehmen, nachdem sein kluges
Frauchen ihn darauf aufmerksam gemacht, daß, man
durch Gisela gewiß ein Kinderfräulein ersparen könnte,
durch's Feuer, aber aufmucken durfte er nicht. Und
der Gedanke, daß Onkel Weinbauer Röschen hinaus—
verfen könnte, war geradezu grotesk. Viel eher hätte
Hisela sich die umgekehrte Prozedur vorstellen können.
„Also' das geht nicht wegen Röschen“, fuhr er
leinlaut fort. „Aber da steht jetzt dicht über mir —
reilich im vierten Stock! — eine kleine Wohnung frei.
Die würde für dich passen. An mir hättest du einen
reuen Schutz und Anhalt. Bei allen meinen guten
Freunden wuͤrde ich dich einführen. Es sind liebens—
vürdige, prächtige, geniale Menschen darunter — &
Wie gemütlich würdeun wir beide nach des Tages Last
ind Nuühe mit einander Thee trinken und plaudern
manchmal auch in Konzerte und Proben gehen,
uind überhaupt“ — —
Er malte ihr die Zukunft unter seinen schützenden
Fittichen so rosig und behaglich aus, der gute, alte,
sappelige Onkel Weinbauer, daß sie wohl merkte, es
var kein neuauftauchender Gedanke, sondern ein lang—
ehegter Plan. Und wenn, er Zauch den meisten
Lebeusfragen als unpraktischer Phantast gegenüber—
—
das Richtige getroffen hätte.
Still und aufmerksam hörte sie ihn an. Und als
XXII.
Onkel Weinbauer war in sehr unbehaglicher Stim—
nung. Er sprang vom, Klaviersessel auf, schoß im
Salon hin und her, fuhr sich mit seinen langen Knochen—
ngern durch die dünnen Härchen, machte von Zeit zu
Zen „em, em!“ oder „ja, ja, ja“, und warf dabei mitleidig
scheue Blicke auf sein geliebtes Pathenkind, welches dort,
in Nolenblait in der Hand, neben dem Piano stand
ind ein immer trüberes Gesicht machte, je länger das
herlegene Hine und Her-Rennen dauerte. Sie hatte
hm vorgesungen, alles Mögliche, Scalen und Sol—
feggien, eine Lieder und lange Coloratur⸗-Arien, alles.
Er sollte ihr Können pruͤfen,
„Sag's nur ganz offen, Onkel Weinbauer“, redete
sie ihn jetzt mit gepreßter Stimme an, „es ist nichts
damit.“
Er zog die dürren Schultern empor und wand
sich wie ein Wurm. „Nichts? Ach Gott bewahre,
sein — es ist nur — siehst du, Kiudchen, du singst
a ganz wunderhübsch, wirklich, vortreffliche Schule,
eeleuvoller Vortrag, Temperament, alles, alles, aber
die Stimmmittel, siehst du. Ach Gott, wie gern,
wie gern würde ich etwas anderes sagen, aber es ist
doch nun einmal so. Zur Künstlexin reichts nicht
qus; 's ist ein sehr sympathisches Stimmchen, aber
doch eben nur ein Stimmchen —, keine Kraft, kein
Kaliber; trägt nicht, füllt keinen Konzertsaal aus —
gnde Dees sthut mir ia so furchtbar leid. Herzens⸗
ind — — —
Gisela wandte den Kopf zur Seite, damit, der
zntmůtige Mensch die aufsseigenden Thränen nicht sehen
oͤllte. Brauchst dich gar nicht, zu entschuldigen,
Onkelchen, daß du mir die Wahrheit sagst. Ich habe
a sesber nicht daran geglaubt; es war, nur so ein
fuͤhner flüchtiger Wahn,“ — Sie beugte sich tief über
einen Stoß Noten herab. Ach und wie fest hatte sie
daran gdeglaubt! Früher nicht. Nein. Da hatte sie
hre geliebte Musik imnmer nur als den schönsten
duxus betrachtet. Aber seit Frau Drechsler-Lewinski,
die berühmte Gesangslehrerin und Schülerin der Viardot
in die kieine Residenz gezogen war, und Gisela Jo sehr
ermutigt hatte, seit sie seibst gefühlt, wie ihre Stimme
durch den guten Unterricht an Kraft und Fülle ge—
wonnen — ja, seitdem war allerdings ihr musikalisches
Selbstbewußtsein bedeutend gewachsen. Und jetzt, da
es galt, auf eigenen Füßen zu stehen, wie lockend
hatte der Lorbeer ejner großen Konzertsängerin gewinkt!
Also nichts. Die dummen Thränen wolllen sich
nun doch nicht länger zurückdrängen lassen.
Aber Kindchen, Herzenskind,“ rief der liebevolle
angünstige Kritiker, ihre Hände zärtlich gegen Jeine
Brust druckend, „nimms doch nicht so schwer. Siehst
du, ich kann mich ja auch irren.“ 9*
Aber „nein, nein“, protestierte sie, „du irrst dich
nicht, Onkel Weinbauer. Tu versitehst's. Und nun
vollen wir auch nicht mehr über die Sache reden.
Punktum“
Bei dieser und der Garde-⸗Clique hält sich der Schauspieler
am länasten auf.“
ibgesehen davon, daß sie doch auch sicherlich eine kleine
seste Pension zahlen würde; aber alle diese Lockungen
baren an Giselas Freiheitsdurst und Selbständigkeits⸗
rang abgeprallt. Nein, sie, wollte nicht so ein halb
zeduldetes —2 werden. Sie wollte jetzt
oͤr KTeben für sich ausleben, nach ihrem eigenen Ge⸗
hmack. —
Ihr alter Plan, das medizinische Studium, war
vieder“ flüchtig gaufgetaucht. Aber dazu fehlten die
Mittel. Sie mußte erwerben.
Siehst du“, fuhr der Professor fort, indem er sie
ieben sich auf das Sofq zog, „am liebsten
agte ich jaä: komm zu mir, ehe mit mir zusammen.
lder du begreifft: Roͤschen! — Ich kann sie doch nicht
inauswersen!“ Gisfela lachte. Natürlich begreif' ich.“
Köschen, des Professors Haushälterin, eine fuͤnfzig⸗
ährige ramassierte Schöne mit einem kecken Schnur⸗
artchen auf der Oberlippe, war, von eiserner Willens⸗
aft und duldete Teine Weiblichkeit neben sich. Sogar
egen Musikschülerinnen, die ins Haus kamen, wurde
e grob und eine Aufwärterin hielt es nie länger als
.Tage bei ihr aus; fur ihren Vrofessor ging sie
sie zu später Abendstunde sich trennten, da
war ihr Entschluß bereits gefaßt.
„Gute Nacht, mein Liebling,“ sagte er, „ich
hab' dich sange wachgehalten, wahrhaftig 812 Uhr.
Ich alter Schwaͤtzer. Und nun hörst du, beschlaf'
dir die Sache.“ Aber sie reichte ihm mit fröh—
lichem Gesicht die Hand und meinte: „Hab' ich
garnicht notig, Onkel. Wenn etwas nach, meinem
Geschmack ist, bin ich schnell von Entschluß, wie
ein droßer Feldherr. Schreib' morgen gleich und
miete die Wohnung in der Wolkengegend für
mich. Ich werde deine Hausgenossin.“
XXIII J
Ein Vierteljahr war vergangen.
Gisela war nun schon längst ganz behaglich
eingenistet in ihrem neuen Heim, bestehend aus
zwei Stuben und zwei Kammern in einem älteren Hause
er Potsdamer Straße. Eng „freilich, aber sehr gemüt⸗
ich. Gisela beneidete die seidenknisternde junge Bankiers⸗
rau nicht, die in der Bel⸗Etage wohnte und den
Straßenlärm aus erster Hand bezog. Denn das Haus
ag dicht an der Potsdamer Brücke und man hatte den
ebhaftesten Verkehrsmittelpunkt West-æBerlins zu seinen
Füßen. Aber Gisela empfand das Rollen, Stampfen,
dlingeln nur wie ein dumpfes Gebrause. Das hatte
uür die ruhegewohnte Kleinresidenzlerin sogar etwas
ngenehm Berauschendes. Es stoͤrte sie nicht im
S„chlafen und Deuken. Und wenn sie das Fenster
ffnete und aus ihrer Höhe niederschaute auf das
orbeijagen der Karossen, das uhrgleich regelmäßige
dommen und Abfahren der Pferdebaͤhnen, das bunte
Zetriebe der Fußganger, Reiter, Radler, dieses ewig
— D dann empfand
te Lin wunderfames Lusigefühl, eine Freude anm Dasein,
ne Neugierde auf das Leben, das bunte, vielgestaltige,
ranrige und schöne, elende und eee Leben,
deiches sie bis jetzt nur wie mit Scheuklappen, von
Riibtung auͤs gesehen hatte; — es ängstigte sie