ar. 46.
Die Operation gelang. Man sprach davon, auch
Raßmus' Name wurde dabei genannt, mehr, beinahe
als dem Hofrath lieb war. Ihm kam der Gedanke,
ob es nicht klüger sei, sich diesen jungen Mann
warm zu halten, denselben gewissermaßen. als
Assistenten an sich zu fesseln. Doch eine darauf hin—
jelende Bitte schlug Harald kurz ab in seiner brüsken
und sofort dem Wunsche des Hofraths auf den
Grund gehend, fügte er hinzu:
„Erstens liebe ich absoluͤte Selbstständigkeit und
dann, Herr Hofrath, gebe ich für solches sensationelles
Ansehen Ihrer Patientenkreise nicht viel. Bitte,
heimsen Sie ruhig die Lorbeeren ein.“
„Ein impertinent offener Mensch,“ dachte der
Hofrath, „aber er sieht durch die Bretter und schließ—
75 wenn ich ganz offen sein soll gegen mich selbst,
o
Der Nachsatz verlor sich in der kleinen silbernen
Tabaksdose, deren Inhalt der alte Herr kritisch be—
trachtete, um darauf energisch eine Prise zu nehmen.
Harald bereute, dem älteren Kollegen so geant—
wortet zu haben, aber eine feindselige Stimmung be—
herrschte sein Seelenleben, eine Stimmung, die sich
irgend wohin Luft machen 'wollte und die ihm das
eigene Innenleben beunruhigte.
Immer wieder finden seine Gedanken in der
Erinnerung einer Szene zusammen am Tage nmach
der Opexation. Die Nacht vorhex hatte er am Bette
der Präsidentin gesessen und das Befinden derselben
überwacht. Und als dann am Morgen die Tochter,
welcher man verboten hatte, die Kranke früher zu
sehen, herein schlich, da war er ans Fenster getreten
und hatte hinaus, gestarrt. Sein herbes Wesen
fürchtete sich vor seutimentalen Worten, die er be—
stimmt erwaͤrtete.
Aber dies geschah nic, sondern leise, klar und
ruhig sprach Eva zu der Hutter:
„Du liebes, liebes Mutterchen, wie gut, daß alles
gelang und die schrechtiche Spannung vorüber ist.
Denke Dir, een kamen nicht weniger als hundert
undfünfzig Aufragen nach Deinem Befinden, un
persönliche in Gestält von Livreen nnd weißen Küchen
sutndn persönliche in Seide oder Cylindern.“
„Wie geht es dem Vater?“ fragte die Kranke miß
schwacher Stimme.
„DOD, er ist so froh, Mutter, so froh, daß er heute nach
deni Morgenlaffee die Kreuzzeitung zu lesen vergßt
In dieser Weise plauderte sie von Nichtigkeiten
und Raßmus nickte Beifall begen die Fensterscheiben.
Verständig, sehr verständig! Kein Gefühlsausbruch,
Gott sei Dank! Und dann hörte er noch, wie sie sagte:
„So, Mütterchen, nun lieg hübsch ruhig, Du
darfst nicht zu viel hören und sprechen. Nicht wahr,
rs thut Dir wohl, mich im, Zimmer zu wissen?“
„Ja, mein liebes Kindo
Ham war es eine Weile still und es schien ihm,
als stände Jemand seitwärts dicht hinter ihm. Er,
Harald Raie fühlte sich verlegen und mochte
nicht den Kopf wenden.
Aber zwei weiche Hände legten sich plötzlich um
seine Rechte, welche er auf den Fenstersims stützte,
und nun blickte er zur Seite und in zwei glückselige,
rührende Augen, und ehe er es zu hindern vermochte,
aeigte sich hastig der Scheitel mit den agoldblonden
Flechten herab.
„Um des Himmels willen, mein Fräulein!“
Mit jähem Ruck zieht er, seine Hand zurück.
Heiße Röthe steigt ihm ins Antlitz, er weiß nicht
hin mit sich, mit seinen Worten, mit seiner ganzen
Person. Irgend etwas rührt ihn und doch hat er
solche Angst vor Sentimentalitäten.
„Ich that, — nun, ich that doch, nur meine
pflicht,“ preßt er endlich hervor und blickt sie fast
feindselig an.
„Aber es war meine Mutter und Sie thaten
mehr als Ihre Pflicht, Herr Doktor Raßmus, Jene
dort hat es mir erzählt.“
„Eine kranke Frau, die mein ärztliches Interesse,
meine Kunst in Anspruch nahm, weiter nichts.“
Sie schüttelte leise das Haupt. „Dann weiß ich
es besser, Herr Doktor.“
Und sie sieht ihn frei und offen an mit erhobenem
dohh Er senkt den Blick.
Was wollte sie mit diesen Augen, mit diesen groß
Wseten Augen, noch Twinupurn an den
Wimpern? Wäs wollte das Weib von ihm?
„Ich muß zurück in meine Wohnung.“, Er
vendete sich von ihr ab, beugte sich noch einmal zur
Kranken nieder, nahm ihre Hand, fühlte nach dem
Puls und nickte ihr freundlich zu—
Immer wieder fand er die Tochter an der Seite
der Nnnechn deren weitere Behandlung ihm
der Hofrath überlassen mußte, weil denselben die
Gicht oder wie er es nannte, „die Rothspon-Logik“
einige Tage ans Bett fesselte. Er wollte sie ver—
meiden und kam unregelmäßig. Aber sie war da zu
jeder Stunde. Er rieth, eine Pflegerin zu nehmen,
da es zu viel sei für einen Menschen, doch sie
schüttelte den Kopf und blieb. J
Nach einigen Tagen kam ein leichter Rückschlag.
Die Kranke war unruhig und Raßmus etwas be—
sorgt. Da hatte er stundenlang der Tochter Frp
über gefessen, und das trübe brennende Nachtlicht
warf zitternden Schein durch das Zimmer.
Berliner Illustrirle Zeitung.
Ihm war so träumerisch, so todestraurig um's
derz geworden. Er gedachte der eigenen Mutker und
ah das edle, milde Antlitz der schlichten Frau vor
ich. Die brennende Sehnsucht nach Mutterhänden,
zelche man nie wieder los wird, erfaßte ihn. Diese
Sehnsucht, die man oft ein halbes Jahr — vielleicht
Jahre — nicht hat und plötzlich kommt sie wieder.
Nan faßt mit der, Hand in die Luft, man drückt den
dopf in eine Sophaecke und sucht und findet nur
mmer die eigene Sehnsucht wieder. Das Wasser
var in die Augen getreten, hastig fährt er mit
em Rücken der Haud hinonf
Hatte sie es gesehen? Er schauderte zusammen.
So, weich, so theilnahmsvoll klingt ihre zum Flüstern
gedämpfte Stimme:
„Leben Ihre Eltern noch?“
Er schüttelte den Kopf.
„Auch keine Geschwister?“
PVein.“
„O, — ganz allein?“
Ja, allein! Schon lange, — alte Gewohnheit,“
intwortet er leise, die innn abschüttelnd. Es
vird wieder still, draußen rüttelt der Wind an den
Fensterscheiben.
Da seufzt die Kranke, aus dem Schlaf erwachend.
„Was ist? Geht es Innn besser nach dem
Schlaf?“ fragt 338 voll Theilnahme und beugt
sich über, das Bett. Einer natürlichen Regung
ent that Eva das gleiche.
(Fortsetzung folgt.)
Anser Yreisausschreiben.“)
VI.
Der verkannte VPruder!
non Pauline Vauch, geb. Scherff, Königszelt.
wWe ———— Machdruck verboten.)
us meiner Jugend sind auch mir Er—
innerungen geblieben und vornehmlich ist
es eine, die noch heut in greifbarer Deut
lichkeit mir vor der Seele steht.
Ich hatte einen um zwei Jahre jüngeren
Bruder, und dieser brachte seine meiste freie Zeit, er
var nint in einer Porzellan⸗Malerei, im Walde
u. Wenn kaum der Tag graute, war er aus den
redern, um noch, ehe er ins Geschäft ging, ein
Ztündchen in dem geliebten Busch herumzustreichen;
r war bekannt, darin, er wußte, wo die meisten
haselnüsse wuchsen; er kannte gengu die Stellen, wo
nan die meisten r fand und wußte überhaupt, trotz
einer großen Jugend, Vieles, was mir damals impo—
nirte, frotzdem ich hm das beileibe nicht eingestand
Ich hatte ihn schon wiederholt gebeten, er möchtt
nich da einmal mit in die Schneeglöckchen nehmen,
och immer erhielt ich dieselbe Antwort, die zwai
venig schmeichelhaft, aber desto aufrichtiger war;
Du bist, mer, blos im Wege!“ Das verdroß mich
nanchmal nicht wenig, denn ich hatte damals be
eits das respektable Alter von siebzehn Jahren er⸗
eicht und sollte diesem Stift von fünfzehn Jahren
m Wege sein! Endlich, eines Sonntags erlaubte er
nir in einer Anwandlung von Großmuth, mit einer
Freundin, die im selben Alter mit mir stand, ihn
jegleiten zu dürfen, um Schneeglöckchen zu suchen.
Wer war froher als ich und nun ging's ab zu
Dreien in den Wald. Wir konnten es uüns nicht
ersagen, vornehmlich meine stets lustige Freundin,
hn gewaltig zu necken, wir freuten uns schon, daß
vir die meisten Schneeglöckchen nach Hause bringen
vürden; heute sollte er uns nicht überlegen sein. Er
aahm unsere Neckereien mit dem größten Gleichmuth
hin, war überhaupt alles eher als liebenswürdig;
vir bekamen alle Beide den ganzen Weg keine Ant—
vort von ihm. Doch das siörte unsexen Frohsinn
unicht, waren wir doch sein wortkaraes Wesen Beide
chon gewöhnt.
So errxeichten wir endlich den Wald und jetzt
zing das Vergnügen los. Mein Bruder führte uns,
hne ein Wost zu sagen, zu Stellen, wo die Schnee—
löckchen in üppigster Fülle standen— Ich hatte mich
twas von ihin beim Abpflücken der Blumen ent—
ernt, ießt hörte ich aber deutlich seine Stimme;
Pauli, loof nich zu siehr rechts, sunst ersäffst die!“
Ind zu gleicher Zeit das amüsirte Lachen meiner
Freundin von der anderen Seite. Ich wollte ihm
iber doch beweisen, daß ich seiner Rathschläge nicht
edurfte und ding unbeirrt in derselben Richtung
veiter. Da erblickte ich vor mir wie gesäet Schnee⸗
löckchen, nur die Hand ausstrecken, nur pflücken, und
hm beweisen, daß che die meisten mit nach Hause
Frachte! Ein großer Baum reckte seine Van bis
taft mitten in dos wundervosse Bouquett Schnee—
*) Für unsere neu hinzugetretenen Abonnenten zur Orientirung,
aß wir unter dieser Rubrik die infolge eines von uns s. 3. er—
affenen Preisausschreibens (in welchem wir die Leser unseres
zigttes zur Darstellung von allgemeiner interesstrenden Vorkomm—
sifsen aus ihrem Leben veranlaßten) prämtirten Arbeiten ver—
ffentlichen. Raummangels wegen mußten wir den Abdruck dieser
rbeiten auf längere Zeit unterbrechen, nehmen denselben aber
eute mit der obigen Sktizze wieder auf Die Red.
21
zlöckchen hinein; ich betrat die Wurzel und pflückte;
eine förmliche Habgier erfaßte mich, alle hier
hlühenden Glocken zu brechen — doch was war das?
ch sank. In meinem Eifer hatte ich die Wurzel
erlassen, war weiter geschritten und stand nun im
Sumpf.
Todesangst erfaßte mich, ich wollte zurück, doch
oergeblich; ich sank, sank immer tiefer in den schlamm—
artigen Waldesboden ein. Was ich empfunden in
zener schrecklichen Lage, ich kann es nicht beschreiben!
aber daß ich in Todesangst rief: „Bruno, Hilfe, ich
versinke!“ ist mir noch deutlich in der Erinnerung.
In wenigen Minuten war er bei mir, ich sehe
hn noch vor mir, todtenblaß, aber mit der gleichen
Ruhe wie immer.
„Haal Dich oon die Wurzel, ich luß Dich nich
ersaufen!“ klang mirs zum Trost von seinen Lippen.
Ich versuchte die Wene zu erlangen; endlich nach
nehreren vergeblichen Anstrengungen Ioer es, trotz⸗
deni sah,ich fortwährend nach meinem Bruder. Dieser
hatte mit der größten Ruhe seine Unmasse Schnee—
zlöckchen auf den Boden gelegt und seinen Hut da—
ieben. Noch einmal rief er mir zu: „Luß bloos die
Wurzel nich luß!“ dann war er fort.
In wenigen Minuten, die mir aber wie eben so
»iel Stunden dünkten, war er zurück, einen langen,
ziemlich starken Ast in der Hand, mit ihm zu gleicher
Zeit meine sonst stets lustige Freundin, die bei
neinem Anblick in lautes eihe ausbrach. Er
reichte mir den Ast c mußte aber felbst so nahe
kommen, daß er in Gefahr gerieth, mit einzusinken.
Da waundte er sich an meine Freundin: „Haal mich
beim Rucke und luß nich giehn!“ zu mir sagte er?
„Haal bloos a Ost fest, ganz feste!“ Ich that's, ich
klaͤmmerte mich mit meiner ganzen Kraäft daran und
nun zog er vorsichtig, ruhig, als wäre er nicht fünf—
zehn, sondern dreißig Jahre alt, mit einer Ausdauer,
die mich mit Bewunderung erfüllte. Der Schweiß
troff ihm von der Stirn, doch zog er weiter, nur
einmial wandte er sich halb zu meiner laut weinenden
Freundin um, mit den Worten: „Haals Maul, heul,
wenn Die Zeit hust!“ Dann zog er unverdrossen
weiter; endlich konnte ich mit den Füßen die Baum—
wurzel erreichen, ich war eeien Ein Schuh, ein
janz neuer, war mir im Sumpf stecken geblieben.
— Ad, mein Schuh! was wird die Mufter sagen!“
tlagte ich.
— fruh, daß Die nich ersuffen bist,“ meinte
mein Bruder und schob mir einen seiner Stiefel zu.
Ind Du sagte ich, „Du kannst doch nicht barfuß
eh'nꝰ
— lachte laut und sorglos auf. „Nimm ock, ich
bin nich weech gebacken.“
Jetzt langte er nach seinen Schneeglöckchen, so
uhig wie zuvor und nun sah ich erst eee
lutig, nicht die 3 von Haut mehr in den
uneren Flaͤchen! Er suchte sie zu verstecken, es gelang
hm nicht, ich hatte es gesehen, ich war wie erstarrt.
Sie mußten füuürchtbar schmerzen; doch er zeigte es
ucht, nicht mit einer Miene zuckte er.
Jetzt erst ward mir klar, was er gelitten. Ich
sank auf meine Kniee vor ihm und legte weinend
meine Wange auf seine Hand. .
Stieh auf, flenne nich, Pauli, doos heelt wieder,“
beruhigte er mich.
Wochenlang konnte er nicht arbeiten mit den
armen wunden Händen. Doch wir hörten niemals
eine Klage von ihm und das war miein wort—
arger, ernster, auch von mir zuvor gar oft verkannter
Bruder!
Unsere werkhen Post:Abonnenten
bitten wir wiederholt, auch die geringste Un—
pünktlichkeit in der Bestellung unserer Zeitschrift
recht energisch bei ihrem Postamt zu rügen
und sich nicht etwa in den Glauben versetzen
zu lassen, daß die Unpünktlichkeit von unserer
Expedition verschuldet wird.
Wir kennen weder Namen noch Wohnort
unserer Post-Abonnenten, sondern haben nur
die uns angegebene Zahl von Exemplaren dem
Tasfersichen pᷣoftzeitungsamt abzuliefern, die
Weiterbeförderung ist lediglich Sache
der Post.
Da die Ablieferung bei dem Postzeitungs⸗
amt pünktlich jeden Freitag Nachmittag
gegen 4 Uhr erfolgt, so muß die „Berliner
Illustrirte Zeitung“ auch an den entlegensten
Postorten Fpatestens Sonntag früh in
den Händen der Leser sein.
Wo eine Beschwerde bei dem Postamt nicht
den erwünschten Erfolg hat, bitten wir uns
schleunigst zur weiteren Beschwerde bei
dem Kaiserlichen Postzeitungsamt Mit—
theilung zu machen.
Die Expedition
Berlin 8W.. Charlotten⸗Straße 10.