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Volume Nummer 49

Full text: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1894, III. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

seine Künstlerschaar zerflatterte in alle vier 
Wände, nur einige davon übernahm auch 
der neue Direktor einzelne wenige, wie das 
Ehepaar Sommerstorff-Geßner, fanden ein 
auderes Engagement in Berlin — das, Deutsche 
Theater⸗ von' ehedem, war nicht mehr. 
Dr. Otto Brahm, ein 88jähriger, war 
kein Neuling mehr im Theatermesen. Vor 
10 Jahren schwang er das kritische Richts chwert 
n der Vofsischen Zeitung“ und war dann 
einige Jahre darauf der intellektuelle Be⸗ 
gründer der Freien Buͤhne“, jenes Theater⸗ 
Rereins, welcher dem Naturalismus auf 
dem Theater zum Wort verholfen hat. Hier 
drat zum ersten Mal, Gerhart Haupt, 
manne mit seinem, Vor Sonnenaufgang“ 
in die Erscheinung, hier kamen die verboten⸗ 
sten Sltücke, Ibsen's „Gespenster“, Haupt⸗ 
mann's „Weber“, zur uüͤherhaupt ersten Auf⸗ 
führung. Auch als Schriftsteller wirkte 
Blahm' im Sinne jener Richtung. Doch 
derdanken wir ihm auch ein vortreffliches 
preisgekröntes) Buch über Heinrich von Kleist 
und an groß angelegtes Werk über Schiller. 
Man ficht lulerarisch wax Brahm gewiß, zum 
Diteklor des Deutschen Theaters“ nan 
eine andere Frage aber war die, ob er diese 
Buhne nicht einseitig in den Dienst der 
don der Freien Bühne“ protegirten drama⸗— 
tischen Rchlung stellen würde. 
Und die erste Vorstellung schien diesen 
Befuͤrchtungen Recht geben zu wollen. Auch 
die zweite Aera des „Deutschen Theaters“ 
wvuͤrde mit Schiller's“ Kabale und Liebe“ 
eröffnet; aber dieses Jugendwerk unseres 
zroßen Dichters wurde in einem modern⸗ 
eaufuschen Styl gespielt, der gerade hier 
sich als ein verblüffender Anachronismus 
rwies. Niemand war denn auch von dieser 
Vorstellung befriedigt. Glaänzend aber wurde 
diese Schlappe durch die Aufführung 
von Gerhart Haupimann's „Die Weber“ (welches 
Stück hier seine erste öffentliche Aufführung er⸗ 
lebte) ausgewetzt und geradezu vortrefflich war die 
jüngste Aufführung der „Gespenster“. 
In dem Perfonal finden wir manchen Namen 
wieder, der bereits früher hier geglänzt hat. So 
Joseph Kainz (dessen Hamlet jüngst das lebhafteste 
Interesse aͤller Theaterfreunde hexvorrief), Agnes 
Sorma (welche als Nora Triumphe feierte), Arthur 
Kraußneck und Pittschau. Unter den Mitgliedern, 
die bisher noch nicht dieser Bühne angehört hatten, 
Jennen wir vor allen: Emanuel Reicher, Rittner 
Deutsches Theater: 
Berliner Illustrirkle Zeitung. 
Nr. 49. 
sein, daß wir gelegentlich der Aufführung 
diefes Schaufpiels in der „Freien Volks— 
büůhne“ Teine eingehende Wuͤrdigung dieses 
Werkes hrachten, das zudem noch durxch die 
Zesprechungen in den Zeitungen inhaltlich 
dem großen Publikum so bekannt geworden 
fein dürfte, daß wir darauf vperzichten zu 
können glauben, noch einmal Näheres über 
diese einzigartige Dichtung zu sagen. Aber 
foviel sei gesagt; selbst bei wiederholtem 
Kennenlernen dieses Werkes von der Bühne 
herab, verliert es nichts von seiner unmittel⸗ 
baren Wirkung, steigt es uns immer wieder 
angesichts dieses angehäuften Elends, dieser 
plotzlich wild emporschlagenden revolutionären 
Lohe, heiß zu Kopf und zu Herzen. Mag 
man der Tendenz des Werkes feindlich 
oder sympathisch gegenüber stehen, man 
kann sich der Wirkung desselben in keinem 
Falle entziehen. Wieviel Gerhart Haupt— 
mann auch immer noch schaffen mag, er 
wird immerdar der Dichter der „Weber“ 
genannt werden. 
Die Aufführung im „Deutschen Theater“ 
ist eine einwandslos vollendete. Man 
vergißt, daß die Träger der Hauptrollen 
diefelben eben nur darstellen, daß sie nur 
Interpreten des geschriebenen Wortes sind, 
so wunderbar getreu treten sie vor uns hin in 
ihren Lumpen, in ihrer Sprache, in ihrer 
Haltung. Da ist die rührend-komische 
Gestalt des alten Baumert (Paul Pauli), 
der meisterhafte Ansorge Reicher's, der alte 
Hilse Kraußneck's, der kraftvolle Moritz des 
jungen Ritkner. Und dazu die leidenschaft— 
zurchguuht⸗ Schwiegertochter des alten Hilse 
der Bertens, welch' ein Ensemble! Und 
welches Leben durchpulst die Massenscenen, 
die ihren Kulminationspunkt finden zum 
Schlusse des vierten Aktes, wo sich 
die bis zur Raserei erhitzte Menge wie 
ein entfeffelter Lavastrom in das Haus 
des Fabrikanten Dreißiger ergießt und 
hort alles demölirt, was nicht niet- und nagelfest ist. 
An dieser Vorstellung giebt es nichts zu tadeln, als 
ielleicht — den Direktor, dem gewisse Kreise einen 
Vorwurf daraus machten, daß er die vornehme 
Atmosphäre des Hauses durch die Aufführung dieses 
Revolutionsdramas entweiht habe, und vielleicht — 
das Oberverwaltungsgericht, daß es das Verbot des 
Stückes aufgehoben hat. Aber gerade mit den 
Webern“ hat Brahm gezeigt, was er mit seinem 
Perfonal leiften kann. Und Allen recht machen kann 
es eben keiner. 
Joseph Kainz als „Hamlet“. 
Mach einer Photographie aus dem Atelier von J. C. Schaar w ächter, 
Hofphotograph in Berlin.) 
und Rosa Bertens. Jeder eine künstlexische Indi⸗ 
idualität für sich. Und so darf denn erwartet werden, 
daß das „Deutsche Theater“ auch unter der Direktion 
Brahm seine führende Stellung im Berliner Theater⸗ 
eben fich erhalten resp. wiedergewinnen werde, daß 
z auch in Zukunft das werde, was es in der Ver— 
gangenheit gewesen. 
Nun noch, im Anschluß an unsere Illustration, 
inige kurze Worte über die Aufführung der „Weber“ 
Kielen unserer Leser wird es noch im Gedächtniß 
Schlußscene des 4. Aktes aus „Die Weber“ von Gerhart Hauptmann 
Gezeichnet von Paul Salte)
	        
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