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Volume Nummer 46

Full text: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1895, IV. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

ar. 46. 
Die Operation gelang. Man sprach davon, auch 
Raßmus' Name wurde dabei genannt, mehr, beinahe 
als dem Hofrath lieb war. Ihm kam der Gedanke, 
ob es nicht klüger sei, sich diesen jungen Mann 
warm zu halten, denselben gewissermaßen. als 
Assistenten an sich zu fesseln. Doch eine darauf hin— 
jelende Bitte schlug Harald kurz ab in seiner brüsken 
und sofort dem Wunsche des Hofraths auf den 
Grund gehend, fügte er hinzu: 
„Erstens liebe ich absoluͤte Selbstständigkeit und 
dann, Herr Hofrath, gebe ich für solches sensationelles 
Ansehen Ihrer Patientenkreise nicht viel. Bitte, 
heimsen Sie ruhig die Lorbeeren ein.“ 
„Ein impertinent offener Mensch,“ dachte der 
Hofrath, „aber er sieht durch die Bretter und schließ— 
75 wenn ich ganz offen sein soll gegen mich selbst, 
o 
Der Nachsatz verlor sich in der kleinen silbernen 
Tabaksdose, deren Inhalt der alte Herr kritisch be— 
trachtete, um darauf energisch eine Prise zu nehmen. 
Harald bereute, dem älteren Kollegen so geant— 
wortet zu haben, aber eine feindselige Stimmung be— 
herrschte sein Seelenleben, eine Stimmung, die sich 
irgend wohin Luft machen 'wollte und die ihm das 
eigene Innenleben beunruhigte. 
Immer wieder finden seine Gedanken in der 
Erinnerung einer Szene zusammen am Tage nmach 
der Opexation. Die Nacht vorhex hatte er am Bette 
der Präsidentin gesessen und das Befinden derselben 
überwacht. Und als dann am Morgen die Tochter, 
welcher man verboten hatte, die Kranke früher zu 
sehen, herein schlich, da war er ans Fenster getreten 
und hatte hinaus, gestarrt. Sein herbes Wesen 
fürchtete sich vor seutimentalen Worten, die er be— 
stimmt erwaͤrtete. 
Aber dies geschah nic, sondern leise, klar und 
ruhig sprach Eva zu der Hutter: 
„Du liebes, liebes Mutterchen, wie gut, daß alles 
gelang und die schrechtiche Spannung vorüber ist. 
Denke Dir, een kamen nicht weniger als hundert 
undfünfzig Aufragen nach Deinem Befinden, un 
persönliche in Gestält von Livreen nnd weißen Küchen 
sutndn persönliche in Seide oder Cylindern.“ 
„Wie geht es dem Vater?“ fragte die Kranke miß 
schwacher Stimme. 
„DOD, er ist so froh, Mutter, so froh, daß er heute nach 
deni Morgenlaffee die Kreuzzeitung zu lesen vergßt 
In dieser Weise plauderte sie von Nichtigkeiten 
und Raßmus nickte Beifall begen die Fensterscheiben. 
Verständig, sehr verständig! Kein Gefühlsausbruch, 
Gott sei Dank! Und dann hörte er noch, wie sie sagte: 
„So, Mütterchen, nun lieg hübsch ruhig, Du 
darfst nicht zu viel hören und sprechen. Nicht wahr, 
rs thut Dir wohl, mich im, Zimmer zu wissen?“ 
„Ja, mein liebes Kindo 
Ham war es eine Weile still und es schien ihm, 
als stände Jemand seitwärts dicht hinter ihm. Er, 
Harald Raie fühlte sich verlegen und mochte 
nicht den Kopf wenden. 
Aber zwei weiche Hände legten sich plötzlich um 
seine Rechte, welche er auf den Fenstersims stützte, 
und nun blickte er zur Seite und in zwei glückselige, 
rührende Augen, und ehe er es zu hindern vermochte, 
aeigte sich hastig der Scheitel mit den agoldblonden 
Flechten herab. 
„Um des Himmels willen, mein Fräulein!“ 
Mit jähem Ruck zieht er, seine Hand zurück. 
Heiße Röthe steigt ihm ins Antlitz, er weiß nicht 
hin mit sich, mit seinen Worten, mit seiner ganzen 
Person. Irgend etwas rührt ihn und doch hat er 
solche Angst vor Sentimentalitäten. 
„Ich that, — nun, ich that doch, nur meine 
pflicht,“ preßt er endlich hervor und blickt sie fast 
feindselig an. 
„Aber es war meine Mutter und Sie thaten 
mehr als Ihre Pflicht, Herr Doktor Raßmus, Jene 
dort hat es mir erzählt.“ 
„Eine kranke Frau, die mein ärztliches Interesse, 
meine Kunst in Anspruch nahm, weiter nichts.“ 
Sie schüttelte leise das Haupt. „Dann weiß ich 
es besser, Herr Doktor.“ 
Und sie sieht ihn frei und offen an mit erhobenem 
dohh Er senkt den Blick. 
Was wollte sie mit diesen Augen, mit diesen groß 
Wseten Augen, noch Twinupurn an den 
Wimpern? Wäs wollte das Weib von ihm? 
„Ich muß zurück in meine Wohnung.“, Er 
vendete sich von ihr ab, beugte sich noch einmal zur 
Kranken nieder, nahm ihre Hand, fühlte nach dem 
Puls und nickte ihr freundlich zu— 
Immer wieder fand er die Tochter an der Seite 
der Nnnechn deren weitere Behandlung ihm 
der Hofrath überlassen mußte, weil denselben die 
Gicht oder wie er es nannte, „die Rothspon-Logik“ 
einige Tage ans Bett fesselte. Er wollte sie ver— 
meiden und kam unregelmäßig. Aber sie war da zu 
jeder Stunde. Er rieth, eine Pflegerin zu nehmen, 
da es zu viel sei für einen Menschen, doch sie 
schüttelte den Kopf und blieb. J 
Nach einigen Tagen kam ein leichter Rückschlag. 
Die Kranke war unruhig und Raßmus etwas be— 
sorgt. Da hatte er stundenlang der Tochter Frp 
über gefessen, und das trübe brennende Nachtlicht 
warf zitternden Schein durch das Zimmer. 
Berliner Illustrirle Zeitung. 
Ihm war so träumerisch, so todestraurig um's 
derz geworden. Er gedachte der eigenen Mutker und 
ah das edle, milde Antlitz der schlichten Frau vor 
ich. Die brennende Sehnsucht nach Mutterhänden, 
zelche man nie wieder los wird, erfaßte ihn. Diese 
Sehnsucht, die man oft ein halbes Jahr — vielleicht 
Jahre — nicht hat und plötzlich kommt sie wieder. 
Nan faßt mit der, Hand in die Luft, man drückt den 
dopf in eine Sophaecke und sucht und findet nur 
mmer die eigene Sehnsucht wieder. Das Wasser 
var in die Augen getreten, hastig fährt er mit 
em Rücken der Haud hinonf 
Hatte sie es gesehen? Er schauderte zusammen. 
So, weich, so theilnahmsvoll klingt ihre zum Flüstern 
gedämpfte Stimme: 
„Leben Ihre Eltern noch?“ 
Er schüttelte den Kopf. 
„Auch keine Geschwister?“ 
PVein.“ 
„O, — ganz allein?“ 
Ja, allein! Schon lange, — alte Gewohnheit,“ 
intwortet er leise, die innn abschüttelnd. Es 
vird wieder still, draußen rüttelt der Wind an den 
Fensterscheiben. 
Da seufzt die Kranke, aus dem Schlaf erwachend. 
„Was ist? Geht es Innn besser nach dem 
Schlaf?“ fragt 338 voll Theilnahme und beugt 
sich über, das Bett. Einer natürlichen Regung 
ent that Eva das gleiche. 
(Fortsetzung folgt.) 
Anser Yreisausschreiben.“) 
VI. 
Der verkannte VPruder! 
non Pauline Vauch, geb. Scherff, Königszelt. 
wWe ———— Machdruck verboten.) 
us meiner Jugend sind auch mir Er— 
innerungen geblieben und vornehmlich ist 
es eine, die noch heut in greifbarer Deut 
lichkeit mir vor der Seele steht. 
Ich hatte einen um zwei Jahre jüngeren 
Bruder, und dieser brachte seine meiste freie Zeit, er 
var nint in einer Porzellan⸗Malerei, im Walde 
u. Wenn kaum der Tag graute, war er aus den 
redern, um noch, ehe er ins Geschäft ging, ein 
Ztündchen in dem geliebten Busch herumzustreichen; 
r war bekannt, darin, er wußte, wo die meisten 
haselnüsse wuchsen; er kannte gengu die Stellen, wo 
nan die meisten r fand und wußte überhaupt, trotz 
einer großen Jugend, Vieles, was mir damals impo— 
nirte, frotzdem ich hm das beileibe nicht eingestand 
Ich hatte ihn schon wiederholt gebeten, er möchtt 
nich da einmal mit in die Schneeglöckchen nehmen, 
och immer erhielt ich dieselbe Antwort, die zwai 
venig schmeichelhaft, aber desto aufrichtiger war; 
Du bist, mer, blos im Wege!“ Das verdroß mich 
nanchmal nicht wenig, denn ich hatte damals be 
eits das respektable Alter von siebzehn Jahren er⸗ 
eicht und sollte diesem Stift von fünfzehn Jahren 
m Wege sein! Endlich, eines Sonntags erlaubte er 
nir in einer Anwandlung von Großmuth, mit einer 
Freundin, die im selben Alter mit mir stand, ihn 
jegleiten zu dürfen, um Schneeglöckchen zu suchen. 
Wer war froher als ich und nun ging's ab zu 
Dreien in den Wald. Wir konnten es uüns nicht 
ersagen, vornehmlich meine stets lustige Freundin, 
hn gewaltig zu necken, wir freuten uns schon, daß 
vir die meisten Schneeglöckchen nach Hause bringen 
vürden; heute sollte er uns nicht überlegen sein. Er 
aahm unsere Neckereien mit dem größten Gleichmuth 
hin, war überhaupt alles eher als liebenswürdig; 
vir bekamen alle Beide den ganzen Weg keine Ant— 
vort von ihm. Doch das siörte unsexen Frohsinn 
unicht, waren wir doch sein wortkaraes Wesen Beide 
chon gewöhnt. 
So errxeichten wir endlich den Wald und jetzt 
zing das Vergnügen los. Mein Bruder führte uns, 
hne ein Wost zu sagen, zu Stellen, wo die Schnee— 
löckchen in üppigster Fülle standen— Ich hatte mich 
twas von ihin beim Abpflücken der Blumen ent— 
ernt, ießt hörte ich aber deutlich seine Stimme; 
Pauli, loof nich zu siehr rechts, sunst ersäffst die!“ 
Ind zu gleicher Zeit das amüsirte Lachen meiner 
Freundin von der anderen Seite. Ich wollte ihm 
iber doch beweisen, daß ich seiner Rathschläge nicht 
edurfte und ding unbeirrt in derselben Richtung 
veiter. Da erblickte ich vor mir wie gesäet Schnee⸗ 
löckchen, nur die Hand ausstrecken, nur pflücken, und 
hm beweisen, daß che die meisten mit nach Hause 
Frachte! Ein großer Baum reckte seine Van bis 
taft mitten in dos wundervosse Bouquett Schnee— 
*) Für unsere neu hinzugetretenen Abonnenten zur Orientirung, 
aß wir unter dieser Rubrik die infolge eines von uns s. 3. er— 
affenen Preisausschreibens (in welchem wir die Leser unseres 
zigttes zur Darstellung von allgemeiner interesstrenden Vorkomm— 
sifsen aus ihrem Leben veranlaßten) prämtirten Arbeiten ver— 
ffentlichen. Raummangels wegen mußten wir den Abdruck dieser 
rbeiten auf längere Zeit unterbrechen, nehmen denselben aber 
eute mit der obigen Sktizze wieder auf Die Red. 
21 
zlöckchen hinein; ich betrat die Wurzel und pflückte; 
eine förmliche Habgier erfaßte mich, alle hier 
hlühenden Glocken zu brechen — doch was war das? 
ch sank. In meinem Eifer hatte ich die Wurzel 
erlassen, war weiter geschritten und stand nun im 
Sumpf. 
Todesangst erfaßte mich, ich wollte zurück, doch 
oergeblich; ich sank, sank immer tiefer in den schlamm— 
artigen Waldesboden ein. Was ich empfunden in 
zener schrecklichen Lage, ich kann es nicht beschreiben! 
aber daß ich in Todesangst rief: „Bruno, Hilfe, ich 
versinke!“ ist mir noch deutlich in der Erinnerung. 
In wenigen Minuten war er bei mir, ich sehe 
hn noch vor mir, todtenblaß, aber mit der gleichen 
Ruhe wie immer. 
„Haal Dich oon die Wurzel, ich luß Dich nich 
ersaufen!“ klang mirs zum Trost von seinen Lippen. 
Ich versuchte die Wene zu erlangen; endlich nach 
nehreren vergeblichen Anstrengungen Ioer es, trotz⸗ 
deni sah,ich fortwährend nach meinem Bruder. Dieser 
hatte mit der größten Ruhe seine Unmasse Schnee— 
zlöckchen auf den Boden gelegt und seinen Hut da— 
ieben. Noch einmal rief er mir zu: „Luß bloos die 
Wurzel nich luß!“ dann war er fort. 
In wenigen Minuten, die mir aber wie eben so 
»iel Stunden dünkten, war er zurück, einen langen, 
ziemlich starken Ast in der Hand, mit ihm zu gleicher 
Zeit meine sonst stets lustige Freundin, die bei 
neinem Anblick in lautes eihe ausbrach. Er 
reichte mir den Ast c mußte aber felbst so nahe 
kommen, daß er in Gefahr gerieth, mit einzusinken. 
Da waundte er sich an meine Freundin: „Haal mich 
beim Rucke und luß nich giehn!“ zu mir sagte er? 
„Haal bloos a Ost fest, ganz feste!“ Ich that's, ich 
klaͤmmerte mich mit meiner ganzen Kraäft daran und 
nun zog er vorsichtig, ruhig, als wäre er nicht fünf— 
zehn, sondern dreißig Jahre alt, mit einer Ausdauer, 
die mich mit Bewunderung erfüllte. Der Schweiß 
troff ihm von der Stirn, doch zog er weiter, nur 
einmial wandte er sich halb zu meiner laut weinenden 
Freundin um, mit den Worten: „Haals Maul, heul, 
wenn Die Zeit hust!“ Dann zog er unverdrossen 
weiter; endlich konnte ich mit den Füßen die Baum— 
wurzel erreichen, ich war eeien Ein Schuh, ein 
janz neuer, war mir im Sumpf stecken geblieben. 
— Ad, mein Schuh! was wird die Mufter sagen!“ 
tlagte ich. 
— fruh, daß Die nich ersuffen bist,“ meinte 
mein Bruder und schob mir einen seiner Stiefel zu. 
Ind Du sagte ich, „Du kannst doch nicht barfuß 
eh'nꝰ 
— lachte laut und sorglos auf. „Nimm ock, ich 
bin nich weech gebacken.“ 
Jetzt langte er nach seinen Schneeglöckchen, so 
uhig wie zuvor und nun sah ich erst eee 
lutig, nicht die 3 von Haut mehr in den 
uneren Flaͤchen! Er suchte sie zu verstecken, es gelang 
hm nicht, ich hatte es gesehen, ich war wie erstarrt. 
Sie mußten füuürchtbar schmerzen; doch er zeigte es 
ucht, nicht mit einer Miene zuckte er. 
Jetzt erst ward mir klar, was er gelitten. Ich 
sank auf meine Kniee vor ihm und legte weinend 
meine Wange auf seine Hand. . 
Stieh auf, flenne nich, Pauli, doos heelt wieder,“ 
beruhigte er mich. 
Wochenlang konnte er nicht arbeiten mit den 
armen wunden Händen. Doch wir hörten niemals 
eine Klage von ihm und das war miein wort— 
arger, ernster, auch von mir zuvor gar oft verkannter 
Bruder! 
Unsere werkhen Post:Abonnenten 
bitten wir wiederholt, auch die geringste Un— 
pünktlichkeit in der Bestellung unserer Zeitschrift 
recht energisch bei ihrem Postamt zu rügen 
und sich nicht etwa in den Glauben versetzen 
zu lassen, daß die Unpünktlichkeit von unserer 
Expedition verschuldet wird. 
Wir kennen weder Namen noch Wohnort 
unserer Post-Abonnenten, sondern haben nur 
die uns angegebene Zahl von Exemplaren dem 
Tasfersichen pᷣoftzeitungsamt abzuliefern, die 
Weiterbeförderung ist lediglich Sache 
der Post. 
Da die Ablieferung bei dem Postzeitungs⸗ 
amt pünktlich jeden Freitag Nachmittag 
gegen 4 Uhr erfolgt, so muß die „Berliner 
Illustrirte Zeitung“ auch an den entlegensten 
Postorten Fpatestens Sonntag früh in 
den Händen der Leser sein. 
Wo eine Beschwerde bei dem Postamt nicht 
den erwünschten Erfolg hat, bitten wir uns 
schleunigst zur weiteren Beschwerde bei 
dem Kaiserlichen Postzeitungsamt Mit— 
theilung zu machen. 
Die Expedition 
Berlin 8W.. Charlotten⸗Straße 10.
	        
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