Nr. 23.
Berliner Zllustrirte Zeiltung.
ie
Ethternacher „pringprozession.
GNas 19. Jahrhundert ist, wie
kaum ein anderes zuvor in der
0 Kultur⸗ und Weltgeschichte,
esonders reich an epochemachenden
Großthaten des menschlichen Geistes,
ind das durchschnittliche Niveau der
Bildung der einzelnen Völker ist ein
weitaus höheres gegen 100 Jahre zuvor
zeworden. Umsomehr aber sind, wir
rstaunt, wenn wir, namentlich in
religiöser Beziehung, da und dort
noch auf Gebräuche stoßen, die von
Irrwahn und Aberglauben nicht weit
itfernt sind und mit wirklicher
Religiosität schlechterdings nichts mehr
u thun haben. Sowenig die fort—
schreitende Erkenntniß der Natur-—
kräfte, die Verallgemeinerung der Er—
zebnisse wissenschaftlicher Forschungen
und wirklicher Bildung unvereinbar
sind mit der Religion, ümsomehr sind
es diese Ueberbleibsel längst verschollener
Zeiten, an welche sich, weite Volks—
eise noch immer mit einer nur durch
die geheimnißvolle, fortwirkende Kraft
der“ Tradition erklärbaren Hart—
aäckigkeit anklammern.
Der seltsamsten Erscheinungen eine
ist nun die alljährlich am Pfingst-
dienstag stattfindende Springprozession
in Echternach, welche sich seit langem
einer rn Berühmtheit erfreut.
Man hat Grund zu der Aunahme,
daß die katholische Geistlichkeit keine
Fördexin dieser sonderbaren Sitte ist;
aber sie duldet sie und betheiligt sich
auch dabei, da alle Maßregeln dagegen
hisher an dem Widerstande des Volkes
gescheitert sind.
Echternach, an der Sauer, in
einem lieblichen Seitenthälchen des
zewundenen, weinfrohen Moselthales
Jelegen, an der Scheide von Eisling
uünd Eifel, besitzt eine urakte Basilika,
die sammt der Abtei-anno 698 vom
Friesenapostel Willibrord, Bischof von
Utrecht Et 739), gegründet wurde, der
auch im Kloster, daselbst fein Leben
Feschloß und in der Basilika beerdigt
iegt. Schon frühzeitig war sein
Grab eine berühmte Wallfahrtsstätte,
Vaschungen am Willibrordsbrunnen
zei der Kirche schützten vor Krank
jeiten, Gebete bewahrten auch das
Vieh vor Seuchen und Pest. Als
dann im Jahre 1374, wie die Chroniken
erichten, in den Ländern an dem
Rheine und an der Mosel der berüchtigte
BPeitstanz (chorea Sancti Viti) einer
ẽpidemie gleich die Menschen. und
Thiere befiel, war Sankt Willibrord
nach der Legende der Helfer in der
Noth, wenn die Menschen, dem Uebel
zum“ Trotze, springend zu seinem
Grabe pilgerten. So entstand die
Echternacher, Springprozession, so
rhielt sie sich durch die Jahrhunderte
his auf den heutigen Tag als kirch—
licher Gebrauch im Volke. Kurfürst—
Erzbischof Clemens Wenzeslaus von
Trier hob sie 1777 auf und ver—
vandelte sie in einen bloßen Bitt⸗
gang; Kaiser Joseph II. beseitigte
1783 auch diesen. Aber unter Napoleon
wurde 1802 der ursprungliche Gebrauch
wieder hergestellt und nachher, auch
Wehden Preußen ihn auf seinem
Gebiete (1819) untersagt, auf luxem⸗
burgi hem dennoch beibehalten.
ausende von Wallfahrern aus
den angrenzenden Gauen führt die
Bahn heran und mit Musik und
siegenden Fahnen geht es dann im Zuge in das
Staͤdtcher hinein, das nur mit wenigen Häusern
Freußisch, im Uebrigen aber luxemburgisch ist. An
Anem alten Steinkreuz ist ein Altar exrichtet, bis
wohin der Bischof von Trier die Prozession begleitet
und wo er von dem Bischof von Luxemburg begrüßt
wird. Am Bahnhof lungern eine Menge Kinder
und halbwüchsfige Burschen, die hauptsaͤchlich die
alteren, behäbigen Leute gaufs Korn nehmen und sich
ihnen gegen ein kleines Entgeld als Ersatzmann für
das Springen anbieten. Ein Böllerschuß verkündet
den Beginn der eigentlichen Prozession, An der
Spitze der Bischof, dann die Kug und dann die
aeten in Reihen zu fünfen und mehr geordnet,
mit Vorfpringer und Musikanten. Nach den Rparen
zer Melodie „Adam haätte sieben Söbhne. sieben
Am Babnhof.
Ein Krüppel.
Musikanten. *
Die Prozession in der Stadt. ——
Typen aus der Prozession. Ein Limonadeverkäufer.
Nach der Natur gezeichnet von E. Zirkel.
Geistliche.
Zöhn' hatt' Adam,“ springt nun Alles, die Alten
ind Juugen, Männer, Weiber und Kinder, Gesunde
ind Lahme, drei Schritte vorwärts, zwei zurück.
die Prozession bewegt, sich in dieser Weise von
Uhr Morgens bis TuUhr Mittags r die engen
hasfen des Städtchens. Es gilt, ohne Erschöpfung
is hinein in die Basilika des hl. Willibrord, die
Zteintreppen hinauf, um den Altar, auf dem die
deliquien des Heiligen ausgestellt sind, alsdann
vieder hinaus und noch einmal um ein altes Stein⸗
reuz zu tanzen, womit das Schauspiel sein Ende
indet. Am Marktplatz bewegt sich die Prozession
twas langsamer, weil dort, die meisten Limonade—
serkäufer anwesend sind. Einen beklagenswerthen
Inblick bieten die Krüppel, die mit Anspannung
Ner Kräfte sich an dieser seltsamsten aller Prozessionen
etheiligen. Aber auch die Gesunden haben, zumal
ei breñnender Sonnengluth, viel auszustehen; viele
inden sich soggr mit Tüchern anxinander fest, um
n Reih' und, Glied zu bleiben. Nur der alle diese
eule beseelende Fanatismus macht diese physischen
draftleistungen, denn als solche sind sie anzusehen,
rklärbar; Hohn und Fe ist ihnen, gegenüber
deniger angebracht als Mitleid. Sie sind eben von der
Hottwohlgefälligkeit ihres Unternehmens überzeugt.
Der Nachmittag bringt dann den materiellen
'ohn für alle Strapazen; ein Volksfest entwickelt
ich, bei dem die Gastwirthe von Echternach wahrlich
zicht das schlechteste Geschäft machen; sie würden
ich auch wohl jedenfalls am ehesten gegen ein Ver—⸗
oi der Prozession sträuben.