Path:
Volume Nummer 51

Full text: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1895, IV. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

10 
unges Mädchen ihres Standes schicklich war. Im 
Winter führte ich sie ins Schauspiel und auf die 
Reunions der Harmonie und Ressource, im Sommer 
machten wir weite Spaziergänge vor die Thore, die 
allemal in einer reputierlichen Tabagie endigten; von 
den jungen Leuten unserer Bekanntschaft schätzte sie 
wohl den als einen guten Tänzer, jenen als einen 
nunteren Plauderer; aber keiner gefiel ihr mehr als 
alle underen. 
Wenn aber um die Weihnachtszeit die Buden 
zuf dem Neuen Markt und dem Schloßplatz auf— 
gebaut waren, dann war es ihr größtes Vergnügen, 
in meinem Arm die Budenreihen zu, durchwandern 
und sich an dem bunten Leben dortselbst zu ergötzen. 
Als echte Berlinerin hatte sie ihre besondere Frende 
an den Ausrufen der großen und kleinen fliegenden 
Händler. Und nie habe ich sie herzlicher lachen 
hören, wie an jenem Abend vor nun acht Jahren auf 
dem Weihnachtsmarkt, als ihr ein dreister Alter 
einen Kasperle vor der Nase auf- und niedertanzen 
ließ mit den Worten: „Seh'n Se woll, Mamsellchen, 
„Seh'n Se woll, Mamsellchen, det wär' so 
een Mann for Ihnen, den können Se immer an 
de Strippe haben!“ 
det wär' so een Mann for Ihnen, den können Se 
immer an de Strippe haben!“ Alles herum lachte 
auch, nicht am wenigsten aber ein junger Premier 
von den Dragonern. Und als wir weiter gingen, 
da griff er salutirend an seinen Helm und sah meine 
Louise so, so sonderbar an, ich weiß nicht, wie ich's 
sagen soll, aber jedenfalls nicht so, wie ein junger 
Mann von Erziehung ein junges Mädchen aus 
guter Familie ansehen darf. Sie erglühte über und 
über und hing sich fester in meinen Arm und flüsterte 
mir zu: „Kommen Sie schnell, Vater.“ Und es 
war ihr auch recht, daß ich unsere Schritte gleich 
nach Hause lenkte. An der Ecke der Spandauer 
und Königstraße war es mir für einen Augenblick, 
als hörte ich das Klirren von Sporen und Säbel— 
scheide hinter uns. Aber als ich zurückblickte, war 
kein Militär unter den Leuten, die noch auf der 
Straße hin- und hergingen, zu sehen, ich mußte mich 
wohl getäuscht haben. 
Aber ich hatte mich nicht getäuscht. Das wußte 
ich einige Wochen nachher, als er sich uns plötzlich 
auf der Sylvesterreunion in der Ressource vorstellen 
Rerliner Illustrirle Zeitung. 
ieß. Ein Freiherr v. d. Brock in dieser gut— 
ürgerlichen Gesellschaft, die Verwunderung war 
lgemein. Auch wollte Niemand wissen, wer ihn 
igentlich eingeführt hatte, Niemand wagte ihn auch 
anach zu fragen. Denn er bezauberte Alle durch 
eine gesellschaftlichen Talente, ohne doch gerade 
eine Person in den Vordergrund zu schieben; er 
var der flotteste Tänzer, der liebenswürdigste 
Plauderer, und als er späterhin bei der Tafel das 
»och auf des Königs Majestät ausbrachte, da ge— 
tanden wir es uns Alle, daß er auch ein vortrefflicher 
stedner sei. Schließlich war alle Welt entzückt von 
hm, nur ich wehrte mich gegen den Zauber, den 
ieser Mensch ausstrahlte, denn eine Ahnung sagte 
nir, daß ich einen Feind in ihm zu sehen habe, 
aß er um meiner Louise willen hierher gekommen 
ei. Ich hätte keine bestimmten Gründe dafür an— 
jeben können, denn er tanzte mit ihr nicht viel 
nehr, wie mit den anderen. Ob sie etwas ahnte? 
Späterhin, als wir älteren Herren in den Neben— 
räumen an den L'Hombretischen saßen, kam auch 
ier die Rede auf den Freiherrn. Der Kriegsrath 
Vachwitz wußte Näheres über ihn. „Ein tüchtiger 
Soldat, der junge Herr,“ sagte er, „aber locker — 
ehr locker. Seine Conduitenliste ist nicht die beste. 
ßermögen hat er nicht mehr, aber desto mehr 
Schulden. Es ist uns „oben“ — er meinte das 
driegsministerium — ein Räthsel, wie er sich immer 
ioch halten kann, aber man sagt, er sei ein Protégé 
iner einflußreichen Persönlichkeit bei Hofe.“ 
Mir gereichten diese Worte zur Genugthuung, 
var doch nun meine vorhin nur instinktive Ab— 
ieigung begründet. Früher als sonst rüstete ich mit 
ouise zuin Aufbruch, sie schien darüber verstimmt, 
ber sie sagte nichts. In der Garderobe trat der 
zreiherr zu uns und bedauerte unser frühes Fort— 
ehen, bat mich zugleich auch um die Erlaubniß, sich 
norgen früh „nach dem Befinden der Demoiselle“ 
rkundigen zu dürfen. Da sagte ich mir, jetzt wäre 
s noch Zeit, jede Annäherung im Keime zu ersticken, 
ind ich antwortete ihm: 
„Sehr obligirt, Herr Baron. Ich hoffe, daß 
neine Tochter sich morgen noch so wohl befinden 
Nr. 51. 
vird, wie jetzt, und bedauere, daß wir den Herrn 
Baron nicht empfangen können, da wir auf so vor— 
nehmen Besuch nicht eingerichtet sind.“ 
Ich sah noch, wie er die Lippen aufeinander 
»reßte und die Hacken zusammenschlug, sich mit 
einer tiefen Verbeugung von Louisen verabschiedend, 
ie ihm freundlicher dankte, als es meiner Meinung 
nach nöthig gewesen wäre, dann schritten wir die 
Treppe nach der Straße hinunter, um in einer 
Droschke nach Hause zu fahren. 
Während sonst bei gleichen Anlässen Louise au 
der Heimfahrt des Plauderns über das gehabte 
Bergnügen nicht genug finden konnte, drückte sie 
ich heute still und stumm in die Ecke. War es 
iur ihre Verstimmung über den frühen Aufbruch 
»der über mein wenig höfliches, kurz angebundenes 
Benehmen dem Freiherrn gegenüber, oder war es 
nehr? Ich hoffte das erstere. Und mochte die 
zlänzende Erscheinung und das vornehme Wesen 
»es jungen Edelmannes auf ihre jugendliche Uner— 
ahrenheit Eindruck gemacht haben, so war es 
doppelt meine Pflicht gewesen, jede weitere An— 
aäherung zu verhüten. Mochte sie mir üuch jetzt 
zürnen, sie mußte, wenn sie ruhig überlegte, mir 
Dank dafür wissen. 
Sie sagte auch immer noch nichts, als ich 
späterhin in unserem Wohnzimmer auf dem Kanapee 
saß, den Frack mit dem bequemen Schlafrock ver— 
tauscht hatte und mir, wie es meine Gewohnheit 
vor dem Schlafengehen war, meine Pfeife in Brand 
setzte. Sie nahm von dem Wandbrett den Leuchter 
und wollte sich mit einem leisen „Gute Nacht, 
Vater“ in ihr Zimmer zurückziehen. Das aber war 
nir zu viel; ich stellte die Pfeife aus der Hand 
und rief in strengem Ton ihren Namen. Sie 
wendete sich an der Schwelle um. 
„Warum gehst Du heute in der Neujahrsnacht 
'o von mir, wie sonst nie an einem anderen Abende 
des Jahres? Hat es Dich so tief getroffen, daß ich 
Dein Vergnügen um eine oder um zwei Stunden 
abkürzte? Bin ich Deiner Kindesliebe und Ehr— 
erbietung nicht mehr so würdig, wie gestern noch? 
Hast Du irgend eine Ursache, unzufrieden mit mir 
zu sein?“ 
Sie kam einige Schritte auf mich zu und rief 
in warmem Ton: „Mein Vater!“ 
Ich aber zog sie auf meinen Schooß und sie 
schmiegte sich an mich, wie schon so oft. Und da 
meinte ich, einmal gelesen zu haben, daß man einen 
Menschen am besten vor einer Gefahr warnt, 
venn man sie ihn erkennen lehrt. Und ich sagte: 
„Siehst Du, meine Tochter, ich glaube, daß 
Dein Unmuth gegen den Vater aus den Worten 
herrührt, die er vorhin gegen einen jungen Herrn 
prach, der ihn um die Erlaubniß, eine allgemeine 
Höflichkeitspflicht erfüllen zu dürfen, bat. (Und an 
ihrem leichten Erbeben merkte ich, daß ich recht 
zlaubte.) Ich debe zu, es war unhöflich. Aber ich 
wußte, was ich that. Vielleicht wollte er nur eine 
ewöhnliche Höflichkeit erfüllen, vielleicht aber auch 
— — Louise! Seit fünf Jahren sind wir allein 
auuf uns angewiesen, bist Du mir der lebende Be— 
veis dafür, wie glücklich ich einst war. Ich würde 
»iel mehr als irgend ein anderer Vater verlieren, 
nüßte ich Dich einst einem Manne zum Weibe 
jeben; aber ich würde es thun, wenn jener Mann 
nir die Gewißheit einflößt, daß er Dich glücklich 
u machen im Stande ist. Aber zum Spielzeug 
ür irgend einen vornehmen Herrn bist Du mir zu 
chade. Da stelle ich meinen bürgerlichen Namen 
egen sein adliges Wappenschild und wahre mein 
zausrecht. Nicht, daß ich Dir nicht selbst das Ver⸗ 
nögen zutraute, Dich gegen solche Herabwürdigung 
u wehren, aber ich will Dich nicht einmal in die 
age gebracht sehen, es thun zu müssen.“ 
Sie schlang die Arme um meinen Hals und 
rückte ihr heißes Gesicht gegen das meine. 
„Ich danke Ihnen, mein Vater. Und nun noch 
einmal: Gute Nacht!“ 
Sie küßte mich und wandte sich dann wieder der 
Thür zu. Schon hatte sie die Hand auf der 
Klinke, als sie noch einmal stehen blieb und halbab⸗ 
zewendet sagte:
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.