Allerlei vom Tage.
3 ist im Leben häß—
ich eingerichtet, daß
ei dem ersten Ok—
ober gleich das
Miethezahlen steht.
Mit sorgender Seele
ieht der Familien⸗
hater diesem Tage
öntgegen, der für ihn
in „kritischer erster
Drdnung“ ist. Und
reudiger Art sind
zuch nicht immer
zie Gefühle, mit
denen die Haus—
virthe dem 1. Oktober entgegensehen, denn es giebt
gar manchen dieser vielbeneideten Spezies in Berlin,
dem von seinem Hause nicht viel mehr gehört, als
die Schulden, die darauf lasten. Und wenn wenig⸗—
tens noch Alles vermiethet ist. Aber so manche
Wohnung ist am 1. Oktober leer geworden, die
uuch noch nach dem 1. Oktober leer bleiben wird.
Ueberhaupt dieser Umzugstermin! Er schien
diesmal einen Record aufstellen zu wollen. Schon
n den letzten Tagen des September sah man die
gelben und grünen Ungethüme, Möbelwagen ge—
aannt, auf den Straßen, bis dann am 1. Oktober
die Hochfluth kam und selbst der Wagen des klein—
zehauensten Holze und Kohlenhändlers begehrt
wurde. In der That, dieser Oktoberumzug wies
zgewaltige Dimensionen auf. Halb Berlin schien im
Imzuge begriffen zu sein und wenn die letzte
Fuhre“ abgeladen und Alles wieder eingepfählt
st in der neuen Wohnung, dann wird abermals
eine bedeutsame Verschiebung in der Vertheilung der
Berliner Bevölkerung zu konstatiren sein: eine Ab—
aahme in der inneren Stadt und ein Anschwellen
in den Außenbezirken, ein Prozeß, der seit einigen
Jahren sich vollzieht und noch immer im Steigen
begriffen ist.
Dadurch erwachsen der Stadtverwaltung mannig⸗
ache Schwierigkeiten. So sind die älteren städti—
schen Schulen durchaus nicht mehr wie früher
frequentirt, während in den Außenbezirken sich un—
aufhörlich das Bedürfniß nach neuen Schulen rege
nacht und die vorhandenen überfüllt sind. Dasselbe
zilt auch für die höheren staatlichen Schulen. Im
Zusammenhang mit diesen Erscheinungen bleibt
auch die Schaffung neuer, resp. der Ausbau der
bestehenden, Verkehrsmittel immer aktuell. Die
'nnere Stadt wächst sich immer mehr zum Ge—
chäftscentrum aus und in wenigen Jahrzehnten schon
verden wir auch in Berlin eine City haben, die in
hrem Wesen der von London entspricht.
Und so erklärt es sich, daß die Stadt immer
veitere steinerne Kreise zieht, daß allsommerlich an
der Peripherie neue Straßenzüge entstehen, ohne daß
die Bevölkerungszunahme dem sichtbar entspricht.
Dazu kommt, daß mit jedem Umzugstermin ein
heträchtlicher Prozentsatz der Berliner Bevölkerung
'n die Vororte abfließt, welche freilich dadurch
mmer mehr ihren ländlichen Vorortcharakter auf—
jeben. Uniforme Miethskasernen hier und dort —
venn dereinst die Eingemeindung in Berlin beschlossen
verden wird, wird sie faktisch schon längst voll—
Zzogen sein.
*
Der Liebesroman des „Erzherzogs Franz Ferdi⸗
nand von Oesterreich-Este“ ist zu einem plumpen
Schwindel, den ein unreifer Gernegroß in Scene
zesetzt hat, zusammen gesunken. Und der Schwindel
wäre sofort als solcher erkannt worden, wenn die
Familie Husmann nicht bis in letzter Stunde dabei
heharrt wäre: die Beweise dafür in Händen zu
haben, daß der mysteriöse Entführer der Marie Hus—
nann in der That der österreichische Thronfolger sei
and erst dann, als nach dem Briefe des Mädchens
in die Aachener Presse und den Staatsanwalt, daß
ihr Mann“ weder der Erzherzog Franz Ferdinand,
Berliner Illustrirle Deitung.
ioch ein anderer „Großer“, sondern nur ein
lieber, lieber Kerl“ sei, das Märchen nicht länger
ufrecht zu halten war, das Bekenntniß ablegte, daß
iese „Beweise“ nur in der durch die Umstände her—
eleiteten gewissen Ueberzeugung von der Identität
es Geliebten der Marie mit dem Erzherzog be—
anden hätte. Und man darf glauben, daß die
amilie Husmann sich nicht bewußt zu Mithelfern
nes Schwindlers hergegeben, sondern nur Opfer
rer phänomenalen Leichtgläubigkeit geworden ist.
zie hat den Schaden davon und braucht nun um
en Spott nicht zu sorgen. Was dieser Leicht⸗
läubigkeit ein besonderes Relief giebt, daß ist der
mstand, daß wir es in der Familie Husmann nicht
nit sogenannten „kleinen Leuten“ zu thun haben,
ondern mit Angehörigen einer höheren Gesellschafts⸗
hicht, wo ein entsprechender Bildungsgrad ein
olches Maß von Leichtgläubigkeit nicht aufkommen
issen sollte. Und man wäre versucht, zu sagen:
as könne eben nur noch in der „Provinz“ vor—
Immen, wo auch Bildung nicht immer mit Welt—
lugheit gepaart ist, wenn nicht zu rechter Zeit an
ne famose „Erzherzogin Katharina von Este“ er⸗
mert worden wäre, welche hier in Berlin, in der
Stadt der Intelligenz', auf den Gimpelfang ge—
angen war und eine ganze Menge auch durchaus
icht „kleiner“ Leute gefunden hatte, die ihr das
Närchen willig glaubten.
Der falsche Erzherzog hat sich als ein gewisser
mil Behrend, als der Sohn eines in den Krupp'
hen Werken Angestellten, entpuppt, als ein junger
Nann in der Mitte der zwanziger Jahre, der vor
er Sucht durchdrungen war, „eine Rolle zu spielen“
zr hatte Marie Husmann in Essen kenuen gelernt
nd sie sich in ihn verliebt, da aber keine Aussicht
orhanden war, daß die Familie Marie's bei seinen
nsicheren Existenzverhältnissen ihre Einwilligung
ar Verheirathung geben würde, erfand er den
Roman“, der für einige Zeit den österreichischen
hronfolger bei aller Welt in den Verdacht gebracht
atte, auch seinerseits das in seinem Hause durch—
zus nicht gar so ungewöhnliche Thema: „Bürgerlich
ind Romantisch“ neu variirt zu haben. Nun „sitzt“
r vorläufig in Lüttich; für die weitere Entwickelung
des Romans wird der Staatsanwalt sorgen.
4
Ein anderer Liebesroman, dessen Milien im
Zoden der Großstadt wurzelte, fand am Sonnabend
or dem Geschworenengerichte im Justizpalaste in
Noabit seinen Abschluß. Ein Roman, wie ihn das
ingste Deutschland so oft geschrieben zur Glorifizirung
er „freien Liebe“. Auch Marie Gerdes, die kleine
Wordes, war eine Anhängerin dieser Theorie, nur
Marie Gerdes.
Nr. 40.
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eider so unvorsichtig, sie in die Praxis umzusetzen.
Als sie aus der Provinz in die große Stadt kam,
nag sie mit der ganzen Glücksgläubigkeit ihrer
ungen Jahre nach dem Großen ausgeschaut haben,
»as die Weltstadt just für sie aufgespart hatte. Sie
jerieth in die litterarischen Kreise der „Jungen“,
ie damals, vor einem Jahrzehnt, die Welt und die
uitteratur aus den Angeln zu heben gedachten, ganz
ollgesogen von Nietzsche'scher Weltanschauung. Gar
nanch' einer dieser „Jungen“ ist heut ein gesetzter
zerr geworden, auch wohl jener Schriftsteller, der
etzt als ehrbarer Staatsbürger und Ehegatte in
München lebte, mit dem Marie Gerdes einst der „freien
riebe“ huldigte, und den sie zum Vater eines Kindes
nachte. Dann trennte man sich schiedlich, friedlich.
Ind in ihr Leben trat jener mit litterarischen Neigungen.
Robert Reibenstein
iber eben nicht mit vielem Geist behaftete Jünger
Merkurs, Reibenstein — der Effekt war derselbe:
in Kind. Aber sie mochte wohl inzwischen ein⸗—
jesehen haben, daß es mit der freien Liebe ebenso
st, wie mit so manchen anderen Theorien: sie sind
iur möglich, wenn die Vorbedingungen andere sind,
ils die heutige Gesellschaft sie bietet. Das Weib
sat den Schaden davon, der Mann niemals. Und
o wollte sie denn geheirathet werden, nachdem sie
hre Illusionen zu Grabe getragen, und Reibenstein
at es ihr wohl auch versprochen, wie man eben so
twas verspricht. In Verfolg dieses Versprechens
erlobte er sich denn auch mit einer anderen Dame.
da kauft sich Marie Gerdes einen Revolver und
—
ie ihn tödten oder nur einschüchtern wollte — genug,
ie Waffe geht los, unaufgeklärt, ob beabsichtigt oder
zurch die Hiebe des jungen Reibenstein. Denn der
at sich seines Seitengewehres erinnert und des alten
nilitärischen Grundsatzes, daß der Hieb die beste
deckung ist. Er geht unangefochten aus diesem
Duell“ hervor, aber Marie Gerdes ist mehrfach
erwundet und wird in ein Krankenhaus gebracht,
as sie nach ihrer Genesung mit dem Untersuchungs⸗
zefängniß vertauschte.
Und naem stand sie am Sonnabend vor den Ge—
chworenen. Gebrochen an Leib und Seele, ihre ganze
Erscheinung ein zu Herzen gehendes Plaidoyer zu
hren Gunsten. Ein Opfer der freien Liebe, die das
Weib so unfrei macht. Und vor ihr der Vater ihres
Dindes: jung, robust, in der schmucken Gardisten⸗
aniform mit den schwarz-⸗weißen Schnüren. Ihm hat
der Roman keinen Schaden zugefügt. Aber es muß
zu seiner Ehre gesagt werden, daß er sich bemühte,
eine belastenden Aussagen abzuschwächen.
Der Staatsanwalt und noch mehr die
Bertheidiger gingen arg mit ihm in's
Gericht, eine, soweit es den ersteren an⸗
belangt, ungewöhnliche Erscheinung an
deutschen Gerichtshöfen. Man konnte von vorn⸗
herein nicht im Zweifel darüber sein, wie ein franzö—
ischer Gerichtshof eine Marie Gerdes aburtheilen
vürde, aber deutschen Geschworenen steht das Gesetz
vher, wie das Gefühl. Daß sie doch zur Verneinung
er Schuldfrage kommen konnten, beweist ihre Ueber—