zepflasterten Calles aufsuchen muß, ist entsetzlich;
ind nar die Bettlerscharen, die einen auch im Prado
erfolgen, können einen, wenn auch nur schwachen
Begriff von dem Elend geben, das hier herrscht.
Der schrecklichste Gast ist in diesen Gassen, diesen
zunklen, finsteren Häusern, in denen der Pesthauch
des Elends herrscht, eingekehrt und hat sich darin
heimisch gemacht: der Hunger, der entsetzliche,
nagende, tötende Hunger; und als sein Gefolge ist
Fieber und Krankheit aufgetreten und — Wahnsinn.
Noch nie hat man so viele Wahnsinnige —
namentlich Frauen — in den Gassen Havanas
zesehen, noch nie hat man von so vielen Mordthaten
zehört, Mordthaten aus Neid, aus Haß, aus
dunger und — aus Liebe.
Jawohl aus Liebe! Denn die Fälle sind nicht
elten, in denen eine Mutter ihre Kinder im Wahn—
inn der Liebe getötet hat, um sie nicht weiter hungern
zu sehen!
Für all die Unglücklichen, Hungernden, Jammern—
den wird allüberall gesammelt. Feste über Feste
werden veranstaltet, die Champagnerpfropfen knallen,
Fis und Sorbet wird geschlürft, es wird gelacht, ge—
liebt und geküßt, um — den Hunger der Hungernden
damit zu stillen. O, es ist etwas Schönes um die
Wohlthätigkeit, und die Offiziere und die „Belles“
und die „Beaus“ von Havana fühlen sich sehr wohl
dabei. Von dem, was die Feste dann abwerfen,
werden die Hungrigen späaͤter gespeist. Scharenweise
strömen sie herbei, um die zu verteilenden Speisen
in Empfang zu nehmien, heißhungrig wird ein Teil
dort schon verschlungen, einer jagt oft dem andern
das Erhaltene ab, dort die Mutter schleppt sich mit
»em, was sie bekommen, nach Hause, um es ihren
Dindern zu geben, falls sie noch leben, falls sie noch
uicht gestorben ...
Daß auch die Moral unter den Verhältnissen
bedeutend gelitten, ist kkar. Groß war sie ja nie.
Broß kann sie ja nie sein unter den Gluten der
ropifchen Sonne. Jetzt aber ist es ärger als je, und
nanch eine Mutter verschachert ihr Kind um ein
Nichts, um einen Laib Brot! Um ein Nichts? o nein,
in Laib Brot ist ja jetzt ein Vermögen!
Und der Krieg?
Wer fragt nach dem Krieg. Die Leute gewiß
nicht. Nur in den Cafés, auf den Promenaden, in
den Kasernen spricht man vom Kriege. Hier träumt
nan noch immer von Kampf und von Sieg, und
kommt eine traurige Nachricht vom Kriege, erfährt
nau, daß eine Flotte vernichtet, eine Stadt zerstört,
eine Armee gesprengt und geschlagen ist, dann schwört
nan, man werde die Schlappe schon wett machen
und — geht ins Theater, um sich zu trösten. Was
ollte man denn auch anderes thun?
Godefroy Cavaignac
der nzue französische Kriegsminister.
Perliner Zllustrirte Zeitung.
—— — er — —ñ ⸗
eines zukünftigen Ministers!“ worauf der bekannte
Cassagnac zurückgab: „Die Sprache eines zukünftigen
Präsidenten der Republik!
Seitdem sind die Erwählten des französischen
Volkes schon zwei mal zur Präsidentenwahl ge⸗
schritten und an Cavaignac vorbeigegangen, aber die
erstere Prophezeiung ist nun eingetroffen: Cavaignac
st Minister geworden. Ob er auch noch einmal
Präsident werden, ob nicht auch ihm der Dreyfus—
handel zum Unglück ausschlagen wird — wer
weiß es?
Nr. 30.
Graf Fehnoorff.
Zum fünfzigsten Dienstjubiläum.
— —
* m 21. d. M. beging eine der populärsten
Persönlichkeiten des Hofes Kaiser Wilhelm L.
A der General der Kavallerie, Generaladjutant
Heinrich Graf von Lehndorff, das 50 jährige Jubi—
ium feines Eintritts in die Armee. Graf Leha—
dorff, der am 1. April 1829 als Sohn eines General⸗
lieutenants zu Königsberg i. P. geboren wurde, war
unächst Kürassier, dann Fähnrich, und endlich Lieute—
jant im 5. Kürassier-Regiment, und wurde 1850
n das Regiment der Gardes-du-Corps versetzt, bei
zem er jetzt seit dem Jahre 1892 à Ia suite geführt
vird. Mit dem Hause Hohenzollern trat der Jubilar
uerst als Reisebegleiter des Prinzen Georg in Be—
ührungl und wurde am 3. April 1866 Flügel⸗
djutant'des Königs Wilhelm J., dem er dann die
janzen folgenden 22 Jahre, bis zum Tode des Mon⸗
irchen, treu zur Seite gestanden hat.
Alle die großen Ereignisse der Kriege gegen
Desterreich und Frankreich durchlebte der Graf an
er Seite seines Herrn. Am Tage von Königgrätz
var er der Adjutant vom Dienst und begleitete den
dönig am 3. Juli auf der Fahrt von Gitschin zum
zchlachtfelde. Mit Pallasch und Schärpe angethan,
jarf er sich am Abend dieses Tages vor der Schlaf⸗
ammer des Königs auf die Erde, um von den un—
zeheuren Strapazen auszuruhen.
Ebenso nahe seinem Herrn, nahm Graf Lehndorff
in den Ereignissen des Krieges auf Frankreichs
goden teil. Als am Abend des 18. August die
5ntscheidung gefallen war, ritt er dem General
on Moltke auf der Straße nach Gravelotte ent—
egen, um den Strategen nach Rezonville zu führen
ind Zeuge zu sein des denkwürdigen Augenblickes,
n dem der Chef des Generalstabes dem in banger
Zorge schwebenden obersten Kriegsherrn die Sieges⸗
otschaft überbrachte.
Nach dem Kriege gegen Frankreich zählte Graf
ehndorff zu den ersten Vertrauten Kaiser Wil⸗
elm J. Zwar ist er als solcher politisch nie her—
orgetreten. Infolge der innigen Freundschaft mit
em Fürsten Bismarck ist sein Einfluß aber doch
viederholt von weittragender Bedeutung gewesen,
„eil er als gleichzeitiger Freund das Monarchen und
eines Kanzlers Gelegenheit hatte, manches Miß—
erständnis zu beseitigen, manche Meinungsver—
hiedenheit zwischen Bismarck und Mitgliedern des
Zofes auszugleichen.
Seinen letzten Dienst erwies Graf Lehndorff
einem Herrn bei dessen Beisetzung, und wer dieser
ꝛeigewohnt hat, der entsinnt sich gewiß noch seiner
ind des Prinzen Radziwill, die neben dem Träger
es Reichspaniers, dem General von Pape, hinter
em Sarge des senex imperator einherschritten.
Im 22. März 1888 trat der Graf dann als General⸗
djutant zum Kaiser Friedrich über, nahm aber schon
urz nach dessen Tode, am 27. Juni, seinen Abschied
ind lebt seitdem auf seinen ausgedehnten Gütern in
Istpreußen.
Graf Lehndorff hat sich erst in seinem einund—
änfzigsten Lebensjahre zur Ehe entschlossen. Am
26. Oktober 1880 vermählte er sich mit einer Gräfin
»on Kanitz. Er ist als Oberburggraf im König—
eich Preußen Mitglied des Herrenhauses auf Lebens⸗
eit, Ritter des schwarzen Adlerordens mit der Kette,
—XEV
ußergewöhnlich große Zahl preußischer und anderer
Irden. 2
Graf B. Lehndorff.
Hodefroy Gavaignac.
D neue französische Kabinet Brisson ist
8 eigentlich ein Kabinet Cavaignac, denn
Godefroy Cavaignac, der Inhaber des
zortefenilles des Kriegsministers ist thatsächlich die
Seele“ des Ministeriums. Denn dieses Ministe—
um steht so recht eigentlich unter dem Zeichen der
reysus-Kampagne und der Radikale Brisson galt
en Dreyfusfeinden von jeher als ein unsicherer
dantonist, was seine Stellung zu dem Ex⸗Haupt-
nann auf der Teufelsinsel anbelangt, während
zodefroy Cavaignac, von der Schuld des Verur—
seilten überzeugt, in allen Phasen dieser verwor—
enen Angelegenheit auf Seiten der „Armee“, d. h.
zer Revisionsgegner, gestanden hat. Mit Cavaignac
1s Kriegsminister ließ fich denn auch die reaktio—
iäre Mehrheit der Kammer ein Kabinet Brisson
efallen, und das erste Auftreten des neuen Ministers
wder Kammer ließ keinen Zweifel darüber ob—
valten, wie er über Dreyfus und seine Freunde
enkt.
Aber Godefroy Cavaignac ist im Gegensatz zu
ielen, mit denen ex jetzt gleiche Marschroute hält,
in ehrlicher Mann. Wenn er behauptet: Dreyfus
st schuldig und nach aller Form Rechtens verur—
eilt, so sagt er dies nicht wider seine bessere
leberzeugung, und wenn er die Agitation der Drey—
us-Freunde bekämpft, so thut er es, weil er von
»er Schädlichkeit dieser Agitation im Juteresse des
Staates und der Armee überzeugt ist. Gleichwohl
bird auch er es nicht verhindern können, daß diese
Agitation weiter fortwuchert, daß die Revision des
Dreyfusprozefses früher oder später doch kommen
vird.
Cavaignac ist der Träger eines in der neueren
Beschichte des modernen Frankreich schon einmal be—
ühmt gewordenen Namens. Ein General Cavaignac
tand im Jahre 1848, nachdem er den Aufstand vom
23. Juni nach viertägigem Straßenkampfe nieder—
zeworfen, von dieser Zeit ab bis zum 10. Dezember
desselben Jahres an der Spitze des Staates, dem er
Ruhe und Ordnung zurückgab, und dieser Cavaignac
war der Vater des jetzigen Kriegsministers, der also
n den republikanischen Traditionen groß geworden ist.
Vor fünf Jahren war es, als die unsauberen
Wogen des Panamafskandals hoch gingen, wo Gode⸗
froy Cavaignac schon einmal die Augen Frankreichs
auf sich lenkte, als er in flammender Rede zur
Sammlung und Einkehr mahnte. Frankreich müsse
ich wieder auf sich selbst besinnen, rief er aus, und
ich nur zu einer Politik bekennen: der der Rechtlich⸗
eit. Ein Deputierter rief: „Das ist die Sprache