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Volume Nummer 17

Full text: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1894, III. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

« die WVnsenshat sür Alle.pz 
Wissenschaftliche Rundschau. 
Machdruck verboten.) 
(Musik als Heilmittel. — Weggesungene 
Schwindsucht. — Das größte Fernrohr der 
Welt. — Der Mond auf zehn Kilometer 
Zistanz. — Ein Setzerphonograph. F. Das 
Flvorado der Redakteure. — Keine Manu— 
skripte mehr!!) 
Die Musik wurde in der Medizin schon häufig 
angewandt. Namentlich beim Veitstanz wurde sie 
mꝰ Mittelalter häufig als Heilmittel verwendet; in 
Reapel wurden angeblich beim Stich der Tarantel 
die Folgen des Giftes durch Musik paralysirt, woraus 
fich der Nationalianz, die „Tarantella“ entwickelt 
haben soll, und auch bei verschiedenen Wahnsinns⸗ 
formen wurde und, wird die Musik als Heilmittel 
verwendet. Nun kommt die Kunde von der — 
musikalischen Heilung der Schwindsucht, und 
zwar kommen seltsamerweise Nachrichten von solchen 
nusikalischen Kuren gleichzeitig aus England und 
Amerika. 
In England wird die Schwindsucht weggesungen, 
in Amerika muß sie flöten gehn und pfeift dort auf 
dem letzten Loch. 
Der englische Arzt Balmer verfährt bei seiner 
Gesangskur nach folgenden Normen: 
Die Uebungen dauern nur je fünf Minuten für 
den Anfang und werden nur ganz allmählig aus— 
gedehnt; die Uebungen werden, dreimal des Tage⸗ 
vorgenommen ne möglichst vor den drei Haupt 
mahlzeiten. Die Mahlzeiten müssen kräftig und von 
hohem Nährwerth sein. Der Patient halte sich mög 
lichst in fteier Luft auf. Das sind die Vorbedin— 
gungen. Und nun die Kur selber. 
. Man beginnt mit der Mittelnote seiner Stimme 
und sucht diese Note so lange als möglich zu halten, 
ohne sich jedoch dabei anzustrengen. Man geht 
dann drei Noten hinauf und drei Noten hinab. Die 
Stimme muß naturlich aus der Brust und nicht aus 
der dee kommen. 
2. Beim Singen sind nur „a“ Laute zu brauchen, 
also da-la-ra⸗ma ꝛc. ⁊c. 
3. Die Scala wird auf und ab gesungen. Jede 
Note soll voll klingen. Nach jeder ist ein tiefer 
Athemzug zu machen. Vor jedem Tone muß die 
Brust durch die Luft förmlich geschwellt sein. 
4. Die Töne werden allmählich nach der Höhe 
und der Tiefe hin erweitert. 
Das find die Kurvorschriften. Wie man sieht, 
basiren dieselben auf einer bestimmten Athemgym⸗ 
nastik und können im Initiativstadium aller— 
dings von günstigem Einfluß sein. 
Ebenso beruht die „Kur durch methodisches Flöten⸗ 
spiel“ auf der Gymnastik der Lungen und basirt sich 
auf die angebliche Beobachtung, daß Flötenspieler 
meist „kleine, schwächliche Personen mit phthisischem 
Habitus sind.“ niemals aber an Schwindsucht leiden 
Das große Fernrohr von Gerkes, welches auf der 
Weltausstellung von Chicago die allgemeine Bewun— 
derung erregte, wird nun in dem neu errichteten 
Observatorium von Chicago aufgestellt werden. Die 
Linse dieses größten Fernrohres der Welt hat 
einen Durchmesser von über 1 Meter und übertrifft 
die des großen Lick'schen Fernrohrs auf Mount Ha— 
milton in Californien um 10 Centimeter Durchmesser 
Mit diesem Fernrohre wird man vom Monde pho— 
tographische Aufnahmen machen können, welche dem 
Bilde des Mondes auf eine Entfernung von nur 
100 Kilometer entsprechen würden. Durch zehn⸗ 
fache Vergrößerung werden wir dann Bilder erhalten, 
die uns unseren Satelliten in eine Rähe von 10 
Kilometer rücken. Natürlich ist die Zeit nicht weit, 
in der auch dieses — nebstbei gesagt 20 Meter lange 
— Fernrohr durch ein noch groͤßeres übertroffen 
wird, und werden wir dann auf dem Monde ganz 
wie zu Hause sein,— 
Eine außerordentliche Erfindung, welche namentlich 
in Redaktionen und Druckereien freudige Sensation 
exxegen wird, ist gegenwärtig in den Sälen der 
Elektrizitätsgesellschaft in Newyork ausgestellt. Durch 
dieselbe ist der schrecklichste der Schrecken aus der 
Welt geschafft: das Manuskript! 
Der Redakteur wird sich nicht mehr durch die 
unmöglichsten Handschriften mühselig durchwinden 
müssen, der Setzer wird nicht mehr über die aben— 
teuerlichsten Hieroglyphen in dumpfer een 
brüten müssen, nein, das wird alles anders, Redakteur 
und Setzer werden das „Manufkript“ nicht mehr 
lesen, sondern hören. 
Ein genialer Erfinder hat nämlich einen „Setzer⸗ 
phonographen“ erfunden. Der Autor spricht in den 
Phonographen hinein, der Cylinder rotirt und nimmt 
die Stimmzeichen auf. Das Blatt wird nun ab— 
gelöst und der Redaktion als „Manufkfript“ ein— 
Berliner Illustrirle Zeitung. 
æereicht. Der Redakteur legt das Blatt um den 
Tylinder seines Phonographen und läßt sich nun 
as Manuskript“ von diesem, vorlesen. Entweder 
hanbert es nun in den Papierkorb oder zum Setzer. 
Diefer paßt es seinem Phonographen an und läßt 
5 sich auch diktiren, und zwar, durch eine Einstell⸗ 
chraube, so schnell oder so langsam als er will. Das 
Zriginellste aber ist, daß der Redakteur bei jeder Stelle, 
Aie seine Billigung nicht findet, den Apparat „stoppen“ 
ind seine Korrekturen mündlich“ anbringen kann 
der Phonograph des Setzers nun überspringt die 
estrichenen Stellen und giebt sofort die redaktio— 
ellen Korrekturen wieder, die vom Setzer nur — 
in der veränderten Stimme erkannt werden. 
In Newyork sind bereits fünf Druckereien mit 
iesen Setzerbhonographen probeweis ausgestattet und 
ewähren sich dieselben außzerordentlich, da die 
Leistungsfähigkeit jedes einzelnen Setzers dadurch 
vesentlich erhöht wird. 
Fuür Setzer und Redakteure bhricht also eine neue 
Zeit an. Die Zeit goldiger Träume — die manu— 
friptlose Zeit! A. B...r. 
Das fahrende Boot. Eine eigenthümliche Eigen— 
schaft des Kampfers läßt sich zu einem hübschen 
Spielzeuge verwerthen. Wird ein Stückchen Kampfer 
na Wasser gethan, so eilt es im Zickzack so lange 
iber die Oberflaäche desselben hin, bis dieselbe voll⸗ 
sändia mit einer dünnen Kampferschicht bedeckt ist. 
Kleine Erperimente. 
Wenn man nun an dem Hintertheil eines kleinen 
Schiffchens ein Stück Kampfer befestigt und das 
Schiff nun in's Wasser setzt, so wird das Schiffchen 
den anmuthigsten Wendungen auf dem Wosser 
dahin fahren 
inte 
Sehr hübsch macht es sich auch, wenn man dasselbe 
Experiment mit leichten Nachbildungen von Wasser— 
käfern, Spinnen ꝛc., wie dies auf unserem aweiten 
Bilde dargestellt ist, ausführt. 
8 
Inetesuntes ous ler V. 
2 
Die höchste Eisenbahn der Welt ist 
die Cordillerenbahn, deren höchster Punkt der Golera— 
Tunnel ist. 
Santijago Imabel, ein Greis von 100 
Jahren, hat in Coatzakolko ein 18jähriges Mädchen 
zur Frau genommen. Er war früher noch nie 
berheitathet. 
* 
* 
„Mitten durchs Herz“ ist der Name eines 
neuen Londoner Clubs, in welchen nur Männer als 
Nr. 17. 
Mitglieder aufgenommen werden, die nachweislich 
unglücklich verliebt sind. 
Der Erzbischof von MYork, Lancelot 
Blackburne, der 1724 zu dieser Würde ernannt wurde, 
war zwei FJahre vorher Kapitän eines Seeräuberschiffes. 
Die längste Brücke der, Welt ist die 
Löwenbrücke bei Sangang in China. Sie führt 
über einen Arm des gelben Sees, ist 18 deutsche 
Meile lang, hat 300 Pfeiler, und jeder derselben ist 
mit einem 20 Fuß langen Steinlöwen gekrönt. 
In Island ist ein See mit milchweißem 
Wasser. Es ist der Langislor. Ein ähnlicher 
See findet sich in Patagonien, und einer auf Neu— 
Seeland, etwa 10 Meilen von Tauranga. 
* 
Die gelbe Farbe ist in der Blumenwelt die 
häufigste. 
* 
* * 
* 
Ehe ein DTischmesser fertig wird, ist es durch 
fiebzig Hände gegangen. 
— 
Die vaticanischen Schätze an Medaillen, 
Ketten, Werthgegenständen aus Gold würden, wenn 
zu Münzen ausgeprägt, alle auf der Welt zirkulirenden 
Goldmuünzen an Menge und Werth übertreffen. 
Der Gelenkrheumatismus und seine 
Vehandlung. 
Zu den schmerzhaftesten Krankheiten, mit denen 
aunser vielgeplagtes Geschlecht behaftet ist, zählt der 
og. Gelenk-⸗Rheumatismus; wenn auch nich! 
direkt lebensgefährlich, wird derselbe doch namentlich 
vegen der häufigen Begleiterscheinungen, wie 
derzkrankheiten ꝛc., als sehr bedenklich zu be— 
cxachten sein. Doppelt hedenklich, weil die ärztliche 
Wissenschaft bisher nur sehr heroische, ja theilweise 
direkt schädliche Mittel zuͤr Bekämpfung desselben 
hatte. 
Die Behandlung des Gelenkrheumatismus be— 
reffend, so zerfällt diese in eine örtliche und eine all⸗ 
zemeine. Die örtliche erheischt in erster Linie Ruhe 
des Gelenks und eine zweckmäßige Massage der 
Muskulatur, während die allgemeine in der Be— 
cämpfung der Schmerzen und des Fiebers und in 
der Anregung der Hautthätigkeit durch Hervor— 
rufung einer gesteigerten Schweißproduktion besteht. 
Um die Schmerzen zu lindern und das Fieber zu 
beseitigen, hat man in neuerer Zeit sehr viele ver— 
ichiedene Mittel vorgeschlagen und mit mehr oder 
wveniger Erfolg angewendet. Allein die Verabreichung 
all' der Mittel, die als Medikamente gegen Gelent—⸗ 
cheumatismus in Anwendung gebracht wurden, wie 
des Antipyrin, Antifebrin, der Salicylsäure, des 
salieylsauren Natrons, des Salols, einer Verbindung 
von Salicylsäure und Phenol, ist durch die bei diesen 
Präparaten zu Tage getretenen schädlichen Neben— 
erscheinungen, den Magenbeschwerden, Ohrenaffek⸗ 
tionen, Kopfschmerz, Schwindel, demgemäß sie sehr 
bald wieder ausgesetzt werden müssen, stark beein— 
trächtigt. Aus diesem Grunde ist man auch längst 
schon bestrebt gewesen, namentlich minder schädliche 
Modifikationen der bereits bekannten und bewährten 
Mittel, besonders der Salicylsäure, die sich wegen 
ihrer hohen antirheumatischen und antifebrilen Wir—⸗ 
kung immer noch am besten bewährt hat, herzustellen. 
Diesen Versuchen verdanken wir denn auch nun— 
mehr ein neues Antirheumatikum, das nach den bis— 
her gemachten Erfahrungen endlich einmal die sonst 
zemerkten unangenehmen Rebenerscheinungen nicht 
zufweist. Es ist dies das Salophen, ebenfalls ein 
Salicylsäurepräparat, aber nicht wie das Salol in 
Verbindung mit einer giftigen Substanz, sondern mit 
ziner völlig ungiftigen, dem Acetylparamidophenol. 
In Folge des Umstandes nun, daß auch diese Sub—⸗ 
tanz gleich der Salicylsäure, wenn auch nicht in 
dem hohen Maaße wie diese, schmerzlindernd und 
fieberwidrig wirkt, konnte der Gehalt des Salophens 
in Salicylsäure soweit reduzirt werden, als dies noth⸗ 
wendig ist, um die sonst bemerkten schädigenden und 
unangenehmen Nebenerscheinungen fernzuhalten. Dies 
st nun auch in der That vollkommen erreicht worden, 
vie dies die äußerst günstigen und schnellen Erfolge 
hei frischen Fällen von akulem Gelenkrheumatismuͤs 
owohl hinfichtlich des Ausbleibens jeglicher lästigen 
Nebenerscheinungen als hinsichtlich der Heilung der 
Erkrankungen zur Genüge dargethan haben. Wir 
zögern daher auch nicht, das Salophen als das best— 
geeignetste und wirksamste Antirheumatikum der 
Begenwart zu bezeichnen. Schon in Dosen von 
1,5 Gramm, 4-5 Mal täglich genommen, beeinflußt 
es die fieberhaften Temperaturen in günstigster Weise, 
dabei äußert es sich nicht in einem rapiden Abfalle
	        
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