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Volume Nummer 44

Full text: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1894, III. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

Nr. 44. 
Berliner Illustrirle FZeilung. 
Schloß Livadia. Aufenthaltsort des kranken 
Fivadia. 
Pater Johannes. 
Als man zuerst in den Zeitungen die Nachricht 
as: Der Oberprokurator der heiligen Synode habe 
en „bekannten“ Pater Johannes aus Kronstadt, 
er durch seine Gebetswunder schon manchen von den 
lerzten aufgegebenen Kranken vor dem Tode ge⸗ 
ettet habe, an das Krankenlager des Zaren berufen, 
za war man wohl versucht, diesen „Pater Johannes“, 
n dem außkerhalb Rußlands faum je ein Menschetwas 
De Blicke der zivilisirten Welt sind seit 14 Tagen 
2 auf das Schloß Livadia in der Krim gerichtet, 
in welchem der Zar mit dem Tode ringt. Zwar war 
ja neuerdings eine steigende Besserung in dem Be— 
finden des Kranken von dorther vermeldet worden; 
aber diese Besserung hielt nicht lange an, die Nach— 
richten, die bis zur Stunde vorliegen, lauten geradezu 
trostlos, und aller Wahrscheinlichkeit nach ist Zar 
Alexander III. zur Zeit, wo diese Blätter in die Hände 
unserer Leser gelangen, ein todter Mann. Eine noch— 
malige, wenn auch nur flüchtig andauernde Besserung 
in dem Zustande des Zaren scheint diesmal völlig 
ausgeschlossen. Und so wird denn Schloß Livadia 
nach menschlicher Voraussicht in der Geschichte als 
das Sterbehaus Alexander III. bezeichnet werden 
müssen. 
Schloß Livadia ist ein verhältnißmäßig einfaches, 
räumlich nicht grade sehr ausgedehntes Bauwerk und 
berdankt dem Zaren Nicolaus seine Entstehung. Es 
liegt etwa eine Stunde von PYalta, dem nordischen 
Nizza, an der großen Heerstraße, welche am Meeres⸗ 
strand von Yalta nach Sebastopol führt. Die Küste 
der Krim weist um PYalta eine üppige Vegetation 
auf und erhebt sich hier zu herrlichen Höhenzügen. 
Das Klima ist ein mildes und noch jetzt ist die Luft 
sommerlich warm. In der Nähe Livadias befinden 
sich auch noch andere kaiserliche Schlösser, in welchen 
die Mitglieder der kaiserlichen Familie einlogirt sind. 
Schloß Livadia ist natürlich seit der Anwesen⸗ 
heit des Zaren der Mittelpunkt eines reich bewegten 
vebens, das auch des Nachts nicht erstirbt, während 
velcher das Schloß mit seinen zahlreichen erleuchteten 
Fenstern weit hinaus in die Dunkelbeit strahlt. 
Vater Johannes von Rronstadt,. 
der russische Wunderpriester. 
Faren. 
jehört hatte, in der Phantasie eines sensationssüchtigen 
Reporters zu suchen. Aber bald stellte es sich 
seraus, daß diese Persönlichkeit nicht nur existirte, 
ondern thatsächlich auch durch die Kraft seines Ge⸗ 
etes Wunderkuren verrichtet haben —- sollte, und an 
has Krankenlager des Zaren berufen, auch von der 
dönigin von Griechenland bei ihrer Durchreise durch 
Kronstadt nach Livadia mitgenommen worden war. 
Um diesen „Otetz Joann“ hat die Phantaste des 
Russen schon einen förmlichen Legendenkranz gewoben. 
Man behauptet allen Ernstes von ihm: er habe viele 
für unheilbar erklärte Kranke durch Auflegen seiner 
Hände und inbrünstiges Gebet gerettet. Und daß 
die wunderbare Besserung im Befinden des Zaren 
von dem Kleinrussen nun dem Pater zugeschoben wird, 
ist nach dem Vorhergesagten wohl erklärlich. Wir 
glauben aber eines Kommentars hierzu enthoben 
zu sein. 
Halten wir uns nun an die Persönlichkeit dieses 
Heiligen. Er wird im Gegensatz zu vielen seiner 
Amtsbrüder als ein lauterer Charakter geschildert, 
bedürfnißlos für seine Person, ein wahrer Freund 
der Armen, der die großen Summen, die ihm von 
hegüterten Leuten zufließen, nur wieder der Armuth 
zIzuwendet, ohne erst lange zu prüfen, ob jeder Arme 
auch „würdig“ ist. Seine Lebensaufgabe ist der 
Kampf gegen den Alkohol, diesen Todfeind des russi⸗ 
schen Volkes, und auch in diesem Kampf soll er schon 
oiele Erfolge errungen haben. Der Russe aus dem 
niederen Volke nennt den Namen dieses seltsamen 
Mannes mit abergläubischer Verehrung, und wehe 
dem Unglücklichen, der es wagen wollte, in einem 
solchen Kreise an den Gebetswundern des Otet; 
Joann zu zweifeln! 
Das ist's, was wir über den Pater Johann aus 
tronstadt in Erfahrung bringen konnten.
	        
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