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unges Mädchen ihres Standes schicklich war. Im
Winter führte ich sie ins Schauspiel und auf die
Reunions der Harmonie und Ressource, im Sommer
machten wir weite Spaziergänge vor die Thore, die
allemal in einer reputierlichen Tabagie endigten; von
den jungen Leuten unserer Bekanntschaft schätzte sie
wohl den als einen guten Tänzer, jenen als einen
nunteren Plauderer; aber keiner gefiel ihr mehr als
alle underen.
Wenn aber um die Weihnachtszeit die Buden
zuf dem Neuen Markt und dem Schloßplatz auf—
gebaut waren, dann war es ihr größtes Vergnügen,
in meinem Arm die Budenreihen zu, durchwandern
und sich an dem bunten Leben dortselbst zu ergötzen.
Als echte Berlinerin hatte sie ihre besondere Frende
an den Ausrufen der großen und kleinen fliegenden
Händler. Und nie habe ich sie herzlicher lachen
hören, wie an jenem Abend vor nun acht Jahren auf
dem Weihnachtsmarkt, als ihr ein dreister Alter
einen Kasperle vor der Nase auf- und niedertanzen
ließ mit den Worten: „Seh'n Se woll, Mamsellchen,
„Seh'n Se woll, Mamsellchen, det wär' so
een Mann for Ihnen, den können Se immer an
de Strippe haben!“
det wär' so een Mann for Ihnen, den können Se
immer an de Strippe haben!“ Alles herum lachte
auch, nicht am wenigsten aber ein junger Premier
von den Dragonern. Und als wir weiter gingen,
da griff er salutirend an seinen Helm und sah meine
Louise so, so sonderbar an, ich weiß nicht, wie ich's
sagen soll, aber jedenfalls nicht so, wie ein junger
Mann von Erziehung ein junges Mädchen aus
guter Familie ansehen darf. Sie erglühte über und
über und hing sich fester in meinen Arm und flüsterte
mir zu: „Kommen Sie schnell, Vater.“ Und es
war ihr auch recht, daß ich unsere Schritte gleich
nach Hause lenkte. An der Ecke der Spandauer
und Königstraße war es mir für einen Augenblick,
als hörte ich das Klirren von Sporen und Säbel—
scheide hinter uns. Aber als ich zurückblickte, war
kein Militär unter den Leuten, die noch auf der
Straße hin- und hergingen, zu sehen, ich mußte mich
wohl getäuscht haben.
Aber ich hatte mich nicht getäuscht. Das wußte
ich einige Wochen nachher, als er sich uns plötzlich
auf der Sylvesterreunion in der Ressource vorstellen
Rerliner Illustrirle Zeitung.
ieß. Ein Freiherr v. d. Brock in dieser gut—
ürgerlichen Gesellschaft, die Verwunderung war
lgemein. Auch wollte Niemand wissen, wer ihn
igentlich eingeführt hatte, Niemand wagte ihn auch
anach zu fragen. Denn er bezauberte Alle durch
eine gesellschaftlichen Talente, ohne doch gerade
eine Person in den Vordergrund zu schieben; er
var der flotteste Tänzer, der liebenswürdigste
Plauderer, und als er späterhin bei der Tafel das
»och auf des Königs Majestät ausbrachte, da ge—
tanden wir es uns Alle, daß er auch ein vortrefflicher
stedner sei. Schließlich war alle Welt entzückt von
hm, nur ich wehrte mich gegen den Zauber, den
ieser Mensch ausstrahlte, denn eine Ahnung sagte
nir, daß ich einen Feind in ihm zu sehen habe,
aß er um meiner Louise willen hierher gekommen
ei. Ich hätte keine bestimmten Gründe dafür an—
jeben können, denn er tanzte mit ihr nicht viel
nehr, wie mit den anderen. Ob sie etwas ahnte?
Späterhin, als wir älteren Herren in den Neben—
räumen an den L'Hombretischen saßen, kam auch
ier die Rede auf den Freiherrn. Der Kriegsrath
Vachwitz wußte Näheres über ihn. „Ein tüchtiger
Soldat, der junge Herr,“ sagte er, „aber locker —
ehr locker. Seine Conduitenliste ist nicht die beste.
ßermögen hat er nicht mehr, aber desto mehr
Schulden. Es ist uns „oben“ — er meinte das
driegsministerium — ein Räthsel, wie er sich immer
ioch halten kann, aber man sagt, er sei ein Protégé
iner einflußreichen Persönlichkeit bei Hofe.“
Mir gereichten diese Worte zur Genugthuung,
var doch nun meine vorhin nur instinktive Ab—
ieigung begründet. Früher als sonst rüstete ich mit
ouise zuin Aufbruch, sie schien darüber verstimmt,
ber sie sagte nichts. In der Garderobe trat der
zreiherr zu uns und bedauerte unser frühes Fort—
ehen, bat mich zugleich auch um die Erlaubniß, sich
norgen früh „nach dem Befinden der Demoiselle“
rkundigen zu dürfen. Da sagte ich mir, jetzt wäre
s noch Zeit, jede Annäherung im Keime zu ersticken,
ind ich antwortete ihm:
„Sehr obligirt, Herr Baron. Ich hoffe, daß
neine Tochter sich morgen noch so wohl befinden
Nr. 51.
vird, wie jetzt, und bedauere, daß wir den Herrn
Baron nicht empfangen können, da wir auf so vor—
nehmen Besuch nicht eingerichtet sind.“
Ich sah noch, wie er die Lippen aufeinander
»reßte und die Hacken zusammenschlug, sich mit
einer tiefen Verbeugung von Louisen verabschiedend,
ie ihm freundlicher dankte, als es meiner Meinung
nach nöthig gewesen wäre, dann schritten wir die
Treppe nach der Straße hinunter, um in einer
Droschke nach Hause zu fahren.
Während sonst bei gleichen Anlässen Louise au
der Heimfahrt des Plauderns über das gehabte
Bergnügen nicht genug finden konnte, drückte sie
ich heute still und stumm in die Ecke. War es
iur ihre Verstimmung über den frühen Aufbruch
»der über mein wenig höfliches, kurz angebundenes
Benehmen dem Freiherrn gegenüber, oder war es
nehr? Ich hoffte das erstere. Und mochte die
zlänzende Erscheinung und das vornehme Wesen
»es jungen Edelmannes auf ihre jugendliche Uner—
ahrenheit Eindruck gemacht haben, so war es
doppelt meine Pflicht gewesen, jede weitere An—
aäherung zu verhüten. Mochte sie mir üuch jetzt
zürnen, sie mußte, wenn sie ruhig überlegte, mir
Dank dafür wissen.
Sie sagte auch immer noch nichts, als ich
späterhin in unserem Wohnzimmer auf dem Kanapee
saß, den Frack mit dem bequemen Schlafrock ver—
tauscht hatte und mir, wie es meine Gewohnheit
vor dem Schlafengehen war, meine Pfeife in Brand
setzte. Sie nahm von dem Wandbrett den Leuchter
und wollte sich mit einem leisen „Gute Nacht,
Vater“ in ihr Zimmer zurückziehen. Das aber war
nir zu viel; ich stellte die Pfeife aus der Hand
und rief in strengem Ton ihren Namen. Sie
wendete sich an der Schwelle um.
„Warum gehst Du heute in der Neujahrsnacht
'o von mir, wie sonst nie an einem anderen Abende
des Jahres? Hat es Dich so tief getroffen, daß ich
Dein Vergnügen um eine oder um zwei Stunden
abkürzte? Bin ich Deiner Kindesliebe und Ehr—
erbietung nicht mehr so würdig, wie gestern noch?
Hast Du irgend eine Ursache, unzufrieden mit mir
zu sein?“
Sie kam einige Schritte auf mich zu und rief
in warmem Ton: „Mein Vater!“
Ich aber zog sie auf meinen Schooß und sie
schmiegte sich an mich, wie schon so oft. Und da
meinte ich, einmal gelesen zu haben, daß man einen
Menschen am besten vor einer Gefahr warnt,
venn man sie ihn erkennen lehrt. Und ich sagte:
„Siehst Du, meine Tochter, ich glaube, daß
Dein Unmuth gegen den Vater aus den Worten
herrührt, die er vorhin gegen einen jungen Herrn
prach, der ihn um die Erlaubniß, eine allgemeine
Höflichkeitspflicht erfüllen zu dürfen, bat. (Und an
ihrem leichten Erbeben merkte ich, daß ich recht
zlaubte.) Ich debe zu, es war unhöflich. Aber ich
wußte, was ich that. Vielleicht wollte er nur eine
ewöhnliche Höflichkeit erfüllen, vielleicht aber auch
— — Louise! Seit fünf Jahren sind wir allein
auuf uns angewiesen, bist Du mir der lebende Be—
veis dafür, wie glücklich ich einst war. Ich würde
»iel mehr als irgend ein anderer Vater verlieren,
nüßte ich Dich einst einem Manne zum Weibe
jeben; aber ich würde es thun, wenn jener Mann
nir die Gewißheit einflößt, daß er Dich glücklich
u machen im Stande ist. Aber zum Spielzeug
ür irgend einen vornehmen Herrn bist Du mir zu
chade. Da stelle ich meinen bürgerlichen Namen
egen sein adliges Wappenschild und wahre mein
zausrecht. Nicht, daß ich Dir nicht selbst das Ver⸗
nögen zutraute, Dich gegen solche Herabwürdigung
u wehren, aber ich will Dich nicht einmal in die
age gebracht sehen, es thun zu müssen.“
Sie schlang die Arme um meinen Hals und
rückte ihr heißes Gesicht gegen das meine.
„Ich danke Ihnen, mein Vater. Und nun noch
einmal: Gute Nacht!“
Sie küßte mich und wandte sich dann wieder der
Thür zu. Schon hatte sie die Hand auf der
Klinke, als sie noch einmal stehen blieb und halbab⸗
zewendet sagte: