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Band Nr. 9

Volltext: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1898, VII. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

BPerliner Illustrirte Zeitung. 
— 
Mäuner — um sicher zu gehen. Doch sieht 
man auch wieder andere von diesen verstümmel⸗ 
en Geschöpfen ziemlich schnell eiuhertrippeln, 
aur daß sie dabei gleich Gänsen wackeln; manche 
tteigen sogar Trepp' auf, Trepp' ab, ohne 
Hülfe eines Stockes. Von dieser chinesischen „Ver⸗ 
schönerung“ sind nur die Möoͤdchen der ärmsten 
Klassen ausgenommien, in den vornehmen Familien 
rifft Alle dies Loos; in den geringeren nur ge⸗— 
wöhnlich die erstgeborene Tochter, und diese Quälerei 
zieht sich durch das ganze Leben hindurch.“ 
Weit mehr Sorgfott wird auf die Erziehung des 
Dnaben verwendet, ja— sie ist eine Hauptsache im 
hinesischen Familien!: ben. Bald beginnt die Unter⸗ 
—D0 Kindespflichten und den Anstands⸗ 
regeln. Obenan steht die Pflicht des Gehorsams 
und der Ehrerbietung gegen die Eltern, Vater sowohl 
As Mutter. So lange die Eltern leben, besitzt der 
Sohn kein Eigenthum, der Vater kann des Sohnes 
HZüler verkaufen oder verschenken, ohne daß diesem 
Finrede gestattet ist. Die Staatsbehörden sehen 
darauf, daß die Kindespflichten unweigerlich erfüllt 
werden, und verhängen Strafen gegen die Säumigen, 
heilen aber auch Belohnungen an solche aus, welche 
sie treu erfüllen; hervorragende Beispiele kindlicher 
Liebe werden sogar öffentlich bekannt gemacht. 
Die Höflichkeit gilt für die größte Zierde des 
Menschen; dieselbe geht aber bei den Chinesen so 
veit, die Verbengungen, Begrüßungen und Höflich⸗ 
eitsformeln sind so genau bestimmt, daß ein förnmi⸗ 
iches Studium derselben nöthig ist, um sie zur 
rechten Zeit anwenden zu können. 
Auf den Unterricht des Knaben legt der Chinese 
inen ungemein großen Werth. Der Sohn des 
irmsten Tagelöhners kann durch fleißiges Studiren 
ich zum Minister emporschwingen, während der 
Zohn eines hohen Staatsbeamten, der nichts ge— 
lernt, genöthigt sein kann, sein 
deben als Handwerker zu fristen. 
So früh als möglich wird daher 
—DDD 
zeben. Neben diesen Privat— 
ehrern, die im Durchschnitt 
20-30 Schüler anuehmen, giebt 
es selbst in den kleinsten Dörfern 
und Flecken von der Gemeinde 
interhaltene Volksschulen, so 
zaß für den ersten Unterricht der 
Kinder, selbst aus den ärmsten 
und niedrigsten Familien, in 
ausgiebiger Weise gesorgt wird. 
Die chinesische Sprache ist 
nächst der hebräischen wohl die 
ilteste auf Erden; sie zerfällt in 
eine Anzahl von Dialekten und 
Mundarten, sie ist einsilbig und 
in ihrem Bau überaus einfach 
und unvollkommen. Jedes Wort 
—DDDDD Betonung wohl an 
reißig bis fünfzig verschiedene Bedeutungen. Die 
zahl der Schriftzeichen, die ein Gebildeter kennen 
nuß, beträgt vielleicht 30 000, und das ganze Leben 
eicht kaum hin, dasienige in China zu lernen, was 
dr. 9. 
Pferdeschwemme bei einer chinesischen Rüstenstadt. 
Charakter; die Frau ist ihrem Manne zur Unterwürfig⸗ 
keit, Treue und Gehorsam verpflichtet, aber keineswegs 
ils rechtlose Sklavin, wie es bei manchen heidnischen 
Völkern des Abendlandes der Fall war, sondern in 
gesicherter und gesetzlich geschützter Stellung. Bleibt 
Zer Kindersegen aus, so darf der Mann Neben— 
frauen nehmen, die jedoch der 
eigentlichen Frau untergeordnet 
cind. 
Wenn das Mädchen heran— 
wächst, so wird nur geringe 
Sorgfalt auf seine geistige Aus⸗ 
bildung verwandt; es lernt 
höchstens lesen, schreiben und 
ein wenig singen. Eingesperrt 
in das innerste Gemach des 
Hauses wird es zu Hand⸗ 
arbeiten angehalten und muß 
Matratzen, Kleider und anderes 
in der Haushaltung Nöthige 
derfertigen lernen. 
Die Kleidung besteht bei 
Männern sowohl als bei den 
Frauen in unseren Schlafröcken 
ihnlichen Gewändern, unter den 
selben werden Beinkleider ge— 
tragen. Während der Mann 
seine Würde durch eine stattliche Beleibtheit 
an den Tag zu legen hat, soll die Frau 
als Zeichen der Schwäche und Geringfuůgigkeit 
so dünn und schmächtig wie möglich sein und 
hre Hinfälligkeit durch möglichst kleine Füßchen 
ekunden. Frau Ida Pfeiffer berichtet uns darüber 
n ihrer „Frauenfahrt um die Welt“ ungefähr 
Folgendes: 
Es gelang mir, solch' ein Füßchen in natura in 
lugenschein nehmen zu können; sein Anblick über— 
aschte mich im höchsten Grade. Die vier Zehen 
baren unter die Fußsohle gebogen, an dieselbe ge⸗ 
reßt und schienen mit ihr verwachsen. Nur die 
roße Zehe ließ man ungestört sich entwickeln. Das 
Fordere des Fußes war mit starken Bändern so zu⸗ 
ammengeschnürt, daß er statt in die Breite und Länge, 
u die Höhe ging; an der 
Stelle des Knöchels bildete 
sich daher ein dicker Klumpen, 
der sich eng an das Bein an⸗ 
schloß. Der Untertheil hatte 
kaum eine Länge von 10 
bis 13 em und eine Breite 
von . 455 em. Der Fuf 
wird stets in weißes Leinen 
oder in Seide gewickelt, mit 
starken, breiten Seiden 
zäundern umwunden und in 
niedliche Schuhe mit sehr 
hohen Absätzen gesteckt. Der 
Gang der Chinesinnen ist 
äußerst schwankend; man 
ann auf den Straßen oft 
ehen, wie die Frauen sich 
auf das Rohr ihrer Pfeife 
tützen, — denn sie rauchen 
Tabak, ebenso wie die 
Chinesische Zinrichtung. 
Lhinesisches Ochsengespann.
	        
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