haben eine Bühnenfigur, ein Bübnengesicht und
Talent, viel Talent. Äber wie der veste Acker keine
Früchte bringt, wenn der Regen gausbteibt, so bleibt
auch das beste Ihres Talents in Ihuen stecken, wenn
nicht mal eine Leidenschaft über Sie kommi, eine
Leidenschaft, die alles aufrührt, was sich da drinnen
derbirgt. So eine Leidenschaäft, an der Sie vielleicht
zu Grunde gehen. Aber wenn Sie diese Leidenschaft
überdauern, vielleicht mit erstorbenem Herzen, dann,
Wiborg, glanben Sie mir altem Manne, dann hat
die Weit vielleicht ein anständiges Mädchen weniger,
aber eine große Künstlerin mehr!“
Das alles kommt ihr jetzt in den Sinn, wie sie
da vor sich hin in das Licht der Lampe starrt. Sie
ist so müde, so müde. Sie steht an einem Scheide—
wege, sie fühlt es. Sie mag nicht mehr denken, sie
will sich fatalistisch dem Schicksal anvertrauen, gleich—
diel, wohin es sie treibt.
Sie steht langsam auf. Das Flämmchen unter
dem Theekessel ist erloschen, der singende, trauliche
Ton durchzieht nicht mehr das Gemuüch.
Sie geht an das Fenster und öffnet es. Die
laue Nachtluft flutet zu ihr herein, und fröstelnd
zieht sie den Schlafrock über der vollen Brust zu—
sammen.
Nachtstill ist es und nachtdunkel. Die Lichter
der Straße funkeln zu ihr herauf. Und hin und
wieder ein hallender Schritt. Palmsonntagsfrieden.
Der Frühling geht über die Erde, und sie meint
sein Wehen zu verspüren.
Lange steht sie so, lange, die Stirn mit dem
braunen, gekrausten Haar an das Fensterkreuz gelegt.
Was wird mit ihr um Ostern sein?
Die alte Bastei. Einst, als die Stadt noch
Festung war, ein gar trutziger Wall, heut eine breite,
wohlgepflegte Promenade mit Bäumen, Ziersträuchern
und Ruhebänken. Rechts die Stadt mit ihren
Fabrikschornsteinen und Kirchturmspitzen, links der
große, mit dünner Grasnarbe bedeckte Exerzierplatz
und darüber hinaus in weitem Bogen das gewellte,
freie Land. Die Felder ergrünend in jungem Früh—
lingsgrün, ebenso auch die Sträucher auf der Baftei,
die Bäume bedeckt mit schwellenden, braunen und
mattgrünen Knospen. Ueber dem allen vom blauen
Himmiel herab die Sonne.
Auf einer Bank da oben Ellen Wiborg und neben
ihr Rolf Mengers, in Uniform und Mütze. Er
hatte sie chevaleresk begrüßt und ihr für ihr Kommen
gedankt und dann nach einer kleinen Pause unver—
mittelt herausgefragt:
„Was soll nun werden?“
„Ich weiß es nicht,“ hatte sie müde geantwortet.
„Aber ich weiß es,“ stieß er hervor, und in seinen
Augen e es auf. „Unsre Freundschaft — pah!
n ann und Weib giebt es keine Freund—
isoe wenigstens nicht zwischen einem Manne wie
ich und einem Weibe wie Sie. Da giebt es nur
ein Ganzes oder nichts. Und ich liebe Sie, Ellen!“
Sie senkte den Kopf und bohrte die metallene
Spitze ihres Sonnenschirmes in den weichen Sand.
„Ja, ich liebe Sie, Ellen. Unbändig! Ich hätte
nicht geglaubt, daß ich das noch einmal einem Weibe
sagen würde. Aber das ist nun so über mich ge—
kommen, so zum Verrücktwerden über mich ge—
fkommen!“
ꝛest Er umklammerte den Säbelkorb in seinen Händen
fester.
„Und ich komme nun nicht mehr los davon. Ich
bin reich, da hiuten,“ — er nickte hinüber in die
Weite — „in Mühlheim, da weiß ich eine Villa,
fix und, fertig zum Einziehen eingerichtet, da wollen
wir unfrer Liebe leben. Die Weit soll nichts wissen
von dir. als nur ich allein. Und wenn die heißen
Berliner Zllustrirle Zeitung.
Nr. 15.
es immer, nmoch nicht. Aber sie stand in seinem
Zanne. Ein Neues sollte mit ihr werden, ein
Neues, wenn sie sich auch nicht klar darüber war,
oh es nicht vielleicht schlechter war, als das Alte.
Aber so weiter trotien auf der ausgetretenen Straße,
und uübers Jahr wiederum auf derselben Stelle
stehen, wie heute, davor graute ihr.
Und so war Tag um Tag verflossen. Und heute
saß sie am Spätnachmittag wieder auf, ihrem Sofa
und las in einem Buche und wußte doch nicht, was
sie las. Noch konnte sie die Antwort verrücken.
Aber sie hatte nicht mehr die Kraft dazu. Sie
wird morgen noch hier sein und er wird die Hand
auf sie legen.
Sie überhört die Schritte auf der Treppe, die
etzt heraufkommen, überhört, daß an die Thür
ihrer Wirtin geklopft wird und deren Stimme, in
welche sich eine männliche mischt. Aber jetzt, als
an ihre Thür geklopft wird und Frau Hedwig ihr
altes, verrunzeltes Gesicht hindurchsteckt, schnellt sie
und fährt mit beiden Händen ordnend über ihr
aar.
„Fräuleinchen, da draußen ist 'n Herr, der Sie
sprechen möchte.“
Sie erzittert. „Schon heut?“ entfährt es ihr
ang.
Die Alte achtet nicht darauf und lächelt listig:
„Nich wahr, ich soll ihn 'reinlassen? — Na, denn
ommen Sie man,“ ruft sie über die Schulter hin—
veg in das Nebenzimmer hinein, und ein wuchtiger
Tritt kommt über die Schwelle und die Thür wird
zugezogen.
Ellen Wiborg hat sich abgewendet. Sie hat
beide Hände auf die hochwogende Brust gepreßt. Er
ist dal Und mit einmal sieht sie klar: sie wünscht
tausend Meilen zwischen ihm und ihr. Aber es
giebt kein Zurück mehr. Wenn sie seine Augen
—— sich fühlt, wird sie es wissen.
„Ellen!
Das führt ihr wie ein elektrischer Schlag durch
die Glieder.
Wer rief da — — diese Stimme — — —
Sie wendet sich jäh um und starrt mit flackern⸗
den Augen auf den Mann. Nicht Rolf Mengers
ist es, sondern ein andrer, ein breitschultiger, blond⸗
bärtiger Mann, mit einem guten, treuen Gesicht,
mit Augen, aus denen eine Welt von Liebe ihr ent⸗
zegenstrahlt. Wie vom Blitz getroffen sinkt sie an
hin nieder und preßt aufschluchzend ihr Gesicht an
seine Hände:
„Paul, ach Paul, wie gut, daß du da bist!“
Er zieht sie zu sich auf, an seine von innerer
Bewegung durchwallte Brust. „Mein armer Lieb—
ling! Du hast gerufen und ich bin gekommen!“
Da sieht sie zu ihm auf: „Ich habe gerufen?“
„Nicht mit dem, was du agt hast, sondern mit
dem, was du verschwiegen hast. Aber ich hab's doch
herausgelesen. Und da bin ich mit deinem Briefe
bor die Mutter getreten und habe gesagt: „Mutter,
zu Ostern hast, du entweder eine Tochter ader den
Zohn auch nicht mehr.“ So schroff ist's dvielleicht
nicht gewesen, aber die alte Dame muß doch ge—
ehen — daß es mir ernst war und so haͤt sie
denn Ja und Amen gesagt. Und nun bin ich hier
und nehme dich mit, um dich nie mehr zu lassen.
und morgen reisen wir!“
„Heut abend noch,“ bat sie angstvoll und
schmiegte sich eng an ihn.
Da lachte er fröhlich: „Heut abend also. Das
soll ein fröhliches Ostern geben!“ 9*7
„Du Guter, Treuer!“ war alles, was sie sagte.
Von draußen her klangen hallende Glocken
töne in das Fe hinein: es waren die Glocken,
die das Osterfest einläuteten!“
Tage kommen, dann reisen wir, wohin du willst,
berall dahin, wo die Welt schön ist, und das Glück
und die Liebe sollen bei uns sein, überall, wohin
wir gehen!“
„And dann?“ fragte sie, wie aus einem Traum
erwachend.
„Und dann?“ wiederholte er und eine tiefe Falte
fing sich in feinen buschigen Augeubrauen, „was soll
diese Fiage?, Was dann sein wird ... Ich will
in allem offen sein: Heiraten werden wir uns
uicht. Nicht deshalb, weil ich da irgendwo noch
eine Frau habe, die meinen Namen trägt, die mir
aber so freind und gleichgiltig ist, wie der Kiesel—
dein hier — wäre sie auch tot, ich würde dich doch
richt heiraten. Und nicht deshalb, weil du eine
ZTchauspielerin, mir nicht gut genug zu meinem
Weibe bist, im Gegenteil, du bist mir zu gut dafür
Ich kenne mich, ich weiß, wie der Zwang alles in
nir ertötet. Ich will dich besitzen in freier Wahl,
deine Liebe gls ein Geschenk annehmen, wie du die
meine; von Pflicht soll zwischen uns nicht die Rede
sein. Nun entscheide dich!“
Site sah wieder vor sich hin, von tausend wider—
prechenden Empfindungen durchwogt. Die Saite,
die dieser Mann, mit rücksichtslosen Art zu
verben, in ihr anklingen ließ, vibrierte stark, aber
benso stark noch ihr, Mädchenstolz. Das andre
Empfinden. Ein starkes 8467 drängte sie, sich
hm ohne Besinnen in die Arme zu werfen, ein
andres aber, kaum minder stark, peitschte ihren
Stolz auf.
Er , griff mit der Hand unter ihr Kinn und bog
hren Kopf zurück, ihr tief in die Augen sehend.
Du wehrst, dich umsonst gegen mich und —
zegen dich selbst, Ellen. Ich weiß es, du liebst
mich. Aber ich will heut noch keine Antwort; ich
will nicht überreden. Frei soll dein Entschluß
ein, wie der meine es ist. Ich lasse dir ein paar
Tage Bedenkzeit. Mein Vater in Berlin wünscht
mich zu sehen, ich reise noch heut. Am Oster⸗
—— ich wieder hier. Dann komme ich zu
dir. Bist du noch da, dann ist das mir Antwort
genug. Und ich weiß, du bist da!“
Er stand auf.
„Nun wollen wir gehen. Getrennte Wege, da—
mit die guten Freunde und getreuen Naͤchbarn
nichts zu reden haben.“ Er zog ihre Hand an seine
Lippen. „Adieu, mein Mädchen! Auf ein glück—
liches Wiedersehen!“
Ostersonnabend! In allen Häusern der Stadt
roch es nach Wasser und Seife und frischgebackenem
Kuchen. Ueberall bereitete man sich auf das Fest
vor, nicht zuletzt auch die Natur, die immer mebr
grüne Farbe herausstreckte.
Ellen Wiborg war noch immer da. Sie hatte
in Paul geschrieben, daß eine leichte Erkrankung
ie noch für ein paar Tage nach Beendigung ihres
Engagements an die fremde Stadt gefesselt hielte
Ind das war nicht einmal eine 8 gewesen
Wenn nicht „körperlich“, so fühlte sie sich doch
eelisch krank. Und ihr Körper war wie zerschlagen
Zie fand des Nachts keinen Schlaf und sah am
'age so übermüdet und bleich aus, daß Frau
edwig in gutherziger Besorgtheit allen Ernstes der
rzt kommen lassen wollte. Aber das haätte ihr
Ellen ausgeredet. Sie, brauche nur ein paar Tagse
Erholung, sie wäre in letzter Zeit zu viel be—
8 gewesen, deshalb sei sie auch noch hier ge—
ieben.
War das nun die große Leidenschaft, von der
damals der Alte gesprochen? Liebte sie Roli
Mengers wirklich so, um deswegen alles fortzu⸗
werfen, was sie hisher heilig gehaltfen? Sie wußte
o
äbhste bewinnziehungen:
nungen:
1898 dJewinn-Merth
Am 15. April: Niesbadener Auguste Victoria-Lotterie à Loos 1 Ik. -200,000 M
„17. Nai: Stettiner Pferde-Lotteriie. à 1, 31862,000,
» 25. „ LKönigsberger Pferde Lotteriee.. 1 *80600,
„8. lIuni: Berliner Pferde-Lotierie à 3 53102.000,
Onmr Heinmtae, Earnabegges rt.
Berlin W. Unter den Läncden 8.
A Counon und Briefmarken werden in Zahlung genommoͤn. —*.