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Band Nr. 15

Volltext: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1898, VII. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

haben eine Bühnenfigur, ein Bübnengesicht und 
Talent, viel Talent. Äber wie der veste Acker keine 
Früchte bringt, wenn der Regen gausbteibt, so bleibt 
auch das beste Ihres Talents in Ihuen stecken, wenn 
nicht mal eine Leidenschaft über Sie kommi, eine 
Leidenschaft, die alles aufrührt, was sich da drinnen 
derbirgt. So eine Leidenschaäft, an der Sie vielleicht 
zu Grunde gehen. Aber wenn Sie diese Leidenschaft 
überdauern, vielleicht mit erstorbenem Herzen, dann, 
Wiborg, glanben Sie mir altem Manne, dann hat 
die Weit vielleicht ein anständiges Mädchen weniger, 
aber eine große Künstlerin mehr!“ 
Das alles kommt ihr jetzt in den Sinn, wie sie 
da vor sich hin in das Licht der Lampe starrt. Sie 
ist so müde, so müde. Sie steht an einem Scheide— 
wege, sie fühlt es. Sie mag nicht mehr denken, sie 
will sich fatalistisch dem Schicksal anvertrauen, gleich— 
diel, wohin es sie treibt. 
Sie steht langsam auf. Das Flämmchen unter 
dem Theekessel ist erloschen, der singende, trauliche 
Ton durchzieht nicht mehr das Gemuüch. 
Sie geht an das Fenster und öffnet es. Die 
laue Nachtluft flutet zu ihr herein, und fröstelnd 
zieht sie den Schlafrock über der vollen Brust zu— 
sammen. 
Nachtstill ist es und nachtdunkel. Die Lichter 
der Straße funkeln zu ihr herauf. Und hin und 
wieder ein hallender Schritt. Palmsonntagsfrieden. 
Der Frühling geht über die Erde, und sie meint 
sein Wehen zu verspüren. 
Lange steht sie so, lange, die Stirn mit dem 
braunen, gekrausten Haar an das Fensterkreuz gelegt. 
Was wird mit ihr um Ostern sein? 
Die alte Bastei. Einst, als die Stadt noch 
Festung war, ein gar trutziger Wall, heut eine breite, 
wohlgepflegte Promenade mit Bäumen, Ziersträuchern 
und Ruhebänken. Rechts die Stadt mit ihren 
Fabrikschornsteinen und Kirchturmspitzen, links der 
große, mit dünner Grasnarbe bedeckte Exerzierplatz 
und darüber hinaus in weitem Bogen das gewellte, 
freie Land. Die Felder ergrünend in jungem Früh— 
lingsgrün, ebenso auch die Sträucher auf der Baftei, 
die Bäume bedeckt mit schwellenden, braunen und 
mattgrünen Knospen. Ueber dem allen vom blauen 
Himmiel herab die Sonne. 
Auf einer Bank da oben Ellen Wiborg und neben 
ihr Rolf Mengers, in Uniform und Mütze. Er 
hatte sie chevaleresk begrüßt und ihr für ihr Kommen 
gedankt und dann nach einer kleinen Pause unver— 
mittelt herausgefragt: 
„Was soll nun werden?“ 
„Ich weiß es nicht,“ hatte sie müde geantwortet. 
„Aber ich weiß es,“ stieß er hervor, und in seinen 
Augen e es auf. „Unsre Freundschaft — pah! 
n ann und Weib giebt es keine Freund— 
isoe wenigstens nicht zwischen einem Manne wie 
ich und einem Weibe wie Sie. Da giebt es nur 
ein Ganzes oder nichts. Und ich liebe Sie, Ellen!“ 
Sie senkte den Kopf und bohrte die metallene 
Spitze ihres Sonnenschirmes in den weichen Sand. 
„Ja, ich liebe Sie, Ellen. Unbändig! Ich hätte 
nicht geglaubt, daß ich das noch einmal einem Weibe 
sagen würde. Aber das ist nun so über mich ge— 
kommen, so zum Verrücktwerden über mich ge— 
fkommen!“ 
ꝛest Er umklammerte den Säbelkorb in seinen Händen 
fester. 
„Und ich komme nun nicht mehr los davon. Ich 
bin reich, da hiuten,“ — er nickte hinüber in die 
Weite — „in Mühlheim, da weiß ich eine Villa, 
fix und, fertig zum Einziehen eingerichtet, da wollen 
wir unfrer Liebe leben. Die Weit soll nichts wissen 
von dir. als nur ich allein. Und wenn die heißen 
Berliner Zllustrirle Zeitung. 
Nr. 15. 
es immer, nmoch nicht. Aber sie stand in seinem 
Zanne. Ein Neues sollte mit ihr werden, ein 
Neues, wenn sie sich auch nicht klar darüber war, 
oh es nicht vielleicht schlechter war, als das Alte. 
Aber so weiter trotien auf der ausgetretenen Straße, 
und uübers Jahr wiederum auf derselben Stelle 
stehen, wie heute, davor graute ihr. 
Und so war Tag um Tag verflossen. Und heute 
saß sie am Spätnachmittag wieder auf, ihrem Sofa 
und las in einem Buche und wußte doch nicht, was 
sie las. Noch konnte sie die Antwort verrücken. 
Aber sie hatte nicht mehr die Kraft dazu. Sie 
wird morgen noch hier sein und er wird die Hand 
auf sie legen. 
Sie überhört die Schritte auf der Treppe, die 
etzt heraufkommen, überhört, daß an die Thür 
ihrer Wirtin geklopft wird und deren Stimme, in 
welche sich eine männliche mischt. Aber jetzt, als 
an ihre Thür geklopft wird und Frau Hedwig ihr 
altes, verrunzeltes Gesicht hindurchsteckt, schnellt sie 
und fährt mit beiden Händen ordnend über ihr 
aar. 
„Fräuleinchen, da draußen ist 'n Herr, der Sie 
sprechen möchte.“ 
Sie erzittert. „Schon heut?“ entfährt es ihr 
ang. 
Die Alte achtet nicht darauf und lächelt listig: 
„Nich wahr, ich soll ihn 'reinlassen? — Na, denn 
ommen Sie man,“ ruft sie über die Schulter hin— 
veg in das Nebenzimmer hinein, und ein wuchtiger 
Tritt kommt über die Schwelle und die Thür wird 
zugezogen. 
Ellen Wiborg hat sich abgewendet. Sie hat 
beide Hände auf die hochwogende Brust gepreßt. Er 
ist dal Und mit einmal sieht sie klar: sie wünscht 
tausend Meilen zwischen ihm und ihr. Aber es 
giebt kein Zurück mehr. Wenn sie seine Augen 
—— sich fühlt, wird sie es wissen. 
„Ellen! 
Das führt ihr wie ein elektrischer Schlag durch 
die Glieder. 
Wer rief da — — diese Stimme — — — 
Sie wendet sich jäh um und starrt mit flackern⸗ 
den Augen auf den Mann. Nicht Rolf Mengers 
ist es, sondern ein andrer, ein breitschultiger, blond⸗ 
bärtiger Mann, mit einem guten, treuen Gesicht, 
mit Augen, aus denen eine Welt von Liebe ihr ent⸗ 
zegenstrahlt. Wie vom Blitz getroffen sinkt sie an 
hin nieder und preßt aufschluchzend ihr Gesicht an 
seine Hände: 
„Paul, ach Paul, wie gut, daß du da bist!“ 
Er zieht sie zu sich auf, an seine von innerer 
Bewegung durchwallte Brust. „Mein armer Lieb— 
ling! Du hast gerufen und ich bin gekommen!“ 
Da sieht sie zu ihm auf: „Ich habe gerufen?“ 
„Nicht mit dem, was du agt hast, sondern mit 
dem, was du verschwiegen hast. Aber ich hab's doch 
herausgelesen. Und da bin ich mit deinem Briefe 
bor die Mutter getreten und habe gesagt: „Mutter, 
zu Ostern hast, du entweder eine Tochter ader den 
Zohn auch nicht mehr.“ So schroff ist's dvielleicht 
nicht gewesen, aber die alte Dame muß doch ge— 
ehen — daß es mir ernst war und so haͤt sie 
denn Ja und Amen gesagt. Und nun bin ich hier 
und nehme dich mit, um dich nie mehr zu lassen. 
und morgen reisen wir!“ 
„Heut abend noch,“ bat sie angstvoll und 
schmiegte sich eng an ihn. 
Da lachte er fröhlich: „Heut abend also. Das 
soll ein fröhliches Ostern geben!“ 9*7 
„Du Guter, Treuer!“ war alles, was sie sagte. 
Von draußen her klangen hallende Glocken 
töne in das Fe hinein: es waren die Glocken, 
die das Osterfest einläuteten!“ 
Tage kommen, dann reisen wir, wohin du willst, 
berall dahin, wo die Welt schön ist, und das Glück 
und die Liebe sollen bei uns sein, überall, wohin 
wir gehen!“ 
„And dann?“ fragte sie, wie aus einem Traum 
erwachend. 
„Und dann?“ wiederholte er und eine tiefe Falte 
fing sich in feinen buschigen Augeubrauen, „was soll 
diese Fiage?, Was dann sein wird ... Ich will 
in allem offen sein: Heiraten werden wir uns 
uicht. Nicht deshalb, weil ich da irgendwo noch 
eine Frau habe, die meinen Namen trägt, die mir 
aber so freind und gleichgiltig ist, wie der Kiesel— 
dein hier — wäre sie auch tot, ich würde dich doch 
richt heiraten. Und nicht deshalb, weil du eine 
ZTchauspielerin, mir nicht gut genug zu meinem 
Weibe bist, im Gegenteil, du bist mir zu gut dafür 
Ich kenne mich, ich weiß, wie der Zwang alles in 
nir ertötet. Ich will dich besitzen in freier Wahl, 
deine Liebe gls ein Geschenk annehmen, wie du die 
meine; von Pflicht soll zwischen uns nicht die Rede 
sein. Nun entscheide dich!“ 
Site sah wieder vor sich hin, von tausend wider— 
prechenden Empfindungen durchwogt. Die Saite, 
die dieser Mann, mit rücksichtslosen Art zu 
verben, in ihr anklingen ließ, vibrierte stark, aber 
benso stark noch ihr, Mädchenstolz. Das andre 
Empfinden. Ein starkes 8467 drängte sie, sich 
hm ohne Besinnen in die Arme zu werfen, ein 
andres aber, kaum minder stark, peitschte ihren 
Stolz auf. 
Er , griff mit der Hand unter ihr Kinn und bog 
hren Kopf zurück, ihr tief in die Augen sehend. 
Du wehrst, dich umsonst gegen mich und — 
zegen dich selbst, Ellen. Ich weiß es, du liebst 
mich. Aber ich will heut noch keine Antwort; ich 
will nicht überreden. Frei soll dein Entschluß 
ein, wie der meine es ist. Ich lasse dir ein paar 
Tage Bedenkzeit. Mein Vater in Berlin wünscht 
mich zu sehen, ich reise noch heut. Am Oster⸗ 
—— ich wieder hier. Dann komme ich zu 
dir. Bist du noch da, dann ist das mir Antwort 
genug. Und ich weiß, du bist da!“ 
Er stand auf. 
„Nun wollen wir gehen. Getrennte Wege, da— 
mit die guten Freunde und getreuen Naͤchbarn 
nichts zu reden haben.“ Er zog ihre Hand an seine 
Lippen. „Adieu, mein Mädchen! Auf ein glück— 
liches Wiedersehen!“ 
Ostersonnabend! In allen Häusern der Stadt 
roch es nach Wasser und Seife und frischgebackenem 
Kuchen. Ueberall bereitete man sich auf das Fest 
vor, nicht zuletzt auch die Natur, die immer mebr 
grüne Farbe herausstreckte. 
Ellen Wiborg war noch immer da. Sie hatte 
in Paul geschrieben, daß eine leichte Erkrankung 
ie noch für ein paar Tage nach Beendigung ihres 
Engagements an die fremde Stadt gefesselt hielte 
Ind das war nicht einmal eine 8 gewesen 
Wenn nicht „körperlich“, so fühlte sie sich doch 
eelisch krank. Und ihr Körper war wie zerschlagen 
Zie fand des Nachts keinen Schlaf und sah am 
'age so übermüdet und bleich aus, daß Frau 
edwig in gutherziger Besorgtheit allen Ernstes der 
rzt kommen lassen wollte. Aber das haätte ihr 
Ellen ausgeredet. Sie, brauche nur ein paar Tagse 
Erholung, sie wäre in letzter Zeit zu viel be— 
8 gewesen, deshalb sei sie auch noch hier ge— 
ieben. 
War das nun die große Leidenschaft, von der 
damals der Alte gesprochen? Liebte sie Roli 
Mengers wirklich so, um deswegen alles fortzu⸗ 
werfen, was sie hisher heilig gehaltfen? Sie wußte 
o 
äbhste bewinnziehungen: 
nungen: 
1898 dJewinn-Merth 
Am 15. April: Niesbadener Auguste Victoria-Lotterie à Loos 1 Ik. -200,000 M 
„17. Nai: Stettiner Pferde-Lotteriie. à 1, 31862,000, 
» 25. „ LKönigsberger Pferde Lotteriee.. 1 *80600, 
„8. lIuni: Berliner Pferde-Lotierie à 3 53102.000, 
Onmr Heinmtae, Earnabegges rt. 
Berlin W. Unter den Läncden 8. 
A Counon und Briefmarken werden in Zahlung genommoͤn. —*.
	        
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