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Band Nr. 30

Volltext: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1898, VII. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

zepflasterten Calles aufsuchen muß, ist entsetzlich; 
ind nar die Bettlerscharen, die einen auch im Prado 
erfolgen, können einen, wenn auch nur schwachen 
Begriff von dem Elend geben, das hier herrscht. 
Der schrecklichste Gast ist in diesen Gassen, diesen 
zunklen, finsteren Häusern, in denen der Pesthauch 
des Elends herrscht, eingekehrt und hat sich darin 
heimisch gemacht: der Hunger, der entsetzliche, 
nagende, tötende Hunger; und als sein Gefolge ist 
Fieber und Krankheit aufgetreten und — Wahnsinn. 
Noch nie hat man so viele Wahnsinnige — 
namentlich Frauen — in den Gassen Havanas 
zesehen, noch nie hat man von so vielen Mordthaten 
zehört, Mordthaten aus Neid, aus Haß, aus 
dunger und — aus Liebe. 
Jawohl aus Liebe! Denn die Fälle sind nicht 
elten, in denen eine Mutter ihre Kinder im Wahn— 
inn der Liebe getötet hat, um sie nicht weiter hungern 
zu sehen! 
Für all die Unglücklichen, Hungernden, Jammern— 
den wird allüberall gesammelt. Feste über Feste 
werden veranstaltet, die Champagnerpfropfen knallen, 
Fis und Sorbet wird geschlürft, es wird gelacht, ge— 
liebt und geküßt, um — den Hunger der Hungernden 
damit zu stillen. O, es ist etwas Schönes um die 
Wohlthätigkeit, und die Offiziere und die „Belles“ 
und die „Beaus“ von Havana fühlen sich sehr wohl 
dabei. Von dem, was die Feste dann abwerfen, 
werden die Hungrigen späaͤter gespeist. Scharenweise 
strömen sie herbei, um die zu verteilenden Speisen 
in Empfang zu nehmien, heißhungrig wird ein Teil 
dort schon verschlungen, einer jagt oft dem andern 
das Erhaltene ab, dort die Mutter schleppt sich mit 
»em, was sie bekommen, nach Hause, um es ihren 
Dindern zu geben, falls sie noch leben, falls sie noch 
uicht gestorben ... 
Daß auch die Moral unter den Verhältnissen 
bedeutend gelitten, ist kkar. Groß war sie ja nie. 
Broß kann sie ja nie sein unter den Gluten der 
ropifchen Sonne. Jetzt aber ist es ärger als je, und 
nanch eine Mutter verschachert ihr Kind um ein 
Nichts, um einen Laib Brot! Um ein Nichts? o nein, 
in Laib Brot ist ja jetzt ein Vermögen! 
Und der Krieg? 
Wer fragt nach dem Krieg. Die Leute gewiß 
nicht. Nur in den Cafés, auf den Promenaden, in 
den Kasernen spricht man vom Kriege. Hier träumt 
nan noch immer von Kampf und von Sieg, und 
kommt eine traurige Nachricht vom Kriege, erfährt 
nau, daß eine Flotte vernichtet, eine Stadt zerstört, 
eine Armee gesprengt und geschlagen ist, dann schwört 
nan, man werde die Schlappe schon wett machen 
und — geht ins Theater, um sich zu trösten. Was 
ollte man denn auch anderes thun? 
Godefroy Cavaignac 
der nzue französische Kriegsminister. 
Perliner Zllustrirte Zeitung. 
—— — er — —ñ ⸗ 
eines zukünftigen Ministers!“ worauf der bekannte 
Cassagnac zurückgab: „Die Sprache eines zukünftigen 
Präsidenten der Republik! 
Seitdem sind die Erwählten des französischen 
Volkes schon zwei mal zur Präsidentenwahl ge⸗ 
schritten und an Cavaignac vorbeigegangen, aber die 
erstere Prophezeiung ist nun eingetroffen: Cavaignac 
st Minister geworden. Ob er auch noch einmal 
Präsident werden, ob nicht auch ihm der Dreyfus— 
handel zum Unglück ausschlagen wird — wer 
weiß es? 
Nr. 30. 
Graf Fehnoorff. 
Zum fünfzigsten Dienstjubiläum. 
— — 
* m 21. d. M. beging eine der populärsten 
Persönlichkeiten des Hofes Kaiser Wilhelm L. 
A der General der Kavallerie, Generaladjutant 
Heinrich Graf von Lehndorff, das 50 jährige Jubi— 
ium feines Eintritts in die Armee. Graf Leha— 
dorff, der am 1. April 1829 als Sohn eines General⸗ 
lieutenants zu Königsberg i. P. geboren wurde, war 
unächst Kürassier, dann Fähnrich, und endlich Lieute— 
jant im 5. Kürassier-Regiment, und wurde 1850 
n das Regiment der Gardes-du-Corps versetzt, bei 
zem er jetzt seit dem Jahre 1892 à Ia suite geführt 
vird. Mit dem Hause Hohenzollern trat der Jubilar 
uerst als Reisebegleiter des Prinzen Georg in Be— 
ührungl und wurde am 3. April 1866 Flügel⸗ 
djutant'des Königs Wilhelm J., dem er dann die 
janzen folgenden 22 Jahre, bis zum Tode des Mon⸗ 
irchen, treu zur Seite gestanden hat. 
Alle die großen Ereignisse der Kriege gegen 
Desterreich und Frankreich durchlebte der Graf an 
er Seite seines Herrn. Am Tage von Königgrätz 
var er der Adjutant vom Dienst und begleitete den 
dönig am 3. Juli auf der Fahrt von Gitschin zum 
zchlachtfelde. Mit Pallasch und Schärpe angethan, 
jarf er sich am Abend dieses Tages vor der Schlaf⸗ 
ammer des Königs auf die Erde, um von den un— 
zeheuren Strapazen auszuruhen. 
Ebenso nahe seinem Herrn, nahm Graf Lehndorff 
in den Ereignissen des Krieges auf Frankreichs 
goden teil. Als am Abend des 18. August die 
5ntscheidung gefallen war, ritt er dem General 
on Moltke auf der Straße nach Gravelotte ent— 
egen, um den Strategen nach Rezonville zu führen 
ind Zeuge zu sein des denkwürdigen Augenblickes, 
n dem der Chef des Generalstabes dem in banger 
Zorge schwebenden obersten Kriegsherrn die Sieges⸗ 
otschaft überbrachte. 
Nach dem Kriege gegen Frankreich zählte Graf 
ehndorff zu den ersten Vertrauten Kaiser Wil⸗ 
elm J. Zwar ist er als solcher politisch nie her— 
orgetreten. Infolge der innigen Freundschaft mit 
em Fürsten Bismarck ist sein Einfluß aber doch 
viederholt von weittragender Bedeutung gewesen, 
„eil er als gleichzeitiger Freund das Monarchen und 
eines Kanzlers Gelegenheit hatte, manches Miß— 
erständnis zu beseitigen, manche Meinungsver— 
hiedenheit zwischen Bismarck und Mitgliedern des 
Zofes auszugleichen. 
Seinen letzten Dienst erwies Graf Lehndorff 
einem Herrn bei dessen Beisetzung, und wer dieser 
ꝛeigewohnt hat, der entsinnt sich gewiß noch seiner 
ind des Prinzen Radziwill, die neben dem Träger 
es Reichspaniers, dem General von Pape, hinter 
em Sarge des senex imperator einherschritten. 
Im 22. März 1888 trat der Graf dann als General⸗ 
djutant zum Kaiser Friedrich über, nahm aber schon 
urz nach dessen Tode, am 27. Juni, seinen Abschied 
ind lebt seitdem auf seinen ausgedehnten Gütern in 
Istpreußen. 
Graf Lehndorff hat sich erst in seinem einund— 
änfzigsten Lebensjahre zur Ehe entschlossen. Am 
26. Oktober 1880 vermählte er sich mit einer Gräfin 
»on Kanitz. Er ist als Oberburggraf im König— 
eich Preußen Mitglied des Herrenhauses auf Lebens⸗ 
eit, Ritter des schwarzen Adlerordens mit der Kette, 
—XEV 
ußergewöhnlich große Zahl preußischer und anderer 
Irden. 2 
Graf B. Lehndorff. 
Hodefroy Gavaignac. 
D neue französische Kabinet Brisson ist 
8 eigentlich ein Kabinet Cavaignac, denn 
Godefroy Cavaignac, der Inhaber des 
zortefenilles des Kriegsministers ist thatsächlich die 
Seele“ des Ministeriums. Denn dieses Ministe— 
um steht so recht eigentlich unter dem Zeichen der 
reysus-Kampagne und der Radikale Brisson galt 
en Dreyfusfeinden von jeher als ein unsicherer 
dantonist, was seine Stellung zu dem Ex⸗Haupt- 
nann auf der Teufelsinsel anbelangt, während 
zodefroy Cavaignac, von der Schuld des Verur— 
seilten überzeugt, in allen Phasen dieser verwor— 
enen Angelegenheit auf Seiten der „Armee“, d. h. 
zer Revisionsgegner, gestanden hat. Mit Cavaignac 
1s Kriegsminister ließ fich denn auch die reaktio— 
iäre Mehrheit der Kammer ein Kabinet Brisson 
efallen, und das erste Auftreten des neuen Ministers 
wder Kammer ließ keinen Zweifel darüber ob— 
valten, wie er über Dreyfus und seine Freunde 
enkt. 
Aber Godefroy Cavaignac ist im Gegensatz zu 
ielen, mit denen ex jetzt gleiche Marschroute hält, 
in ehrlicher Mann. Wenn er behauptet: Dreyfus 
st schuldig und nach aller Form Rechtens verur— 
eilt, so sagt er dies nicht wider seine bessere 
leberzeugung, und wenn er die Agitation der Drey— 
us-Freunde bekämpft, so thut er es, weil er von 
»er Schädlichkeit dieser Agitation im Juteresse des 
Staates und der Armee überzeugt ist. Gleichwohl 
bird auch er es nicht verhindern können, daß diese 
Agitation weiter fortwuchert, daß die Revision des 
Dreyfusprozefses früher oder später doch kommen 
vird. 
Cavaignac ist der Träger eines in der neueren 
Beschichte des modernen Frankreich schon einmal be— 
ühmt gewordenen Namens. Ein General Cavaignac 
tand im Jahre 1848, nachdem er den Aufstand vom 
23. Juni nach viertägigem Straßenkampfe nieder— 
zeworfen, von dieser Zeit ab bis zum 10. Dezember 
desselben Jahres an der Spitze des Staates, dem er 
Ruhe und Ordnung zurückgab, und dieser Cavaignac 
war der Vater des jetzigen Kriegsministers, der also 
n den republikanischen Traditionen groß geworden ist. 
Vor fünf Jahren war es, als die unsauberen 
Wogen des Panamafskandals hoch gingen, wo Gode⸗ 
froy Cavaignac schon einmal die Augen Frankreichs 
auf sich lenkte, als er in flammender Rede zur 
Sammlung und Einkehr mahnte. Frankreich müsse 
ich wieder auf sich selbst besinnen, rief er aus, und 
ich nur zu einer Politik bekennen: der der Rechtlich⸗ 
eit. Ein Deputierter rief: „Das ist die Sprache
	        
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