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Zerliner Hllustrirte eitung.
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Ip. 22
Beiblatt.
1899.
bine Reichstagsrede.
Roman von O. Eltter.
4. Fortsetzung.) — Nachdruck verboten.
Walter Moldenhauer trat ein. In seiner Hand
rug er ein Zeitungsblatt. Sein Antlitz zeigte einen
leichten Anflug von Melancholie.
‚vvVerzeihen Sie, Fräulein Ella, wenn ich, störe,“
prach er, „gaber ich wollte Ihnen eine Nachricht bringen,
velche Sie sicherlich interessieren dürfte.“
Sie stören durchaus nicht, Herr Doktor. Meine
3 hat sich schon beklagt, daß Sie sich jetzt so selten
nachten. 9
„Muß ich nicht, Fräulein Ella, nach dem, was
wischen uns vorgefallen? Ich möchte nicht aufdringlich
erscheinen ...“
„Aber, Herr Doktor ..“
Nun ja, man weiß ja nie, wie man aufgenommen
vird. Doch sehen Sie hier, Fräulein Ella, die Ver—
obungsnachricht eines Landsmannes von Ihnen, des
e Bannewitz, den wir neulich im Café Bauer
rafen.
Es war gut, daß der nahende Abend das Zimmer
chon in eine leichte Dämmerung gehüllt hatte, sonst
ue Walter das Erbleichen des jungen, Muͤdchens be—
nerken müssen. Die Nachricht kam ihr doch etwas un⸗
rwartet. So jäh hatte sie sich das Ende ihres
Jugendtraums nicht gedacht. Kaum vermochte
ie zu erwidern:
„Ah, des Grafen Bannewitz? — Geben
Sie mir doch einmal her.“
Ihre Hände zitterten leicht, als sie jetzt
das 7 Blatt der Kreuzzeitung hielt. An⸗
angs flimmerte es ihr vor den Augen, aber
zewaltsam faßte sie sich und las dann folgende
Verlobungsanzeige:
Die Verlobung ihrer einzigen Tochter
Sophie Dorothea mit dem Herrn Grafen
Wolf Hartwig von, Bannewitz-Wulfhaide,
Rittmeister der Gardelandwehrkavallerie,
Mitglied des Reichstages, beehren sich an⸗
uzeigen
Graf Ottomar von Bär-Bärendorff,
Oberburggraf der Probinz Ostpreußen,
Mitglied des deutschen Reichstages und des
preußischen Herrenhauses,
Gräfin Amalie von Bär-Bärendorff
geb. Komtesse Grauhoff-⸗Thalheim.“
Und darunter stand die Anzeige, von
eiten des Grafen Bannewitz in demselben
Ztil und der nochmaligen Aufführung fämt—
scher Titel und Würden. Wie das klang!
D und wie thöricht und wie kindisch war
ie, Ella Bornemann aus Schorborn, gewesen,
zie Augen zu dieser Sphäre zu erheben! Aus
iner aͤnderen Welt — so hätte die Ueber—
chrift über diesen Verlobunasanzeigen lauten
önnen.
Walter Moldenhauer hatte Ella auf⸗
nerksam beobachtet. In den letzten Tagen
varen ihm allerhand Gedanken n,
rerinnerte sich des seltsamen Benehmens
Fllas im Cafés Bauer; er dachte daran,
aß fie oft und ganz unrermittelt das Gespräch
iuf den Grafen Bannewitz gebracht hatte;
ie Eifersucht seines liebenden Herzens glaubte
ie Antwott auf die Frage, gefunden zu
aben, weshalb Ella ihm noch immer nicht
Hescheid gegeben; die glänzende Erscheinung
des Grafen Bannewitz hatte ihr Herz be—
aubert! Heute, als er die Verlohungsanzeige
gelesen, da hatte sein Entschluß sofort fest⸗
geftanden. Er wollte ihr die Anzeige bringen
Ind aus ihrem Benehmen sehen, ob er noch
hoffen durfte, ihre Liebe zu gewinnen,
Und jetzt stand sie vor ihm und starrte noch immer
ruf das —3 obgleich sie die wenigen Worte schon
angst gelesen haben mußte! Ihr, Autlitz konnte er
ucht deutlich sehen, da sie mit dem Rücken dem Fenster
ugewandt stand, aber er sah, wie ihr Haupt sich nach
orn geneigt hatte und wie ein leiser Schauer, ihre
Zefialt zu durchrieseln schien. Jetzt huschte ein letzter
Sonnensixahl durch das Gemach und vergoldete den
sonden Scheitel des jungen Mädchens. Wie lieblich
je aussah — wie zierlich und geschmeidig war ihre
schlanke Gestalt — —,
Ella,“ hub er leise an, „Sie haben mir noch
mmer keine Antwort gegeben ...“
„Das ist sehr interessant,“ unterbrach sie ihn, wie
uus inem Traum erwachend,. „Ich danke Ihnen, Herr
Joftor, daß Sie mir das Blatt gebracht haben; ich
b es mir aber schon lange denken, daß es so kommen
vürde.“
„Und es thut Ihnen nicht weh?“
„Weh?! — — Wie sollte es? — Was e ich mit
»em Grafen Bannewitz und der Komtesse Bär⸗Bären⸗
Grafen B witz und der Komtesse Bär⸗Bä
orff zu schaffen?“
„Ella, ist das wirklich Ihre aufrichtige Meinung
.. ist meine Furcht unbegründet gewesen ... Sie
eben den Grafen Bannewitz nicht?“
Jetzt ward es Ella plötzlich klar, daß sie vorhin
ine Unwahrheit gesagt.
Unwahrheit gesagt
O, ihr Herz hatte doch viel, sehr viel mit dem
hrafen zu schaffen gehabt! Es haͤtte doch fester an ihm
ehangen, als sie geglaubt! Und ein schmerzhaftes
zefühl der Enttäuschung, der Scham und der Reue
chlich sich in ihr Herz. Sie schlug die Hände vor das
Vang und weinte bitterlich.
alter Moldenhauer stand ratlos da. Jetzt wußte
r, daß seine Hoffnung eine eitle, daß seine Liebe ver—
eblich gewesen war.
„Leben Sie wohl, Ella,“ sprach er leise. Ich will
zie nicht länger stören , ..“
Still wollte er sich entfernen, aber die Stimme
zllas hielt ihn zurück.
„Nein, Walter,“ rief sie, „so sollen Sie nicht von
nir gehen, in dem, falschen Glauben, als habe ich in
itler Hoffnung und thörichtem Ehrgeiz mein Herz an
enen Mannu zehängt. Sie sind offen und ehrlich vor
hörichten, kindischen Traum habe hegen iUdnnen, daß
Sie mir so tief ins Herz geschaut ... o, Walter, so
suälen Sie mich doch nicht so entsetzlich!“ — — —
Wie es gekommen, sie wußten es später beide selbst
ticht zu sagen, aber als nach einigen Minuten Tante
Bertha in das in Dämmerung gehüllte Zimmer getreten
var, da hatte sie das Paar in inniger Umarmung vor⸗
efunden, und weinend und lachend war, ihr dann Ella
im den Hals geflogen und haͤtte sie fast erstickt mit
zren Küssen.
„Dann muß ich meine Handschuhe wohl wieder
usziehen,“ hatte die alte Dame lächelnd gesagt, „denn
jeute wird es mit unserm Spagiergang doch nichts,
as sehe ich schon ein.“ .
Aus dem Spaziergang war an diesem Abend in
»er That nichts geworden. Aber ein fröhlicher, glück—
icher Abend, war es doch, und Tante Bertha brauchte
s nicht zu bereuen, zu Hause geblieben zu sein.
Zehntes Kapitel.
Nein, Walter, du thust dem Grafen Bannewitz
icherlich großes Unrecht. Der Graf ist keiner von jenen
oerknöcherten und verkommenen Krautjunkern, wie du
hun schilderst.“
„Graf Bannewitz mag ein charmanter Gesellschafter
ind vollendeter Gentleman sein, aber, liebste Ella, im
Reichstag sitzt er auf jener Seite, wo sich Hochmut,
Selbstüberhebung und. —, naive Lebens—
anschauung nennt mar es ja höflich — zu⸗
sammmengefunden haben, um mit Gewalt jede
freiheitliche Regung im Volk, jeden kulturellen
und moralischen Fortschritt der miederen
„Klassen“ — auch ein vortreffliches Wort zur
Illustration der Menschenliebe jener Herren
— zu verhindern.“
„Du sprichst gerade wie mein Vater.“
„Das freut mich von Herzen! Ich werde
Deinen Vater, der ja in den nächsten Tagen
nach Berlin kommen will, nicht nur als den
Vater meiner, tenren kleinen Braut, sondern
wuch als Gesinnungsgenossen auf das
Freudigste begrüßen.“
„Da wird denn- für mich wenig Zeit
ibrig bleiben! Ich keune das! Wenn der
Vater ins Politisieren kommt, hat er für
richts anderes Sinn, und du — du bist
benso — —“
„Aber Ella!“
„Ja, du bist ebensol, Graf Bannewitz
st nicht so schlium, wie du und der Bater
hn schildert — er hat ein Herz für die
Armen und Elenden, das welß ich besser
als du und der Vater.“
„Wenn ich, dein treues, ehrliches Herz
aicht kennte, könnte ich fast eiferfüchtig
werden ...“
„Dummes Zeug,“ schmollte die kleine
Ella. „Ich bin nur gerecht gegen den Grafen.
Du wirst es ja selbst sehen, wenn du mit
nach unserer Heimat reist, wie Graf Banuewitz
tür seine Arbeiter gesorgt hat. Schmuck und
‚ierlich fast ist das Wulfhaider Dörfchen, in
dem die Tagelöhner des Rittergutes wohnen,
uinter dem alten und dem jungen Grafen
geworden. Die Dorfstraße sauber gepflastert,
jor den Bauernhäuschen und Tagelöhner⸗
zütten kleine Gäürtchen, hinter ihnen ein Obst—
Jarten, und jedem Tagelöhner oder Arbeiter
st ein Stück Land in Erbpacht gegeben, das
er auf seine Kinder vexerben kann. Ein oder
‚wei Schweine, eine Kuh, Ziegen, Hühner,
Gänse u. s. w. — das alles kannst du bei
edem Tagelöhner auf Wulfhaide finden.
Die Bannewitz haben es sich ein gutes Stück
Geld kosten lassen, aber jetzt haben sie auch
die Genugthuung, daß ihre Arbeiter zufrieden
und glücklich —* und ihnen zur Haupt—
irbeitszeit nicht davonlaufen, wie das auf vielen anderen
stittergütern und Domänen geschieht. — Zeugt eine
olche Handlungsweise etwa von beschränktem Junkertum
der wie du es sonst nennst?“
Was Graf Bannewitz für seine Tagelöhner gethan
at, iist aller Ehren wert, aber er hat es doch nur zu
einem eigenen Vorteil gethan, um stets Arbeiter genug
in der Hand zu haben., Aber das ist sicherlich nicht
es Rätfels Lösung; die soziale Freiheit und Gleichheit
er Menschen wird auch der Graf Bannewitz für ein
Unding erklären ...“ —
Ach, mit eurer sozialen Freiheit und Gleichheit!
Ich verstehe von eurem politischen Krimskram blut⸗
ventg, aber ich sollte denken, wenn es jedem Arbeiter,
edenm Menschen, der auf seiner Hände Arbeit angewiesen
st, fei es nun auf dem Lande oder in der Stadt, so
At dinge. wie den Arbeitern auf Wulfhaide. dann
„ ... als nach einigen Minuten Tante Bertha in das in Dämmerung
gehüüte Zimmer getreten war, da hatte sie das Paar in inniger Um—
Armung vorgefunden“
nich hingetreten und haben mir Ihre Liebe offenbart
Ses wäre unehrlich von mir, wollte ich Ihnen nicht
benso offene Antwort e
Wozu, Fräulein Ella? Es ist ja doch vergebens.“
BVergebens? So lieben Sie mich nicht mehr?“
Ella, wie kommen, Sie auf, den Gedanken? Ich
oerde Sie gg lieben, so lange ich zu denken vermag,
o lange ich sebe —,auch wenn Sie mich von sich
loßen,“auch wenn Sie mir erklären, daß Sie einen
indern Mann, jenen mit dem glänzenden Namen
ieben ...“
Aber wer spricht denn davon?“
Ella?!“
Meein Gott, muß ich Ihnen denn alles erklären ...
wollen Sie mich denn nicht verstehen? —“
Aber Ihre Thränen?“ — — —
5ränen der Scham. daß ich jemals einen so