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Volume Nr. 20, 20. Mai 1900

Full text: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1900, IX. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

sp. 20 
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& 
⸗ 
—A 
Epstes Beiblatt. 
— 
1900. 
— — 
III 
Koman von Rlaus Rittland. 
9. Fortsetzung.) Nachdruck verboten. 
— —— m 
Gisela fuhr zurück, als ob sie etwas Unsauberes 
erührt hätte. 4 
Das also war es, womit sich Renatens Gedanken 
beschäftigten? Das? 
VJ aber — woher nahm dann diese Fran nur 
hre Thränen? 9 s 
Was konute hier Wahrheit sein, — was Komödie? 
Wohl“ eine Viertelftunde wartete Gisela anuf 
Renatens Rückkehr. Aber vergebens. Da entschloß sie 
iich zu gehen. 
Auf dem Corridor huschte die graue Schwester 
an ihr vorüber, eine Schüssel mit Eis in der Hand 
lragend. 5 
Gisela hielt sie einen Moment zurück. „Sagen 
Sie mir — es ist wohl sehr schlimm?“ 
Die graue Schwester nickte. „Sehr. Die Auf⸗ 
lösung steht nahe bevor. Er wird wohl den Morgen 
nicht mehr erleben.“ .* * 
Keine Muskel ihres weißen Gesichts zuckte, als 
sie das sagte. Weshalb auch? Das Sterbensehen 
war ja ihr Beruf. 
Tieferschüttert verließ Gisela die stattliche, von der 
Abendsonne rosig bestrahlte Villa, in der heute ein 
armes Menschenherz seiner dunkelsten Stunde ent⸗ 
zegenschlug. 
Uud 'am folgenden Tage wurden die schwarz— 
geränderten Briefe durch die Stadt getragen, die der 
dofgesellschaft meldeten, daß „gestern Abend 9 Uhr der 
serzogliche Kammerherr von Koberitz⸗ Auersdorf nach 
urzem schwerem Leiden sauft entschlafen“ sei. 
Er überlegte. „Ja, aber Kindchen“, meinte er 
zann tröstend, „muß es denn absolut die ausübende 
ünstlerfchaft sein?, Da giebts doch noch anderes 
Sieh' mal, bei deiner hervorragenden musikalischen Be— 
sabung, deiner guten Schule — wie wärs mit dem 
ünterrichtgeben?“ Ich wollte dir schon Schülerinnen 
erfschaffen. Weißt du, daß ich mir bereits im Stillen 
o meinen Plan gemacht hatte. Hier bleiben willst 
zu doch auf keinen Fall? Nicht wahr? — Und zu 
Verwandten ziehen? 
Gisela schüttelte energisch den Kopf. Onkel Fried⸗ 
ich, der Superintendent uͤnd seine stille, glattgescheitelte 
Fraͤu mit den immer niedergeschlagenen Augen hatten 
hr allerdings, als sie zum Begräbnis gekommen 
varen, ihr geistliches Heim als Zufluchtsstätte ange 
soten und aͤllerlei lockende Perspektiven über Sonn— 
agsschulen und Kleinkinderbewahranstalten eröffnet, 
ie einem jungen Mädchen so schöne Gelegenheit böten, 
n ihrer stillen Weise dem Herrn zu dienen. Auch 
Snkel Ewald, der pensionierte, mit Kindern gesegnete 
Hdajor, hatte sich freundlich bereit erklärt, die Ver— 
vaifte bei sich aufzunehmen, nachdem sein kluges 
Frauchen ihn darauf aufmerksam gemacht, daß, man 
durch Gisela gewiß ein Kinderfräulein ersparen könnte, 
durch's Feuer, aber aufmucken durfte er nicht. Und 
der Gedanke, daß Onkel Weinbauer Röschen hinaus— 
verfen könnte, war geradezu grotesk. Viel eher hätte 
Hisela sich die umgekehrte Prozedur vorstellen können. 
„Also' das geht nicht wegen Röschen“, fuhr er 
leinlaut fort. „Aber da steht jetzt dicht über mir — 
reilich im vierten Stock! — eine kleine Wohnung frei. 
Die würde für dich passen. An mir hättest du einen 
reuen Schutz und Anhalt. Bei allen meinen guten 
Freunden wuͤrde ich dich einführen. Es sind liebens— 
vürdige, prächtige, geniale Menschen darunter — & 
Wie gemütlich würdeun wir beide nach des Tages Last 
ind Nuühe mit einander Thee trinken und plaudern 
manchmal auch in Konzerte und Proben gehen, 
uind überhaupt“ — — 
Er malte ihr die Zukunft unter seinen schützenden 
Fittichen so rosig und behaglich aus, der gute, alte, 
sappelige Onkel Weinbauer, daß sie wohl merkte, es 
var kein neuauftauchender Gedanke, sondern ein lang— 
ehegter Plan. Und wenn, er Zauch den meisten 
Lebeusfragen als unpraktischer Phantast gegenüber— 
— 
das Richtige getroffen hätte. 
Still und aufmerksam hörte sie ihn an. Und als 
XXII. 
Onkel Weinbauer war in sehr unbehaglicher Stim— 
nung. Er sprang vom, Klaviersessel auf, schoß im 
Salon hin und her, fuhr sich mit seinen langen Knochen— 
ngern durch die dünnen Härchen, machte von Zeit zu 
Zen „em, em!“ oder „ja, ja, ja“, und warf dabei mitleidig 
scheue Blicke auf sein geliebtes Pathenkind, welches dort, 
in Nolenblait in der Hand, neben dem Piano stand 
ind ein immer trüberes Gesicht machte, je länger das 
herlegene Hine und Her-Rennen dauerte. Sie hatte 
hm vorgesungen, alles Mögliche, Scalen und Sol— 
feggien, eine Lieder und lange Coloratur⸗-Arien, alles. 
Er sollte ihr Können pruͤfen, 
„Sag's nur ganz offen, Onkel Weinbauer“, redete 
sie ihn jetzt mit gepreßter Stimme an, „es ist nichts 
damit.“ 
Er zog die dürren Schultern empor und wand 
sich wie ein Wurm. „Nichts? Ach Gott bewahre, 
sein — es ist nur — siehst du, Kiudchen, du singst 
a ganz wunderhübsch, wirklich, vortreffliche Schule, 
eeleuvoller Vortrag, Temperament, alles, alles, aber 
die Stimmmittel, siehst du. Ach Gott, wie gern, 
wie gern würde ich etwas anderes sagen, aber es ist 
doch nun einmal so. Zur Künstlexin reichts nicht 
qus; 's ist ein sehr sympathisches Stimmchen, aber 
doch eben nur ein Stimmchen —, keine Kraft, kein 
Kaliber; trägt nicht, füllt keinen Konzertsaal aus — 
gnde Dees sthut mir ia so furchtbar leid. Herzens⸗ 
ind — — — 
Gisela wandte den Kopf zur Seite, damit, der 
zntmůtige Mensch die aufsseigenden Thränen nicht sehen 
oͤllte. Brauchst dich gar nicht, zu entschuldigen, 
Onkelchen, daß du mir die Wahrheit sagst. Ich habe 
a sesber nicht daran geglaubt; es war, nur so ein 
fuͤhner flüchtiger Wahn,“ — Sie beugte sich tief über 
einen Stoß Noten herab. Ach und wie fest hatte sie 
daran gdeglaubt! Früher nicht. Nein. Da hatte sie 
hre geliebte Musik imnmer nur als den schönsten 
duxus betrachtet. Aber seit Frau Drechsler-Lewinski, 
die berühmte Gesangslehrerin und Schülerin der Viardot 
in die kieine Residenz gezogen war, und Gisela Jo sehr 
ermutigt hatte, seit sie seibst gefühlt, wie ihre Stimme 
durch den guten Unterricht an Kraft und Fülle ge— 
wonnen — ja, seitdem war allerdings ihr musikalisches 
Selbstbewußtsein bedeutend gewachsen. Und jetzt, da 
es galt, auf eigenen Füßen zu stehen, wie lockend 
hatte der Lorbeer ejner großen Konzertsängerin gewinkt! 
Also nichts. Die dummen Thränen wolllen sich 
nun doch nicht länger zurückdrängen lassen. 
Aber Kindchen, Herzenskind,“ rief der liebevolle 
angünstige Kritiker, ihre Hände zärtlich gegen Jeine 
Brust druckend, „nimms doch nicht so schwer. Siehst 
du, ich kann mich ja auch irren.“ 9* 
Aber „nein, nein“, protestierte sie, „du irrst dich 
nicht, Onkel Weinbauer. Tu versitehst's. Und nun 
vollen wir auch nicht mehr über die Sache reden. 
Punktum“ 
Bei dieser und der Garde-⸗Clique hält sich der Schauspieler 
am länasten auf.“ 
ibgesehen davon, daß sie doch auch sicherlich eine kleine 
seste Pension zahlen würde; aber alle diese Lockungen 
baren an Giselas Freiheitsdurst und Selbständigkeits⸗ 
rang abgeprallt. Nein, sie, wollte nicht so ein halb 
zeduldetes —2 werden. Sie wollte jetzt 
oͤr KTeben für sich ausleben, nach ihrem eigenen Ge⸗ 
hmack. — 
Ihr alter Plan, das medizinische Studium, war 
vieder“ flüchtig gaufgetaucht. Aber dazu fehlten die 
Mittel. Sie mußte erwerben. 
Siehst du“, fuhr der Professor fort, indem er sie 
ieben sich auf das Sofq zog, „am liebsten 
agte ich jaä: komm zu mir, ehe mit mir zusammen. 
lder du begreifft: Roͤschen! — Ich kann sie doch nicht 
inauswersen!“ Gisfela lachte. Natürlich begreif' ich.“ 
Köschen, des Professors Haushälterin, eine fuͤnfzig⸗ 
ährige ramassierte Schöne mit einem kecken Schnur⸗ 
artchen auf der Oberlippe, war, von eiserner Willens⸗ 
aft und duldete Teine Weiblichkeit neben sich. Sogar 
egen Musikschülerinnen, die ins Haus kamen, wurde 
e grob und eine Aufwärterin hielt es nie länger als 
.Tage bei ihr aus; fur ihren Vrofessor ging sie 
sie zu später Abendstunde sich trennten, da 
war ihr Entschluß bereits gefaßt. 
„Gute Nacht, mein Liebling,“ sagte er, „ich 
hab' dich sange wachgehalten, wahrhaftig 812 Uhr. 
Ich alter Schwaͤtzer. Und nun hörst du, beschlaf' 
dir die Sache.“ Aber sie reichte ihm mit fröh— 
lichem Gesicht die Hand und meinte: „Hab' ich 
garnicht notig, Onkel. Wenn etwas nach, meinem 
Geschmack ist, bin ich schnell von Entschluß, wie 
ein droßer Feldherr. Schreib' morgen gleich und 
miete die Wohnung in der Wolkengegend für 
mich. Ich werde deine Hausgenossin.“ 
XXIII J 
Ein Vierteljahr war vergangen. 
Gisela war nun schon längst ganz behaglich 
eingenistet in ihrem neuen Heim, bestehend aus 
zwei Stuben und zwei Kammern in einem älteren Hause 
er Potsdamer Straße. Eng „freilich, aber sehr gemüt⸗ 
ich. Gisela beneidete die seidenknisternde junge Bankiers⸗ 
rau nicht, die in der Bel⸗Etage wohnte und den 
Straßenlärm aus erster Hand bezog. Denn das Haus 
ag dicht an der Potsdamer Brücke und man hatte den 
ebhaftesten Verkehrsmittelpunkt West-æBerlins zu seinen 
Füßen. Aber Gisela empfand das Rollen, Stampfen, 
dlingeln nur wie ein dumpfes Gebrause. Das hatte 
uür die ruhegewohnte Kleinresidenzlerin sogar etwas 
ngenehm Berauschendes. Es stoͤrte sie nicht im 
S„chlafen und Deuken. Und wenn sie das Fenster 
ffnete und aus ihrer Höhe niederschaute auf das 
orbeijagen der Karossen, das uhrgleich regelmäßige 
dommen und Abfahren der Pferdebaͤhnen, das bunte 
Zetriebe der Fußganger, Reiter, Radler, dieses ewig 
— D dann empfand 
te Lin wunderfames Lusigefühl, eine Freude anm Dasein, 
ne Neugierde auf das Leben, das bunte, vielgestaltige, 
ranrige und schöne, elende und eee Leben, 
deiches sie bis jetzt nur wie mit Scheuklappen, von 
Riibtung auͤs gesehen hatte; — es ängstigte sie
	        
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