Allerlei vom Fage.
Her Falb hat sich zum anderenmale ein Fiasko
7 geholt. Er hatte für das Pfingstfest allerlei
Tücken des Wetters prophezeit und siehe da! — ihm
zum Hohne und den übrigen Mitmenschen zur
Freude leuchtete während des Festes unentwegt die
Sonne auf die maiengrüne Erde herab.
Bei alledem: es war doch ein „nasses“ Fest.
Denn die Sonne erzeugte Hitze und die Hitze erzeugte
Durst und der Durst ist dazu da, um „gelöscht“ zu
werden. Statistiker mögen ausrechnen, wie viel
Hektoliter Gerstensaft zur Löschung des Pfingstdurstes
nothwendig waren; es würde da gewiß eine viel—
nullige Zahl herauskommen.
Und da das Wetter keinen Strich durch die
Pfingstrechnungen machte, so verlief das Fest durch⸗
aus programmgemäß. Die ausrangirtesten Vieh—
wagen mußten noch einmal heran, um dem Ausflugs⸗
bedürfniß der Berliner und Nichtberliner zu genügen.
Für die Bahnbeamten waren denn auch die Pfingst⸗
lage nichts weniger wie Festtage.
In den Feiertagen konnte man auch auf dem
Berliner Pflaster die ersten jener Sendboten sehen,
die die Provinz in den Monaten ohneer nach der
Reichshauptstadt schickt. Sie treten immer gruppen⸗
weise auf: Vater, Mutter und halbwüchsige Spröß—
linge, von denen der männliche Theil unfehlbar mit
der bunten Gymnasiastenmütze geschmückt ist. An
der Hand ihres Baedeker grasen sie die darin ver—
zeichneten Sehenswürdigkeiten Berlins ab. Man
würde aber fehl gehen, wenn man in diesen Pro—
vinzialen eine unbegrenzte Bewunderungsfähigkeit
für Berlin und die Berliner vermuthete. Sie sind meist
sogar recht skeptisch veranlagt; und eigentlich nur die
Stadtbahn, Café Bauer und das Passage-Panopticum
erfreuen sich ihrer unumschränkten Anerkennung.
Von den Berlinern aber wollen sie, wenn sie nicht
grade mit ihnen verwandt und befreundet sind, kaum
etwas wissen. Sie sehen in jedem so etwas wie
einen Bauernfänger, Taschendieb oder gar noch etwas
Schlimmeres, und sind fest überzeugt, es nur ihrer
ganz besonderen „Helligkeit“ verdankt zu haben, wenn
sie ungefährdet aus der Reichshauptstadt wieder hin—
ausdampfen.
Den Berlinerinnen gegenüber aber hegen sie,
wenigstens so weit der Provinzpapa, der von den
ersteren wiederum meist „Onkel“ genannt wird, in
Betracht kommt, bei weitem versöhnlichere Gefühle.
Namentlich gegen jene Berlinerinnen, die in den
Nachtstunden von 10—2 in den öffentlichen Ball—
sälen „empfangen“. Die holde Weiblichkeit ist's
eben immer und überall, deren Einfluß versöhnend
und versöhnlich wirkt. Andererseits aber sollen es
gerade diese Berlinerinnen sein, die in manchem
Provinzialen die Erinnerung an Berlin mit bitterem
Nachgeschmack erfüllt. Erkläre mir, Graf Oerindur ...
Auch einen Kongreß haben uns die Pfingstfeier—
tage gebracht: den internationalen Bergarbeiter⸗
Kongreß. Die Bergleute aus allen Herren Länder
haben ihre Delegirten zu diesem Kongresse nach den
Verliner Zllustrirte Zeitung.
dfern der Spree entsandt, um über die Interessen
ihres Standes zu berathen, insbesondere über die
Besserung ihrer materiellen Lage. Und die Be—
völkerung der Reichshauptstadt in ihrer großen Mehr⸗
heit verfolgt mit Sympathie die Arbeiten gerade
dieses Kongresses, der durchaus nicht nur einen aus—
gesprochen parteipolitisch⸗socialdemokratischen Charakter
an sich trägt, wenn natürlich auch Vertreter der
einzigen ausgesprochenen deutschen Arbeiterpartei,
welche die socialdemokratische doch trotz alledem ist, den
Kongreß offiziell begrüßten. Denn der Beruf de—s
Bergmannes ist, seiner Natur nach, trotz der vor
geschrittenen Technik des Bergbaues, trotz der dadurch
bewirkten Sicherheitsoorkehrungen, von denen man
früher nichts wußte, noch immer von allen anderen
der gefahrvollste und noch immer im Verhältniß zu
dieser steten Gefahr, der am wenigsten lohnende
Der Bergmann ist ein gewaltiger Faktor im wirth
chaftlichen Leben der Neuzeit, seine Arbeit ist es, die
das der Industrie unentbehrlichste Hülfsmittel, die
dohle, aus der Tiefe der Erde hervorholt, den Stein,
zie Erze. Und wenn nur die Bergleute eines
»ergbautreibenden Landes oder nur eines Distriktes
esselben wochenlang feiern, dann geht durch das ge—
ammte wirthschaftliche Leben dieses Landes enie
iefe Erschütterung, gehen in diesen Wochen Millionen
»em Nationalvermögen verloren. Noch heute laborirt
England an den Nachwehen des letzten Berg—
arbeiterstreikes
Der schwarze „Maikäfer“ Jampa
Texrt Seite 4*
Und darum: der Bergmann hat ein Recht darauf,
daß seine Arbeit bezahlt wird, wie sie es verdient.
And erreicht er dieses Ziel — und der Kongreß be—
deutet einen gewaltigen Schritt auf dem Wege zu
iesem-Ziele — dann wird er es nicht mehr nöthig
saben, zur zweischneidigen Waffe des Streikes zu
zreifen, der zudem in den meisten Fällen sich als
inschneidig erwiesen, indem diese Schneide auf ihn,
»en Bergmann, zurückfiel. Möchten die Arbeiten
ieses Kongresses den Bergleuten aller Länder zu
dauerndem Segen gereichen. Und in diesem Sinne
ein „Glück auf!“ zu künftigen, besseren Tagen.
Wie überhaupt ein Stand in der Werthschätzung
der öffentlichen Meinung — und sie existirt diese
fffentliche Meinung, Herr Brausewetter! — steigen
'ann, wenn er sich einig zeigt, und sich nicht selbst
n nutzlosen Zänkereien zerfleischt, das haben die
etzten Tage gezeigt. So niederdrückend das Urtheil
m Prozeß gegen die acht Redakteure, deren Zeitungen
iber die Vorgänge nach Schluß der Arbeifslosen
Nr. 20.
Versammlung Berichte gebracht hatten, die der Polizei
uicht gefielen, auf jeden wirken mußte, der sich mit
der Herrschaft des Polizeiknüppels noch nicht be—
reunden kann, so allgemein verstimmend die von
derrn Landgerichtspräsidenten Brausewetter beliebte
Art, die Verhandlungen in kaum je zuvor gekannter
„Objektivität“ zu leiten, als deren bleibendste Frucht
das schnell geflügelt gewordene Wort: „Es giebt
eine Oeffentlichkeit!“ zu betrachten ist, so erhebend
hdie Einmüthigkeit, mit der die Presse aller Parteien,
hren Parteihader in gemeinsamer Abwehr vergessend,
dem Herrn Landgerichtspräsidenten Brausewetter zu
zeweisen suchte — und hoffentlich auch bewiesen hat!
— daß die öffentliche Meinung trotz ihm existirt,
zaß die Presse eine Macht ist, wenn sie eine Macht
ein will, und daß man sie nicht mit einigen Worten
yom Gerichtstische aus abthun kann.
Im Interesse des allgemeinen Rechtsgefühls kann
nan natürlich diesen Prozeß nur tief bedauern und
zie Hoffnung aussprechen: daß das Reichsgericht bei
zer Revision des Urtheils Material finden wird, um
»en Prozeß noch einmal an die Strafkammer zurück⸗
uweisen und daß dann der Verlauf derselben ein
inderer sein wird; der Folgen wegen aber, die dieser
Prozeß, resp. das Auftreten des Herrn Brausewetter,
zehabt, möchte man ihn doch nicht aus der Welt
geschaffen wissen. Ich weiß sehr wohl, daß die
Presse in ihren einzelnen Organen nunmehr fortan
nicht weniger, soweit die von ihnen vertretenen, ein⸗
ander widerstrebenden Interessen in Frage kommen,
sich befehden und in den Haaren liegen wird, als
bisher; aber der Beweis ist doch erbracht, daß die
Presse sich auf einem Gebiete zusammenfindet: da,
wo es gilt, den Stand als solchen, das Ansehen der
Presse, hochzuhalten. Und das hat mit seinen „ge⸗
flügelten Worten“ Herr Brausewetter gethan!
Das Damoklesschwert der Dienstentlassung, welches
seit längerer Zeit über den Häuptern der Berliner
Nachtwächter geschwebt, ist nun auf einen größeren
Theil derselben niedergesaust: sie haben ihre Kündi⸗—
gung vom 1. Juli erhalten und werden von da ab
durch Schutzmänner ersetzt werden, eine Neuerung,
die nach und nach auf das ganze Nachtwachwesen
Berlins ausgedehnt werden soll. Nicht lange mehr,
und der Berliner Nachtwächter, wie er war, wird
der Mythe angehören.
Man wird den Nachtwächter in der Bürger⸗
schaft nicht ohne ein gewisses Gefühl des Bedauerns
in die Rumpelkammer der Vergangenheit ver⸗
schwinden sehen. Die Art seiner Beziehungen zu
den Bewohnern seines Reviers, namentlich zu den
„möblirten Herren“ und den Ehemännern, die auf
den Hausschlüssel der Nachtwächter angewiesen waren,
veil den ihrigen die energische Ehehälfte unter Ver⸗
ichluß hielt, waren solcher Natur, daß sie eine un—
„eitige „Schneidigkeit“, in welche so leicht der
dienststramme Schutzmann verfällt, nur selten
aufkommen ließen. Schon „von wegen der
Schließgroschen!“ Es gab ja natürlich auch unter
ihnen Ausnahmen, die in der Arretirung eines
eucht⸗fröhlichen „Civilisten“ ein Gott und dem hohen
bolizeipräsidio wohlgefälliges Werk sahen. Demgegen⸗
iber aber verzeichnet Fama manchen Fall nacht—⸗
vächterlicher Nächstenliebe, wo der Hüter der nächt⸗
ichen Sicherheit solche schwankende Gestalten behutsam
die Treppe zu den heimischen Venaten hinauf⸗
bugsirte.
Eine Frage ist es, über die ich mir noch nicht klar
hin: wird auch der nachtwachende Schutzmann die
Schlüsseltasche seines Vorgängers übernehmen, wird
auch er die Befugniß haben, gegen Entrichtung eines
Obolus vergeßlichen Nachtschwärmern die Hausthür
aufzuschließen? Ich kann es mir kaum denken. Und
wenn nicht — welche Perspektive eröffnet sich da
allen mit dem Hausschlüsseln knapp gehaltenen Ehe—
männern! X.