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Band Nr. 15, 9. April 1899

Volltext: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1899, VIII. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

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auf die Füße. „Ich lasse mich da ja beinahe aus⸗ 
horchen — und von Ihnen!“ Sie kehrte ihm demon— 
auid den Rücken zu. Ich werde Ihnen überhaupt 
teine Antwort mehr geben.“ 
„Seien Sie nicht unverschämt, Rosa, und ver— 
gessen Sie micht, daß ich hier, ais Besucher Ihrer 
— stehe. — Antworten Sie mir, ich befehle es 
Ihnen!“ —, 
Vor allem merken Sie sich, daß, ich für Leute 
Ihrer Art immer Fräulein Rosa bin! Und befehlen? 
Rosa lachte aus vollem Halse. „Sie haben hier gar 
nichts zu befehlen, Sie — Sie —!“ 
In diesem AÄugenblick trat Frau Carstenn unter 
die Thür. J 
„Was geht hier vor?“ Und da übersah sie auch 
schon die Suͤualion. Gehen Sie, Rosa!“ befahl sie 
demn Madchen. Und Sie, Rechtenberg, könnten auch 
Vefseres thun, als mit dem Mädchen herumstreiten. — 
Was wollen Sie übrigens?“ 
F „Ihnen meine Hoöchachtung bezeigen, schönste der 
Frauen!“ 
Frau Carstenn ging gelangweilt zum Fenster. 
Vassen Sie doch die pPlöden Redensarten,“ sagte 
sie ärgerlich. „Sie wollen Geld haben; und für dieses 
gelungene Märchen, das alle Einsichtigen kopfscheu 
ocht' und Fohansen und das junge Mädchen kompro— 
mittleren muß! Johanfen lehnt es rundweg ab, Ihnen 
zuch nur einen Pfennig zu geben.“ 9 
Das thut mir leid uüm seinetwillen. 
„Soll das heißen, daß, Johansen Sie notwendig 
hat?“ Frau Carstenn wandte sich gegen ihn um und 
sah ihn verächtlich an. 
„Natürlich!“ antwortete Rechtenberg ruhig. Und 
dann meine ich auch, daß er mich fürchten sollle“ 
„Alfo eine regelrechte Erpressung! Hören Sie, 
Rechtenberg, Sie souten doch nicht so mit Ihrer Gemein⸗ 
heit posieren.“ 
Gemeinheit? Na, meinetwegen. Aber jedenfalls 
geht diese meine Gemeinheit, mit, meiner Nützlichkeit 
Hand in Hand, und mein Geschäft läßt es nicht zu, 
die eine von der andern zu trennen. Schade nur, daß 
meine Nütßtzlichkeit so oft verkannt wird! Man ent— 
lohnt mich nur daunn, wenn ich's verlange, und auch 
dann nicht immer; stets aber muß ich mit meinem Lohn 
auch die gebührende Verachtung hinnehmen — ich bin 
eben so eine Art modernen. Henkersknechts; man 
braucht mich zu allem nheen und Unmöglichen, 
man denkt keinen Augenblick daran, daß es vielleicht 
gar nicht einmal ehrenhaft ist, mir dall diese Dienste 
aͤnzusinnen; man verlangt von mir daß ich mit 
meinen kleinen Reklamekuͤnsten jedes Lichtlein zum 
Rang einer strahlenden Sonne empoͤrschwindele — aber 
daun will man sich doch ein Ansehen geben und so 
berschmäht man es wenigstens, mir, dem gefälligen 
Werkzeug, die Hand zu reichen. Ah, zum Teufel!“ Er 
sprang plötzlich auf und ging erregt auf und nieder 
Versuchen Sie doch einmal selbst, Acben Sie mit 
Ihrem Waschzettel von Redaktion zu Redaktion! Sie 
werden dann bald erkennen, welch eine Unsumme von 
List und Verschlagenheit dazu gehört, das Anrecht auf 
ein Platzchen unterm Strich zu gewinnen. Und dann 
werden Sie auch einsehen, wie Sie alle, alle Ihren 
Ruhm mir am letzten Ende verdanken! Die Masse ist 
oͤlöd', und sie steht obenein unter dem Zauber des ge— 
druckten Wortes; was sie am Morgen mn der Zeitung 
gelesen, das wird sie am Abend gern aus der Leistung 
heraushören, und selbst die Einsichtigen lassen sich 
fangen. So ist schon mancher zum Gott abvanciert, 
der“ in Wirklichkeit nur ein Tagelöhner der Kunsi 
war und dessen ganzes Können auf die Fertigkeit 
hinauslief, der Kunst in deren eigenem Gebiet Gewalt 
anzuthun.“ 
Frau Carstenn lachte, aber es klang doch ein wenig 
zezwungen. 
„Warum sagen Sie das alles? Sie wollen doch 
nicht etwa, behaupten, das auch ich Ihre Dienste not— 
wendig habe?“ 
Gewiß behaupte ich das — denn ohne meine 
Dienste würden Sie bald das Beste von Ihrem 
Ruhme verlieren: Die Popularität! Uebrigens gestehe 
ich Ihnen gerne zu, daß Sie wirklich eine Künstlerin 
sind. Sie hätten Ihren Weg auch ohne die Dienste 
der Rechtenberge gemacht. Aber die andern alle! — 
Da ist zum Beispiel dieser Johansen —“ 
Frau Carstenn unterbrach ihn. 
Rechtenberg — was sagen Sie da?“ 
„Eine Wahrheit, Verehrteste!“ Rechtenberg war 
»ereits wieder ruhiger geworden; er, ließ sich wieder 
auf den Stuhl nieder und lächelte sie verbindlich an 
„Johanfen. ist nicht das Genie, wofür er selbst sich hält 
und als welches die Welt ihn mit gutmütiger Duld- 
samkeit nimmt. Mein Gott — ex ist doch wenigstens 
ein Talent, er ist dazu ein lieber Kerl und ein hübscher 
Mensch, den die Weiber gern habe 
Rechtenerg. 
Ich weiß, ich weiß!“ Er grinste sie mit empbrender 
Vertraulichkeit an. „Aber es ist doch so — tausend 
und drei — na, reden wir nicht davon. Aber diesen 
Vorzügen dankt er seinen Ruhm, und die Kritik läßt 
ihn gern gelten, weil er, wie gesagt, in manchem ein 
Talent und um vieles besser ist, als viele andre, 
Aber, glauben Sie mir, wenn ich nicht ständig daraus 
bedacht wäre, ihm vorzuarbeiten — er würde bald einen 
recht schweren Stand haben; jetzt aber ist Aussicht 
Verliner Illustrirle Zeitung. 
—— — ⸗ — 
orhanden, daß er, wenn er einmal von der Bühne 
des Lebens abtreten wird, eine wenn auch nur einge⸗ 
ildete Lücke zurückläßt.“ 
Echweigen Sies Frau Carstenn war ehrlich 
ntrüstet. „Sie verleumden Herrn Johansen und das 
ulde ich nicht — hören Sie?“ 
Also ich verleumde!“ Rechtenberg rückte sich behaglich 
urecht. Als ich eben da heraus ging, un man in den 
Strehen die ntundigungen zu dem ersten Konzert desHerrn 
Fohansen an: große Plakate, oben in der Ege das gelungene 
ussbnd des Kunflers, daneben alle Titel und Orden 
n Feltschrift! — Und dicht daneben hing das Plakat 
on dem Baͤrenweib im Panoptikum! — Wer, meinen 
Sie nun, hat größeren Anfpruch auf dauernder 
uhm das Naturphänomen, wenn's eins ist! — 
der der eniale“ Johansen?“ Rechtenberg lachte 
„Nein, Verehrteste: die wahre Kunst schreitet anders 
inher, als Meister Johansen es thut! Der Johansen 
und has Buͤreuweid sind beim Dutzend überzählig 
geblieben und sie sind um kein Haar besser als all die 
ndern, die das Dutzend voll machen. Aber weil sie 
un zufällig als Dreizehnte neben denen vom Dutzend 
erlaufen — darum bilden sie sich ein, etwas Besonderes 
u fein. Sie gehen allgemach eigene Wege, brechen 
nverfroren durch, wenn ihnen irgendwo der Weg 
erftellt wird. mid eines Tages erwachen sie als 
erühnite Leute — über die dann freilich die Zeit das 
etzte Wort spricht!“ 
Nr. 15. 
„Sie wagen es noch, ihm unter die Augen zu 
treten 2! 
„Ja — aber warum denn nicht?“ Er that auf⸗ 
ichtig erstaunt. 
Jetzt — nach diesen Wahrheiten 
Ach darum! — Du lieber Gott, ich gehe ihm, 
veil'er meine Hilfe braucht und weil's mein eschäft 
ft. Da muß man gewohnheitsmäßig auf eigene 
Heinung und dergleichen Schnickschnack verzichten. 
reuen Sie fich üdrigens des Einblicks in meine 
Seele — ich wiederhole es — Sie werden vielleicht 
—X Gelegenheit haben, sich meiner Worte zu er— 
nnern. 
Aber ich verbiete Ihnen, zu Herrn Johansen zu 
‚ehen — ich werde sofort zu shm fahren und ihm alles 
agen.“ 
„Ah!“ Er zuckte bedauernd mit den Achseln.“ Ich 
zabe“ imimer geglaubt, daß Sie seine Freundin seien; 
das Sie da ihun wollen, wäͤre aber recht unfreundlich 
ehandelt. Johansen hat, meine Hilfe heut nötiger als 
e da man seine Oper giebt. Ich kenne sie auswendig 
ind Sie wissen —'ich verstehe von, der Musik mehr 
is ein halbes Dutzend Johansens zusammengenommen. 
mein Beruf mir gedietet, für seine Oper in freund⸗ 
ichem Sinne Stimmung zu, machen, so werde ich das 
hun; wenn Sie aber klatschen, meine Teure F, her⸗ 
zeihen Sie das harte Wahrwort! —, wenn Sie klatschen 
ind Johansen hindern, meine Dienste anzunehmen, 
wenn Sie ihn gar zu, Unklugheiten gegen mich verleiten 
soliten, dann könnte ich zu meinem Leidwesen gezwungen 
werden, der Welt mitzuteilen, was die Kritik in freund⸗ 
schaftlichem Wohlwollen wahrscheinlich verschweigen wird: 
daß Herr Johansen mit liebenswurdiger Arglosigkeit 
seine Dper gestohlen hat —, unbewußt zwar, wie ich 
annehmen will, im guten Glauben, daß er aus dem 
eigenen Geistesbronnen schöpfe — aber darum doch ge⸗ 
ftoͤhlen. — Sie überlegen sich die Sache also noch ein⸗ 
mal, nicht wahr? Inzwischen werde ich Herrn Jo⸗ 
hansen aufsuchen und ich hoffe, daß er vernünftig genug 
sein wird, mit nicht „die Knochen entzwei“ zu schlagen! 
Adieu alfso, meine Liebe, und auf Wiedersehen in vier⸗ 
zehn Tagen!“ Er empfahl sich mit weltmännischer 
Belasfenheit — ganz so, als ob nichts geschehen wäre. 
Und' Frau Tarsteun blieb in größter Erregung 
zurück. Sie war außer sich darüber, daß ein Mensch 
dieses Schlages es wagen durfte, einen Johansen mit 
Schmußß zu dewerfen, und sie war auch fest entschlossen, 
diesen lebzteren unter allen Umständen vor Rechtenberg 
zu waruen. Denn wie klein und verächtlich derselbe 
ich war — Olaf durfte es doch nicht unter seiner 
Wüurde halten zu zeigen, daß sein Ruhm stark in sich 
seloͤst fei und der künstlichen Stützen, von denen Rechten⸗ 
berg andeutungsweise gesprochen, entbehren könne. — 
Aber dann geschah etwas Sonderbares: Frau Carstenn 
ertappie sich selbst auf der Gewissensfrage, ob denn 
Rechtenberg am Ende nicht doch klarer sehe, als sie und 
Ae Welt.“ Sie schalt sich um dieses Zweifels willen 
qus und kluingelte mit kurzem Entschluß nach dem 
Mädchen. — 
„Besorgen Sie mir einen Wagen, Rosa; ich will 
zur Bahn fahren.“ 
Das Mödchen blieb in der Thür stehen. 
WGewiß, gnaͤdige Frau! Aber da ist eben ein Herr 
zekonimen, der Fräulein Starck sprechen möchte. Was 
oll ich mit ihm machen?“ 
8B* Sie wissen doch, daß das Fräulein nicht 
da ist. 
Freilich — aber der Herr meint, wenn es nicht 
zu lange dauert, bis das Fräulein wiederkommt, dann 
nöchte er wohl warten.“ Rosa kicherte. „Der sonder⸗ 
are Mensch hat ein Blumenbouquet, das nur ein 
venig abgelagert aussieht — man könute fast glauben, 
rkam mit ganz bestimmten Absichten! —, Und er ist 
uch furchtbar verlegen — er stotterte, daß man ihn 
aum versiehen konnte.“ 
„Nannte er seinen Namen?“ 
Gewiß —: Schultz.“ Das Mädchen kicherte 
wieder — 
Frau Carstenn mußte lachen. 
Der Name sagt grade nicht viel. — Wie sieht 
r denn aus?“ 
„Ach du lieber Gott! Lang — hager, die ganze 
Hestalt in einem eckigen schwarzen Auzug — und ein 
Zesicht — na! Er ist gewiß ein Schülmeister oder 
in Dichter.“ 
In jedem Falle ist er langweilig! — Schick' 
hn fort, er soll ein ander mal wiederkommen. Die 
Ssumen bring' mir herein — ich will sie dem 
Fräulein geben“ — 
Das Mädchen ging und Frau Carstenn begab 
sich in ihr Ankleidezimmer, um sich für die Fahrt nach 
Berlin umzukleiden. — — — 
Als sie eben damit zum Ende gekommen war, 
klopfte es draußen und gleich darauf steckte Bertha den 
Kopf in die Thürspalte. 
„Darf ich hinein kommen?“ 
Aber natürlich! —“ 
zertha sprang herein und bot Frau Carstenn 
Hände. 
Da bin ich wieder!“ 
krau Carstenn lächelte sie freundlich an. 
Sie sind recht lange weogeblieben liebe Bertha. 
war, schon einigermaßen in Sorge, um Sie.“ 
Ach, seien Sie mir nicht böse! Aber es war 
„Vor allem merken Sie sich, daß ich für Leute 
Ihrer Art immer Fräulein Rosa bin!“ 
Frau Carstenn war entsetzt. Sie hatte wiederholt 
ersucht, seinen Bosheiten Einhalt zu thun, aber er 
atte darauf gar nicht geachtet; und dann war sie 
affungslos auf einen Stühl gesunken. Jetzt erhob sie 
ich und sie brachte es sogar fertig, sich äußerlich zur 
Kuͤhe zu zwingen. 
„Eine Fräge, Rechtenberg!“ 
„Nun?“ 
Wenn Johansen Ihnen, das Geld, geseben 
zätte, würden Sie sich dann ähnlich freimütig aus⸗ 
lesproen haben?“ 
Wahrscheinlich nicht!“ Er war nicht mehr aus 
einer Ruhe aufzuscheuchen. „Aber die Wahrheit wäre 
och einmäl an den Tag gekommen und es ist ganz gut, 
aß sie nun offenkundig ise vielleicht ziehen Sie selbst 
inmal Nutzen daraus.“ 
„Sie sind ein Elender! — Gehen Sie! Und 
aß Sie sich nicht wieder bei mir sehen lassen“ 
Rechtenberg stand auf. 
Sie sollten sich nicht so erregen, Verehrteste — 
as schadet Ihnen.“ Er sprach ruhig und ohne jede 
Frregung. WUebrigens habe ich gar nicht die Absicht 
Jehabt, Sie so bald wieder zu besüchen. Es genügt ja, 
venn ich unmittelbar vor Ihrem Konzert wieder— 
omme. Leben Sie also wohl auf ewig — und 
uf Wiederfehen in vierzehn Tagen.“ Er ging nach der 
khüre und blieb dort unter einem Gedanken stehen. 
Apropos — haben Sie keine Ahnung, wo ich 
zohansen finden kann?“ 
Frau Carstenn war sprachlos. 
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rhalten den Ansang des laufenden Romans auf Ver- beid 
angen unentgeltlich nachgeliefert. 
Die Expedition Ich 
BERLIN SW., Charlottenstr. o.
	        
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