Nr. 36.
6«*
Mr. J. h. Creen's „Nelly.
Novelle von Richard Wendriner.
Machdruck verboten.)
„Schnell!“ mahnte der Bootsmann. Bei jedem
Schritt knirschte es unter seinen Sohlen. ehn Inc
füßige Matrosen, bis über die Kniee die ger auf⸗
gekrempelt, machten sich ans Werk. Sieben scheuerten,
drei gossen mit geschicktem Schwunge reines Waffer aus
den Eimern, so daß es von der erhöhten Mitte des
beiden Seiten abfloß und den Kohlenstaub
vortspülte.
Auf dem Molo dicht dabei ruhten die Arbeiter,
nachdem sie, die Yacht mit Kohlen versorot. Eimge
saßen mit baumelnden Beinen auf den zweirädrigen
Karren; andere reichten ihnen die leeren, aus Zwerg
galmblättern geflochtenen Körbe hinauf. Ein Paar
stand abseits, in eifriger Unterhaltung, lebhaft ge⸗—
stilulierend. Von der Marina her näherten sich ein
Herr und eine Dame. Sie ließ die Augen über den
vom Nordost gxsitschten Hafen schweifen, über die
schaukelnden Barken, die großen Seedampfer mit
schwarzen Schloten und die schlanke, hellgestrichene Jagt
vor ihr, die ihren Namen „Nelly“ trug und ebenfso
leuchtend von den übrigen Schiffen abstach, wie ihre
blonde Herrin von den dunklen Palermitanerinnen, mit
denen sie heut beim amerikanischen Konsul eingeladen
o .Im Vorübergehen betrachtete sie die beiden
urschen auf dem Molo. —* Stimmen wurden immer
lauter . „Ninu!“ klang es so maßlos heftig, daß
Nelly sich auf der Schiffstreppe umwandte.
Den Dialekt verstand sie nicht, aber sie sah zwei
harakteristische Gesten: der I fuhr sich mit dem
Daumen blitzschnell nah' am Gesicht herunter; der mit
Ninu Angeredete verzog höhnisch die Lippen und streckte
die Rechte aus, indem er den Daumen zwischen Zeige—
und Mittelfinger hervorlugen ließ ... Ohne sich ein—
zumischen, sahen die übrigen Arbeiter von weitem zu;
der Nelly begleitende Herr trat näher ... Ninu stieß
den Andern zurück; da blitzte über ihm in der erhobenen
Hand des Gegners eine Waffe, doch zu ee Zeit
packte der Herr ihn beim Gelenk, und das Messer klirrte
auf den Steinquadern des Bodens ... „Danke dern
murmelte Ninu. Er folgte seinem Retter hinauf auf
das dicht am Molo liegende Schiff.
Nelly stand schon oben. Sie freute sich über ihren
Gemahl, der kalte Besonnenheit und genügend Gewandt⸗
geit besaß, um solch' einen Panther von Sizilianer un⸗
schädlich zu machen. Ja, Mr. John Henry Green
onnte noch etwas mehr, als Millionen Dollars ver⸗
dienen und wie ein Fuͤrst wieder ausgeben! Sie sah
ihn an: hübsch war er nicht, ihr Johnny, aber so männ⸗
lich ... O, wenn er nur nicht so nüchtern wäre ...
So ... so gar nicht ein wenig romantisch.
„Danke, Herr!“ wiederholte Ninu.
Du sprichst englisch?“ Mr. Green setzte sich.
chift do⸗ ich war Matrose auf einem Glasgower Kohlen⸗
schi 8
„Was für ein Streit war das?“
„Ich hörte von Ihren Leuten, Sie bhrauchen einen
Matrosen; und da wollte ich mich melden .. Ich
möchte fort von Palermo ...“
„Warum?“
„Wegen eines Mädchens ... Das war ihr Bruder
Taloxiu, der nach mir stach . ...“
Nelly blickte auf. Kein übler Bursche. Freilich
über und über beschmutzt von der Kohle; die Sput
jeiner Füße zeichnete sich auf den frischgewaschenen
Planken ab. ..
„Deine Papiere sind in Ordnung?“ setzte Mr. Green
das Examen fort.
„Ja.“
„Gut, der Oberbootsmann wird sie prüfen. Heut
Abend melde d bei ihm. Kleidung erhälst du hier.“
Mit einer Handbewegung verabschiedete er ihn.
„Du nimmst ihn mit?“ Nelly war erstaunt. „Wir
yaben doch nur Amerikaner.“
„Er wird treu sein. Ich habe ihm ein Loch in
der Haut erspart: das macht anhänglich. Du lachst“,
„Treu! Er verläßt ein Mädchen, wie du hörtest“
„Mir wird er treu sein,“ wiederholte John nach—
drücklich. „Treu wie ein Hund.“
„Oder wie eine Wildkatze,“ lachte Nelly. „Also
morgen früh — ?“ —
— das will überlegt sein. Hast du den Konsul
ehört?“
„Nun, was weiter? fürchtest du dich etwa vor den
spanischen Hungerleidern ?
„Nein, vor Niemandem. Da aber der Krieg nun
da ist, kann die Yacht gekapert werden“
„Kann! Kann! Sie werden uns nicht fangen
Die „Nelly“ Iäuft fünfzehn Knoten ... Und schlimmsten⸗
falls . Wir können den Verlust aushalten
„Mit der Ausstattung kostet die HYacht circa eine
halbe Million ...“
„Pah! Regt sich der Kaufmann wicder?“
„Die Prise gönne ich ihnen nicht. Und abgesehen
oene sie können uns ein paar Tage gefangen
qalten. ...“
„Nun, eine wunderschöne Abwechslung!“ Er gant⸗
wortete nicht. Sie dachte; Einige Tage in einem spa⸗
nischen Hafen .. Hübsche Offiziere in kleidsamen
Uniformen ... Sie als Gefangene ... Und ihre
Berliner Illustrirte Zeitung.
Kerkermeister“ Gefangene ihrer Schönheit! . . . Das
ockte! „Sei doch nicht so bedenklich! Wenn du Angst
zast, bleib' hier unter dem Schutz der Italiener. —X
ibernehme ich es, das Schiff alücklich hinüberzubringen
nach New PYork.“
„Das Kommando lasse ich dir jetzt schon, Nelly.
Thue ich dir nicht Alles zu Liebe?“ Er war zu ihr
etreten, seine Augen suchten die ihren. Andern als
derr zu befehlen gewohnt, hatte er seiner jungen Frau
jegenuͤber nicht die Kraft, einen eigenen Willen durch
zusetzen. Wenn man so liebte!
Sie wandte ungeduldig den Kopf. „Bitte, laß
nich ein wenig ruhen, ja? Der Konsul und die dicken
Ftalienerinnen haben mich ganz müde gemacht ... Ich
reue mich auf die hohe See .. Wann läßt du den
Anker lichten?“
„Wann du willst, Nelly? Das Schiff ist klar.“
„Morgen früh also. Wenn ich die Lute öffne, will
ch die Conca d'oro nicht mehr sehen, Johnny.“
„Gut!“ Er beugte sich, um sie zärtlich zu küssen.
dann stieg er in die Kajütte zu Swinburne, seinem
Navigationsoffizier. Als dieser der Kurs gehe
zach Gibraltar, schüttelte er den Kopf, ließ aber vlse
kinwände als nutzlos fallen, denn was Mes. Nelly
inmal wollte, geschah. Er zog Rock und Weste aus
ind begab sich in den Maschinenraum, um eine aller—
etzte, gründliche Revision vorzunehmen, denn diesmal
jalt es vielleicht zu zeigen, was Mr. J. H. Green's
Nelly“ leisten konnte.
April-Abend, lau wie im Norden nur Sommer⸗
Ibende. Der scharfe Nordost hat sich gelegt; unter dem
inden Atem der Brise scheint das Meer zu lächeln,
nit hunderttausend Fältchen und Grübchen auf, seiner
lauen Fläche. Wie eine Mutter ihres Kindes Wange,
Istreift leise die Welle die Quadern der Quais, die
Vand des Schiffes. Die Feuer sind gelöscht, der
ie Schiffstreppe tagsüber mit dem Molo verbindende
Zteg aufgezogen; die Besatzung hat keinen Urlaub, denn
norgen früh geht es hinaus. VDas Vorderdeck leer; an
er Kommandobrücke lehnt der wachehaltende Matrose
ind starrt auf die im Halbkreis an bläulichen Hügeln
agernde Stadt mit den unbestimmten Umrisffen ihrer
danser und Glockentürmen, und den unzähligen gelben
lichtern .. Im dunklen, bewegten Wasser schwankt
as Spiegelbild, der Uferlaͤternen, eine lange Schnur
iufgereihter Perlen ..
Durch die Briese abgeschwächt, drangen die Ge⸗—
üusche der Stadt wie aus weiter Ferne herüber
luf dem Hinterdeck lagen nebeneinander in Rohr—
Thaiselonguen Pon und Nelly. Sie sahen schweigend
iuuf zum klaren sternbesäten Nachthimmel, der das große,
ichtstrahlende Palermo beschämte ... John lappte
iach ihrer Hand. Sie ließ sie ihm; seine schnelle Nach⸗
ziebigkeit heut verdiente, daß sie gut zu ihm war. „Ist
8 g herrlich ꝰ fragte er kaum hoͤrbar.
Nein.
Nicht?!“
„Ich habe diesen blauen Himmel gründlich satt,
ind diese weichen Winde, die Orangenwälder und das
uhige Meer! Nach Aisaan nach Sturm sehne ich
nich . .. Es ist zum Ersticken!“ Sie sprang auf
ind begann auf- und abzugehen, von der Kajuͤtten—
reppe zu der kleinen Maximkanone am Heck und zurück.
‚„Nie zufrieden. Immer etwas Neues willst Du.
In Anierila sehnst du dich nach europäischer Kultur;
ut, ich lasse die Geschäfte im Stich und fahre mit dir
us Mittelländische Meer .. Monatelang an den
düsten hin; nirgends findest du Befriedigung: aus den
Zpielsälen von Monaca nach Corsica, in einsame, öde,
ßegend ... Von da nach Civitavecchia, wo die Yacht
iegen bleibt, weil du Appetit nach den Museen des
Latikans und dem römischen Karneval verspürst. Plötz-
ich findest du schwarze und königstreue Aristokratie
leich langweilig: gut, wir reisen noch in der Nacht ab,
jach Neapel; ich beordere die Yacht telegraphisch dahin,
enn ich ahne schon, daß du es auch auf Capri nicht
ange —“
s „Ja, ich glaub's, daß du meine Launen über
jast ...“
Nelly!“
p „Deutlicher kannst du es mir nicht zu verstehen
eben.“
„Du bist undankbar. Denn täglich und stündlich
iehst du mich bestrebt, dir jdden Wunsch von den Augen
ibzulesen ... Ich verlange dafür nichts, als daß du
unich liebst . .. Sieh, auch wenn du mich quälst: ich
omme darüber weg, wenn ich denke, daß du da bist,
aß ich, ich allein dich besitze ..“
„Wie bescheiden. Ich brauche zum Glücke mehr.“
„Weil du mich weniger liebst, als ich dich. Ich
oürde ohne Murren als Tagelöhner arbeiten — einmal
var ich's ja schon —, wenn es für dich wäre ...“,
„Das ist leicht gesagt, wenn man nicht imstande ist,
eine Renten aufzubrauchen. Du bist jetzt an den Luxus
zewöhnt!“
„Es ist nicht bloße Redensart. Für,dich bringe ich
pę fertig, ohne dich könnte ich auch nicht eine Stunde
eben *
„Also gesetzt, ich sterbe .. .2“
„Würde ich mich erschießen.“
ei Ian trägst du wohl stets den geladenen Revolver
ei dir?“
Ihr Spott verletzte ihn. „Du weißt ganz gut,
nan muß auf See allen Eventualitäten gewachsen sein.
Ich habe zwar brave Jungens; aber doch . Sie
nüssen immer den Herren spüren,. ..“
Wneme kleine Meuterei wäre ganz hübsch...“
„Xe y!“
Ja, gewiß.“
„Du weißt eben nicht, was das bedeutet: um Tod
und Leben.“
Besser ein interessanter Tod, als ein fades Leben ...“
‚Alles romanhafte Ideen!“
„Gut, daß du mich darauf bringst: ich werde mich
n's Bett legen ...“
„Bei der wundervollen Nacht ?!“
.5. und lesen. Das ist noch das Gescheidteste
am Dasein ...“
Steward, Koch und Kammerfrau saßen auf einer
Zzank nebeneinander in der Sonne, komische Gestalten
n weißen Leinwand-Anzügen, mit ihren schwarzen,
ausen Wollköpfen, eingedrückten Nasen und fahlroöten
ippenwulsten, zwischen denen beim Singen in blendender
Veiße die I meihen hervorleuchteten. Die breiten
dände der Mäanner bearbeiteten Guitarren; plumpe
chwarze Finger hakten ihre hellen Nägel in die Saiten,
während der Körper in spitzen Bewegungen zuckte .
stigger⸗Weisen die drei, seltsame Lieder, in denen
rotz des en hythmus, trotz einer beinahe auf⸗
ringlichen Lustigkeit in Melodie und Text, doch eine
alb unbewußte ———— zitterte. Kein Laut
törte das Konzert, nur ab und zu das Schlürfen bloßer
Matrosenfüße auf dem Holzboden und das Gurgeln des
on der Schraube erdechen Wassers. Abgrund⸗
ief der Baß des Kochs, dünn und hoch des Stewards
Tenor, ein wenig schrill der Sopran der Kammerfrau,
»ie beim Singen verzückt das Weiße ihrer Augäpfel
eigte ...
In einer Pause winkte plötzlich Nelly: „Komm
äher, Ninu!“
Der Sizilianer verließ sein Versteck an der Kajütten⸗
reppe. Er, warf geringschätzige Blicke auf die Nigger.
Kannst du es besser?“ lachte Nelly. „Da, nimm
ie Gutarre.
Er hob die und schüttelte den ausgestreckten
zeigefinger. „Ich kann nur sizilianische Lieder.“
„Singe nur, ich verstehe italienisch. — Nun? ...
Zingen sollst du!“ Ihr schmaler Fuß stampfte auf.
„Nein.“ Er stand ruhig und hielt ihren zornigen
Blick aus.
„Warum?“
„Nicht vor den Schwarzen.“
Ich werde dich vom Patron bestrafen lassen, Un—
ehorsamer!“
Ex zuckte mit den Achseln. Verblüfft sah sie ihn
in. Etwas ganz Neues! Ein Mensch, der ihr zu
rotzen wagte! Doch das gefiel ihr. „Du hast übrigeus
recht: die Nigger würden über deinen Gesang lachen,
vie du über ihren. Geht!“
Die drei entfernten sich; von Ninu aber verlangte
ie jetzt kein Lied mehr; sie unterhielt sich lange mit
hm und entließ ihn ungern, als John, mit seinen
Arbeiten fertig, aus der Kajütte heraufkam.
Zum Verzweifeln war's: immer Sonne, immer
larer Inmwen heitere Tage, heitere Nächte. Wind—
tille. Um Kohlen zu sparen, lief die Yacht mit halber
heschwindigkeit; damit man aber bald den Ozean er—
eiche, ließ John auch nicht eine Stunde stoppen, wie
r sonst wohl that, um seiner Frau den Zeitvertreib des
rischfangs vom Boote aus zu ermöglichen.
Anm dritten Tage gab es ein unruhiges Hin und
her der Manpschaft, ein Fluchen der Bootsleuͤte, ver—
nischt mit schrillen Pfiffen. An der Maschine war
twas entzwei, das Schiff stand. Als die Untersuchung
rgab, daß der Schaden in zwei, drei Stunden durch
üErgänzung der gebrochenen Stange geheilt sein würde,
ellte sich daeg besorgte Miene auf und erleichtert gab
r Nelly die Erlaubhnis, sich inzwischen einige Boͤot—
ängen weit hinausfahren zu lassen. Bald — das
leine Boot, von kräftigen Ruderschlägen getrieben, über
»as glatte Meer, auf dem die Sonne brütete. Kegel⸗
näßig hoben und senkten sich die von Ninu und einem
weiten Matrosen geführten Ruder. dung ausgestreckt
ag Nelly und beobachtete das Spiel der Muskeln auf
en nackten Armen der Meänner; sie verglich die plumpe,
trotzende Kraft des blonden Amerikaners mit der
lastischen Geschmeidigkeit des dunklen Italieners ...
Linu litt nicht unter der Sonne; die zipflige rote
Schiffermütze im Nacken, lächelte er zuweilen, wenn
ein Blick dem der „Padrona“ begegnete. Sie waren
either,recht gut bekannt mit einander geworden. So
ine günstige Gelegenheit, sich im Italiemschen zu üben,
urfte, man nicht vorübergehen lassen . .. Auch sang
r schön, viel besser als die Nigger; der Koch konnte
on jetzt an ruhig in der Küche, der Steward im Office,
ie Kammerfrau in der Garderohe bleiben: zum singen
vurde Ninu befohlen — nein, gnen. denn er ließ 3
u nichts zwingen, das wußte Nelly . ..
Mehr und mehr schrumpfte in der —
veiße Rumpf der Yacht zusammen. Auf Nelly's Wink
vurden die Riemen eingezogen. Das Boot lag ruhig;
iun unterbrach nicht einmal mehr der Ruderschlag die über
»em duukelblauen Meere zitternde heiße, tiefe Stille ...