Hanswurst.
Line Theaternovelle von Carl Glabisch.
(Nachdruck verboten.)
28 unte, ellenlange Zettel, die an den Eckhäusern
7 5 und Brunneuͤröhren der kleinen Stadt P...
5 prangten, die auf, den Biertischen der öffent⸗
lichen Lokale auslagen, die von dem lahm⸗
beinigen Theaterdiener und, Lampenputzer der
B eschen Schauspielgesellschaft in den Häusern
herumgetragen, in die geöffneten Stubenthüren ge—
seicht oder an die Klinken der zufällig geschlossenen
ehängt wurden, verkündeten schon anfangs der
e für den nächsten Freitag eine „außerordentliche
Vorstellung — abonnoment suspoendu — zum
Benefiz für den Komiker und Regisseur Herrn Peter⸗
mann.“ Ein pausbäckiger schellenklingender Bajazzo
sland links oben in der Ecke des Zettels auf dem
Kopf, spreizte seine beiden Krummbeine in die Luft
ind blies ein mächtiges, fettgedrucktes „Hört!! Hört!!“
aus dem Schalltrichter seiner betroddelten Riesen—⸗
Posaune. Zu beiden, Seiten unten umdampften
wei Lokomotiven die humoristische Einladung:
„Noch nie dagewesen! Unwiderruflich dies
ꝛine Mal nur veranstalte ich obige Riesen-Extra⸗
Vergnügungsfahrt, woran Jeder für wenige
Froschen Antheil nehmen kann. Aufenthalt zum
Behufe der Restauration guf allen Stationen des
wheren Blödstnuns. In Erwartung eines starken
Trains ist der Dampfwagen meines Humors gut
geheizt. Nur leichtes Gepäck, als da sind gute
Laune und Frohsinn, wird zur Mitbeförderung
angenommen. Wegen voraussichtlicher Ueberfüllung
zitke um rechtzeitige Anmeldung. Abfahrt vom
Bahnhofe „zur guten- Hoffnung“, wo Ihrer er⸗
gebenst harrt Fritz Petermann.“
Und eine „Reise um die Welt der Bretter“ oder
in „Sträuschen für Jedermann“ hieß es im Haupt⸗
theil: ein wüst zusammengeworfenes Gemengsel von
Bruchsteinen aus zwanzigerlei Komödien, aus allen
nur denkbaren Gebieten des Kothurn und Soccus,
Ernst und Scherz, immer in jäher Ahwechselung,
vie es im weiteren das Programm dieser markt—⸗
chreierisch annoncirten Vorstellung bot, rechtfertigte
die Benennung.
Ja, gut geklappert! Aber gehört nicht Klappern
zum Handwerk? klappert nicht alle Komödie? klappern
zicht Hoftheater selbst? — warum wollt Ihr's einem
Mitgliede der B... 'schen Gesellschaft, zumal deren
erstem Hanswurste verdenken, der mit — sage:
ünfundzwanzig Thalern monatlichen Gehalts nach
dem Etat der Direktion gar schon brillant bezahlt
var. Direktor B... waär auch spekulativ genug,
Benefize erst nach Ablauf der guten Zeit, erst wenn
ex selbst schon die Geldbeutel seines Publikums nach
Kräften geschröpft hatte, zu gewähren; die thätige
Erfindungsgabe seiner Milglieder, deren Beliebtheit
beim Publikum, mochten dann das ihre thun, ein
paar volle Häuser, deren halber Ertrag ja auch auf
ihn fiel, noch zu erzielen. Die Gesellschaft war
bereits sechs Wochen in dem kleinen Ort, als Peter⸗
mann's Benefiz, zwar in der Reihe aller kontraktlich
zugestandenen das erste, annoncirt wurde. Indeß
war schon die Theilnahme des Publikums sehr ge—
sunken, die letzten Abende hatten die mäßigen Kosten
aum gedeckt, die letzte Wochengage war an die
Schauspieler schon nicht mehr voll ausgezahlt worden;
omit war die Reklame füuͤr nächsten Freitag wohl
ehr verzeihlich Ob indeß auch der Erfolg ent⸗
sprechend der Bemühung sein werde, das freilich
tand auf einem anderen Blatte. Man studirte den
Zettel; man lächelte; „hm, hm!“ machten die um
den Biertisch, dann sprachen sie von Politik und
Wetter, von der bevorstehenden Ernte und so weiter.
Freund Petermann aber stand zagenden Herzens
auf dem Bahnhofe „zur guten Hoffnung“.
Eine heitere Landschaft wenigstens lag vor ihm,
oon einem blauen Sonnenhimmel umspannt, mit
hren duftenden Gärten, ihren wogenden Kornfeldern,
hren abgemähten Wiesen, auf denen die schwellenden
Heuschober schon prangten, ihren bläulich in der
Ferne verschwimmenden Bergen, mit all' dem
lachenden Sommerglück, das über sie ausgegossen
chien, zu ihm hinaufgrüßend, wie er da sinnend am
Fenster seiner Wohnstube lehnte. In dem Augen—
hlick ruhte ein fast starrer Ernst auf seinen sonft so
beweglichen Zügen. Ja, dies Antlitz hatte seine
Maske heute abgelegt, — diese nach Gunft und Be—
ieben wechselnde, Tag um Tag anders geschminkte
Proteusmaske, welcher die Hefe des „Olymps“, die
Hründlinge im Parterre, wiehernd zujauchzten, indeß
hzäufig genug das Auge der Besseren und Edleren
ich verhüllend abwandte, war einmal in dieser
Stunde unbelauschter Einkehr gefallen und ein
vahrhaftes Menschenantlitz, rein und unverzerrt,
ohne Schminke und Kunst, war sichtbar, — nun
aber was für ein Antlitz! von wie mächtigem Reiz!
vie seltsam anmuthend! welch' ein sympathisches
Interesse fordernd! Nicht schön, aber charakteristisch
hedeutsam trat aus einer Fülle braunen Locken—
haares dies hagere, gelblich bleiche, noch jugendliche
sHesicht; über die schmalen, feingeschnittenen Lippen
Berliner Fllustrirle Zeitung.
ragte, ein wenig herausfordernd groß, eine gebogene
Zaͤbichtsnase; die Wangen waren eingefallen, zwei
jefe Furchen weisend, — aber groß, sprechend, voll
Zlanz die zwei dunklen Augen, und über den schön
ezogenen Brauen die breile, hohe, geaderte Stirn
leich einer, ehernen Schutzwehr vorragend, hinter
er auch Gedanken nisten mochten, die keine Be—
ihrung der rohen Außenwelt vertrugen. Und es
ar auch im Uebrigen eine anmuthig schöne
Nenschengestalt, mittelgroß, schlank und wohlgeformt
ie in ihrer — Haltung, wie sie da leicht
agelehnt, den linken Arm, mit dem Ellenbogen auf
em Fensterriegel ruhend, über dem Haupt, so daß
ie gefpreizten Finger der langen weißen Hand sich
as Haar wühlken, die rechte Hand in der Brust⸗
fnung des Hemdes, wohl schwerlich den glieder⸗
errenkenden, grimassirenden Bajazzo der Bühne
errieth. Höchstens hätte dies seine Kleidung: die
roß und bunt geblümte chinesische Tunica, die, ein
usrangirtes Theatergarderobestück, nunmehr als
zchlafrock diente, die zerfetzte gelbseidene Schärpe
arum, an den Füßen die rothledernen Pantoffeln, aus
gemaligen Ritterstiefeln geschnitten, — und auch wohl
ie grotesk lüderliche Wirthschaft dieser Behausung
Es ist ein zwar geräumiges, aber niederes Ge—
iach, dem nur das eine Fenster Licht giebt, so daß
A diesem Augenblick, wo die Vormittagssonne nut
ne einzelne Strahlengarbe hineinsendet, ein magisches
elldunkel in dem gar seltsam ausstaffirten Raum
erxrscht. Ihn würden die paar dürftigen, altmodisch
erbrauchten Möbelstücke, der große Kleiderschrant
ier im Winkel, die geschweifte, mit messingenen
iehringen versehene Kommode, die breite Bettstelle
m anderen Winkel, der Tisch mit Löwenfüßen, wenn
rauch mitten im Zimmer steht, die vier hochlehnigen,
nit blaugeblümtem, vielfach schon zerfetztem Stoff
herzogenen Stühle, kaum ausfüllen, wäre nicht
lerhand bunter Kram hier, in Hüll' und Füll',
nter und über einander hin ausgestreut, fast einer
ollgestopften Trödelbude vergleichbar. Schrank und
ommode stehen offen, da ist Garderobe und Wäschezeug
urcheinandergewühlt, in wüster Unordnung sichtbar
Hier hängt ein rother Banditenmäntel am
zchlüssel einer Schublade; hier steht mit zerbrochenem
'eckel ein hoher Kleiderkorb, da eine Kiste mit
zapieren, Noten, Büchern; da am Boden liegt ein
mgestülpter Koffer, aus dem bunter Bühnenplunder
erausquillt. Ihr fahrt plötzlich zurück: ein schwarz⸗
ottiger Pudel — ah bah! er hält seinen friedlichen
dorgenschlummer auf einer Husarenjacke. Was für
in Chaos von Dingen liegt, steht, hängt und drängt
ch auf der tintenbefleckten Tischdecke zusammen:
assen, Bücher, Flaschen, Brotstücke, Theaterrollen,
n. Paar Stiefel, eine Studierlampe, Arzneigläser,
'abakspfeifen, Hose und Weste, ja, weiß der Him—
nel, was Alles! An der Wand über dem Bett,
essen blau⸗weißgestreifte Kissen noch von der Nacht
er durchwühlt und zusammengedrückt liegen, hängen
in paar Pistolen, zwei Rappiere, daneben eine Geige
ebst Bogen, aber Haare und Saiten zerrissen, an
en übrigen Wänden Bilder, Portraits von Schau—
ielern, die meisten zum Theil fleckig und uneinge—
ahmt — so stellt sich die geniallüderliche Ausstattung
ieses Gemaches dar. Aber noch ein kleiner Alkoven⸗
aum scheint neben diesem zu liegen: durch einen
alb zur Seite gezogenen grünen Vorhang werden die
indeutlichen Umrisse noch eines zweiten Bettes sichtbar.
Eine Weile hat unser Freund schweigend und
egungslos am Fenster gestanden, in Träumen und
Sinnen verloren, das Auge unverrückt in die Ferne
eftend, nur daß sich der wehmüthige Zug um seiné
Nundwinkel mehr verdüstert hat; jetzt drängt sich
in leiser, tiefer Seufzer über seine Lippen und sie
eginnen zu murmeln: „Narr — der du hoͤfst!
er du vom Sonnenglanz, vom gleißenden Schim⸗
aer, dir ins Aug' strahlend, erwartest, er solle ewig
auern! Ist Alles nicht Blendwerk? der Himmel
- die Erde — die Welt — eine große Komödie?!
Ver hat nicht glücklich gelacht? aber der Vorhang
ällt, die strahlende Dekoration ist verschwunden —
zie Lichter verlöscht — Nacht, tiefe Nacht im Raum
— — drücke dich tastend durch bis zum Ausgang:
oo kalter Tod dich umfängt, wo das Lächeln ge—
riert auf deinem Munde! War die kurze Täuschung,
ie lügnerische Posse nur des Entrees werth?“
Einige Sekunden lang schwieg er wieder. Ein
pöttisches Lächeln hatte sich über sein Antlitz ge—
hlichen; jetzt zuckte es wie Schmerz, tiefer Schmerz
aseinen Augen, eine grollende Stirnfalte ward über
inen sichtbar und die Worte preßlen sich stöhnend aus
einer Brust: „Es ist Hohn! — und nur Hohn! Ihr
efälliges Lächeln soll mich das Grauen hinter mir nur
itter empfinden lassen! Du seelenloses All' — herz⸗
ose Buhle — wer dich Kosmos nennt! Narr der! Eh!“
Die Hand zuckte, die über seinem Haupte ge—
ꝛgen, er fuhr vom Fenster zurück, strich mit den
ebenden Fingern über das Auge, in dem eine hervor—⸗
unellende Thräne zitterte, und in dem nämlichen
Nomente rief eine leise, weiche Frauenstimme aus
em Innern des Alkovens wie flehend: „Fritz!“
Er wandte sich zusammenzuckend ganz um, mit
in paar eiligen Schritten war er am Vorhang, zog
hn bei Seite und trat an das drinnen befindliche
Hett. „Willst Du etwas. Mathilde?“
Nr. 88.
Statt der Antwort reichte sie ihm nur die magere,
ast durchsichtige Hand, die er fest und innig in seine
eiden drückte, indeß er sich dicht vor ihr auf die
Bettkante niederließ. „Mein liebes Weib“ —
auchte er, und der Ton seiner Stimme klang so
ubrünstig, liebevoll — „wie geht's Dir?“
„O, besser!“ flüsterte sie kaum hörbar, „ich
mpfinde fast keinen Schmerz mehr. Ja, ich hoffe
ald wieder genesen —“
Ein kurzer, hohler Husten unterbrach die Worte
ind ihr wachsbleiches Gesicht röthete sich ein wenig,
vährend es doch wie ein Hauch schmerzlichen Zuckens
urüber hinflog. Die Hand, welche in der ihres
gatten ruhte, krampfte sich fühlbar zusammen, mit
er anderen hatte sie einen Zipfel des Deckbettes ge—
aßt und fuhr damit hastig zum Munde, wie als
bollte sie jenen Verräther ihrer frommen Lüge zu—
ückdrängen. „Mathilde!“ der Ruf klang als leiser,
ärtlicher Vorwurf von seinen Lippen, da er sich nun
nit besorgter Eile zu ihr hinabbeugte, und, mit der
inen Hand unter ihr Haupt greifend, um es sammt
en Kissen ein wenig aufzurichten, mit der anderen
och inniger ihre zuckende Rechte umschloß. „Du
prichst wieder zu viel! Du sollst nicht, hat Dir der
Doktor gesagt. Jedes Wort greift Dich an!“
Der Husten hatte schon aufgehört. Sie schwieg
in auch gehorsam; nuͤr ein mildes Lächeln und
ine Bewegung auch ihrer freien Hand nach ihm hin
aten stumm um Verzeihung, und einen Kuß hauchte
r, zum Zeichen, daß er schon versöhnt sei, auf ihre
leichen, blutlosen Lippen.
„Ich bin ja schuld!“ sagte er mit sich zürnend.
Ich habe durch meine unbedachte Frage selbst Dich
ereizt, zu sprechen. Ja, ich bin ein nichtsnutziger,
ingeschickter Pfleger! Habe Du nur Geduld mit mir!“
Ein langer, dankbarer Blick ruhte dafür auf
ꝛinem Antlitz, und auch er saß, seine Augen lang
ind zürtlich in ihre Züge begrabend, still vor ihr.
der unsichtbare Engel der Liebe stand zwischen
zen und hielt segnend seine Hände über die
zäupter dieser zwei einsam Duldenden.
Die arme Frau, welche da schwer krank — ver—
nuthlich an einem Brustleiden — darniederlag:
vem hätte sie nicht schmerzliche Theilnahme ab—
iöthigen sollen! Sie war noch jung — etwa die
Nitte der Zwanziger mochte sie unlängst überschritten
aben, und schön — o, blendend schön mußte sie
inst gewesen sein, noch waren die unvertilgbaren
Zpuren auf ihrem Antlitz sichtbar. Das goldblonde
zaar, nun aufgelöst, ergoß sich in üppigen Wellen
iber das weiche Kopfkissen, gleich einer Glorie,
Felche das blasse, abgezehrte Gesicht einer heiligen
)ulderin umrahmt. Die blauen, großen Augen sind
un zwar tief in ihre Höhlen gesunken, aber noch so
orechend, so seelenvoll, so liebesinnig, zuweilen
oundersam aufleuchtend, als spiegele sich der geöff—
ete Himmel in ihnen. Und wie bezaubernd lächelt
och manchmal ihr Mund; diese schmalen, feinen
nmuthig geschwungenen Lippen, hinter denen noch
nmer die Perlenzähne leuchten — zum Küssen
iß! — Aber da seht wieder diese eingefallenen
Vangen, die scharf sich einsenkenden Augenraͤnder, die
euchten Schläfen mit ihren blau und dick vortretenden
Idern, — erfaßt euch nicht grenzenloses Mitleid?!
Ja, ein Gefuͤhl unendlichen Wehes quoll auch
oieder aus der Brust des Mannes auf, während er da
chweigsam vor ihr saß. Ihre Lider hatten sich allmählich
esenkt, noch ruhten seine Augen auf ihnen; aber deren
Hlanz warerloschen, die Seele, die erft sichtbar aus ihnen
zeblickt, war zurückgewichen, schweiftenun fernab —
Il seine Gedanken mit ihr. Woran mahnte es ihn! —
In einer regnerischen, gar dunklen Nacht stand
r — nun sind's Jahre her — vor einem Haus in
iner großen Stadt, seiner Vaterstadt — und nahm
Ibschied. Die lange, finstere Straße lag einsam,
insam wie seine Brust, in der alle Gefühle er—
chlagen waren — bis auf eines, das lebte, das nun
n Sehnsucht hinaufflog zu jenem hohen Hause, zu
inem Fenster da oben, dem einzigen in den drei
insteren Stockwerken, wo noch ein mattes Licht
rannte. „Mathilde!“ rief er gedämpft hinauf. Oben
as Fenster klirrte — eine Gestalt ward sichtbar —
bist Du's? Ich komme!“ hauchte es kaum vernehmlich
erab — leise schloß es sich wieder — nach einer
urzen Weile ging unten die Hausthür auf — eilig
chlüpfte er unter den Bogen des Portals, ihr ent—
—B—
„Fritz — gehe nicht — bleib'! Ich ertrage es
rzicht, einsam — ohne Dich —“
„Und es muß sein! Kind, fasse Dich. Meine
Ehre — mein geschändeter Name —“
„Bist Du nicht schuldlos?“
„Vor Dir, Du Heilige! Vor der Welt nicht!
ẽr hat einmal im Gefängniß gesessen, werden sie
agen — er kann unter uns Ehrlichen nicht sein! —
ind ich will's nicht! Mein Gedächtniß, mein Name
ei ausgetilgt! Mein Herz blutet, da ich es loßreißen
nuß von Liebe und Heimat — schwer ist der Ab—
chied — aber Mathilde, es muß — es muß sein!“
„Soll ich nie wieder von Dir hören?“ und sie
imschlang unter Thränen fester seinen Hals, da er
eine Bewegung zum Aufbruch machte.
„Doch, Mathilde! Ich schreibe Dir, wo ich
inen Platz gefunden, — wir trennen uns nicht!