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Volume Nr. 7, 14. Februar 1897

Full text: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1897, VI. Jahrgang, Nr. 3-52 (Public Domain)

Verliner Pllustrirte Seitung. 
— ————— 
ich empfahl und durch den bekannten Salon schritt, 
exmied er instinktiv nach dem Kinderbilde zu 
hauen, dem stets sein letzter Blick gegolten hatte. 
58 war ihm heut, als haͤtte er nicht das Recht 
zu, in die ernften Zuge zu schauen, dieses reine 
lutlitz zu begrüßen — Er gab sich selbst nicht 
gechenschaft von dem, was in ihm seit gestern vor— 
ing, er wollte sich nicht Rechenschaft geben, denn 
8 war nicht nur der Künstler in ihm, der heut 
mnen Blick in den Venusberg geworfen, es war 
ucht der Tannhaͤuser, sondern wirklich Erich Voll 
nar selbst, der in feinem Innern das unheilvolle 
Dir, Goͤttin der Liebe!“ in jauchzender Lust sang. 
Er glich dem Schiffer, der ohne Ruder und 
Steuer veuer und immer weiter, sich in's Meer 
reiben laͤßt, bis die Ufer um ihn her verschwinden, 
er die Klippen nicht fehen will, die dicht unter der 
piegelnden Fläche drohen, der nur, Eines hört, das 
sied der Loreleh. — Daheim, in seinen traulichen 
ier Wänden durchlebte er, auf der Chaiselongue 
ingestreckt, die Arme unter den Kopf, noch einmal 
en“für ihn so bedeutungsvollen Abend, und wirklich 
Jar es wieder das Bild der schönen Frau, das 
les Andere überstrahlte, das seine Lippen in 
eligem Halbschlummer lächeln ließ in wohligem, 
nunceunbaren, Eutzücken, in verbotener, aber, unbe— 
hreiblicher Wonne und stolzer ried gonse — 
Am Abend des nächsten Tages, punktlich um 
3 Uhr, gab Erich in der Odogalschi'schen Villa seine 
darle ab. Einige Augenblicke wartete er in der 
it koftbaren Deckengemälden und Gobelins ge— 
chmückten Vorhalle, und merkwürdig, bis an den 
Zals hinauf schlug ihm das Herz in fiebernder Er— 
vartung. 
Die Fürstin empfing ihn in dem kleinen, un— 
emein behaglich eingerichteten Familien⸗Speisezimmer 
llein. De Gatte war in einer dringlichen An— 
elegenheit am Morgen schon verreist und ließ seinen 
zaft um Eutschusdigung bitten. Ein heißes Gefühl 
inbeschreiblicher Beklemmung legte sich über Erich's 
Zrust, als er sich neben der schönen Frau an dem 
zraziss gedeckten Mitteltifch niederließ. Während 
es Essens plauderten Beide von landläufigen, ober⸗ 
süchlichen Dingen. Nicht mit einem Work, berührte 
lga die gesterige Theatervorstellung, aber über 
sem ganzen Gespräch lag von beiden Seiten etwas 
deer Mühseliges, und das Unfreie in 
-rich's Wesen wollte nicht weichen, ja wuchs von 
Noment zu Moment. Lautlos servirte der russische 
diener mit den gleichgiltig stumpfen, slavischen 
zügen wie ein seeleuloser Ausomat. 
Endlich erhob sich die Fürstin und sagte lächelnd, 
ndem sie ihrein Gaste die Hand hinstreckte: „Es ist 
vhnen wohl auch angenehm, wenn ich die Tafel 
ushebe, deun was ich Ihnen versprach, war ja eine 
jemüthliche Plauderstunde am Kamin!“ Sie schritt 
zuf das kleine Nehenzimmer zu, das in träumerischem 
ʒalbdunkel zum Plaudern einlud, und ließ hinter 
ich und Erich die schweren indischen Portioͤren zu— 
llen. Die Fürstin haßte blendendes Licht, das 
‚ewies wieder, wie vorgesitern, dieses kleine lauschige 
Boudoir, Ein kleiner Kamin von lichtgrünem, 
elten schönem und werthvollem Malachit nahm die 
Nitte der einen Seite ein, Vorhänge und Draperien 
ius leuchtend grünem, mit, Gold gestickten Peluche 
üllten Fenster, Thüren und, Wände ein, und, von 
hem saftigen Grunde hoben sich in hellen Fleischtönen 
Pen Gemälde, meist e eane Stoffe. Den 
oden bedeckten weiße, weiche Felle, und über die 
Chaiselongue vor dem Kamin breitete sich ein 
nächtiger Eisbär. Von der Decke herab hing an 
Nr. 7. 
ünner Kette eine blutrothe Ampel, wie in den 
uffischen Kirchen vor den Bildern der Heiligen, 
vahrend in der einen Ecke zwischen, grünen Topf- 
ewachsen und, Schlingpflanzen leise ein dünner 
wafferstrahl plätschernd aus einem kleinen Malachit⸗ 
ecken emporstieg. — Die Fürstin trat auf ein 
leines Tischchen zu, entzündete eine Cigarette, die 
ie, mit bezauberndem Laͤcheln Erich reichte, steckte 
ich felbst eine andere in Brand, uud streckte sich auf 
as Eisbärfell des Lagers, während sie Erich ein 
icht neben ihr stehendes Tabouret anbot. — Einen 
Augenblick blieben Beide stumm, Olga sah scheinbar 
edantenlos den bläulichen Ringeln der Cigarette 
iach, die langsam zur Decke emporstiegen, dann be— 
ann sie piößlich mit leiser Stimme, ohne Erich 
inzuschauen: 
Wiffen Sie auch, Herr Vollmar, daß ich gestern 
lbend, nachdem ich die Oper wohl zwanzig Mal 
ehört, r ersten Male empfunden habe, was der 
roße Meister sich gedacht, als er sie schrieb mit 
lammender Seele und heiliger ee Ich 
abe Linen unvergeßlichen Abend verlebt, und Sie sind 
in 3 ee Ich danke Ihnen!“ — Wieder 
eichte sie ihm die Hand, in die er die seinige legte, 
wber sie ließ sie nicht nach kurzer Berührung wieder los, 
vie sonst, sondern hielt sie fest in der ihrigen — 
Sie faßen dicht bei einander, fast Auge in Auge, 
or r auf dem chneei gen Fell lag der dunkle Kopf 
es berückend schönen Weibes, mit den weichen, 
zroßen Augen, die sich jetzt fest auf sein Gesicht hef⸗ 
kten, und Um sie her tiefes, träumendes Schweigen! 
ind sie begunn zu plaudern, harmlos, ununter⸗ 
hrochen mit der ihr eigenen Lebhaftigkeit. Sie sprach 
hon seiner Kunst, von seinen Studien, seiner Auf⸗ 
assung, sie iwere ihre eigene gee echte Schwär⸗ 
nerei jür Alles, was Kunst und Musik heißt, ihre 
Dankbarkeit für alles Wahre und Schöne, das auf 
iefein Gebiete sich ihr je geboten. Dabei hielt sie 
miner seine fiebernde Hand, und Erich fühlte, wie es 
bon ihr zu ihm herüberzog wie ein magischer Strom, 
wie ein geheimnißvolles Fluidum. 
(Fortsetzung folgt.) 
4 
entgegenstreckte. „Nund“ rief er Fedor entgegen, „sind 
Sie zufrieden?“ — 
„Konnen Sie fragen?“ antwortete ihm dieser. 
„Hat Ihnen der Beifall der Menge, das Entzücken 
bes Publikums nicht Jaut und braufend zugerufen, 
velche elettrisirende Wirkung Sie ausgeübt · 
„Ja,“ rief Erich, und helle, fast kindliche 
Freude leuchtete über sein ganzes Gesicht, „ich 
derde an diesen Abend denken, so lange ich lebe, 
und heut habe ich Ihre Landsleute von ganzem 
Herzen lieben gelernt. Das war Beifall, den man 
bei uns zu Lande nicht kennt, der den Künstler an— 
Pornen muß wie ein heiliges Feuer.“ 
„Mir schien es, als hätten Sie den ganzen 
Jubel überhört, wie Sie dastanden mit den ver⸗ 
Närten Augen, als existirte nur ein einziges Wesen 
für Sie in dem ganzen dichtgedrängten Hause,“ 
sagte Fedor, der direkt, auf sein Iuf losging. 
Erxrich errdthete leicht und antwortete in einem so 
ruhigen Tone, daß der Freund ihn ganz verblüfft 
mschaute Sie meinen die Fürstin? Gewiß, ich 
gebe zu, daß die Schönheit dieser wunderbaren Frau 
Anen ungeheuren Reiz auf mich ausübte, daß ich 
einen großen Theil der flammenden Begeisterung 
ihr verdauke. Aber das gilt, ehrlich gesagt, nur für 
den Kunftler, weniger fuür den Meuschen, Sie war 
fuͤr mich ein Phantom, ein überirdisches Wesen, das 
die Steule meiner Muse vertrat, aber nun ist der 
Raufch voruber, die phantastische Selbsttäuschung 
verflogen. Das, nüchtern-gesunde Leben umfängt 
mich Wwieder und mein Blut schlägt wieder seinen 
normalen Takt. Es ist etwas ganz Besonderes um 
das bischen Kunsthegeisterung, woher wir sie 
nehmen, it uns im Augenblick, wo wir sie brauchen, 
vollftändig gleichgültig, aber mit dem gewöhnlichen 
Civilmenschen ziehen wir auch unsere gewöhnlichen 
Alltagsansichten und Grundsaͤtze wieder an. Die 
Frau“ist verheirathet. — Und so etwas ist mir nun 
einmal heilig!“ 
Sie lieben sie also nicht?“ fragte Fedor ganz 
erstaͤunt. 
„Noch nicht, und Gott gebe, daß dieser Fall nie 
einttitt.Ich habe nie ein Weib gesehen, daß im— 
puͤlfiver und gewaltiger auf eine sinnlich veranlagte 
Ratur gewirtt hat, aber von diesen Gefühlen bis 
zur Liebe ist bei mir wenigstens noch ein unendlich 
weiter Weg. 
Hundertmal könnte ich wie heute auf der Bühne 
stehen und hundertmal würde, das unsagbare Etwas, 
das von ihr auf mich ausstrzmt, dieselbe Wirkung 
den, aber wie gesagt, das wurde nur für das künst⸗ 
lerische Empfinden dFelten, für die Welt der Selbst— 
aufchung, der ich Jensents der Rampen angehöre. 
Im Privatlehen bin ich vielleicht ein sehr harmloser 
Mensch mit sehr spießbürgerlichen Grundsätzen, die 
ganz. und gar nicht zu den Moralbegriffen der 
russischen Fraͤuen passen, die Sie mir geflern Abend 
childerten.“ 
adhad läßt dieses Weib Sie wirklich vollkommen 
a 4 
„Im Gegentheil! Ihre Nähe jagt mir das Blut 
örnmich durch die Adern, aber ich habe von früh 
an glücklicher Weise zwei gute Dinge dbe Mich 
selber zu beherrschen und fremdes Eigenthum zu 
respektiren!“ 
Fedor drückte die Hand seines Freundes und 
agte, indem er erleichtert aufathmete; „So will 
ss Aen nur von ganzem Herzen wünschen, daß es 
o bleibt!“ 
Als Erich a einer Stunde gemüthlichen 
Plauderns im Kreise der ihm so lieben Menschen 
—X 
Hrierkasten. 
— 
ESräaulein Margarethe Wolff, Berlin V. Sie 
schicken uns eine kleine Plauderei „Alltägliches“ 
ein und fügen eine Marke für eventuelle Rücksendung 
ꝛei. Aber, wenn Sie auch noch so reizend sind, 
vie foll Sie der Posthote unter den vielen Wölfen in 
Berlin ausfindig machen, sofern Sie uns ihre Adresse 
aicht verrathen? — Uebrigens brauchen Sie über 
aie kleine Vergeßlichkeit nicht zu errbthen, verehrtes 
Fräulein, denn daß Jemand in der Aufregung über 
die Absendung des ersten Manufkripts die wichtigste 
Angabe unterläßt, auch das ist für ein abgebrühtes 
RKedaktionsungeheuer etwas — „Alltägliches“. 
J. F. in U. Eine besondere Zeitschrift als ärztlicher Rath— 
geber für Laien, in der ausschließlich seitens der Abonnenten ge— 
tellte Anfragen über Krankheitsfälle beantwortet werden, ist uns 
icht bekannt. Einen umfangreichen medizinischen Briefkasten hat 
aAber auch die „Berliner Äbendpost“ (84 Pfg. für Februar 
und März), die wir Ihnen auch sonst zum Abonnement empfehlen. 
Ingenieur S., hier. Es freut uns, daß unser „Kleiner 
Anzeiger“ Ihren Beifall gefunden hat. Leider waren in der 
erften HRummer die Preise falsch eingesetzt, hoff ntlich setzen Sie 
Ihre freundlichen Bemühungen trotzdem fort. 
V. R. Für Räthsel zahlen wir keine Honorare, sind aber 
gern zur Nennung der Verfasser bereit. 
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7 Kleiner Anzei — 
s b d in di Rubrik E t d in di Rubrik 
cuserate gerch. WahinhZ Rupri einer nzeiger —ã— 
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entgeengenommen. füur Unterrichts-Institute, Pensionate eto. — 
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