seine Künstlerschaar zerflatterte in alle vier
Wände, nur einige davon übernahm auch
der neue Direktor einzelne wenige, wie das
Ehepaar Sommerstorff-Geßner, fanden ein
auderes Engagement in Berlin — das, Deutsche
Theater⸗ von' ehedem, war nicht mehr.
Dr. Otto Brahm, ein 88jähriger, war
kein Neuling mehr im Theatermesen. Vor
10 Jahren schwang er das kritische Richts chwert
n der Vofsischen Zeitung“ und war dann
einige Jahre darauf der intellektuelle Be⸗
gründer der Freien Buͤhne“, jenes Theater⸗
Rereins, welcher dem Naturalismus auf
dem Theater zum Wort verholfen hat. Hier
drat zum ersten Mal, Gerhart Haupt,
manne mit seinem, Vor Sonnenaufgang“
in die Erscheinung, hier kamen die verboten⸗
sten Sltücke, Ibsen's „Gespenster“, Haupt⸗
mann's „Weber“, zur uüͤherhaupt ersten Auf⸗
führung. Auch als Schriftsteller wirkte
Blahm' im Sinne jener Richtung. Doch
derdanken wir ihm auch ein vortreffliches
preisgekröntes) Buch über Heinrich von Kleist
und an groß angelegtes Werk über Schiller.
Man ficht lulerarisch wax Brahm gewiß, zum
Diteklor des Deutschen Theaters“ nan
eine andere Frage aber war die, ob er diese
Buhne nicht einseitig in den Dienst der
don der Freien Bühne“ protegirten drama⸗—
tischen Rchlung stellen würde.
Und die erste Vorstellung schien diesen
Befuͤrchtungen Recht geben zu wollen. Auch
die zweite Aera des „Deutschen Theaters“
wvuͤrde mit Schiller's“ Kabale und Liebe“
eröffnet; aber dieses Jugendwerk unseres
zroßen Dichters wurde in einem modern⸗
eaufuschen Styl gespielt, der gerade hier
sich als ein verblüffender Anachronismus
rwies. Niemand war denn auch von dieser
Vorstellung befriedigt. Glaänzend aber wurde
diese Schlappe durch die Aufführung
von Gerhart Haupimann's „Die Weber“ (welches
Stück hier seine erste öffentliche Aufführung er⸗
lebte) ausgewetzt und geradezu vortrefflich war die
jüngste Aufführung der „Gespenster“.
In dem Perfonal finden wir manchen Namen
wieder, der bereits früher hier geglänzt hat. So
Joseph Kainz (dessen Hamlet jüngst das lebhafteste
Interesse aͤller Theaterfreunde hexvorrief), Agnes
Sorma (welche als Nora Triumphe feierte), Arthur
Kraußneck und Pittschau. Unter den Mitgliedern,
die bisher noch nicht dieser Bühne angehört hatten,
Jennen wir vor allen: Emanuel Reicher, Rittner
Deutsches Theater:
Berliner Illustrirkle Zeitung.
Nr. 49.
sein, daß wir gelegentlich der Aufführung
diefes Schaufpiels in der „Freien Volks—
büůhne“ Teine eingehende Wuͤrdigung dieses
Werkes hrachten, das zudem noch durxch die
Zesprechungen in den Zeitungen inhaltlich
dem großen Publikum so bekannt geworden
fein dürfte, daß wir darauf vperzichten zu
können glauben, noch einmal Näheres über
diese einzigartige Dichtung zu sagen. Aber
foviel sei gesagt; selbst bei wiederholtem
Kennenlernen dieses Werkes von der Bühne
herab, verliert es nichts von seiner unmittel⸗
baren Wirkung, steigt es uns immer wieder
angesichts dieses angehäuften Elends, dieser
plotzlich wild emporschlagenden revolutionären
Lohe, heiß zu Kopf und zu Herzen. Mag
man der Tendenz des Werkes feindlich
oder sympathisch gegenüber stehen, man
kann sich der Wirkung desselben in keinem
Falle entziehen. Wieviel Gerhart Haupt—
mann auch immer noch schaffen mag, er
wird immerdar der Dichter der „Weber“
genannt werden.
Die Aufführung im „Deutschen Theater“
ist eine einwandslos vollendete. Man
vergißt, daß die Träger der Hauptrollen
diefelben eben nur darstellen, daß sie nur
Interpreten des geschriebenen Wortes sind,
so wunderbar getreu treten sie vor uns hin in
ihren Lumpen, in ihrer Sprache, in ihrer
Haltung. Da ist die rührend-komische
Gestalt des alten Baumert (Paul Pauli),
der meisterhafte Ansorge Reicher's, der alte
Hilse Kraußneck's, der kraftvolle Moritz des
jungen Ritkner. Und dazu die leidenschaft—
zurchguuht⸗ Schwiegertochter des alten Hilse
der Bertens, welch' ein Ensemble! Und
welches Leben durchpulst die Massenscenen,
die ihren Kulminationspunkt finden zum
Schlusse des vierten Aktes, wo sich
die bis zur Raserei erhitzte Menge wie
ein entfeffelter Lavastrom in das Haus
des Fabrikanten Dreißiger ergießt und
hort alles demölirt, was nicht niet- und nagelfest ist.
An dieser Vorstellung giebt es nichts zu tadeln, als
ielleicht — den Direktor, dem gewisse Kreise einen
Vorwurf daraus machten, daß er die vornehme
Atmosphäre des Hauses durch die Aufführung dieses
Revolutionsdramas entweiht habe, und vielleicht —
das Oberverwaltungsgericht, daß es das Verbot des
Stückes aufgehoben hat. Aber gerade mit den
Webern“ hat Brahm gezeigt, was er mit seinem
Perfonal leiften kann. Und Allen recht machen kann
es eben keiner.
Joseph Kainz als „Hamlet“.
Mach einer Photographie aus dem Atelier von J. C. Schaar w ächter,
Hofphotograph in Berlin.)
und Rosa Bertens. Jeder eine künstlexische Indi⸗
idualität für sich. Und so darf denn erwartet werden,
daß das „Deutsche Theater“ auch unter der Direktion
Brahm seine führende Stellung im Berliner Theater⸗
eben fich erhalten resp. wiedergewinnen werde, daß
z auch in Zukunft das werde, was es in der Ver—
gangenheit gewesen.
Nun noch, im Anschluß an unsere Illustration,
inige kurze Worte über die Aufführung der „Weber“
Kielen unserer Leser wird es noch im Gedächtniß
Schlußscene des 4. Aktes aus „Die Weber“ von Gerhart Hauptmann
Gezeichnet von Paul Salte)