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Volume Nummer 18

Full text: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1895, IV. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

Nr. 18. 
zreunde wohnten weit draußen, in einem billigeren 
Ztadttheil. Es war lächerlich, sie hier zu suchen, 
ioch lächerlicher aber, daß Fräulein Josephine einmal 
ind mit halbem Schrecken Herrn Wendheims hohen 
hut und hellen Ueberzieher in der Menge zu ent⸗ 
zecken glaubte. 
Auf dem täglichen Wege der Directrice lag ein 
leganter Putzladen, dessen Neuheiten ihr geschultes 
Auge jedesmal fesselten. Auch heute blieb sie stehen, 
uim die ausgelegten feinen Blumen, die Federn, die 
salb aufgerollten Bänder, die garnirten und ungar—⸗ 
irten Stroh- und Tüllformen zu betrachten. 
Die Scheibe des Ladenfensters war groß, der 
dintergrund dunkel! Fräulein Josephines Gestalt 
zurde davon zurückgeworfen wie von einem Spiegel. 
zei ihrer geringen Eitelkeit hätte fie sonst vielleicht 
icht darauf geachtet. Diesmal that sie es aber, und 
ie Farbe ihres Mantels schien ihr ausgeblichen, der 
-Zchnitt veraltet. In „unserem Geschäft“ waren eine 
Nenge Facçons, die ihre Figur weit besser zur Geltung 
ebracht haͤtten. Und indem sie mit der Linken ihr 
leines, geschlossenes Hütchen ein wenig nach vorn 
ückte, überlegte sie, ob jener große, runde Hut mit 
en schwarzen Spitzen und Federn, der da drüben 
uuf dem metallenen Haken hing, nicht besser und 
den etwas jugendlicher zu ihrem Gesicht stehen 
nöchte. 
„Sehen Sie, Fräulein Josephine, wie freundlich 
ser Zufall ist! Guten Abend — guten Abend!“ 
Das Bild im Schaufenster veränderte sich; mit 
einem leichten Zusammenfahren drehte die Directrice 
»en Kopf; sie sah in Herrn Wendheims behagliches, 
ingenehm überraschtes Gesicht. 
Hatte er sie erschreckt? Dann bat er tausend Mal 
im Verzeihung. Aber er war seiner Sache nicht 
zanz sicher gewesen, obwohl eine so feine Taille und 
in so adretter Gang nicht so leicht zweimal vor— 
ämen. Was that man aber jetzt eigentlich hier? 
zin wenig das schöne Wetter genießen? Nun, dazu 
ing man doch besser hinaus, unter grüne Bäume, 
u Konzert, Feuerwerk ꝛc. 
(Fortsetzung folgt.) 
5 
Weiße Haare. 
Tovelle von Th. de Grave. Deutsch von W. Thal. 
Machdruck verboten.) 
Schluß.) 
Mann glaubte, ich schliefe. Um sich 
»avon zu uͤberzeugen, beugte er sich über 
nich und horchte auf meinen Athem. Um 
ioch besser zu sehen, ob ich wirklich schlief 
»der nur so that, fuhr er mit dem Lichte, 
das er in der linken Hand hielt, mehrere Male über 
neine Augen, während sein rechter Arm die Waffe 
um Stoß bereit auf meine Brusft zückte. 
Eine Willenskraft, der ich mich nie für fähig ge— 
alten, zweifellos der Instinkt der Selbsterhaltung, 
ieß mich alle meine Energie zusammennehmen, und 
ch blieb vollständig unbeweglich. 
Der Mann war jetzt überzeugt, ich schlafe, könne 
also infolge dessen nichts sehen und hören — und 
vard kühner. 
Zuerst stellte er, auf den Fußspitzen gehend, die 
kerze auf den Kamin. Dann kam er leise zurück 
ind nahm meinen Rock vom Stuhl, auf den ich 
hn gelegt hatte; vorsichtig durchsuchte er die Taschen 
ind nahm den Schlüssel zum Schrank heraus, den 
ch vorhin eingesteckt hatte. 
In demselben Augenblick zuckte es mir in den 
Fingern, aufzuspringen, ihm sein Messer zu entreißen 
ind es ihm durch den Leib zu jagen. 
Der, Mann schritt auf den Schrank zu, öffnete 
hn vorsichtig und bemächtigte sich des Portefeuilles, 
as er schnell in die Tasche steckte ... 
Was konnte ich gegen ihn? Er war bewaffnet, 
ch nicht; er war angekleidet, ich nicht; er stand und 
ch lag noch immer; bei der geringsten Bewegung, 
Ien zu verlafsen, häite er fich fofort auf mich 
cestürzt. 
Ich öffnete halb die Augen und erkannte den 
Mann; und diese Entdeckung vermehrte mein Ent— 
etzen, denn der Dieb, der auch zum Morde ent—⸗ 
chlossen schien, war ... Frangcois, mein alter 
diener, der mein ganzes Vertrauen besaß, und den 
ch stets wie einen Freund behandelt hatte. 
Der Dieb hatte das Portefeuille an sich genommen, 
n die Tasche gesteckt und war dann wieder zu mir 
urückgekommen. 
Exr war entsetzlich anzuschauen. Die Haare standen 
hm zu Berge, der Teint war leichenfahl, die Züge 
zerzerrt; und noch immer starrte er mich an und 
auerte auf die geringste Bewegung, um sich auf 
nich zu stürzen. — 
Nach kurzer Pause holte er das Licht vom Kamin 
ind trat an mein Bett. Hier fuhr er mit derselben 
Vorsicht wie beim Eintritt mit dem Licht über meine 
ugen. Als er endlich überzeugt war, ich schliefe 
rwoch immer, wandte er sich, nach der halb offen 
lehenden Ausgangsthür. Gerade in demselben 
Herliner Illustrirle Zeitung. J 
„Nicht, bevor ich mit Dir gesprochen habe,“ ant— 
vortete ich. 
„Ah! der gnädige Herr bedarf meiner?“ 
Ja, ich habe Dir etwas zu sagen!“ 
Der Unglückliche erbleichte. 
„Die Sache drängt. Komm' mit!“ 
Ich wandte mich der Treppe zu. Francois folgte mir. 
In meinem Zimmer angelangt, setzte ich mich 
in den großen Mitteltisch, vor dem Francois er— 
vartungsvoll stehen blieb. Mit der größten Seelen— 
uhe schürte ich das Feuer; dann fragte ich nach 
inigen Minuten, die ihm wohl sehr lang vorkommen 
nochten, ohne mich nach ihm umzuwenden: 
„Wie lange sind Sie in meinen Diensten?“ 
Er blickte mich erstaunt an, weil ich nicht mehr 
„Du“ zu ihm sagte, und erwiderte: 
„Der gnädige Herr wissen es ja: fünfzehn Jahre!“ 
„Fünfzehn Jahre!“ wiederholte ich. „Sagen Sie 
nir, Francçois, hatten Sie während dieser ganzen 
Zeit jemals Grund, sich über mich zu beklagen?“ 
„Nie, gnädiger Herr.“ 
„Dann haben Sie sich also in meinem Dienste, 
her nicht allzu anstrengend war, recht wohl befunden?“ 
„Gewiß, gnädiger Herr; man findet selten einen 
so gütigen Herrn.“ 
„Weshalb wollen Sie meinen Dienst also ver— 
assen?“ fragte ich mit ruhiger Stimme. 
„Ich Sie verlassen, gnädiger Herr? Aber ich habe 
a nie daran gedacht!“ rief er, im höchsten Grade 
iberrascht. 
„Ich wiederhole Ihnen, François“, erwiderte ich 
nit der größten Kaltblütigkeit, „Sie wollen sich 
erändern!“ 
„Der Herr irren sich ...“ 
„Nein, ich irre mich nicht“, fuhr ich fort, „denn 
zuf diesem Tische liegt Ihre Abrechnung, um die 
Sie mich gebeten haben.“ 
„Ich haͤtte Sie darum gebeten? Aber wann denn?“ 
Heute Nacht!“ erwiderte ich kalt, und ohne an⸗ 
icheinend seine entsetzte Miene zu bemerken. 
„O, gnädiger Herr!“ rief er und bedeckte das 
Besicht mit den Händen. 
Aber in demselben gleichgiltigen Tone, den ich 
vährend der ganzen Unterredung beibehalten, er— 
viderte ich: 
„Frangois, nehmen Sie diesen Schlüssel.“ — 
Damit zeigte ich auf den Schrankschlüssel, den ich 
uf den Tisch gelegt hatte; er that es zitternd. — 
Oeffnen Sie den Schrank.“ Er that, wie ich be— 
ohlen. „Gut, ziehen Sie die erste Schublade heraus.“ 
yr gehorchte. „Sie finden darin mein Portefeuille; 
zehmen Sie's heraus und legen Sie es auf den Tisch.“ 
er meine Befehle ausgeführt hatte, sagte ich 
u ihm: 
„Hier haben Sie Ihr Gehalt bis zum heutigen 
dage; ferner die Auslagen, die Sie für mich gemacht 
„aben.“ Damit schob ich das ihm zukommende Geld 
or ihn hin und fragte dann: J 
„Haben Sie sonst noch etwas von mir zu fordern?“ 
„Nein, gnädiger Herr,“ murmelte er mit kaum 
ernehmlicher Stimme. 
„Schön. Aber da Sie mich verlassen und mir 
tets treu gedient haben, so will ich Ihnen ein kleines 
Heschenk machen.“ J— 
Francçois hob neugierig den Kopf und sah mich 
ragend an. 
„Nehmen Sie sich daher,“ fuhr ich fort, „aus 
diesem Portefeuille eine 1000 Fres Banknote, die ich 
Ihnen schenke. Verstehen Sie mich wohl, François, 
die ich Ihnen schenke.“ J 
„O nein, nein, gnädiger Herr,“ rief er mit er— 
tickter Stimme. 
Da ich sah, daß er im Begriff war, mir alles zu 
estehen, machte ich eine gebieterische Handbewegung 
ind sagte: 
„Ich befehle Ihnen, das Geld zu nehmen.“ 
MNein, nein,“ rief er, „ich will nicht, haben Sic 
Mitleid mit mit, gnädiger Herr!“ —— 
Mit diesen Worten fiel er mir zu Füßen, erfaßte 
neine Hände und sprach: 
„Verzeihung, Verzeihung, gnädiger Herr!““ 
Sann sprang er plötzlich auf, lief zur Thür und 
erschwand. 
Kurze Zeit darauf ging ich nach dem Zimmer im 
Erdgeschoß, in welchem ich den Pächter und seine 
Frau vorfand. J 
„Der Herr haben wohl seinen Diener mit einem 
Auftrag nach Rayeux geschickt,“ fragte der erstere, als 
mich eintteten sah . 
„In der That,“ sagte ich, „ich habe ihn nach der 
Ztadt geschickt. Ist er noch hier?“ 
„Nein, er ist fortgegangen, als er aus dem Zimmer 
es Herrn kam.“ 
Am nächsten Tage kehrte ich nach Paris zurück, 
ind zwei Tage später trat ich eine lange Reise durch 
anz Europg an. Die Geschichte, die ich Ihnen eben 
rzählte, hat sich vor einem Jahre zugetragen, seit— 
»em habe ich nichts mehr von meinem Diener gehört. 
ind nun fragen Sie mich wohl, in welcher Beziehung 
aeine prene mit der Ohnmacht von vorhin stehen 
ann? Ein einziges Wort wird Ihnen genuͤgen, um 
ieses Geheimniß aufzuklären: Als ich mich zu Tisch 
etzte, bemerkte ich unter den Dienern, die die Speisen 
uftrugen, meinen früheren Bedienten Francois“ 
lugenblick, als er die Schwelle überschreiten wollte, 
ieß sich die Kirchenglocke von Neuem vernehmen. 
zrançois blieb stehen und lauschte. 
Aber die Glocke schlug jetzt nicht mehr hell und 
röhlich wie vordem, nein, langsam, in düsterem 
lange entrangen sich die Töne ihrer ehernen Zunge. 
sch besann mich: die Mitternachtsmesse wurde ein— 
eläutet. 
In demselben Augenblick riß mich das Klappern 
mnes auf die Diele fallenden Gegenstandes aus 
neinem Träumen. Ebenso vorsichtig wie vorher 
lickte ich auf. Frangois stand noch immer an ver 
chür, eine übernatürliche Macht schien ibn dort 
irückzuhalten. 
Das Messer war ihm aus den Händen geglitten. 
zeim Niederfallen war die Klinge in die Diele ge⸗ 
rungen und hatte dort das leichte Geräusch, das 
h vernommen, verursacht. Francois bückte fich leife, 
og das Messer am Heft heraus und verbarg es in 
einer Rocktasche. 
Eine große Veränderung war in ihm vorgegangen. 
ẽr sah noch immer sehr bleich aus, aber der Aus— 
ruck seines Blickes war milder geworden, seine Züge 
schienen mir weniger entstellt, seine Stirn war in 
ochweiß gebadet, und seine bisher hochstehenden 
daare legten sich dicht an die Schläfe. 
Augenscheinlich kämpfte in ihm seit einigen 
Ninuten die Habgier mit dem Gewissen. Vielleicht 
atte ihn Reue erfaßt. Er schämte sich seiner Handlung. 
Ploͤtzlich — als gebe er einer Eingebuͤng nach, 
ing er zu dem Schrank, zog mein Portefeuille aus 
er Tasche und legte es in das Schubfach zuruͤck, 
us dem er es vor wenigen Minuten genommen 
atte. Dann stürzte er nach der Thür und ver— 
chwand auf der Treppe. 
Diese ganze Scene hatte kaum wenige Minuten 
edauert, und doch waren mir dieselben wie Jahre 
rschienen. Ich glaubte, um zehn Jahre gealtert zu 
ein, so sehr hatte mich der Vorfall erregt. 
Um mich zu überführen, daß ich mich nicht ge⸗— 
äuscht, stand ich sofort auf. Als ich meinen Rock 
n die Höhe hob, rollte der Schlüssel des Schrankes 
uf den Boden. Bei' der überstürzten Flucht hatte 
hu der Dieb auf die Kleider porsenh ohne ihn 
rst in die Tasche zu stecken. it dem Schlüssel in 
er Hand ging ich zum Schrank; er stand noch ge— 
ffnet. In dem Schrank lag Alles durcheinander; 
as Portefeuille befand sich auf den Papieren, während 
h es darunter gelegt hatte. Nein, ich hatte nicht 
eträumt, ich hatte recht gesehen, mein Diener Francois 
»ar ein Dieb, und kes haͤtte nicht viel gefehlt, so 
zäre er auch zum Mörder geworden! 
Am nächsten Morgen stand ich sehr früh auf. 
IUs ich mich erhob, fühlte ich heftige Kopfschmerzen, 
oie ich sie nie zuvor empfunden. Es kam mir vor, 
Is hätte ich alle meine Haare verloren. 9 
Das war nicht der Fall; aber mit Entsetzen be— 
ierkte ich, daß die dunkle Farbe vollständig ver⸗ 
hwunden war. Einen Monat später sind sie so 
erden wie Sie sie heute sehen, das heißt schnee— 
beiß. — 
Als ich mein Zimmer verließ, fand ich meinen 
Diener in der großen Stube im Erdgeschoß, wo er 
nit Therese und ihrer Mutter plauderte. 
Als Francois mich sah, stand er auf und begrüßte 
aich ohne die geringste Verlegenheit ganz in derfelben 
Leise wie sonst. 
„Der Herr sind schon bei Wege?“ sagte er lächelnd 
ind schien ganz glücklich, mich wiederzusehen. „Man 
ieht wohl“, fügte er hinzu, „der Herr haben gut ge⸗ 
chlafen und sich von den Strapazen der Reise voll⸗ 
ommen erholt.“ 
„Allerdings“, erwiderte ich, „ich habe gut ge— 
hlafen; Ihr Bett ist ausgezeichnet, Frau Jumille.“ 
„Um so besser, gnädiger Herr; hoffentlich werden 
Sie uns das Vergnügen machen, einige Tage in 
r2abaussais zuzubringen.“ 
„Nun, ich sagte nicht „Nein“; wir wollen sehen.“ 
Dann waͤndte ich mich plötzlich an meinen Diener, 
essen ruhige Unerschütterlichkeit mich ärgerte und 
iberraschte: J 
„Nun, und Du, François? Hast Du auch gut 
Jeschlafen?“ 
„Ich habe sehr wenig geschlafen, gnädiger Herr.“ 
„Ah! weshalb denn?“ — 
Ich war in der Mitternachtsmesse!“ 
„Oh! in der Messe!“ rief Therese mit sanftem 
Zorwurf. „Sie wollen sagen, Sie waren bei einem 
Theile der Messe!“ J 
Der Diener konnte eine Bewegung des Zornes 
icht unterdrücken. J 
„Gewiß“, fuhr Therese fort, „denn, Sie kamen 
ach Beginn und verließen die Kirche kurz vor der 
zredigt.“ 
— glaubte, es sei schon aus“, sagte Francçois, 
ich in die Lippen beißend. 
„Therese hat Recht“, fuhr die Pächterin fort, „Sie 
aben nur einen Theil der Messe mit angehört, und 
nenn Sie kein Heide sind, so fordere ich Sie auf, 
eute, Morgen mit uns zur Kirche zu kommen.“ 
„Gewiß, Frau Jumille“, erwiderte François, „ich 
erde zur Kirche gehen; es ist Weihnachten, und 
henn der gnädige Herr getgtten „Ffügte er, sich zu 
uir wendend, hinzu, „gehe ich gleich.
	        
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