Nr. 23.
Yerliner Illustrirte Zeitung.
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Mit der Enthüllung der Fälschung Henrys war
der Stein endgiltig ins Rollen gekommen, und er ist
trotz mancher offenen und verschleierten Versuche seitens
der Regierung selbst nicht mehr aufzuhalten gewesen.
Der Justizminister Sarrien beauftragte die Kriminal—
tammer des Kassationshofes von Amts wegen, die
Frage der Revision des Dreyfus-Prozesses zu prüfen.
Die Kriminalkammer eröffnete eine Untersuchung, deren
Ergebnisse durch den „Figaro“ bekannt geworden sind.
Die Hetze der Nationalisten gegen die Kriminalkammer
hatte den Erfolg, daß das inzwischen ans Ruder ge—
kommene Kabinett Dupuy ein Gelcgenheitsgesetz ein—
brachte, das die Revisionssachen, die bisher nur die
Kriminalkammer angingen, den drei vereinigten Kammern
des Kassationshofes übertrug. Aber dieses Verfahren
hat den Gegnern der Revision auch nichts genützt.
Jetzt wird der Kassationshof in Gesamtheit dieselbe
Entscheidung treffen, die sonst nur eine Kammer des—
selben getroffen haben würde. Dieser Gerichtshof hat
jetzt das letzte Wort.
Ein Rundgang durch die königliche
Porzellanmanufaktur.
Mit Photographien von Zander & Labisch in Berlin.
—— —
Professor Kips im Maleratelier.
Gesetz vorgesehenen Strafe von einem Jahre
Gefängnis verurteilt. Das Urteil wurde
dann wegen eines Formfehlers in der
Klage vom Kassationshofe aufgehoben und
die Sache zu erneuter Verhandlung vor das
Schwurgericht in Versailles verwiesen
Dort aber ließ es Zola nunmehr auf ein
Kontumazurteil ankommen und ging, um
sich selbst die Bestimmung des geeigneten
Termins für den weitern Prozeß vor—
zubehalten, ins Ausland. Er lebt jetzt
in stiller Dichterabgeschiedenheit in einem
englischen Dorf.
Der Prozeß Zola hatte die Gemüter
mächtig erregt. Der nationalistische Pöbel
zwar herrschte noch in den Straßen von
Paris, aber immer mehr wuchs an Zahl
and weit mehr noch an Gewicht der
Personen die Schar der „Intellektuellen“,
die, nicht eingezwängt in den engen
Rahmen einer Partei, Licht und Ge—
rechtigkeit forderten. An der Spitze der Kämpfer für die Revision standen
der Sozialist Jaurès, der Herausgeber der „Aurore“ und einstige Radikalen—
führer Georges Cloͤmenceau, die früheren Minister Trarieux und Yves
Guyot (Chefredakteur des „Siècle“), ferner Josef Reinach, Francis de
Pressensé, Madame Severine u. s. w. Die Generalstabspartei hatte freilich
auch einige Namen von Klang aufzuweisen; auf ihrer Seite fochten François
Coppée, der alte Rochefort und der Antisemitenführer Drumont.
Während der Kampf noch hin und her wogte, trat ein Ereignis ein,
das in seiner Plötzlichkeit Freunde und Gegner der Revision fast in gleicher
Weise überraschte. Das Kabinet Möoline war schon gestürzt und durch das
Ministerium Brisson ersetzt, aber auch dieses befand sich durch seinen Kriegs⸗
minister Cavaignac, den Liebling der Nationalisten, anfangs ganz im Banne
der Militärclique. Da kam Cavaignac selbst dahinter, daß er mit dem Akten—
tücke, das er als untrüglichen Beweis für die Schuld des Dreyfus auf der
Parlamentstribüne verlesen hatte, sich schwer blamiert hatte. Oberstleutnant
Henry gestand, zur Rede gestellt, schließlich iin, daß er das Schreiben ge—⸗
fälscht hatte. Die Folge war
henrys Verhaftung und sSelbstmord
am 30. August v. Is. Von verschiedenen Seiten ist die Vermutung aus
zesprochen, daß auch Henrys Selbstmord nicht ganz seiner eigenen Initiative
entsprungen sei. Sein Freund Esterhazy, der jetzt von London aus seine
Wissenschaft zeilenweise verkauft, meint sogar ganz bestimmt, Henry sei er—
nordet worden.
Ausheben aus der Form.
Orofessor Kins
Ich habe jetzt förmlich Respekt vor all den kleinen
Nippes aus Porzellan, den Blumenkörbchen, den
Wägelchen und den Figürchen, die auf dem Schränkchen
meiner Frau stehen; und die große Porzellanvase da in
der Ecke flößt mir geradezu Ehrfurcht ein, seit ich
draußen in der königl. Porzellanmanufaktur war und
alles mit angesehen habe, wie die Dinger da gemacht
werden. Es ist aber auch zu interessant, so ganz anders,
als man sich's denken mag, so viel man auch darüber
gehört und gelesen hat, und ein Gang durch die be—
rühmte Manufaktur lohnt sich wohl.
Wo die mächtigen Fabrikanlagen sind, das weiß
wohl jeder. Dort, am Ende des Thiergartens, dicht
am Stadtbahnhof Thiergarten, erheben sich die großen,
massigen, alles eher als schön zu nennenden Gebäude—
komplexe, die die Fabrik ausmachen.
Ja, das weiß jeder.
Leider aber finden nur wenige den Weg dahin, ob⸗
wohl die Besichtigung jedermann unentgeltlich gestattet
ist, und gut erklärende Führer auf dem Rundgang begleiten.
Freilich mag nicht jedem eine so treffliche, sachver—
ständige und liebenswürdige Führung zu teil werden,
wie sie mir durch Dr. Köbbinghoff zugedacht war.
Das ganze Getriebe aber lernt man doch kennen, und
man gewinnt einen Einblick, der, wie gesagt, des Inter⸗
essanten die Hülle und Fülle bietet. **
Das erste Gebäude durchschreitend, treten wir in den
Hof. Ein Arm der Spree fließt duxch denselben.
Mächtige Kähne ankern hier, hochbeladen mit Lehm
Saalethon ist es, der direkt hierher verladen wird und
im richtigen Gemisch die beste Porzellanerde giebt. Im
richtigen Gemisch sagte ich. Und zu diesem Gemisch
Die
Schlemmerei