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Volume Nr. 23, 4. Juni 1899

Full text: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1899, VIII. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

Nr. 23. 
Yerliner Illustrirte Zeitung. 
9 
Mit der Enthüllung der Fälschung Henrys war 
der Stein endgiltig ins Rollen gekommen, und er ist 
trotz mancher offenen und verschleierten Versuche seitens 
der Regierung selbst nicht mehr aufzuhalten gewesen. 
Der Justizminister Sarrien beauftragte die Kriminal— 
tammer des Kassationshofes von Amts wegen, die 
Frage der Revision des Dreyfus-Prozesses zu prüfen. 
Die Kriminalkammer eröffnete eine Untersuchung, deren 
Ergebnisse durch den „Figaro“ bekannt geworden sind. 
Die Hetze der Nationalisten gegen die Kriminalkammer 
hatte den Erfolg, daß das inzwischen ans Ruder ge— 
kommene Kabinett Dupuy ein Gelcgenheitsgesetz ein— 
brachte, das die Revisionssachen, die bisher nur die 
Kriminalkammer angingen, den drei vereinigten Kammern 
des Kassationshofes übertrug. Aber dieses Verfahren 
hat den Gegnern der Revision auch nichts genützt. 
Jetzt wird der Kassationshof in Gesamtheit dieselbe 
Entscheidung treffen, die sonst nur eine Kammer des— 
selben getroffen haben würde. Dieser Gerichtshof hat 
jetzt das letzte Wort. 
Ein Rundgang durch die königliche 
Porzellanmanufaktur. 
Mit Photographien von Zander & Labisch in Berlin. 
—— — 
Professor Kips im Maleratelier. 
Gesetz vorgesehenen Strafe von einem Jahre 
Gefängnis verurteilt. Das Urteil wurde 
dann wegen eines Formfehlers in der 
Klage vom Kassationshofe aufgehoben und 
die Sache zu erneuter Verhandlung vor das 
Schwurgericht in Versailles verwiesen 
Dort aber ließ es Zola nunmehr auf ein 
Kontumazurteil ankommen und ging, um 
sich selbst die Bestimmung des geeigneten 
Termins für den weitern Prozeß vor— 
zubehalten, ins Ausland. Er lebt jetzt 
in stiller Dichterabgeschiedenheit in einem 
englischen Dorf. 
Der Prozeß Zola hatte die Gemüter 
mächtig erregt. Der nationalistische Pöbel 
zwar herrschte noch in den Straßen von 
Paris, aber immer mehr wuchs an Zahl 
and weit mehr noch an Gewicht der 
Personen die Schar der „Intellektuellen“, 
die, nicht eingezwängt in den engen 
Rahmen einer Partei, Licht und Ge— 
rechtigkeit forderten. An der Spitze der Kämpfer für die Revision standen 
der Sozialist Jaurès, der Herausgeber der „Aurore“ und einstige Radikalen— 
führer Georges Cloͤmenceau, die früheren Minister Trarieux und Yves 
Guyot (Chefredakteur des „Siècle“), ferner Josef Reinach, Francis de 
Pressensé, Madame Severine u. s. w. Die Generalstabspartei hatte freilich 
auch einige Namen von Klang aufzuweisen; auf ihrer Seite fochten François 
Coppée, der alte Rochefort und der Antisemitenführer Drumont. 
Während der Kampf noch hin und her wogte, trat ein Ereignis ein, 
das in seiner Plötzlichkeit Freunde und Gegner der Revision fast in gleicher 
Weise überraschte. Das Kabinet Möoline war schon gestürzt und durch das 
Ministerium Brisson ersetzt, aber auch dieses befand sich durch seinen Kriegs⸗ 
minister Cavaignac, den Liebling der Nationalisten, anfangs ganz im Banne 
der Militärclique. Da kam Cavaignac selbst dahinter, daß er mit dem Akten— 
tücke, das er als untrüglichen Beweis für die Schuld des Dreyfus auf der 
Parlamentstribüne verlesen hatte, sich schwer blamiert hatte. Oberstleutnant 
Henry gestand, zur Rede gestellt, schließlich iin, daß er das Schreiben ge—⸗ 
fälscht hatte. Die Folge war 
henrys Verhaftung und sSelbstmord 
am 30. August v. Is. Von verschiedenen Seiten ist die Vermutung aus 
zesprochen, daß auch Henrys Selbstmord nicht ganz seiner eigenen Initiative 
entsprungen sei. Sein Freund Esterhazy, der jetzt von London aus seine 
Wissenschaft zeilenweise verkauft, meint sogar ganz bestimmt, Henry sei er— 
nordet worden. 
Ausheben aus der Form. 
Orofessor Kins 
Ich habe jetzt förmlich Respekt vor all den kleinen 
Nippes aus Porzellan, den Blumenkörbchen, den 
Wägelchen und den Figürchen, die auf dem Schränkchen 
meiner Frau stehen; und die große Porzellanvase da in 
der Ecke flößt mir geradezu Ehrfurcht ein, seit ich 
draußen in der königl. Porzellanmanufaktur war und 
alles mit angesehen habe, wie die Dinger da gemacht 
werden. Es ist aber auch zu interessant, so ganz anders, 
als man sich's denken mag, so viel man auch darüber 
gehört und gelesen hat, und ein Gang durch die be— 
rühmte Manufaktur lohnt sich wohl. 
Wo die mächtigen Fabrikanlagen sind, das weiß 
wohl jeder. Dort, am Ende des Thiergartens, dicht 
am Stadtbahnhof Thiergarten, erheben sich die großen, 
massigen, alles eher als schön zu nennenden Gebäude— 
komplexe, die die Fabrik ausmachen. 
Ja, das weiß jeder. 
Leider aber finden nur wenige den Weg dahin, ob⸗ 
wohl die Besichtigung jedermann unentgeltlich gestattet 
ist, und gut erklärende Führer auf dem Rundgang begleiten. 
Freilich mag nicht jedem eine so treffliche, sachver— 
ständige und liebenswürdige Führung zu teil werden, 
wie sie mir durch Dr. Köbbinghoff zugedacht war. 
Das ganze Getriebe aber lernt man doch kennen, und 
man gewinnt einen Einblick, der, wie gesagt, des Inter⸗ 
essanten die Hülle und Fülle bietet. ** 
Das erste Gebäude durchschreitend, treten wir in den 
Hof. Ein Arm der Spree fließt duxch denselben. 
Mächtige Kähne ankern hier, hochbeladen mit Lehm 
Saalethon ist es, der direkt hierher verladen wird und 
im richtigen Gemisch die beste Porzellanerde giebt. Im 
richtigen Gemisch sagte ich. Und zu diesem Gemisch 
Die 
Schlemmerei
	        
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