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Band Nummer 38

Volltext: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1895, IV. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

Nerliner Illustrirkle Zeitung. Nr. 88. 
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Dann kehrteer zu seinen Rekruten zurück. Dort hatte sich die Mannschaft inzwischen wiedee mseren uralten Namen for i 
Schon aun Ende des Ganges exwartete ihn ein n ihre Drillich⸗Anzuͤge geworfen und uünter Auffuͤht i Geld. Ist das in e ngen ich habe 
Gefreiter mit aufgeregtem Gesicht. „eer Unteroffiziere mit dem Turnen begonnen. .. . Da kündete mit blechernen Schlägen die 
Gerr, Lieutenants... der Herr Graf ist da! Im ersten Zimmer machte eine Gruppe Frei— dasernen-Uhr die zwölfte Stunde. Der Vormittags⸗ 
Der Lieutenant schritt eilig den Flur entlang bis Gbungen. Die schachbrettförmig aufgestellten Ge- cust war vorüber und das ersehnte Kommando 
zu dem Jetzten Zimmer, aus, dem eine hölzerne, dalten, hoben, sich auf die Fußspitzen, sanken in Weggetreten!“ klang überall hin durch Flure und 
schnarrende Stimme mit, ungeduldigem Ausdruck tönte. auernde Stellung und hoben sich wieder nach den Zimmner. 
Da drinnen stand Graf Dahlem, der Regiments- unggezogenen, kugenden Kommaudos eincs bhu. 
Kommandeur, eine sechs Fuß lange, hagere, straffe ungen, rothbäckigen Gefreiten. 
Gestalt, tausend Fältchen in dem lederfarbenen, ein— „Kopf rechts — dreceht! ... vorwärts und 
getrockneten Antlitz, aus dem der lauge, aschgraue nks — dreeeht! Wie Automaten wandten sich die 
Schnurrbart in vreen Enden starrte. Im eelenlos glotzenden Schädel feierlich zur Seite. 
rechten Auge blitzte das Monocle. Er trug Felde dort, hlieben sie, bis der Ruf:, Vodnaris“ 
mütze, Ueberrock mit zum Reiten, umgeklappten vceeht!“ sie endlich in ihre norinale Lage zurück⸗ 
Schößen und hohe, kothbespritzte Stiefel. ihrte. 
Wenn man ihn von hinten erblickte, konnte Aehnliche Frei⸗ und Bajonettir-Uebungen betrieb 
seine lange, magere Rassefigur den Eindrück eines nn auch in den andern Stuben. Auf dem Gange 
aoch jugendlichen Mannes machen. Anders von varen hauptsüchlich die Schnursprunggestelle in 
dorn. Da merkte man: Er hatte einen Knax! Ein Betrieb. 
Leberleiden oder so was, das über kurz oder lang den Mit drei ungelenken Schritten hüpften die Kerle 
blauen Brief mit der Pensionirung nach sich zieht. in und sprangen über die niedrige Leine, um auf 
Elcke faßte den Säbel an, und stand stramm. »er anderen Seite je nach ihrer Beanlagung hilflos 
„Rekruten der siebenten Kompagnie zum, Erer? mter den Flüchen des Unteroffiziers weiter zu 
zieren! Ich war in der Lüche beim Fleischempfang!“ tolpern oder abet elegant in die Kniebeuge zu gehen 
„Danke, Herr von Elcke!“ Der Oberst schien ind dann mit lurzem' Rucke strammzustehen. 
sehr schlechter Laune . sehen Sie einmal An der Ecke des Flures, wo das Reevier der 
diesen Menschen an .. tiä, tiän.. dieser da. . Fünften“ anfließ, klirrte es leicht von dem Auf⸗ 
die Men “ wnn es! blagn a Säbels. 
Natürlich der Rekrut Tuleikes! F „Schrei doch nicht so, Albrecht!“ sagte der klei 
Als ob Elcke nicht gewußt hätte, daß Tuleikes legante Herr n btl sjagte der klemme, 
unmöglich“ seil Nichts kann einen Rekruten-Offizier „Was willst Dus“ brummte Elcke ..., „dazu 
nehr, zur Verzweiflung briugen, als der Hinweis st inan ja da, bloödsinnige Existenz ....“ 
»er Vorgesetzten auf, soͤlche Kerle, an denen er sich „Höre mal, Liebster!“ exwiderte Hessel ziemlich 
ohnedies schon seit Monaten vergeblich abgequält hat. rusthaft .Du muüßt Dich nicht in so din Ge— 
Hu Befehl, Herr Graf!“ chimpfe über den Dienst hineinreden . .kenne 
Der Oberst warf, noch einen prüfenden Blick pas führt zu nichts Gutem 
imher. Angstvoll schauten die Rekruten zu dem Elcke gähnte hinter der vorgehaltenen Hand. 
alten, hageren Junker empor, der sie um Kopfes- „Du keunst das ja gar, nicht, Hessel! Hast 
ünge überragte. tudirt, Dich in der Welt umgesehen, tommst nächstens 
Er fand nichts mehr zu tadeln uuf Kriegsatademie und wirst Generalstäbler, wührend 
„'n. Mor'en, Herr von Elcke!“ sagte er, zwei vir Minderbegabten unfere Retruten weiter dulen 
Finger an die Mütze legend, während ein leichtes nüssen .* 
dächeln einen Augeublick über seine hochmüthigen „Aber doch auch nicht ewig!“ 
Züge glitt, und ging weiter. „Doch! Eben mit einem Worte: Man wird die 
Seine langen, wiegenden Schritte, zu denen im dasernenluft nicht, los. Ich schlucke sie jetzt seit 
Takte die mit, Koth und Pferdehaar bedeckten Sporen ichzehn Jahren. Erst in den Kadettenhäusern in 
klirrten, verhallten in der Ferne. Der Dienst ging Hranienstein und Lichterfelde, dann hier un Kaferneut 
weiter. J immer, dann in der Fähnrichsstube auf der Kriegs- 
Elcke sah auf die Uhr. — chule und jetzt wieder in, meiner Dienstwohnmg“.. 
Noch zwanzig Minuten! dann war dies entsetzz 8 ist ja immer diefselbe Geschichte 
che Griffeklopfen zu Ende. „Na 'mal kommt, man doch heraus ...“ 
Diese Zeit verstrich erfahrungsgemüß am lang— Gott!“ sagte Elcke achfelzuckend;dob so ein 
samsten. Aber endlich war es doch dreiviertelelf, und ahles Juuggesellenzimmet in der Kaserne oder 
fast gleichzeitig verstummte überall in den Güngen ußerhalb legt, das ist schon egal. ünd heirathen 
der Lärm des Exerzierens. Man hörte nur mehr ürfen ja nur die Reichmeier. Wer so unvorsichtig 
das schwere Trappen der Maunschaft, die ihre st, nicht sechzigtausend —* — zu besitzen, kann noch 
Stuben aufsuchte, um sich zum Turnen umzuziehen. 18 Häuptmann mit dem Burschen die Wäsche— 
Lieutenant von Elcke stieg wieder in sein Zimmer echnuͤng durchsehen.“ 
hinauf. Er hatte eine Vierkelstunde freie Zeit. „Da giebt es nur eine Abhilfe!“ erwiderte Hessel 
Die Fenster gegenüber waren fest geschlossen. achdenklich, „ . „man muß sich in ein ruiches 
Aber das hinderte den Lieutenant nicht, die Scheiben Nädchen verlieben!“ 
des Eckzimmers angestrengt zu musternr. „Und weun man schon in ein armes verliebt ist 2“ 
Es war, als ob er etwas zählte. „Ja .. dann ist der Deubel los!“ 
Fünf Blumentöpfe standen da in dem Raum 
wischen den Doppelfenstern. Erst ein großer, rother 
— dann vier andere Töpfe mit Rosen und 
Reseda. 
Also um vier, Uhr am Linsenteich! 
Elcke murmelte das halblaut vor sich hin und 
derließ wieder sein unwirthliches, kaltes Jungsesellen— 
zmmer. 
Unten über den Hof schritt eben ein anderer 
dekruten⸗Offizier, ein dübscher Menfch mit weichen, 
twas spöttischen Zügen und blondem Baͤrschen, und 
erschwand in der 
daserne. 
„Da schau zum 
Zeifpiel Giesecke,“ 
agte Elcke bitter,, was 
inn der nun dafür, 
aß sein Vater und 
vroßvater Fabrikbe— 
tzer waren und ein 
hweres Geld ver— 
ieuten, während wir 
us für unsern König 
odtschießen ließen? 
Der ist nun reich, 
ann den Abschied 
ehmen, wann es ihm 
refällt, kann heirathen, 
vie er will, hat Pferd 
ind Wagen und eine 
höne Wohnung ... 
nd, ich .. ja, zum 
Feufel, da wollt' ich 
och, mein Vater wäre 
Seifensieder gewesen 
ind nicht Koͤniglich 
„eußischer General⸗ 
ieutenant z. D.“ 
„Und Dein Name?“ 
„Ich pfeife auf mei⸗ 
ten Namen! Was 
jab' ich denn von 
neinem Namen? Herr 
Ziesecke kann machen 
vas er will, denn 
e hat Geld. Und 
ch darf nicht einmal 
Unten in der Kantine, wohin er müßig schlenderte, 
raf er die Lieutenants von Hessel und Heinze. 
Sie hatten sich vom Unterofsizier einen Ingwer— 
chnaps geben lassen, ein bösartiges, schwarzbraunes 
Zeug, das wie ein Reibeisen durch die Kehle fuhr. 
UAm sie her tummelten sich die Soldaten in dem 
zJalbdunklen, feuchten Raume, den ecin erstickender 
Beruch von Lederzeug, Tabak, Bierneigen, Käse und 
ausend anderen Dingen erfüllte. 
„Na, Albrecht .. immer noch Moralischen?“ 
rug, Hessel. 
Eccke goß finster ein Glas Ingwer herunter. 
„Die Welt ist eine blödsinnige Einrichtung!“ 
agte er. „. .. Apropos, will mir Niemand den 
Rekruten Tuleikes abnehmen? Ich geb' ihn billig!“ 
„Sofort,“ erwiderte Heinze ernsthaft, „wenn Sie 
meinen Musketier Kaltschmied 11 dafür in Zahlung 
rehmen . . . „tjiäü . .. sagt der Oberst ..,dieser 
Mann ist unmöglich“ ..* 
„War der Glaf denn auch bei Euch?“ frug Elcke 
erstreut. 
Herr von Hessel gähnte. 
mie natürlich,“ sagte er, „wo wird er denn 
ucht?“ 
Elclcke warf das Geld auf den Kantinentisch und 
nöpfte sich den Paletot zu. 
„Kinder!“ sprach er .. „.es ist ein Hunde— 
leben! — glaubt es mir! Wer kommt mit turnen?“ 
Die Anderen sahen auf die Uhr, fanden, daß es 
— 
Bängen hinauf. J 
* 
.2 
„Sehen Sie einmal diesen 
Menschen an .. tjä.. tjä .. 
dieser da .. dieser Mensch ist 
unmöglich!“
	        
Waiting...

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