suer. 27.
Berliner Illustrirle Zeitung.
Der Gerichtssaal in Rennes.
Das Militär-Gefängnis in Rennes.
Der Dampfer „Sphar““
Widerstand. In der Voraussicht, daß der Streik sich
iber alle größeren Städte verbreiten würde, hatten sie
ie Arbeitgeber dieser Orte um sich gesammelt und
schritten ihrerseits zum Angriff, um den Streikenden
zie Unterkunft auf auswärtigen Baustätten unmöglich
zu machen. Der Ausstand drohte bereits die vielen,
m jedem Bau beteiligten Gewerbe in Mitleidenschaft
zu ziehen, was für zahlreiche Familien eine Zeit
schwerer Not bedeutet hätte, da griff das Gewerbe—
zericht ein, und seiner vermittelnden Thätigkeit gelang
es, einen Frieden zwischen den Kämpfenden zu stande
zu bringen. Wie mancher Hausfrau mag bei diesem
Ausgang das Herz vor Freude gehüpft haben. Denn
anstreitig bedeutet solch ein wirtschaftlicher Kampf für
alle davon betroffenen Arbeiterfamilien eine Zeit
ichwerer Bedrängnis. Und selbst bei günstigem Aus—
zang des Lohnkampfes ist der erkämpfte Vorteil durch
‚die dabei eingetretene Verschuldung teuer erkauft.
Gleichzeitig tobt in den höheren Regionen der
politik ein wirtschaftlicher Kampf, dessen Ausgang
söchst ungewiß ist. Nach langem Zaudern hat die Re—
zierung sich zu einer weitausschauenden Kanalpolitik
intschlossen. Sie hat zunächst den Bau des Mittelland⸗
anals zwischen Rhein und Elbe vorgeschlagen. Die
Industrie fordert den Kanal, die Agrarier bekämpfen
hn aufs heftigste. Zwei Weltanschauungen stoßen dabei
mufeinander, zwei Gegensätze, die schon seit Jahren
infrer innern Politik den Stempel aufdrücken.
Wie der Streit auslaufen wird? Das ist schwer
u sagen. Die Kanalgegner wollen durch übertriebene
ZSomvensationsforderungen für die augenblicklich ge—
chädigten Provinzen das
Projekt zu Fall bringen;
ie Regierung hält ener—
zjisch daran fest, daß sie
ie Berechtigung solcher
Entschädigungen nicht an—
»rkennen kann. Wohin
sollte es auch kommen,
wenn bei jeder Verkehrs—
yerbesserung diejenigen, die
eer ausgehen, entschädigt
verden sollen?
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Es giebt so mancherlei
noch im Deutschen Reiche,
vorüber wir eigentlich
zründlich nachdenken soll—
en. Aber immer uund
mmer wieder wird der
Blick abgelenkt auf das,
vas jenseits unserer Gren⸗
zen geschieht. Bedauerlich,
und doch hat es auch wieder
in Gutes. Gar mancher, der die Dinge in unserm
zaterland in gar zu pessimistischer Stimmung be—
achtet, der wird eines Bessern belehrt und kommt
nelleicht zu der Erkenntnis, daß wir Wilden doch
essere Menschen sind. Während bei uns die Politiker
un bald alle in die Ferien gehen dürfen, ist in Frank—
eich von der sommerlichen Ruhe noch wenig zu spüren.
war ist es nach langen Mühen dem Präsidenten gelungen,
n Ministerium zusammenzubringen, das entschlossen
heint, den Dreyfushandel endlich aus der Welt zu schaffen.
dach allgemeiner Ansicht aber trägt das Ministerium den
Fodeskeim in sich. Denn neben den Liberalen, die das
zros des Ministeriums bilden, sitzt der Sozialist
Nillerand und der Bändiger der Kommune, General
zallifet. Die Parteigruppen aber, aus denen die
euen Minister genommen sind, um die Freunde der
depublik zu konzentrieren, sind unzufrieden mit diesem
Nischmasch, Spaltungen stehen bevor, und wenn nicht
es trügt, wird auch dies Ministerium sich bald
u seinen zahlreichen Vorgängern versammeln. Was
ann? Qui vivra, verra! Männer, die gern ein
aar Wochen den Ministersessel besteigen, giebt es
mFrankreich genug. Aber die bedeutenden Politiker
ilten sich zurück, sie wollen sich in diesen erregten
eiten nicht vorzeitig abnutzen lassen. Sie wollen die
dastanien von Anderen aus dem Feuer holen lassen.
zielleicht bleiben die Kastanien aber im Feuer liegen.
den Nationalisten, der Militärklique fehlt nur der
Nann, der die That wagt. Die Republik lebt jetzt
ur noch von der Uneinigkeit ihrer Gegner. Aber wie
nae? Jedenfalls hat die ganze volitische Welt allen
Anlaß, mit großem Interesse die Eutwicklung der Dinge
n Frankreich zu verfolgen. Die Friedenskonferenz gleicht
zem Veilchen, das im Verborgenen blüht, und wenn
ie ein greifbares Resultat zeitigen sollte, dann sind
ielleicht in Frankreich Ereignisse eingetreten, die ihre
anze Arbeit illusorisch macht. Qui vivra, verra!
Ein merkwürdiges Spiel des Schicksals, daß der
eue französische Ministerpräsident grade in dem Ort
eine politische Laufbahn begonnen, auf den sich jetzt
ei Beginn seiner Geschäftsführung das Interesse der
anzen Welt konzentriert. In Rennes war Waldeck⸗
dousseau als Rechtsanwalt thätig, bis ihn die Ein—
vohner dieser Stadt in die Deputiertenkammer ent—
andten, und in Rennes soll jetzt der Urteilsspruch
efällt werden, der gleichzeitig über das Schicksal des
ieuen Ministeriums und über das Schicksal Frank—
eichs entscheiden wird. Der Saal, in dem das Kriegs-
ericht zusammentreten soll, um über Dreyfus noch
inmal zu richten, dieser Saal wird hoffentlich die Stätte
ein, wo das Schlußwort in der Affaire gesprochen wird,
ie über Gebühr den innern Wirren Frankreich das
zuteresse der Welt zugewandt hat und manchem die
Jugen schloß, für näherliegende Dinge. V.
aufgahe.
it
— —
Da sich an unserm in No. 25 ver-
5ffentlichten Ausschreiben betreffend
„Genrebilder aus dem BRadeleben“
zunächst nur ein kleiner Teil unsrer
Leser beéteiligen Kann, s0 werden wir
ausserdem schon in einer der nãchsten
Iummern unsre
—
Preisaufgabe No. 9
veröõffentlichen, welche alle Freunde
unsrer Zeitschrist zu einem allgemei-
nen Wettbewerb herausfordern wird.
derliner Illustrirte Zeitung
Redaktion.
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